FELLOWS ON THE ROAD: PARIS – FRANKREICH UND DIE ENTNAZIFIZIERUNG DEUTSCHLANDS

Im März 2018 fand im Deutschen Historischen Institut Paris und dem Diplomatischen Archiv der Republik Frankreich die zweitägige Konferenz „La France et la dénazification de l’Allemagne“ statt, an der ich als VDA-Fellow mit einem Beitrag vertreten war. Der in deutscher Sprache vorgetragene Beitrag mit dem Titel „Entnazifizierung im alpinen Raum der französischen Besatzungszone Österreichs und Deutschlands“ wurde simultan ins Französische übersetzt. Die Konferenz sollte die nun unbeschränkte Öffnung der französischen Archivbestände über den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen (Entscheidung des Premierministers vom 24. Dezember 2015) sowie die Bemühungen der betreffenden Archive, den Zugang zu den Beständen der Verwaltung der französischen Besatzungszone zu erleichtern, fruchtbar machen. Ziel war es, sowohl eine historiographische Bilanz zu ziehen, als auch die in Deutschland und Frankreich verfügbaren, unveröffentlichten oder bisher außer Acht gelassenen Quellen zu präsentieren und mögliche neue Fragestellungen und Forschungsfelder zu bestimmen.1

Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch Stefan MARTENS (Deutsches Historisches Institut Paris) ging Marie-Bénédicte VINCENT (Ecole normale supérieure) auf zentrale Aspekte der bisherigen Forschung zur Entnazifizierung Deutschlands ein. Diese Entnazifizierung beschrieb sie als einen Prozess mit vielschichtigen Dimensionen im Bereich der Justiz, der Verwaltung und in der Wirtschaft. Nach einer ersten Phase der Entnazifizierung mit einem eigenen französischen Modell lehnte sich die französische Besatzungsmacht ab 1947 an das angelsächsische Modell einer „Entnazifizierungsmaschine“ an. VINCENT erläuterte zudem die verschiedenen für Forscherinnen und Forscher wesentlichen Dokumente wie Fragebögen, „Persilscheine“, Lebensläufe, Klagsschriften und Spruchkammerverfahren.

Matthias GEMÄHLICH (Universität Mainz) stellte seine Forschung zur französischen Anklage im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46 dar und arbeitete die unterschiedlichen Positionen der vier Alliierten heraus. Seiner Analyse zufolge ging Frankreich von einer „Kollektivschuld“ aller Deutschen aus, während andere Delegationen eine Verschwörung sahen, an der nicht alle Deutschen Schuld hätten. Die Sowjetunion dachte, dass es sich bei den Verantwortlichen nur um eine kleine Clique handle, die Arbeiterinnen und Arbeiter ausbeuten würde. Entsprechend ihrer Sichtweise hätte die französische Delegation alle Deutschen anklagen und einen Prozess der „Umerziehung“ einleiten wollen, wobei es ein wesentlicher Aspekt der französische Position gewesen sei, gegen die Amerikaner zu sein.

Mit der neu gegründeten Johannes-Gutenberg-Universität Mainz lieferten Corine DEFRANCE (Centre national de la recherche scientifique Paris/ LabEx EHNE) und Frank HÜTHER (Universität Mainz) ein weiteres Fallbeispiel. Wegen des Fachkräftemangels hätte die französische Besatzungsmacht bei der Neubesetzung des Universitätspersonals auf bereits etablierte persönliche Netzwerke zurückgegriffen und die Stellen mit rund 50% ehemaligen NS-Angehörigen besetzt.

Den Bereich der Entnazifizierung im professionellen Bereich beleuchtete Jürgen FINGER (Deutsches Historisches Institut Paris) am Beispiel der Unternehmen Dr. Oetker sowie Boehringer Ingelheim und beschrieb ihre Strategie in Anlehnung an Martin Sabrow als „Selbstviktimisierung“.

Eine Podiumsdiskussion mit Corinna FRANZ (Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus), Dominik GEPPERT (Universität Bonn) und Stefan CREUZBERGER (Universität Rostock) zum Stand und zu den Perspektiven der Forschung über deutsche Ministerien und Behörden und dem Nationalsozialismus bildete den Abschluss des ersten Tages. Nach der Diskussion der Frage, ob die Reintegration ehemaliger NS-Angehöriger in der Ära Adenauer negativ zu beurteilen ist oder ob sie zu einer Stabilisierung der Bundesrepublik Deutschland führte, ging die Diskussion zu den rund 20 bereits vorliegenden Forschungsarbeiten zu deutschen Behörden über. Was ist NS-Belastung und wie veränderte sich die Aufarbeitung? Es wurde betont, dass nicht nur die in Prozentzahlen ausgedrückte Quantität der Belastungen von Behörden von Bedeutung ist, sondern auch die Qualität, das ist die Frage, wie sich „Belastung“ durch die Zeit veränderte. So waren in der Frühphase der Bundesrepublik nur SS-Mitgliedschaften von Bedeutung und erst später die Mitgliedschaft in der NSDAP. Betont wurde die hohe NS-Belastung von Behörden, aber keine plumpe Renazifizierung festgestellt. Einen Zielkonflikt bei der Entnazifizierung stellte das hohe Juristenmonopol in der Verwaltung dar und GEPPERT meinte, dass dadurch die Funktionstüchtigkeit der Bundesrepublik hergestellt wurde. Als Perspektiven der Forschung wurden Vergleiche mit der Sowjetischen Besatzungszone über Systembrüche hinweg (1918/19, 1933/34, 1945, 1989/90) und im gesamteuropäischen Kontext genannt sowie die Rolle der Kommunistischen Partei und die Erforschung internationaler Organisationen. In der Forschung nicht vernachlässigt werden sollte in Zukunft, den Fokus der NS-Kontinuitäten nicht nur auf Elitenebene zu untersuchen, sondern auch auf regionaler und lokaler Ebene.

