Archäometrische Keramikuntersuchungen
Dr. Hajnalka Herold

Archäometrische Keramikanalysen sind ein aussagekräftiges Werkzeug für die Kontrolle antiquarischer Gliederungsverfahren, da sich historisch interpretierbare Keramikgruppen auch in der Materialstruktur niederschlagen. Unter den am häufigsten angewandten Methoden der archäometrischen Keramikanalyse liefern, neben den Analysen im Rasterelektronenmikroskop, die Dünnschliffuntersuchungen Informationen zur Mikrostruktur der Keramik und beantworten dadurch neben der Materialzusammensetzung auch Fragen zur Töpfertechnologie. Ein Dünnschliff ist eine 0,03 mm dicke Keramikprobe zwischen zwei Glasplättchen, die unter dem Polarisationsmikroskop untersucht wird. Für die Anfertigung eines Dünnschliffes wird ein ca. 2x4 cm großes Keramikstück benötigt.

Der Weg vom Keramikgefäß zum Dünnschliff

Dünnschliffanalysen können Erkenntnisse zu folgenden Fragestellungen liefern:

Die Interpretation der Dünnschliffanalysen bringt neben diesen primären Ergebnissen auch Erkenntnisse zu Wirtschaft und Handel, zur Weitergabe und der Ausbreitung von Technologien und - letztendlich - zur Frage von Beständigkeit und Varianz gesellschaftlicher Zeichen.

Die Dünnschliffanalysen können um drei Schwerpunkte aufgebaut werden

  1. Materialtypologie nach petrographischen Kriterien
  2. Herkunftsanalyse
  3. Angewandte Töpfertechnologie

1. Die Analysen der Materialtypologie beruhen in erster Linie auf der Identifizierung und dem Vergleich der in den Dünnschliffen gefundenen Minerale und Gesteinsbruchstücke. Die Identifizierung erfolgt mittels Polarisationsmikroskopie, basierend auf den Erkenntnissen der optischen Mineralogie. Die Mineralzusammensetzung der Dünnschliffe wird verglichen und dient als Grundlage für die Strukturierung des Keramikmaterials.
Bei der traditionellen, sog. "archäologischen" Bearbeitung von Keramikfunden werden vor allem die Gefäßform und die Verzierung berücksichtigt. Hier bedeutet die große Zahl der "untypischen", nicht klassifizierbaren (vor allem Wand-) Scherben ein großes Problem. Mit der Anwendung einer Auswertungsmethode auf der Basis der Materialzusammensetzung sind bis zu 99% der Keramikfunde zu erfassen. Dünnschliffanalysen geben einen sicheren Halt für diese Art von Auswertungen: Sie ermöglichen es, Unterschiede und Ähnlichkeiten in der Materialzusammensetzung zu klären und helfen die (allein schwer interpretierbaren) makroskopisch sichtbaren Merkmale der Keramikstücke nachvollziehbar werden zu lassen.

2. Bei den Herkunftsanalysen werden die mikroskopischen Merkmale der archäologischen Keramik mit jenen der (zu Keramik ausgebrannten) Tonproben aus vermuteten Tonquellen verglichen. Oft werden allerdings nur geologische Karten für Herkunftsanalysen herangezogen. Dabei bleibt es fraglich, ob diese Karten für die Zwecke der Herkunftsanalyse detailliert genug sind; weiters geben die Karten in der Regel keine Auskunft über die Zusammensetzung jüngerer Sedimente, wie z.B. Auelehme, die aber sehr wohl für die Keramikherstellung in ur- und frühgeschichtlicher Zeit verwendet wurden.

3. Bei töpfertechnologischen Untersuchungen spielt die quantitative Erfassung der Gefügemerkmale (Textur) die wichtigste Rolle. Hier werden die Größe, der Abrundungsgrad, die Ausrichtung und die Häufigkeit der nichtplastischen Bestandteile ("Magerung") sowie der Poren erfaßt und die Merkmale der Tonmatrix dokumentiert. Mit Hilfe dieser Daten können Rückschlüsse auf die angewandte Töpfertechnologie, z.B. bezüglich der Aufbaumethoden oder der Standardisierung der Keramikproduktion gezogen werden.

Die Untersuchungen zur Tonzusammensetzung, Tonherkunft und Töpfertechnologie öffnen ein Fenster zu den selten untersuchten Rahmenbedingungen des Töpferhandwerkes. Wie viele Tonlagerstätten, Magerungsmethoden, Aufbaumethoden, Brenntechniken waren zu einem Zeitpunkt in Verwendung? Kann man mehrere, mit unterschiedlichen Technologien arbeitende Töpfer vermuten? Ändert sich die Struktur des Töpferhandwerks während der Benützungszeit der Fundstelle?

