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Deutscher Titel: Herausforderungen der Biomedizin – sozio-kulturelle Kontexte, Regulierungsformen und Bioethik


Gefördert von der Europäischen Kommission im 6. Forschungsrahmenprogramm „Science & Society“

Neuere Entwicklungen im Bereich der Biomedizin stellen nicht nur eine Herausforderung für die Gesundheitssysteme moderner Gesellschaften dar, sondern sie haben auch grundlegende Auswirkungen auf zentrale Konzepte individuellen und kollektiven Lebens. Die dadurch ausgelösten Veränderungen sozialer und individueller Identitäten treffen dabei auf jeweils unterschiedlich historisch geformte, nationale Rahmenbedingungen und Traditionen. Durch diese Dynamik ergeben sich kulturell verschiedene Umgangsweisen mit der Biomedizin und differente Perspektiven auf ihre Chancen und Gefahren.

Dieses interdisziplinäre Projekt hat zum Ziel, das Verhältnis von sozio-kulturellen Bedingungen und ethisch-rechtlichen Argumentationen der medizinischen Forschung und Praxis näher zu erforschen. Es stellt die Frage, inwiefern Vorstellungen von Identität auf kultureller, bioethischer und politischer Ebene durch die Biomedizin beeinflusst werden und umgekehrt, wie diese die medizinische Praxis selbst formen und regulieren.

Die Untersuchung des sozio-kulturellen Hintergrunds moderner Biomedizin erfolgt auf der Basis eines europäischen Ländervergleichs. Dabei werden exemplarisch die Länder Deutschland, Frankreich, Niederlande, Schweden, Österreich und Zypern untersucht. Punktuell werden ergänzend Daten aus Lettland und Großbritannien hinzugezogen. Den Schwerpunkt des Projekts bildet die Frage, wie Laien und PatientInnen die moderne Medizin wahrnehmen und mit ihr leben. Damit wird gerade die bislang vorherrschende expertenzentrierte Sicht auf die Biomedizin und ihre ethischen Herausforderungen ergänzt. . Die Interaktionen und Abhängigkeiten zwischen Medizin und Kultur werden am Beispiel der Organtransplantation und der postnatalen Gendiagnostik vergleichend analysiert.

Inhaltliche Zielsetzungen:

• Vergleichende Forschung zu unterschiedlichen, sozio-kulturell geprägten Umgangsweisen mit moderner Biomedizin in exemplarisch ausgewählten Europäischen Ländern. Gefragt wird etwa, welche Formen von Medikalisierung, Genetisierung und der Veränderung des Körperverständnisses bzw. der individuellen Identität zu verzeichnen sind.

• Reflexion der Partizipationsmöglichkeiten von Laien und PatientInnen am Gestaltungsprozess moderner Biomedizin (etwa in Bezug auf das Verhältnis von Wissenschaftsverständnis, Partizipation und Regulierung bzw. Gestaltung der medizinischen Praxis).

• Erforschung der Bedeutung von kulturellen Identitäts- und Integritätsvorstellungen für den bioethischen Diskurs, sowie politisch-ethische Reflexion über Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung und der kollektiven Selbstbestimmung im biomedizinischen Kontext.

• Entwicklung von Reflexionskonzepten und Bewertungsansätzen zum Umgang mit der Pluralität verschiedener Moralvorstellungen und deren Konsequenzen für die gesamt-europäische Bioethik-Diskussion.

• Empfehlungen für die Ausarbeitung europaweiter verbindlicher ethischer Regelungen und Steuerungsmöglichkeiten der Forschung im Bereich der Medizin und der Lebenswissenschaften.

Zielsetzungen mit Bezug auf Methode und Theorie:

• Weiterentwicklung der interdisziplinären Forschung an der Schnittstelle von Bioethik, Sozialwissenschaften und Wissenschaftsforschung.

• Weiterentwicklung von qualitativen Methoden zur Untersuchung von Umgang und Einstellungen von PatientInnen und Laien zu Fragen der Biomedizin in einem interdisziplinären, vergleichenden Ansatz.

• Entwicklung von Schlüsselkonzepten für einen interkulturellen bioethischen Diskurs.

• Strukturierung und Etablierung eines Europäischen Netzwerkes zur Erforschung der Biomedizin aus ethischer und sozialwissenschaftlicher Sicht.

Projektablauf:

Das Projekt geht in drei Arbeitsschritten vor:

1. Rekonstruktion: Im ersten Teil des Projektes erfolgt eine Aufarbeitung des ethischen, rechts- und sozialwissenschaftlichen Forschungsstandes zu Organstransplantation und postnataler Gendiagnostik (z.B. zur Brustkrebsvorsorge) sowie der länderspezifischen Rahmenbedingungen des ethisch-rechtlich-politischen Diskurses (exemplarisch in Österreich, Zypern, Deutschland, Frankreich, Schweden und den Niederlanden). Hierzu werden zudem empirisch-qualitative Untersuchungen zum Umgang mit biomedizinischen Optionen und zu Einstellungen von PatientInnen und Laien zur Biomedizin im Rahmen von Gruppendiskussionen durchgeführt. Diese ermöglichen einen differenzierten Einblick in die verschiedenen Argumentationsmuster und Überzeugungen von Laiengruppen. Es werden ergänzend ethnologisch-qualitative Interviews mit einzelnen Laien und PatientInnen sowie über einen längeren Zeitraum ethnographische Beobachtungen in den betreffenden Ländern durchgeführt. Dabei steht die Rekonstruktion der medizinischen Praxen hinsichtlich der in ihnen etablierten ethischen, rechtlichen sowie ökonomischen nationalen Standards im Vordergrund.

