FELLOWS ON THE ROAD: MONTREAL II

FELLOWS ON THE ROAD: MONTREAL II

Forschungsreise nach Kanada Teil II: Research creation – between theory and practice

Im Kontext meines Dissertationsprojekts ‘Circus Mobilities’ beschäftige ich mich intensiv mit der Schnittstelle zwischen Reiserealitäten von zeitgenössichen Zirkuskünstler*innen und deren künstlerischer Praxis. Durch mein eigenes Eingebettetsein in den europäischen Zirkussektor bewege ich mich in meiner Forschung ständig zwischen Theorie und Praxis, zwischen ethno- und auto-ethnographischen Herangehensweisen.
Als ich im September 2017 die Möglichkeit zu einem dreimonatigen Forschungsaufenthalt in Montreal bekam, war dies für mich aus vielerlei Hinsicht interessant: Einerseits ist Montreal ein wichtiges Zirkuszentrum und würde es mir erlauben, meine Feldforschung mit wichtigen Beobachtungen und Interviews zu bereichern, andererseits scheint es im kanadischen Wissenschaftsmilieu einen sehr selbstverständlichen Umgang mit der Schnittstelle Theorie/Praxis und damit einhergehenden Forschungsmethoden zu geben, wovon ich mir eine Präzisierung meiner eigenen Herangehensweise erhoffte. Auch ergab sich die Möglichkeit eines Austausches mit Prof. Louis Patrick Leroux, einer der internationalen Referenzen im Bereich der Zirkusforschung.

 

Zirkus in Montreal
Montreal stellt einen der wichtigsten ‘Hubs’ des internationalen Zirkussektors dar: Mit Ende der 1990er Jahre entstand hier die Cité des Arts du Cirque,eine räumliche Verdichtung an Zirkus-Infrastruktur für Training, Kreation und Performance auf ein und demselben Gelände. Hier hat bspw. der Cirque du Soleil seine Headquaters mit mehr als 1500 Angestellten; das nationale Zirkusnetzwerk En Piste ist hier angesiedelt, genauso wie eine der weltweit angesehensten Zirkusschulen, die École Nationale des Arts de Cirque (ENC). Das Zentrum der Cité bildet La Tohu, Zirkuskreations- und Performancestätte. Mit einer riesigen Rundbühne hat das Haus eine Zuschauerkapazität von bis zu 1200 Personen. Hier findet auch Kanadas wichtigstes Zirkusfestival Montréal Complètement Cirque statt, welches einmal im Jahr 10 Tage lang zahlreiche Zirkusenthusiast*innen, -Künstler*innen, -Produzent*innen und -Forscher*innen aus aller Welt zusammenbringt. Andere große Kompagnien wie z.B. Cirque Eloize oder Les 7 doigts de la main haben ihren Hauptsitz ebenfalls in Montreal.

Cité des Arts du Cirque, Montreal

 

Somit versprach ein Aufenthalt in Montreal für meine Forschung sehr fruchtbar zu sein, vor allem, da sich kanadische Zirkusrealitäten teils maßgeblich von Konventionen des europäischen Sektors unterscheiden – z.B. im Bezug auf ästhetische Tendenzen, ökonomische Modelle, Produktionsstrategien sowie Mobilitätsmuster (z.B. Tourvolumen) – und somit kontrastierende Perspektiven auf mein Forschungsfeld erlauben würden.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass meine Erwartungen nicht enttäuscht wurden: Es war unglaublich spannend und bereichernd, während meines Aufenthalts sämtliche Zirkusinstitutionen in Montreal zu besuchen. Zudem hatte ich die Möglichkeit, narrative Interviews mit einer Vielzahl an lokalen Zirkuskünstler*innen zu führen und neue Einblicke in meine Thematik zu gewinnen.