Um die Aussagekraft der archäometrischen Keramikanalysen optimal ausschöpfen zu können, ist es einerseits wünschenswert, Dünnschliffuntersuchungen an Keramik einer archäologischen Periode an mehreren Fundstellen durchzuführen, um Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede zwischen der Keramik verschiedener Regionen oder verschiedener Siedlungstypen feststellen zu können. Andererseits ist es wichtig, von einem Fundort Keramik aus mehreren Perioden archäometrisch zu bearbeiten, um den Umgang von Menschengruppen mit ihrem Umfeld und dessen Rohstoffquellen zu untersuchen bzw. um Änderungen in diesem Bereich erfassen und dokumentieren zu können.

Der Forschungsbereich "Archäometrische Keramikanalysen" am VIAS steht zur Zeit in Kooperation mit Institutionen aus mehreren Mittel- und Osteuropäischen Ländern und bearbeitet Keramikfunde vorwiegend aus dem Frühmittelalter (1, 2, 3), aber auch aus der Spätantike (3) und aus prähistorischem Kontext (4, 5). Neben den Analysen im angewandten Bereich wird auch an der Verbesserung der angewendeten Methoden (6) gearbeitet.

Eine Auswahl aktueller Projekte:

1. Die Prunkkeramik der Karolingerzeit von verschiedenen Fundorten in Österreich, Tschechien, Bulgarien und Ungarn

Auftraggeber:
  Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien
  Graduiertenkolleg Archäologische Analytik, Frankfurt am Main

Kooperationspartner:
  Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest
  Archäologisches Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, Brno - Mikulcice

Gefördert von:
  Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien
  Stiftung Aktion Österreich-Ungarn
  Graduiertenkolleg Archäologische Analytik, Frankfurt am Main

Bisherige Ergebnisse vorgestellt bei der Tagung: Die Karolingerzeit in Pannonien (Budapest, 25-26 November 2005)

2. Die frühmittelalterlichen Keramikfunde der Grabungen 1993-1997 - Gars-Thunau (Niederösterreich)

Projektleitung:
 ao. Univ.-Prof. Dr. Erik Szameit, Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien

Gefördert von:
  Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

3. Archäometrische Analysen römerzeitlicher und spätantiker Keramik aus dem Gräberfeld von Halbturn (Burgenland)

Auftraggeber:
  Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien

Gefördert von:
  Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

Eine Auswahl bereits abgeschlossener Projekte:

1. "Technology through Micromorphology" - Projekt zur Verbesserung der Objektivität der mikromorphologischen Auswertung von Dünnschliffen mit Hilfe von Analysen am Rasterelektronenmikroskop

Projekt durchgeführt am 
  Departement für Geowissenschaften (Arbeitsgruppe Archäometrie) der Universität Freiburg (CH)

Gefördert von:
  Eidgenössische Stipendienkommission (CH)
  Departement für Geowissenschaften (Arbeitsgruppe Archäometrie) der Universität Freiburg (CH)

Ergebnisse vorgestellt bei der Tagung: European Meeting on Ancient Ceramics (EMAC) 2005 (Lyon, 26-29 Oktober 2005), Publikation in Vorbereitung

2. Archäometrische Analysen La Tène - zeitlicher Keramik aus Schwarzenbach (Niederösterreich)

Auftraggeber:
  VIAS, Universität Wien

Gefördert von:
  Projekt Schwarzenbach, VIAS 

Publikation der Ergebnisse in Vorbereitung

3. Archäologische und archäometrische Anaysen der frühmittelalterlichen Keramik von Zillingtal (Burgenland)

Auftraggeber:
  Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien

Gefördert von:
  Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

Publikation:
H. HEROLD: Die awarenzeitliche Keramik von Zillingtal im Burgenland (Österreich) - eine archäologische und naturwissenschaftliche Analyse. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 2002, Band 50, Lübstorf 2003, 281-292.

4. Archäometrische Analysen urgeschichtlicher Keramik von Hoyas del Castillo, Pajaroncillo (Cuenca, Spanien) 

Auftraggeber:
  Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien

Gefördert von:
  VIAS, Universität Wien

Publikation:
H. HEROLD, H. ULREICH: Dünnschliffuntersuchungen prähistorischer Keramik von Hoyas del Castillo, Pajaroncillo (Cuenca), Spanien. Anzeiger der philosophisch-historischen Klasse 139. Jahrgang 2004, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2005, 85-99.