Recherche. Zeitung für Wissenschaft: Die «Generalin»

Im neu­es­ten Heft 3/2011 der «Recherche. Zeitung für Wissenschaft», einer drei­mo­nat­lich erschei­nen­den Zeitung für die Geistes-, Sozial-, und Kulturwissenschaften, ist eine durch­aus auch sehr kri­ti­sche Bestandsaufnahme zu den letz­ten 10 Jahren ÖNB aus der Feder von Walter Schübler erschienen:

„Die Generalin“
oder: Wie man eine Nationalbibliothek herunterwirtschaftet.

Keine zehn Jahre hat Johanna Rachinger gebraucht, um die Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek zu rui­nie­ren. Und sie hat ganze Arbeit geleis­tet. Kurz nach ihrem Amtsantritt 2001 hatte sie die Sammlungsdirektoren aus­ge­wech­selt, um dann die wis­sen­schaft­li­che Arbeit inner­halb der ein­zel­nen Sammlungen rigo­ros her­un­ter­zu­fah­ren. Sie hat damit eine Vernichtung von Expertise betrie­ben, von der sich die Institution in zwan­zig Jahren nicht erho­len wird. …

Der ganze Artikel unter: http://www.recherche-online.net/walter-schuebler.html

Im Text wurde auch Bezug genom­men auf: Forschungsfeindliche Ausleihbegrenzung der „Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek“. Seit eini­gen Monaten ver­är­gert die „Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek“ Forschende durch gra­vie­rende Service- und Angebotsverschlechterungen (Presseinformation von Andreas Weigel, 10. Februar 2011).
http://members.aon.at/andreas.weigel/Nationalbibliothek

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9 Antworten auf Recherche. Zeitung für Wissenschaft: Die «Generalin»

  1. Angesichts des rasan­ten Medienwandels steht auch die Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek vor der Herausforderung der lau­fen­den Anpassung ihrer stra­te­gi­schen Ausrichtung. Waren noch vor weni­gen Jahren kaum digi­tale Inhalte ver­füg­bar, so umfasst der Digitale Lesesaal des Hauses heute bereits über 7 Mio. Seiten – und wird, wie Herr Schübler rich­tig fest­stellt, ange­sichts der Kooperation mit Google um wei­tere 200 Mio. Seiten anwachsen.

    Ebenso ist die Benützung der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek einem Wandel unter­wor­fen: stei­gend sind nicht nur die Zahlen der phy­si­schen Benützung vor Ort, son­dern vor allem auch jene des Digitalen Lesesaals, die aktu­ell bei 2.700 Besuchen täg­lich liegen.

    Es gilt also, unter­schied­li­che Interessen unter einen Hut zu brin­gen. Mit zahl­rei­chen lau­fend ange­pass­ten Maßnahmen gelingt das – wie das über­wie­gend posi­tive Feedback der Leserinnen und Leser beweist – gut. Studierende schät­zen die Serviceleistungen wie gra­tis W-Lan, Rechercheservice und freie Datenbanknutzung, WissenschafterInnen die fach­li­che Kompetenz in den Sondersammlungen und die rasche Bereitstellung von Medien sowie das wach­sende Online-Angebot.

    Im Gegensatz zu Herrn Schüblers Ausführungen, nimmt die Wissenschaft einen gro­ßen Stellenwert in der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek ein: In den letz­ten Jahren wur­den ins­ge­samt 51 dritt­mit­tel­fi­nan­zierte Projekte am Haus durchgeführt.

    Hinweisen dür­fen wir auch auf einen spe­zi­ell für ForscherInnen kon­zi­pier­ten und mit Zugangsbeschränkungen ver­se­he­nen Lesesaal, der im kom­men­den Frühjahr eröff­nen wird.
    Diese Maßnahmen sowie strenge Regeln zur Benützung der Lesesäle bele­gen, dass sich die Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek für alle ihre Leserinnen und Leser aktiv einsetzt.

    Die Polemik von Herrn Schübler ver­ste­hen wir als eli­täre Forderung nach einem Aussperren von Studierenden, das weder der gesetz­lich ver­an­ker­ten Zweckbestimmung des Hauses ent­spricht noch im Sinne eines nie­der­schwel­li­gen Zugangs zu Kultureinrichtungen für gut befun­den wer­den kann.