Florence DE PEYRONNET-DRYDEN (Archives nationales) eröffnete den zweiten Tag, der mit einer Präsentation der Quellen der Entnazifizierung durch Kurt HOCHSTUHL (Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg im Breisgau), Peter WETTMANN-JUNGBLUT (Saarländisches Landesarchiv), Walter RUMMEL (Landesarchiv Speyer), Michael MARTIN (Landeshauptarchiv Koblenz) und Sébastien CHAUFFOUR (Archives diplomatiques) begann. Im Diplomatischen Archiv des französischen Außenministeriums lagern etwa 80.000 Kartons, darunter 4.500 aus der Besatzungszone in Österreich. Der Plan ist ein Digitalisierungsprojekt der wichtigsten Dokumente in Anlehnung an die OMGUS-Datenbank (Office of Military Government, United States). Bisher liegen für Baden-Württemberg 5.000 von 200.000 Digitalisaten vor. Erwähnenswert ist die unterhaltsame Erzählung einer Anekdote des im Publikum anwesenden ehemaligen Leiters des Besatzungsarchives, der nach einem LKW-Unfall unerwartet einen Anruf erhielt, es wären auf der Straße verteilte Akten abzuholen.

Die Identitätskonstruktion durch Fragebogen und Persilschein als zentrale Quellen der Entnazifizierung war das Thema des Beitrages von Anton F. GUHL (KIT Karlsruhe), während Mikkel DACK (Syracuse University) die unterschiedlichen Typen der Fragebögen vorstellte. Diesen Beiträge folgte eine Präsentation von fünf Projekten von Studierenden des historischen Instituts der Ecole normale supérieure (Valentin BARDET, Gabrielle LAPREVOTE, Coline PERRON, Éric PESME, Marius BRUNEAU).

Im letzten Panel wurden weitere Fallbeispiele der Entnazifizierung vorgestellt. Dorothee GRÄF (RWTH Aachen) berichtete von der umfassenden Entnazifizierung der Polizei im französisch besetzten Süd-Baden, welche sie als ein Erfolgsbeispiel sah. Esther HEYER M.A. (LMU München) stellte den langwierigen Entnazifizierungsprozess von Franziskus Graf Wolff Metternich dar, der im deutschen militärischen Kunstschutz in Frankreich tätig war.

Mein abschließender Beitrag unter dem Titel „Entnazifizierung im alpinen Raum der französischen Besatzungsszone Österreichs und Deutschlands“ befasste sich mit dem Alpenverein, in dem sich Anfang der 1920er Jahre antisemitische Tendenzen durchgesetzt hatten und der in der NS-Zeit die einzige Bergsteigerorganisation bleiben sollte. Die oftmals schwer zugänglichen Schutzhütten des 1945 aufgelösten „Deutschen Alpenvereines“ in den Gebirgsregionen Süddeutschlands und Österreichs stellten in der Nachkriegszeit einen Fluchtort für ehemalige Militärangehörige, NS-Funktionäre und Kriegsverbrecher dar. Nach der Verhaftung von Flüchtigen und der Auflösung des Alpenvereins ist die Entnazifizierung im alpinen Raum an dem Wechsel des Hüttenpersonals, der Neubenennung von Schutzhütten und an der Rückstellung der in der NS-Zeit entzogenen Schutzhütten festzumachen. Ausgehend von Forschungsarbeiten im Archiv der Alpenvereine in Innsbruck und München, im Institut für Zeitgeschichte München sowie im Diplomatischen Archiv Paris untersuchte mein Beitrag die umstrittene Nachfolge des „Deutschen Alpenvereins“ in Deutschland und Österreich sowie die unterschiedlichen Bedingungen und Ergebnisse der politischen Säuberung im alpinen Raum.

Die Konferenz schloss Rainer HUDEMANN (Sorbonne-Université) mit einer zusammenfassenden Darstellung der Beiträge und einer insgesamt positiven Perspektive auf die Entnazifizierung durch die französische Besatzungsmacht.

Die Konferenzbeiträge werden 2019 in der Reihe „L’Allemagne dans les relations internationales/ Deutschland in den internationalen Beziehungen“, hg. von Bernard Ludwig, Ulrich Pfeil und Corine Defrance erscheinen.

1https://www.hsozkult.de/event/id/termine-34606

Autor: Gunnar Mertz