2. Analyse: In der zweiten Phase des Projektes erfolgt zuerst eine länderspezifische und anschließend eine vergleichende länderübergreifende Analyse zum Verhältnis und den Interaktionen zwischen Laien/PatientInnen und Wissenschaft sowie den Formen von Identitätsbildung und Umgangsformen mit körperlicher Integrität. Darüber hinaus erfolgen vertiefende Untersuchungen des wechselseitigen Verhältnisses von sozio-kultureller Identität und biomedizinischer Praxis in drei Unterprojekten zu verschiedenen Teilaspekten. Diese Teilprojekte greifen die in den einzelnen Ländern vorgefundenen medizinisch-ethisch-rechtlichen Diskussionen auf und reflektieren sie im Spiegel der Ergebnisse der empirischen Erhebungen.

• Teilprojekt 1 beschäftigt sich aus Sicht der Wissenschaftsforschung mit Formen und Auswirkungen der so genannten ‚Genetisierung’ und ‚Medikalisierung’ auf Körper-, Geschlechter und Krankheitsverständnisse in verschiedenen Ländern.

• Teilprojekt 2 untersucht vor dem Hintergrund der Diskussion um das ‚Public Understanding of Science’ nicht nur die Positionierung von Laien zu biomedizinischem Wissen, sondern auch ihre Sichtweisen zur Regulierung von Wissenschaft und möglichen Formen der Partizipation einer breiteren Öffentlichkeit an wissenschafts-politischen Entscheidungsprozessen in diesem Bereich.

• In Teilprojekt 3 geht es schließlich um konkrete medizinethische, theologische und politisch-ethische Aspekte der Laien- und PatientInnenbeteiligung an forschungspolitischen Entscheidungen sowie den Bedingungen für einen interkulturellen Bioethik-Diskurs.

3. Bewertung und praktisch-ethische Konsequenzen: Im letzten Teil des Projektes sollen die verschiedenen Einzelaspekte übergreifend zusammengeführt werden. Die in den Teilprojekten 1, 2 und 3 durchgeführten Analysen der Schnittstellen zwischen kultureller Wahrnehmung der Biomedizin, medizinethischer Reflexion und wissenschaftspolitischer Regulation werden im Hinblick auf länder- bzw. kulturübergreifende Gemeinsamkeiten und Divergenzen hin untersucht. Dabei soll abschließend diskutiert werden, inwiefern ein sinnvoller Umgang mit Pluralitäten und kultureller Vielfalt bezüglich der biomedizinischen Praxis in Europa mit Vorstellungen von verbindlichen und einheitlichen europäischen Standards und Regulierungsformen zu vereinbaren ist. Zugleich sollen auch Möglichkeiten und Grenzen von Partizipationsprozessen zu bioethischen Themen auf lokaler und europäischer Ebene aus normativer und praktischer Sicht erörtert werden.

Zeitplan und Meilensteine:


Projektpartner:

An dem Projekt arbeiten derzeit 10 Partner aus 8 europäischen Ländern mit:

1. Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland, Institut für Europäische Ethnologie, Prof. Dr. S. Beck [http://www2.rz.hu-berlin.de/ethno]

2. University of Lund, Schweden, Center for Theology and Religious Study, Dr. H. Röcklinsberg [www.teol.lu.se]

3. University of Lund, Schweden, Dept. of European Ethnology, Dr. S. Lundin [www.lu.se/o.o.i.s/1442]

4. Makarios III Medical Centre (MMC), Zypern, Nicosia Dept. of Clinical Genetics, Dr. V. Anastasiadou [www.cing.ac.cy/cing.html]

5. University of Utrecht, Niederlande, Institute for Ethics, Prof. Dr. M. Düwell [www.phil.uu.nl/en]

6. Universität Wien, Österreich, Institut für Wissenschaftsforschung, Österreich, Prof. Dr. U. Felt [www.univie.ac.at/virusss]

7. University of Latvia, Lettland, Riga Dept. of Sociology, Dr. A. Putnina (LV) [www.policy.hu/putnina]

8. University of Nancy, Frankreich, Research Group on Information, Communication and Propaganda, Dr. A. Masseran [www.univ-nancy2.fr]

9. University of Leeds, UK, Institute of Health Sciences and Public Health Research, Prof. Dr. D. Shickle [www.leeds.ac.uk/hsphr]

10. Universität Göttingen, Deutschland, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Prof. Dr. S. Schicktanz [www.egm.med.uni-goettingen.de/]

Ehemalige Partner:

Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin, Berlin, Deutschland, AG Bioethik und Wissenschaftskommunikation, Dr. Ch. Tannert [www.bioethics-discourse.de]

University of York, Großbritannien, Centre for Health Economics, Dr. M. Kuhn [http://www.york.ac.uk/inst/che/index.htm]

Universität Münster, Deutschland, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin [www.klinikum.uni-muenster.de/institute/itgm]

Die voraussichtliche Projektdauer beträgt 42 Monate, Projektstart ist im April 2004.

Institut für Wissenschaftsforschung
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