APA OTS: Kulturausschuss diskutiert Situation der öffentlichen Büchereien Analyse ortet große Unterschiede - dringender Handlungsbedarf

Wien (PK) - Eklatante Unterschiede inner­halb der Bundesländer aber auch inner­halb der Regionen sind sowohl hin­sicht­lich des Angebots als auch hin­sicht­lich der Nutzung von öffent­li­chen Büchereien zu kon­sta­tie­ren. Die Nutzung von Büchereien hängt jedoch nicht nur mit dem örtlich vor­han­de­nen Angebot zusam­men son­dern auch mit dem fami­liä­ren Umfeld. Es bestehe daher ein drin­gen­der Handlungsbedarf, insbesondere müsste ein ver­nünf­ti­ges Finanzierungsmodell und ein effi­zi­en­ter Steuerungsmechanismus ent­wi­ckelt wer­den. Das sind die zen­tra­len Aussagen des Zwischenberichts der Arbeitsgruppe, die Vorarbeiten zur Entwicklung eines Masterplans für das öffent­li­che Büchereiwesen leis­ten soll.

Die Frage der Zukunft des öster­rei­chi­schen Büchereiwesens stand heute im Mittelpunkt eine aktu­el­len Aussprache im Kulturausschuss. Zu die­sem Thema prä­sen­tierte der Leiter der genann­ten Arbeitsgruppe, Gerald Leitner, Geschäftsführer des Öster­rei­chi­schen Büchereiverbandes, eine Analyse des der­zei­ti­gen Bibliothekwesens in Öster­reich und ortete auf­grund der erho­be­nen Daten einen «extre­men Veränderungsbedarf». Die Arbeitsgruppe wurde bereits im Jahr 2009 auf­grund des Regierungsprogramms, ein umfas­sen­des Entwicklungskonzept für die öffent­li­chen Bibliotheken zu erstel­len, ein­ge­rich­tet. Im Nationalrat wurde dar­über hin­aus am 31. März 2011 ein­stim­mig ein Entschließungsantrag ange­nom­men, der dar­auf abzielt, einen «Masterplan für die Entwicklung des Öffent­li­chen Büchereiwesens» zu entwickeln.

Schmied zur Situation der öffent­li­chen Büchereien: Mangelnde Steuerung ist «Dilemma»

Bundesministerin Claudia Schmied bestä­tigte das «Dilemma», wie sie es for­mu­lierte, einer man­geln­den Steuerung. Bei den Büchereien sei man mit einer extrem unein­heit­li­chen Landschaft kon­fron­tiert, zumal es eine Vielzahl von unter­schied­li­chen Trägern gibt. Daher sei die Implementierung eines effi­zi­en­ten Steuerungssystems eine enorm schwie­rige Aufgabe. Das Büchereiwesen als eine Bundeskompetenz zu eta­blie­ren, betrach­tet die Ministerin auf­grund der Buntheit die­ser Landschaft als nicht sinn­voll, damit könn­ten auch Privatinitiativen ein­ge­dämmt wer­den, warnte sie. Ein immer wie­der gefor­der­tes Bibliotheksgesetz hat daher ihr zufolge in ers­ter Linie die Aufgabe eines Fördergesetzes und eines Kofinanzierungsinstruments. Voraussetzung für eine Kofinanzierung müss­ten klare Kriterien und Vorgaben sein, womit man auch einen Steuerungsmechanismus in der Hand habe. Außerdem müsse man über­le­gen, wie man neue tech­no­lo­gi­sche Entwicklungen berück­sich­tigt, merkte sie an.

Für die Büchereiförderung Neu habe man mehr Mittel zur Verfügung gestellt aber auch klare Definitionen für die erfor­der­li­chen Qualitätsstandards geschaf­fen, die die Ausbildung der MitarbeiterInnen inklu­die­ren, erklärte die Ministerin. Der Büchereiverband selbst soll ihren Angaben zufolge eine zen­trale Stelle für das öffent­li­che Büchereiwesen werden.

