DIE FÜRSTLICHE (LIECHTENSTEINISCHE) BIBLIOTHEK

ZUR GESCHICHTE DER FÜRSTLICHEN BIBLIOTHEK

Die Geschichte der Bibliothek, deren klassizistische Möblage einen Einblick in den Zeitgeschmack des späten 18. Jahrhunderts vermittelt, ist gleichermaßen interessant wie jene der über Jahrhunderte und Generationen hinweg gesammelten Bestände an Büchern und Grafiken, die sie beherbergt. Ursprünglich befand sich diese dreischiffige, von zwei Reihen ionischer Säulen gegliederte und 56 Meter lange Bibliothek von Joseph Hardtmuth (1758–1816) im ehemaligen Palais Liechtenstein in der Herrengasse und war eine der großen Sehenswürdigkeiten Wiens. Die 1791 fertig gestellte Einrichtung stammte aus der Hand des Tischlermeisters Josef Vogl, die Stuckaturen fertigte Martin Karl Keller, für die Skulpturen zeichnete u.a. auch Johann Martin Fischer verantwortlich.

Das Majoratshaus in der Herrengasse, ein bereits bestehendes barockes Palais, war unter Fürst Alois I. von Liechtenstein (1759–1805) durch die fürstlichen Architekten Joseph Meissl d. Ä. (1730–1790) und seinen Neffen Joseph Hardtmuth zwischen 1788 und 1792 in frühklassizistischem Stil umgestaltet und erweitert worden. Neben der Bibliothek als einem der Glanzstücke der Ausstattung befanden sich in diesem Palais die fürstliche Verwaltung, ab 1846 ein adeliges Casino sowie der 1872 auf Betreiben von Ludwig Bösendorfer durch den Umbau der ehemaligen Reitschule entstandene Bösendorfer-Saal, der wegen seiner außergewöhnlichen Akustik von weltberühmten Pianisten wie Franz Liszt, Arthur Rubinstein und Julius Epstein hoch geschätzt wurde.

Nachdem das STADTPALAIS Liechtenstein in der Bankgasse Mitte des 19. Jahrhunderts modernisiert worden war, verlor die Fürstenfamilie zunehmend das Interesse an dem Majoratshaus in der Herrengasse. 1913 wurde das Gebäude schließlich verkauft und im Jahr darauf komplett abgerissen. 1931–1933 entstand dort Wiens erstes Hochhaus.

1912–1914 wurde die klassizistische Bibliothek aus dem Majoratshaus in der Herrengasse in das GARTENPALAIS in der Rossau transferiert und durch Gustav Ritter von Neumann mit raffinierten Adaptionen in die völlig anders proportionierten Herrenappartements eingefügt. Unter anderem wurde auch der Boden höher gelegt und eine Galerie eingezogen. Die Bücher wurden nach ästhetischen Gesichtspunkten, nach der Farbe der Einbände, aufgestellt. Diese reichen von schlichten Pergamentbindungen über goldgeprägte Ledereinbände bis zu barocken Papiereinbänden.

Nach aufwändiger Restaurierung der Bibliothek in den Jahren 2000–2003 fand hier ein besonderes Prunkstück der Fürstlichen Sammlungen Aufstellung: Eine Empire-Uhr von Johann Caspar Hartmann aus dem Jahr 1795. Sie hat die Form eines Rundtempels und besteht aus weißem Marmor, Granit, Lapislazuli und vergoldeter Bronze.

Ein anschauliches Beispiel für die Verherrlichung des Bauherrn zeigt Johann Michael Rottmayrs barocke Freskenausstattung der Bibliothek. Sie entstand wie auch die Fresken der Damenappartements, der Sala Terrena und der Treppenhäuser zwischen 1705 und 1708. Mit dem mythologischen Thema der Übergabe des Goldenen Vlieses an Jason wird an die Verleihung des Ordens des Goldenen Vlieses an Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein im Jahre 1693 erinnert. Die beiden anderen Deckenspiegel zeigen das Opfer des Aeneas und die Greifenfahrt des Alexander.