    Irmgard Harrer
    Abteilung für Öffent­lich­keits­ar­beit
    Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek

  2. Bettina Kann sagt:

    Zum neuen Katalog „Quicksearch“ – der Zitat: „ein Murks ist“:

    Die dafür ein­ge­setzte Software ist der­zeit state-of-the-art im Bibliotheksbereich und wird nicht nur von der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek, son­dern von vie­len ande­ren Bibliotheken welt­weit ange­bo­ten (zB Öster­rei­chi­scher Bibliothekenverbund, UB Wien, British Library, ETH Zürich, New York University etc.). Selbstverständlich sind wir an der Verbesserung von Quicksearch inter­es­siert, ste­hen auch gerne für Hilfestellungen bei der Recherche zur Verfügung, benö­ti­gen dafür aber auch qua­li­fi­zierte, weil kon­krete, Rückmeldung.

    Mag. Bettina Kann
    Leiterin HA Digitale Bibliohek
    Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek

  3. Dr. Angelika Ander sagt:

    Da ich im Text von Herrn Walter Schübler nament­lich erwähnt werde, ist mir als Leiterin der Hauptabteilung Benützung- und Information die Richtigstellung der zum Benützungsbereich Heldenplatz getrof­fe­nen Aussagen ein gro­ßes Anliegen:

    · Es ist schlicht falsch, dass in den Garderoben Wartezeiten von einer Stunde üblich sind. In Zeiten star­ker Frequentierung – die sich im Übri­gen nach wie vor auf wenige Wochen im Jahr beschrän­ken - kommt es zu gering­fü­gi­gen Wartezeiten.

    · Das Besetzen der Leseplätze bei Abwesenheit wird bei star­ker Auslastung durch den eigens im Benützungsbereich sta­tio­nier­ten Sicherheitsdienst über­wacht und Platzreservierungen durch Entfernen zurück­ge­las­se­ner Materialien auf­ge­ho­ben, so dass jede/r LeserIn bin­nen weni­ger Minuten einen Leseplatz zuge­wie­sen bekommt.

    · Das Telefonieren in den Lesesälen ist strengs­tens unter­sagt und durch div. Aushänge und die Benützungsordnung bekannt gemacht. Auch diese Regelung wird lau­fend kon­trol­liert und geahndet.

    · Selbstverständlich besteht wei­ter­hin die Möglichkeit, Kopien von groß­for­ma­ti­gen Werken in Auftrag zu geben – zu unver­än­der­ten Preisen (s. dazu Tarifordnung der ÖNB). Zusätzlich wurde ein Public-Scanner bereit gestellt, der klag­los funk­tio­niert und gut ange­nom­men wird.

    · Zu guter Letzt, die Medienbestellungen der ÖNB sind nicht „rasant rück­läu­fig“ son­dern kon­stant, wie ein Blick in die online ver­füg­ba­ren Jahresberichte der ÖNB belegt.

    Als Leiterin der Benützungsabteilung, die große Anstrengungen unter­nimmt, den Erwartungen unse­rer LeserInnen gerecht zu wer­den, bedaure ich eine der­ar­tig unrich­tige und pole­mi­sche Darstellung, die offen­bar kein ande­res Ziel ver­folgt, als das in unse­rem Haus prak­ti­zierte gute Miteinander unter­schied­li­cher LeserInnengruppen zu stören.

  4. Bernhard Fetz, Direktor des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek sagt:

    Derzeit lau­fen an der ÖNB meh­rere FWF-Forschungsprojekte, dazu kom­men zahl­rei­che Publikationen. Heute (Do, 1.12.) fin­det an der ÖNB ein Horváth-Symposium statt, beglei­tend zur ent­ste­hen­den kri­ti­schen Ausgabe. Vor weni­gen Wochen wurde eines zu Hermann Broch ver­an­stal­tet. Im Frühjahr 2012 wird ein Forschungslesesaal eröff­net. Dass alle Sammlungsdirektoren aus­ge­tauscht wur­den, ist schlicht­weg falsch. Die Schimpfrede ver­fügt in der österr. Literatur von Abraham a Sancta Clara bis zu Josef Winkler über eine große Tradition. Sie baut aber nicht nur auf pole­mi­scher Gestimmtheit auf, son­dern auch auf Fakten.