Leseverhalten hängt mit örtli­chem Angebot und fami­liä­rem Umfeld zusammen 

In sei­nen Ausführungen wies Gerald Leitner anfangs dar­auf hin, dass die öster­rei­chi­schen Büchereien im letz­ten Jahr ihre Leistungen stei­gern konn­ten, die Benutzerzahl stieg um 8,5 % und erst­mals konn­ten über 20 Mio. Entlehnungen regis­triert wer­den. Dieser erfreu­li­chen Entwicklung stehe jedoch die Tatsache gegen­über, dass 28 % der Bevölkerung nicht sin­ner­fas­send lesen kön­nen, was sowohl ein wirt­schaft­li­ches als auch ein demo­kra­tie­po­li­ti­sches Manko mit hohem Gefährdungspotential dar­stellt. Leitner konnte auf­grund des sta­tis­ti­schen Zahlenmaterials einen Zusammenhang zwi­schen der schlech­ten Lesefähigkeit und dem Buchbestand im Elternhaus fest­stel­len und meinte, hier könn­ten gut aus­ge­baute Büchereien einen Ausgleich schaffen.

Dafür sei aber in Öster­reich noch sehr viel zu tun, da es gemäß einer Bestandsaufnahme in den 2.357 öster­rei­chi­schen Gemeinden in gro­ßen Teilen des Landes keine öffent­li­chen Büchereien gibt. Auch der Buchhandel kon­zen­triere sich auf die Bezirkshauptstädte. In nur 45 % der Gemeinden gebe es ein Angebot an öffent­li­chen Büchereien, zirka 2 Mio. Personen seien in Öster­reich weder mit einer Bücherei noch mit einer Buchhandlung ver­sorgt. Es gebe aber auch große Unterschiede unter den Bundesländern, wobei Vorarlberg, Salzburg und Wien einen guten Versorgungsgrad auf­wei­sen - in Vorarlberg haben bei­spiels­weise 93 % der BürgerInnen Zugang zu öffent­li­chen Bibliotheken -, die Bundesländer Burgenland und Kärnten jedoch die gro­ßen Sorgenkinder seien. Der Zugang zu öffent­li­chen Büchereien liegt in Burgenland bei nur 47 %.

Abseits von den gro­ßen quan­ti­ta­ti­ven Unterschieden habe man auch enorme Qualitätsunterschiede fest­stel­len kön­nen, wobei auch hier Vorarlberg, Salzburg und Wien an der Spitze der posi­ti­ven Beispiele ste­hen. Dort ori­en­tiere man sich an den vom Ministerium vor­ge­ge­be­nen Qualitätsstandards, sagte Leitner, der auch Tirol und Oberösterreich ein gutes Zeugnis aus­stellte. Aus all diese Befunden könne man erken­nen, dass es nicht nur eine «Gnade der Geburt und der Familie» sei, um Zugang zur Literatur zu haben, son­dern dass dies in gro­ßem Ausmaß auch vom Angebot im enge­ren Umfeld abhängt.

Die Nutzung von Bibliotheken stehe aber auch im Zusammenhang mit den dafür aus­ge­ge­be­nen Mitteln, so der Befund Leitners. Im Burgenland und in Kärnten werde durch­schnitt­lich weni­ger als ein Buch pro Person und Jahr aus­ge­lie­hen, in Vorarlberg, Salzburg und Wien betrage der Nutzungsgrad mehr als das 10-fache.

Als eine der drin­gends­ten Aufgaben bezeich­nete es Leitner daher, intelligente Konzepte für Förderungsmodelle und einen effi­zi­en­ten Steuerungsmechanismus zu ent­wi­ckeln. Ein eige­nes Bibliotheksgesetz sieht er nicht als die drin­gendste Aufgabe, auch wenn er ein sol­ches für not­wen­dig emp­fin­det. Dann müsste es aber effi­zi­ent sein, betonte er, die zen­trale Frage sei jedoch der poli­ti­sche Wille, der mit einem Steuerungsmechanismus eine Veränderung des Bibliothekswesens her­bei­führt, bekräf­tigte er wie­der­holt. Erforderlich erach­tet er auch öster­reich­weite har­mo­ni­sierte und abge­stimmte Qualitätskriterien für
die Förderung durch Bund und Länder. Die der­zei­tige Büchereiförderung, die mit Qualitätsstandards arbei­tet, bewer­tete Leitner als «zar­tes Pflänzchen, das gepflegt wer­den muss». Ein höhe­rer Mitteleinsatz ist ihm zufolge jedoch unab­ding­bar, die Schule allein könne die anste­hen­den Probleme hin­sicht­lich der ekla­tan­ten Leseschwächen nicht lösen.