 

Zirkusforschung und Research-Creation / Prof. Louis Patrick Leroux
Während mein dreimonatiger Status eines ‘visiting scholar’ an der Concordia Universität an meine Anwesenheit im SenseLab des Fine Arts Departments geknüpft war (siehe Teil I), war es mir dennoch möglich, einem zusätzlichen Dissertant*innen-Seminar von Prof. Leroux am Department of English beizuwohnen: Studies in Drama (Performative Dramaturgies). Hier beschäftigten wir uns u.a. mit Texten von Laura Levin, Marlis Schweitzer, Peggy Phelan, Jill Lane, Daniel Sack, Richard Schechner. Außerdem besuchten wir im interdisziplinären Klassenverband gemeinsam Performances und experimentierten selbst mit dem Schreiben und Interpretieren von performativen Texten. Es war interessant zu sehen, wie zirzensiche Formen innerhalb des theaterwissenschaftlichen Seminars immer wieder auf ganz selbstverständliche Art und Weise gleichwertig neben anderen darstellenden Künsten diskutiert und kontextualisiert wurden. Auch hatte ich Gelegenheit, in persönlichen Mentoring Sessions mein Dissertationsprojekt mit Prof. Leroux zu besprechen und zu restrukturieren.

EV-Gebäude, Concordia Universität

 

Prof. Louis Patrick Leroux ist Theaterregisseur, Bühnenautor und Wissenschaftler. Er hat eine Doppel-Professur am Department of English sowie am Département d’études françaises der Concordia Universität in Montreal inne und ist Mitglied des ‘College of New Scholars, Artists and Scientists‘ der Royal Society of Canada. Seine Forschungsinteressen liegen vor allem im Bereich Modernes und Zeitgenössiches Theater, Selbstrepräsentation im Theater, Dramaturgie, Québecer Literatur und Zeitgenössischer Zirkus. Er versteht seine Forschung als ‘research-creation’, eine Forschungsmethode, welche auf Erfahrung und experimentellem Lernen basiert. Hier geht es weder allein um das Herstellen von Kunstwerken, noch um das Analysieren von Kunstwerken. Vielmehr geht es ihm um ein Theoretisieren von künstlerischen Herangehensweisen, um die Erneuerung von Wissen und Expertise, und darum, einen Dialog und eine wechselseitige Einflussnahme zu verstetigen. Im Studio arbeitet Prof. Leroux daher zusammen mit Zirkuskünstler*innen und Trainer*innen daran, Kreationsprozesse zu verstehen, zu „entpacken“ und zu dekonstruieren.

“I trained as a theatre director in my undergraduate and worked for eight years professionally and then later went back to University. In my mind there was a clear distinction between artistic work and academic work. However when I started working at Concordia University I quickly understood that my students were extremely interested in understanding what my own relationship was with creative work. Not just in an abstract manner: They wanted to know how I work, how I learn by doing, how I engange with the work and how that formed my own thinking about theater. While I was developing a career as an academic I still had artistic projects in the real world and slowly they started intertwining. My artistic creation became more self referential, more informed by my critical thinking and inversly the students in my classroom challenged me in ways that I hadn’t been challenged in professional theatre. I thought: OK, there’s something really interesting that’s happening here […]”

Für mich stellte es eine unglaubliche Erleichterung dar, für meinem Forschungsansatz Unterstützung zu erfahren, da ich mich mit meinem Forschungsprojekt und der damit verbundenen Doppelpositionierung als Forscherin und Künstlerin oft etwas ‘zwischen den Stühlen’ fühle. In diesem Zusammenhang ermöglichte mir mein Aufenthalt nicht zuletzt spannende Diskussionen über die Beziehungen zwischen Inhalt und Form und über methodologische Herangehensweisen. Im Juli 2018 wird Prof. Leroux eine internationale Summer School in Montreal zu eben diesem Thema leiten: ‘Research-Creation Methods and Embedded Observational Research in Contemporary Circus and Physical Theatre’. Während ein solches Seminar außerhalb des Kontexts einer Kunstuniversität eher ungewöhnlich erscheint, gehört dies in Kanada zum ganz normalen Wissenschaftsalltag.

research-creation, ENC

 

Laut Prof. Leroux ist das kanadische Universitätsmilieu eine Brutstätte für „research-creation“. Besonders die Concordia Universität bietet hier ein sehr produktives und unterstützendes Umfeld für Student*innen und hat dazu spezifische Doktoratsformate ausgearbeitet. Dieser Trend spiegelt sich auch in der Fördersituation wider: Während es auf regionaler Ebene sogar eine spezifische Förderschiene für research-creation gibt (Québec Fonds Société et culture), erkennt der nationale Forschungsrat für Geisteswissenschaften diese als förderungswürdig im Rahmen des allgemeinen Grantprogramms an:

An approach to research that combines creative and academic research practices, and supports the development of knowledge and innovation through artistic expression, scholarly investigation, and experimentation. The creation process is situated within the research activity and produces critically informed work in a variety of media (art forms) […].” (SSHRC 2016)

 

Zirkusforschung an der Nationalen Zirkusschule Montreal
Die École Nationale de Cirque de Montréal (ENC) bildet nicht nur professionelle Zirkusartist*innen aus, sondern hat in den letzten 30 Jahren auch kontinuierlich Forschungsinitiativen im Bereich Zirkuskreation und -bildung vorangetrieben. 2010 gründete sich am Institut dann eine eigene Forschungsabteilung, welche vom Kanadischen Forschungsrat anerkannt wird und sich über mehrere Forschungsgrants auf nationaler und regionaler Ebene finanziert: CRITAC – Center for Circus Arts Research, Innovation and Knowledge Transfer. 2012 wurde dem Forschungszentrum unter Leitung von Patrice Aubertin ein ‘Industrial Research Chair for Colleges in Circus Arts’ verliehen, welcher sechs Prioritätsfelder im Bereich Zirkusforschung festlegt:

  • Technological innovation through the development of equipment, costumes, accessories, and scenery specific to circus disciplines
  • Circus Arts teaching
  • The writing and dramaturgy of the Circus Arts
  • Adaptation and application of new interactive and immersive technologies to the Circus Arts
  • Health and safety in the practice of Circus Arts
  • History and aesthetics of the Circus Arts

Das physische Zentrum von CRITAC gestaltet sich einerseits um die Trainings- und Büroräumlichkeiten der Zirkusschule und andererseits um die hauseigene Bibliothek / Mediathek (unter Leitung von Anna-Karyna Barlati), welche mit über 10.000 Bestandstiteln die wichtigste und größte Zirkusbibliothek Nordamerikas darstellt und einen Teil der Ressourcen auch durch einen Online-Katalog zugänglich macht.

Auch Prof. Leroux, ist assoziierter Forscher von CRITAC und in mehreren Forschungsprojekten der Plattform involviert. In diesem Zusammenhang erhielt er unter anderem eine Dreijahresförderung für die Untersuchung der Grammatik und Poetik des zeitgenössischen Zirkus. Des Weiteren ist er Initiator und Leiter der Montreal Working Group on Circus Research. Die Working Group bildet ein dynamisches Netzwerk aus interdisziplinären (Zirkus)Forscher*innen und schlägt eine Brücke zwischen der Nationalen Zirkusschule und der Concordia University, wo der Arbeitsgruppe ein Studio am Hexagram Institute for Research/Creation in Media Arts and Technology zur Verfügung steht. Die Aktivitäten der Gruppe sind divers: Publikationen, gemeinsame Forschungsprojekte, Speaker Series, Konferenzen, Symposien, etc. So war bspw. auch die Konferenz ‘Circus and it’s Others’, welche vom 15. – 17. Juli 2016 an der Concordia University stattfand und auf welcher ich einen Vortrag mit dem Titel ‘Circus Mobilities / Mobile Others’ hielt, von der Gruppe organisiert worden.

Während meines Forschungsaufenthalts ergab sich dann erneut die Möglichkeit, meine Forschung mit Zirkusforscher*innen des Netzwerks zu teilen und wichtiges Feedback zu erhalten: Im Kontext der Speaker Series ‘(Unexpected) Circus Mobilities’ hielt ich am 11. Oktober 2017 einen Vortrag mit dem Titel ‘Circus Mobilities. Mobility as a method to understanding artistic creation processes’. Dieser Vortrag war Teil einer Doppel-Lesung, gemeinsam mit Dr. Jessica Kendal, welche zum Thema ‘Corporeal Economy of ‘African’ Circus in China’ referierte.

Insgesamt habe ich meinen Aufenthalt in Montreal, die Einblicke in kanadische Zirkusrealitäten sowie den Austausch mit internationalen Kolleg*innen sehr genossen und ich bin davon überzeugt, dass der hiermit verbundenen Erkenntnisgewinn meinen Arbeitsprozess nachhaltig beeinflussen wird.

Autorin: Elena L. Kreusch