Fellows on the Road: ESSHC Belfast 2018

Fellows on the Road: ESSHC Belfast 2018

Von 4. bis 7. April 2018 fand an der Queen’s University in Belfast die bereits zwölfte European Social Science History Conference (ESSHC) statt. Die ESSHC wird alle zwei Jahre an einer anderen Universität abgehalten (Link zur Liste früherer Konferenzen).  Im Jahr 2014 fand sie in Wien statt. Die nächste Konferenz wird 2020 an der Universität Leiden abgehalten werden. Organisiert wird die ESSHC vom International Institute of Social History (IISH), einem Institut der Königlich Niederländischen Akademie der Künste und Wissenschaften.

Die ESSHC gehört zu den ganz großen internationalen Konferenzen. Dieses Jahr in Belfast haben rund 1.500 Personen, die aus 66 verschiedenen Ländern weltweit stammen, daran teilgenommen. Die mehr als 1.000 Vorträge und 375 Sessions waren anhand von 28 Netzwerken organisiert. Ein Netzwerk deckt jeweils ein spezielles Thema ab, von Africa, Antiquity, Asia, Criminal Justice, bis Urban, Women and Gender und World History. Durch die Einteilung der Sessions in Netzwerke, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Programm spannen, ist ein guter Überblick über die Themen gewährleistet, was die individuelle Planung des Konferenzprogramms erleichtert. Ein sehr übersichtliches online Programm mit einer guten Suchfunktion und eine heuer erstmals angebotene Konferenz-App für Smartphones bieten praktische Hilfe dabei.

Die Netzwerke helfen aber nicht nur bei der Auswahl des individuellen Programms, sie helfen einem auch bei der Bewerbung. So kann jede*r, die*der ein Paper oder gar ein Panel einreicht, dieses selbst für ein oder mehrere Netzwerke vorschlagen und sich damit bestimmten Forschungsfeldern zuordnen. Jede*r kann damit selbst beeinflussen, in welchem Kontext das eigene Paper diskutiert wird. Dies ist unter anderem deshalb bedeutsam, weil bei dieser Konferenz immer auch Forscher*innen anwesend sind, die besonders relevant sind im jeweiligen Themenfeld. Die ESSHC bietet damit die Gelegenheit, sich und seine Forschung einem internationalen Publikum zu präsentieren und sich damit international aufzustellen und zu vernetzen. Und wer ganz am Anfang eines Dissertationsprojekts steht, kann als Zuhörer*in einen Eindruck davon bekommen, was es bedeutet eine akademische Laufbahn zu einzuschlagen.

Für die diesjährige Konferenz in Belfast habe ich mit Kolleg*innen aus Ungarn, Kroatien und Slowenien ein Panel im Rahmen des Sexuality Netzwerks eingereicht, bei dem wir unterschiedliche Auswirkungen der Pathologisierung von gleichgeschlechtlicher Sexualität im Strafrechtsdiskurs von vier Staaten, die aus der Donaumonrachie hervorgegangen sind, in den Fokus genommen haben (The varying effects of pathologization of same-sex sexuality in four countries of the former Austro-Hungarian Empire). Franko Dota (Universität Zagreb) hat dabei die Definition von “widernatürlicher Unzucht” in rechtlichen und medizinischen Diskursen in Yugoslavien analysiert, Roman Kuhar (Universität Ljubljana) nahm die Entkriminalisierung von “widernatürlicher Unzucht” im nachkriegs Slowenien in den Fokus und Judit Takács und Tamás P. Toth (beide: Ungarische Akademie der Wissenschaften) untersuchten liberalisierende Effekte der Pathologisierung im Zuge der Entkriminalisierung von Homosexualität in Ungarn 1961. Mein Beitrag befasste sich mit den negativen Folgen der Pathologisierung von Homosexualität in der österreichischen Strafrechtspraxis um 1900. Mark Cornwall, Professor of Modern European History an der University of Southampton und Spezialist für ost- und zentraleuropäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, fungierte als Chair bei unserem Panel.

von links: Mark Cornwall, Franko Dota, Tamás P.Tóth, Roman Kuhar, Judit Tákacs, Johann Kirchknopf (© Johann Kirchknopf)

Ich habe das erste Mal 2016 an der ESSHC teilgenommen, die in Valencia stattfand. Dies war damals das erste Mal, dass ich an einer Konferenz dieser Größenordnung teilgenommen habe, und ich war anfangs etwas überfordert, aber auf jeden Fall überwältigt von den vielen Eindrücken. Ich konnte nicht nur inhaltlich für meine Forschung sehr viel mitnehmen, sondern auch überaus wertvolle Kontakte knüpfen. Und neben dem akademischen Programm wird auch immer ein sehr ansprechendes Freizeitprogamm geboten, dessen Höhepunkt stets ein opulenter Empfang bei hochrangigen Vertreter*innen der Stadt bildet, wie etwa heuer im Rathaus von Belfast (siehe Titelbild). Ich kann daher allen, die an einer Dissertation in den Sozial- oder Geschichtswissenschaften arbeiten, eine Teilnahme an der ESSHC wärmstens empfehlen. Und wer weiß, vielleicht sehen wir ja einander 2020 in Leiden.

Autor: Johann Kirchknopf