Gewebte Geschichte. Stoffe und Papyri aus dem spätantiken Ägypten (ÖNB, Wien: 15.6.2012-13.1.2013)

Der „Raub der Europa”, eindringlich in Szene gesetzt auf einer Tunika; ein mit „fliegender Nadel” gewirktes Medaillon, das packend vom Kampf eines Mannes mit einem Leoparden erzählt; eine wie mit feinem Pinsel gemalte Webarbeit, die Arbeiter bei der Weinernte zeigt – antike und frühmittelalterliche Textilien beeindrucken bis heute durch die Lebendigkeit der Darstellung, ihre phantasievollen Ornamente und bunte Gestaltung.

Die neue Ausstellung im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert unter dem Titel „Gewebte Geschichte. Stoffe und Papyri aus dem spätantiken Ägypten” Höhepunkte des altertümlichen Textilhandwerks. Zusammen mit koptischen und griechischen Texten auf Papyrus geben die Textilien Einblick in die Herstellung dieser herausragenden Erzeugnisse antiker Handarbeit wie in ihre modische Verwendung im Alltag. Über 60 Objekte zeigen ein lebensnahes Kapitel antiker Kulturgeschichte.

Eine Modenschau aus dem Jahr 500 n. Chr.

Die Welt der Spätantike war eine Welt im Wandel. Das römische Reich hatte den Zenit seiner Macht bereits überschritten, das Christentum auf der einen und der Islam auf der anderen Seite gewannen an Bedeutung und der sinnesfreudige, auf weltlichen Genuss ausgerichtete Lebensstil der Antike wurde langsam abgelöst durch die asketische, jenseits-orientierte Lebensführung des Mittelalters. Das Land der Pharaonen war in der Zeit von 300 bis 900 n. Chr. ein Zentrum dieser Umbrüche. Seine Textilien und Texte sind Zeugen, die bild- und wortreich vom Ende eines alten und dem Anfang eines neuen Zeitalters erzählen.

Das breite Repertoire an szenischen und abstrakten Motiven auf den Gewändern verdankt sich den vielfältigen kulturellen Einflüssen, die damals das Land am Nil bereicherten und veränderten.
Bilder aus der klassisch-griechischen Mythologie finden sich in den Darstellungen ebenso wie biblische Szenen oder erste Verweise auf islamische Kunst. Besonders beliebt waren Illustrationen aus den Bereichen des Dionysisch-Bukolischen, des Maritimen sowie dramatische Bilder von

Tierkämpfen oder Jagderlebnissen. Ekstatisch tanzende männliche oder weibliche Figuren vermitteln punktuell noch Lebensfreude in einem ansonsten eher durch harte Lebensbedingungen geprägten Alltag.

Die phantasievollen Dekorationen kontrastieren mit der bestechenden Einfachheit der Stoffe, die den Hintergrund der farbenfrohen Besatzstücke bilden: Tuniken, Umhänge, Kopfbedeckungen und Gürtel wurden aus Schafwolle und Flachs angefertigt. Wertvolle Stoffe, wie aus China importierte Seide, waren hingegen eine Rarität, die sich kaum jemand im spätantiken Ägypten leisten konnte. Selbst der Heilige Johannes, Patriarch von Alexandrien in den Jahren 606 bis 616, hätte 18 Jahre lang für jenen Mantel arbeiten müssen, der ihm von einem Stadtprominenten geschenkt wurde und einen Gegenwert von 160 Gramm Gold hatte. Schon aufgrund der durchschnittlichen Lebenserwartung von knapp 30 Jahren wäre so ein Kleidungsstück für den Großteil der ägyptischen Bevölkerung unfinanzierbar gewesen.

Der Stoff, aus dem Geschichte gemacht ist

Wie wertvoll aber selbst einfache Stoffe waren, bezeugt ein aufschlussreiches wie erschütterndes Schriftstück, das in der Ausstellung zu sehen ist. Es stammt aus dem historisch einzigartigen Archiv administrativer Korrespondenz um den Amtsträger Schenute, das vor Kurzem in den bisher unpublizierten Beständen der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek entdeckt wurde. Auf einem der zahlreichen Papyri berichtet ein gewisser Palau seinem Vorgesetzen, dass er Dorfbewohner persönlich verprügelt hat, weil sie Abgaben in Form von Wollumhängen schuldig geblieben waren.

Die Kleidung der Antike und die präsentierten Texte verraten somit nicht nur viel über den modischen Geschmack der Zeit, sondern auch viel über die Produktionsverhältnisse und den sozialen Status ihrer TrägerInnen. Die hierarchische Differenzierung der Gesellschaft war förmlich in die Gewänder der Menschen eingewebt. Die Reichen und Mächtigen, aber auch Mönche, Ratsherren, Soldaten oder Bauern – sie alle waren an ihrer Kleidung zu erkennen.

Die Beforschung der nun restaurierten außergewöhnlichen Exponate wurde im Rahmen des Programms forMuse vom Wissenschafts- und Forschungsministerium (BMWF) durch das Forschungsprojekt Papyrusmuseum – Museum der Kulturen in Ägypten gefördert. Die Objekte werden in dieser Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. „Das BMWF fördert damit nicht nur die

wissenschaftliche Aufarbeitung und Analyse des in Österreich archivierten kulturellen Erbes, sondern indirekt auch die Präsentation der Forschungsergebnisse vor einer breiten Öffentlichkeit”, so Wissenschafts- und Forschungsminister Dr. Karlheinz Töchterle. Es handle sich um „beeindruckende Zeugnisse, die uns in vergangene Zeiten eintauchen lassen und für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen einen reichhaltigen Fundus bieten.”

Quelle: http://www.onb.ac.at/ausstellungen/gewebtegeschichte/

Fotos © Österreichische Nationalbibliothek

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