DER BÜCHERSCHATZ DER FÜRSTEN VON LIECHTENSTEIN

Die Bibliothek der Fürsten von Liechtenstein umfasst heute rund 100.000 Bände aus allen Wissensgebieten vom 15. bis zum 19. Jahrhundert und spiegelt die politischen Funktionen, den Wohlstand und den Einfluss des Hauses Liechtenstein sowie die persönlichen Interessen einzelner Familienmitglieder wider.

Um 1800 zählte die Liechtensteinische Büchersammlung mit ca. 40.000 Bänden – neben den Bibliotheken des Kaisers Franz und der Universitäts- sowie der Hofbibliothek – zu den größten und wertvollsten Bibliotheken Österreichs. Seit dem frühen 18. Jahrhundert galt sie als unveräußerlicher Familienbesitz und erfuhr besonders im 19. Jahrhundert großen Zuwachs. Ein Verzeichnis von 1931, das heute auch als Basis für die Katalogisierung der Bestände in digitaler Form dient, vermittelt einen Eindruck vom Umfang, von den
Schwerpunkten und den besonderen Schätzen der Bibliothek.

Hartmann II. (1544–1585) besaß bereits rund 230 Werke. Sein Sohn Karl I. (1569–1627) erwarb unter anderem eine Musikaliensammlung von 130 Bänden. Fürst Karl Eusebius (1611–1684) konzentrierte seine Bibliotheksankäufe auf Baukunst und Pferde-zucht, sein Sohn Fürst Johann Adam Andreas I. (1662–1712) interessierte sich vor allem für ökonomische Schriften und solche zur Kunst und Architektur. Auch verfügte er 1711, dass die Bibliothek Teil des Fideikommiss wurde. Fürst Joseph Wenzel (1696–1772) ließ 1749 den Bibliotheksbestand sichten und die Bücher im STADTPALAIS Liechtenstein in der Bankgasse aufstellen.

Unter Fürst Alois I. (1795–1805) wurde die Bibliothek im Majoratshaus in der Herrengasse eingerichtet. Er erwarb ganze Bibliotheken, so z.B. 1791 die des Kanonikers Rulle aus Florenz und 1793 die des Fürsten Carl de Ligne. Unter Fürst Johann I. (1760–1836) kam 1831 die Bibliothek des Grafen Walsegg hinzu, 1883 wurde die berühmte Sammlung Hauslab mit ca. 20.000 Büchern, 10.000 Landkarten und 20.000 Stichen von Fürst Johann II. (1840–1929) erworben. Bei der Übersiedelung in das GARTENPALAIS in der Rossau 1912–1914 umfasste die Bibliothek bereits ca. 100.000 Bände, von denen während des Krieges ungefähr 1.000 verloren gingen und 1949 unter Fürst Franz Joseph II. (1906–1989) – neben der umfassenden Kartensammlung – ca. 20.000 Bände verkauft wurden.

Die folgende Auflistung enthält einige ausgewählte Werke der fürstlichen Bibliothek aus den Gebieten Kunst, Architektur, Botanik, Zoologie, Medizin, Geographie, Kriegskunst und Geschichte:

  • Sebastiano Serlio (1475–1554), Architettura di Sebastiano Serlio / Bolognese / in sei Libri divisa
  • Maria Sybilla Merian (1647–1717), Dissertatio de Generatione et Metamorphosibus Insectorum Surinamensum
  • Athanasius Kircher (1601–1680), Obeliscus Pamphilius, Hoc est: interpretatio Obelisci hieroglyphici.
  • Domenico de Rossi (1659–1730), Raccolta di Statue antiche e moderne, Data in Luce sotto i Gloriosi auspicj della santita di N.S. Papa Clemente XI.
  • Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656–1723), Entwurff einer historischen Architectur, In Abbildung unterschiedener berühmten Gebäude, des Alterthums, und fremder Völcker, […]
  • Salomon Kleiner (1700–1761), Vera et accurata delineatio omnium Templorum et Coenobiorum quae tam in Caesarea Urbe ac Sede Vienna Austriae, quam in circumjacentibus Suburbÿs ejus reperiuntur
  • Andreas Vesalius (1514–1564), Opera omnia Anatomica & Chirurgica
  • Denis Diderot (1713–1784) und Jean Baptiste le Rond, gen. d’Alembert (1717–1783), Enzyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts Libéraux, et les Arts Méchaniques

Quelle:  http://www.palaisliechtenstein.com/de/downloads/presse/infotexte.html

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