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Rochaden-Systemerhalter, Überläufer und Verstoßene: Völkerkunde an der Universität Wien in der NS-Zeit

Dieses Forschungsprojekt unternimmt die systematische Untersuchung, Analyse und Beantwortung jener größeren Forschungsfragen, die im Zusammenhang mit den Aufgaben und Tätigkeiten der „Völkerkunde“ (heute: Kultur- und Sozialanthropologie) an der Universität Wien noch offen sind. Aufgrund ihrer anhaltenden Nähe zur physischen Anthropologie und angesichts einer dichten Basis von Parteianhängern in ihren eigenen Reihen zählte die Völkerkunde zu jenem oberen Drittel der Geisteswissenschaften, das unter Hitler beträchtliche Unterstützung und Aufwertung erfuhr. Nach Österreichs Besatzung durch die Wehrmacht wurde das Wiener Institut eines der bedeutendsten seines Faches im Dritten Reich. Es wurde vollständig reorganisiert.

Die relativ große Bedeutung der Völkerkunde innerhalb der Geisteswissenschaften während des Dritten Reichs steht in auffälligem Gegensatz zum niedrigen Stand jener Forschungen, die seither über diese Thematik generell durchgeführt worden sind. Um die Überwindung dieses Kontrasts gezielt anzugehen bietet der Wiener Fall eine ausgezeichnete Möglichkeit für die Durchführung eines „best practice“ Forschungsprojektes. Das Niveau der vorliegenden Studien zur Lokalgeschichte der Völkerkunde erlaubt es nämlich, präzise jene sieben Hauptfragen zu identifizieren, die noch gründliche Untersuchungen verlangen. Diese Fragen sind die leitenden Forschungsprinzipien dieses Projektes, das entlang komparativer institutioneller und biographischer Orientierungen ausgerichtet ist.

Drei der hauptsächlichen Forschungsfragen dieses Projektantrages beziehen sich daher auf jene Akteure, die als neues und mit dem Regime kollaborierendes Personal nach der NS-Machtübernahme installiert wurden. Die Bearbeitung jener ihrer Aktivitäten in Wien und im Reich, die für die Forschung noch unklar geblieben sind, wird ausgiebige Recherchen in privaten und öffentlichen Archiven in Österreich, Deutschland, Moskau und den USA erfordern. Unter anderem werden dabei zum ersten Mal auch die Beziehungen zwischen Lehrenden und Studierenden einbezogen, ebenso wie eine vergleichende Beurteilung von Finanzierungen der Wiener Völkerkunde unter Hermann Baumann und seiner Gruppe, seitens der Partei und des Staates. Eine vierte der erwähnten sieben Forschungsfragen wird sich dem jüngst bekannt gewordenen Fall eines frühen NS- Sympathisanten und späteren Überläufers widmen, Christoph von Fürer-Haimendorf. Ihm gelang knapp vor Kriegsausbruch der Weg nach Britisch- Indien; später wurde er einer der Präsidenten des Royal Anthropological Institute in London. Das Projekt wird untersuchen wie Fürer-Haimendorf es schaffte, als Kriegsgefangener bei den Briten von den Nazis angesehen zu werden, sodass sie seine Schrift „Der weiße Kopfjäger“ noch 1944 als Unterhaltungsbroschüre für die Wehrmacht verbreiteten, während er selbst längst für die Briten tätig war. Dies wird im Projekt Archivarbeiten in Indien, London und Wien erfordern. Schließlich werden drei der sieben Forschungsfragen den „Verstoßenen“ in deren Schweizer und New Yorker Exil folgen, von wo aus sie mit dem Vatikan und der Familie Habsburg gegen die Naziherrschaft tätig waren. Archivarbeiten und Zeitzeugen- sowie Experteninterviews werden zu diesem Zweck in den USA, Wien, Indien und Rom durchgeführt werden.

Vor 1938 war das Wiener Völkerkunde-Institut eng mit der offiziellen Staatspolitik in Österreich verbunden. Nach Hitlers Machtübernahme in Wien wurde dasselbe Institut ein wesentlicher Faktor für Hitlers Kolonialpläne in Teilen Afrikas. Dieses Projekt verspricht daher neue Einsichten nicht nur für ein zu wenig untersuchtes Feld der Geisteswissenschaften unter den Nazis und seine internationalen Dimensionen, sondern auch für einige wenig bekannte Dimensionen jener Scheidewege, an denen sich Intellektuelle im Schatten Hitlers fanden.



Zuletzt aktualisiert: Sunday, 09-Mar-2008 20:45:32 CET