  5. Dr. Hans Förster sagt:

    Im Rahmen sei­ner Ausführungen bemerkt Herr Schübler über die Generaldirektorin: «Sie hat damit eine Vernichtung von Expertise betrie­ben, von der sich die Institution in zwan­zig Jahren nicht erho­len wird.» Vernichtung von Expertise scheint zu bedeu­ten, dass Objekte, die zu ihrem Verständnis eines spe­zi­el­len Wissens bedür­fen, nicht mehr erschlos­sen wer­den. Griechische und kop­ti­sche Texte auf Papyrus wird man die­sem Bereich zuord­nen kön­nen.
    Der Papyrussammlung kann ich nur für die Unterstützung und enge Zusammenarbeit dank­bar sein, von der ich seit mehr als 15 Jahren wis­sen­schaft­lich pro­fi­tiere und die zu einer gan­zen Reihe von Editionen von Wiener Texten geführt hat. Deswegen erlaube ich mir die Frage, ob Veröffentlichungen von Wiener Papyrus- und Pergamentfragmenten in wis­sen­schaft­li­chen Zeitschriften als Zeichen einer «Vernichtung von Expertise» gese­hen wer­den kön­nen. Der Leser ist gebe­ten, sich selbst ein Urteil zu bil­den, ob es sich um eine gelun­gene Erschließung des Textes han­delt. Beiliegend der Link zu einer in die­sem Jahr erschie­ne­nen Veröffentlichung:

    http://www.reference-global.com/doi/abs/10.1515/ZAC.2010.14

  6. Ich darf Herrn Schübler davon in Kenntnis set­zen, dass an den Abteilungen und Sammlungen der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek sehr viel und sehr qua­li­tät­volle Forschung geleis­tet wird – und dass gerade Frau Dr. Rachinger diese Aktivitäten stets geför­dert und durch gezielte Maßnahmen (wie etwa Kooperationsverträge mit der Univeristät Wien und der Akademie der Wissenschaften) geför­dert und abge­si­chert hat.
    Um ein Beispiel aus mei­nem eige­nen Wirkungsbereich zu nen­nen: An der Papyrussammlung wird seit Jahrzehnten Forschung im regen Austausch mit der inter­na­tio­na­len Kollegenschaft betrie­ben. Neben renom­mier­ten Werken der Grundlagenforschung und Texteditionen (Corpus Papyrorum Raineri, Koptisches Sammelbuch u.a.), die auch von MitarbeiterInnen der Sammlung geleis­tet wer­den, sind zahl­rei­che Drittmittelprojekte an der Papyrussammlung ange­sie­delt. Allein in den ver­gan­ge­nen Jahren sind Dutzende mono­gra­phi­sche Studien und hun­derte wis­sen­schaft­li­che Artikel publi­ziert wor­den, die in der Papyrussammlung ent­stan­den sind und / oder mit dem Material der Sammlung arbei­ten. Aus ande­ren Abteilungen und Sammlungen könn­ten ähnli­che Beispiele gebracht wer­den.
    Als Universitätslehrer ver­wehre ich mich zudem ent­schie­den gegen die pau­schale Verunglimpfung der Studenten, die ich nur als bedau­er­li­che Entgleisung wer­ten kann.

    Univ.-Prof. Dr. Bernhard Palme
    Direktor der Papyrussammlung der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek
    Professor für Alte Geschichte und Papyrologie, Universität Wien

  7. Walter Schübler sagt:

    Entzückend! Die «Generalin» lässt ihre Offiziere antre­ten: Befehlsausgabe. - Und schon rücken sie aus …
    Walter Schübler