Als Musterbeispiele für die Bibliotheksförderung hob Leitner Finnland und Südtirol her­vor, wo wesent­lich mehr dafür auf­ge­wen­det wird und wo es inno­va­tive Konzepte gebe. Man müsse sich sei­ner Ansicht nach auch etwas über­le­gen, um die große Zahl der ehren­amt­li­chen MitarbeiterInnen (rund 90 %) bes­ser zu unter­stüt­zen. Als Gründe für
die geringe Zahl an haupt­be­ruf­lich geführ­ten Bibliotheken nannte Leitner neben der Finanzknappheit auch den feh­len­den Steuerungsmechanismus, man­gelnde Anreize und die öster­rei­chi­sche Gemeindestruktur, die durch Kleingemeinden mit weni­ger als 5.000
Einwohner geprägt ist.

An der Diskussion nah­men die Abgeordneten Elisabeth Kaufmann-Bruckberger (B), Wolfgang Zinggl (G), Ulrike Königsberger-Ludwig (S), Josef Jury (F), Tanja Windbüchler-Souschill (G), Anna Höllerer (V) und Katharina Cortolezis-Schlager teil.

Schmied infor­miert über «Europeana» und Kultur-Siegel

Bundesministerin Claudia Schmied löste heute auch ihr Versprechen ein, über den aktu­el­len Stand des mul­ti­me­dia­len Onlineportals «Europeana» sowie über das Kultur-Siegel zu berichten.

Europeana sei seit November 2008 öffent­lich zugäng­lich und sei mit rund 2 Mio. Objekten gestar­tet, infor­mierte sie. Das Projekt bie­tet einen freien Zugriff auf Millionen digi­ta­li­sier­ter Texte, Bilder, Töne und Filmaufnahmen aus Kulturerbe-Institutionen der EU-Mitgliedstaaten. Verwaltet wird es von der Europeana Foundation, für den lau­fen­den Betrieb ist die nie­der­län­di­sche Nationalbibliothek zustän­dig. Das Portal ver­fügt über eine mul­ti­lin­guale Oberfläche in 22 Sprachen, die Inhalte stam­men der­zeit aus über 2.200
Kulturorganisationen und im Dezember 2011 konnte das 20-millionste Objekt ein­ge­speist wer­den, das aus dem Kunsthistorischen Museum stammt («David mit dem Haupt des Goliath» von Caravaggio), berich­tete die Ministerin. Ziel sei es, bis 2015 ins­ge­samt zirka 30 Millionen Objekte zur Verfügung zu stel­len. Öster­reich soll dazu rund 600.000 Objekte bei­tra­gen. Derzeit liegt die Anzahl der hei­mi­schen Objekte bei rund 450.000.

Die Kosten für das Projekt belau­fen sich bei rund 5. Mio. € jährlich, Österreich stellte 2009 und 2011 je 20.000 € zur Verfügung; bis 2013 ist die Finanzierung aus Mitteln von EU-Programmen und frei­wil­li­gen Beiträgen der Mitgliedstaaten gesi­chert, nach 2013 ist eine Basisfinanzierung im Rahmen der EU-Initiative Connecting Europe Facility vor­ge­se­hen. Für die Finanzierung der Digitalisierung und das Einbringen von Objekten in die Europeana seien wei­ter­hin die Mitgliedstaaten ver­ant­wort­lich, in Öster­reich ist das die
Kulturplatform «Kulturpool», so Schmied.

Was das Kulturerbe-Siegel betrifft, so habe sich Öster­reich an der ursprüng­li­chen zwi­schen­staat­li­chen Initiative 2006 bis 2010 wegen unein­heit­li­cher Auswahlkriterien und man­geln­der Abgrenzung zum UNESCO-Weltkulturerbe und Kulturrouten des Europarats nicht betei­ligt. Im EU-Kulturministerrat gab es jedoch am 16. November 2011 einen Beschluss, wo eine genaue Definition fest­ge­legt wurde. Es sol­len jene Stätten dau­er­haft aus­ge­zeich­net wer­den, erklärte die Ministerin, die in der Geschichte Europas, bezie­hungs­weise im EU-Einigungsprozess eine Schlüsselrolle gespielt haben. Ausschlaggebend sei der sym­bo­li­sche Wert einer Stätte, beson­de­res Augenmerk wolle man auch auf junge Zielgruppen und Vermittlungsaktivitäten legen. Die Stätten sol­len ins­be­son­dere auch zur nach­hal­ti­gen Entwicklung der Region bei­tra­gen, fügte die Ressortchefin hinzu. Die Teilnahme am Projekt ist frei­wil­lig, eine auto­ma­ti­sche EU-Finanzierung der ernann­ten Stätten sei nicht vor­ge­se­hen. Die EU-Förderungen könn­ten im Rahmen des Programms «Kreatives Europa» oder der EU-Strukturfonds bean­tragt wer­den. Im Jahr 2013 wur­den 450.000 € für das Projekt aufgewendet.

