ÖNB: Vergangenheitsbewältigung

Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek erfasst das Archiv des Hauptverbandes des Öster­rei­chi­schen Buchhandels aus der Nazi-Zeit

Welche dubio­sen Vertriebsmethoden wandte der NS-Verleger Amon Göth an, der spä­ter als KZ-Kommandant trau­rige Berühmtheit erlangte und durch den Film „Schindlers Liste“ einem Millionen-Publikum bekannt wurde? Warum wollte nie­mand den Blut-und-Boden-Dichter Walther Wamandas Eidlitz ver­le­gen, obwohl der gebür­tige Jude eine Sonderverfügung von Joseph Goebbels hatte? Wie hoch kann man eigent­lich die als jüdisch bzw. „arisch“ klas­si­fi­zier­ten Buchhandlungen bezif­fern? Auf diese und viele wei­tere wich­tige Fragen fin­det die Forschung jetzt leicht eine Antwort, da die Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek das Archiv des Hauptverbandes des Öster­rei­chi­schen Buchhandels im Online-Katalog HANNA erfasst hat.

Bereits 2010 über­nahm die Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek eine groß­zü­gige Schenkung durch den Hauptverband des Öster­rei­chi­schen Buchhandels. Das Archivmaterial die­ser wich­ti­gen Interessensvertretung der öster­rei­chi­schen Buchbranche umfasst zahl­rei­che Unterlagen aus den Jahren 1772 bis 1980, beson­ders inter­es­sant sind aber jene 15 Kartons, die Akten und Korrespondenzen aus der NS- und der unmit­tel­ba­ren Nachkriegszeit versammeln.

Ein von der Kommission für Provenienzforschung des BMUKK finan­zier­tes und 2012 abge­schlos­se­nes Projekt ermög­lichte die Erfassung der Bestände von 1938, 1944 und 1945 bis 1947 in detail­lier­ten Einzelaufnahmen. Bei der Bearbeitung wurde beson­ders auf jene Aspekte des Materials geach­tet, die in der wis­sen­schaft­li­chen Literatur bis­lang noch nicht the­ma­ti­siert wur­den. Die wich­tigs­ten Ergebnisse die­ser Erschließungsarbeit wur­den mitt­ler­weile im ange­se­he­nen Gutenberg-Jahrbuch unter dem Titel „Das Buch ist ein Kampfmittel, ein gutes Buch eine gewon­nene Schlacht“ publiziert.

Generaldirektorin Dr. Johanna Rachinger: „Die vor­be­halt­lose Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unse­res Hauses und unse­rer Bestände ist der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek ein gro­ßes Anliegen. Als erste Bundesinstitution hat sie etwa erblo­ses Raubgut an den Nationalfonds der Republik Öster­reich für Opfer des Nationalsozialismus über­ge­ben. Dazu kom­men zwei große Ausstellungen und zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che Beiträge. Die Aufarbeitung des Hauptverband-Archivs reiht sich in diese Bemühungen naht­los ein.“

Hauptverband-Geschäftsführerin Dr. Inge Kralupper: „Der Hauptverband des Öster­rei­chi­schen Buchhandels und seine Vorläuferorganisationen haben seit Gründung, beson­ders aber seit 1860, ein umfang­rei­ches Archiv mit Informationen über die Mitglieder, doku­men­tiert durch Verträge, Korrespondenzen, Zeugnisse, Zeitungsausschnitte u. v. m., ange­legt. Der Wunsch, die­ses Archiv für die Forschung öffent­lich zugäng­lich zu machen, hat uns ver­an­lasst, mit einer Institution zusam­men­zu­ar­bei­ten, die sowohl die Erfassung der Bestände gewähr­leis­tet als auch die ord­nungs­ge­mäße Aufbewahrung der Archivalien des Hauptverbands garan­tiert. Wir freuen uns, dass diese erste Phase nun abge­schlos­sen ist. Zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Buchbranche wäh­rend des NS-Regimes erwies sich die Öster­rei­chi­sche Nationalbibliothek bereits beim ers­ten Forschungsvorhaben als beson­ders geeig­nete Partnerin. Wir sehen mit gro­ßer Erwartung allen kom­men­den Projekten zum Hauptverbandsarchiv ent­ge­gen, wel­che die Buchforschung sicher wei­ter berei­chern werden.“

Die kata­lo­gi­sier­ten Neuerwerbungen sind abruf­bar im Online-Katalog HANNA der Öster­rei­chi­schen Nationalbibliothek:

http://aleph.onb.ac.at/F/?func=find-b&find_code=IDN&request=AL00159238&local_base=ONB06&adjacent=N

Pressefoto 1: NS-Verleger Amon Franz Göth berich­tet über die Kündigung eines sei­ner Vertreter

Pressefoto 2: Franckh’sche Verlagshandlung fragt bei der Reichsschrifttumskammer nach, ob der öster­rei­chi­sche Autor Walther Eidlitz trotz sei­nes jüdi­schen Glaubens abge­druckt wer­den darf

Quelle: http://www.onb.ac.at/services/presse_21077.htm

Siehe auch: http://www.buecher.at/show_content.php?sid=126&detail_id=6265

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