  8. Dr. Michael Wögerbauer sagt:

    Walter Schübler hat im Grunde Recht: an der ÖNB ist aus der Sicht eines ganz nor­ma­len, geschweige denn pro­fes­sio­nel­len Benutzers vie­les nicht in Ordnung. Auch aus der Sicht der Angestellten nicht, das hört man bei Gesprächen immer wie­der. Die oben­ste­hen­den Kommentare berüh­ren des­we­gen pein­lich: die lei­ten­den Angestellten tre­ten mehr oder weni­ger geschlos­sen zur Verteidigung an. Haben Sie denn keine Ahnung von den Benutzern, die auf freie Kästchen war­ten müs­sen (wäh­rend die Schlüsselbesitzer etwa auch auf der Mariahilferstraße shop­pen sind), die auf der Platzsuche durch die Lesesäle irren (wäh­rend die Platzbesetzer cool in der Leselounge sit­zen), reden Sie denn nicht mit ihren eige­nen Angestellten von der Buchausgabe und von anderswo? Mit «Befehlausgabe» muss das nicht unbe­dingt zu tun haben: Befehle müs­sen nicht zwin­gend erteilt wer­den, wenn man sei­nen Job behal­ten will oder von der «Generalin» irgend­wann noch ein­mal etwas wol­len könnte… Macht funk­tio­niert nicht nur in ihrer direk­ten Ausübung.
    Bedauerlich ist, dass die LeserInnen das Kommentar-Feld weni­ger nüt­zen als die Möglichkeit, Beschwerdebriefe zu schrei­ben (ich weiß von etli­chen). Die ÖNB posi­tio­niert ihren Hauptlesesaal (und Umgebung) als Szene-Treff für ein Publikum, das mit jedem ande­ren coo­len Lese-Treff bzw. Lernstube genauso zufrie­den wäre. Soll es ihn doch bekom­men! Ein sol­cher Ort kann und soll aber nicht ident sein mit der für Öster­reich zen­tra­len Sammelinstitution für Bücher und Daten, die diese Benutzer gar nicht inter­es­sie­ren. Es gilt nicht, die ForscherInnen in einen eige­nen, klei­nen Lesesaal aus­zu­wei­sen, son­dern jenen LeserInnen, die in der ÖNB nicht den gan­zen Tag ihren Facebook-Account und sons­tige Kontakte pfle­gen, wie­der ihren recht­mä­ßi­gen Platz zurückzugeben.

  9. Univ.-Doz. Dr. Thomas Kruse sagt:

    Als Inhaber einer Forschungsstelle für Papyrologie an der Öster­rei­chi­schen Akademie der Wissenschaften, der im Rahmen eines Kooperationsvertrages zwi­schen Akademie und ÖNB an der Papyrussammlung der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek arbei­tet, ver­wahre ich mich ent­schie­den gegen die von Herrn Schübler gemachte Unterstellung, an der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek finde auf Betreiben ihrer Generaldirektorin Frau Dr. Rachinger eine «Vernichtung von Expertise» statt. Völlig unak­zep­ta­bel ist dar­über­hin­aus der nicht nur pole­mi­sche son­dern gera­dezu ehr­ab­schnei­de­ri­sche Ton der Schüblerschen Invektive. Die gene­ra­li­sie­rende offene Beleidigung des wis­sen­schaft­li­chen Nachwuchses schließ­lich dis­kre­di­tiert ihren Autor in so hohem Maße selbst, daß sie nicht wei­ter kom­men­tiert wer­den muß. Ansonsten bezeugt gerade im Gegenteil, allein schon die Existenz eines von der Generaldirektorin unter­zeich­ne­ten Kooperationsvertragesmit dem wich­tigs­ten außer­uni­ver­si­tä­ren Forschungsträger Öster­reichs, wie hoch sei­tens der Direktion der Stellenwert wis­sen­schaft­li­cher Forschung an der ÖNB ver­an­schlagt wird. Ich selbst kann mich über eine man­gelnde Unterstützung mei­ner wis­sen­schaft­li­chen Arbeit durch die ÖNB nicht im min­des­ten bekla­gen. Der Zugang zu den Beständen der Sammlung ist jeder­zeit in vol­lem Umfang gewähr­leis­tet und man bemüht sich, evtl. nicht vor­han­dene wis­sen­schaft­li­che Literatur schnellst­mög­lich zu beschaf­fen. Die zahl­rei­chen Drittmittelprojekte die in den ver­gan­ge­nen Jahren durch die Mitarbeiter der Papyrussammlung oder deren Kooperationspartner an der Papyrussammlung ange­sie­delt und erfolg­reich zum Abschluß gebracht wor­den sind, legen wohl nicht gerade nahe, wie Herr Schübler zu sug­ge­rie­ren scheint, daß die betref­fen­den Antragsteller dort befürch­ten muß­ten, ungüns­tige Bedingungen für ihre Forschungen vor­zu­fin­den. Die große Zahl der wis­sen­schaft­li­chen Publikationen spricht ohne­hin für sich selbst und jeder (und mit­hin auch Herr Schübler) kann sich dadurch von der Güte der geleis­te­ten wis­sen­schaft­li­chen Arbeit über­zeu­gen. All dies war und ist an der ÖNB also mög­lich und illus­triert wie gut diese Institution ihren oft­mals schwie­ri­gen Spagat zwi­schen ihren ver­schie­de­nen Funktionen als Bibliothekarischen Service- und Kompetenzzentrum, Bewahrerin des kul­tu­rel­len Erbes und wis­sen­schaft­li­chem Lern- und Forschungsort meistert.

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