Voraussetzung für die Verleihung eines Kulturerbe-Siegels ist eine natio­nale Vorauswahl, die Entscheidung fällt dann eine 13-köpfige Jury in der EU, die for­male Ernennung erfolgt durch die Europäische Kommission. Eine regu­läre Auswahl fin­det ab 2015 alle 2 Jahre statt.

Öster­reich habe auf klare und trans­pa­rente Kriterien sowie auf ein stren­ges Auswahl- und Kontrollverfahren bestan­den und sei dar­über hin­aus für mög­lichst gerin­gen büro­kra­ti­schen Aufwand ein­ge­tre­ten. Bis 1. März 2013 sind vier Stätten zu nomi­nie­ren. Die natio­nale Vorauswahl wird laut Ministerin Schmied per Ausschreibung im Herbst 2012 und auf­grund einer Empfehlung durch ein Expertengremium erfolgen.

Abseits die­ser Themen rich­te­ten die Abgeordneten zahl­rei­che Detailfragen an die Ministerin, die die unter­schied­lichs­ten Gebiete aus ihrem Ressort betrafen. …

[Urheberrecht]

Einen wesent­li­chen Punkt in der Diskussion stellte auch das Urheberrecht dar. Abgeordnete Silvia Fuhrmann (V) the­ma­ti­sierte in die­sem Zusammenhang die Forderung der Plattform «Kunst hat Recht» und sprach die Leerkassettenvergütung an. Abgeordnete Sonja Ablinger (S) wiederum machte drauf auf­merk­sam, dass auf­grund der neuen tech­ni­schen Möglichkeiten mehr junge Leute als bis­her krea­tiv tätig seien und sich aus­tausch­ten. Eine moderne Form des Urheberrechts müsse daher auch dar­auf Rücksicht neh­men und einen Interessensausgleich schaffen. Dem stimmte auch die Ministerin zu und bekräf­tigte, dass ein Ausgleich zwi­schen Einkommen einer­seits und Kreativität und Zugang  ande­rer­seits zu bewerk­stel­li­gen sei. Grundsätzlich sei aber die Erarbeitung eines moder­nen Urheberrechts auf­grund der Komplexität und der dyna­mi­schen tech­no­lo­gi­schen Entwicklung keine leichte Aufgabe. Man wolle aber noch in die­ser Gesetzgebungsperiode wei­tere Schritte set­zen. Ein zeit­ge­mä­ßes Urheberrecht sei ein Grundrecht der KünstlerInnen, sie unter­stütze die Anliegen der genann­ten Plattform, sagte Schmied. Handlungsbedarf sah die Ministerin auch in Hinblick auf die Leerkassettenabgabe, da sich die dar­aus erziel­ten Einnahmen von 17,6 Mio. Euro im Jahr 2005 auf 7,9 Mio. Euro im Jahr 2011 redu­ziert haben.

[ÖNB]

… Der in Diskussion ste­hende Tiefenspeicher für die öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek stelle ein Großprojekt mit einem Investitionsvolumen von 50-60 Mio. € dar, führte Schmied wei­ter aus. Die Bauentscheidung werde erst 2014/15 erfol­gen. Innerhalb der Bundesmuseen habe mit einer Ände­rung der gesetz­li­chen Grundlagen 2008 «Public gover­nance» Einzug gehal­ten. Wichtig dabei sei die Museumsordnung mit Rahmenzielvorgaben, inhalt­li­chen Schwerpunktsetzungen bis hin zur neuen Geschäftsordnung, wodurch für alle Bundesmuseen ein­heit­li­che Spielregeln geschaf­fen wer­den konnten. …

Quelle: http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20120621_OTS0268/kulturausschuss-diskutiert-situation-der-oeffentlichen-buechereien-analyse-ortet-grosse-unterschiede-dringender-handlungsbedarf

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