US Supreme Court entscheidet (kulturinstitutionenfreundlich) im Fall Kirtsaeng v. Wiley & Sons, Inc., für eine territorial uneingeschränkte «First sale doctrin»

Eine Entscheidung, die gut für Bibliotheken, Archive und Museen ist!

Hintergrund: Ein thai­län­di­scher Student hatte legal in Thailand erwor­bene Lehrbücher des Verlags Wiley in den USA mit­tels Ebay wei­ter­ver­kauft (und dabei immer­hin um die 1 Mio Dollar umge­setzt). Er wollte sich damit sein Studium finan­zie­ren. Die Bücher waren in Thailand pro­du­ziert wor­den und dort wesent­lich bil­li­ger zu erwer­ben. Die «First Sale Doctrine» besagt, dass ein Urheber/Berechtigter, nach­dem ein Werkstück mit sei­nem Einverständnis in Verkehr gebracht wor­den ist (= Erst-Verbreitung), sich nicht mehr auf Schutzrechte beru­fen kann. Jede wei­tere Verbreitung des Werkstücks durch den neuen Eigentümer kann von ihm nicht mehr ver­hin­dert wer­den. Das Verbreitungsrecht ist durch die erst­ma­lige Verbreitung «erschöpft». Der neue Eigentümer des Werkstücks kann es dage­gen wei­ter­ver­kau­fen usw. Allerdings besagt ein Passus des US Copyright sta­tute auch, dass «impor­ta­tion into the United States, wit­hout the aut­ho­rity of the owner of copy­right under this title, of copies … of a work that have been acqui­red outs­ide the United States is an infrin­ge­ment of the exclu­sive right to dis­tri­bute copies …». Die ter­ri­to­ria­len Auswirkungen der US-«First Sale Doctrine» waren aller­dings nicht gänz­lich geklärt. Wegen Urheberrechtsverletzung wurde der Student vor­erst zur Zahlung von 600.000 Dollar Schadenersatz ver­ur­teilt. Der US Supreme Court ent­schied nun in einer 6 zu 3 Entscheidung anders. Die «First Sale Doctrine» gelte auch für Werkstücke [hier: Bücher], die legal im Ausland ange­fer­tigt und dann in den USA ver­kauft werden.

Interessant sind die Argumente von Bibliotheken, Archiven, Museen, Antiquariaten etc., die auf S. 19ff. der Entscheidung dar­ge­stellt wer­den. Eine rein natio­nale Interpretation hätte u.a. den Leihverkehr von Bibliotheken, Museen usw. dra­ma­tisch behin­dert. Die Bibliotheken wären gezwun­gen gewe­sen, die Copyright-Inhaber aus­fin­dig zu machen. Eine Aufgabe, die gera­dezu unmög­lich zu erfül­len ist. Alles quasi ver­waiste Werke …

The American Library Association tells us that library collec­tions con­tain at least 200 mil­lion books publis­hed abroad (pres­um­a­bly, many were first publis­hed in one of the nearly 180 copyright-treaty nati­ons and enjoy Ameri­can copy­right pro­tec­tion under 17 U. S. C. §104, see supra, at 10); that many others were first publis­hed in the United States but prin­ted abroad because of lower costs; and that a geo­gra­phi­cal inter­pre­ta­tion will likely require the libra­ries to obtain per­mis­sion (or at least create signi­fi­cant uncer­tainty) before cir­cu­la­ting or other­wise dis­tri­bu­ting these books.

How, the American Library Association asks, are the libra­ries to obtain per­mis­sion to dis­tri­bute these mil­li­ons of books? How can they find, say, the copy­right owner of a for­eign book, per­haps writ­ten deca­des ago? They may not know the copy­right holder’s pre­sent address. Brief for American Library Association 15 (many books lack indica­tion of place of manu­fac­ture; “no prac­tical way to learn where [a] book was prin­ted”). And, even where addres­ses can be found, the costs of fin­ding them, con­ta­c­ting owners, and nego­tia­ting may be high indeed. Are the libra­ries to stop cir­cu­la­ting or dis­tri­bu­ting or dis­play­ing the mil­li­ons of books in their collec­tions that were prin­ted abroad?

Der Erschöpfungsgrundsatz exis­tiert übri­gens auch im öster­rei­chi­schen (und deut­schen) Urheberrecht und bezieht sich in ter­ri­to­ria­ler Hinsicht auf den gesam­ten EWR-Raum (EU, Island, Norwegen, Liechtenstein). Eine inter­na­tio­nale Erschöpfung wäre nach EuGH-Rechtssprechung rechts­wid­rig. Sachlich ist übri­gens in Europa das Vermieten und Verleihen vom Erschöpfungsgrundsatz aus­ge­nom­men. Das nicht­kom­mer­zi­elle Verleihen in Bibliotheken ist hier­orts des­halb ver­gü­tungs­pflich­tig und wird - unbe­merkt von den Bibliotheksbenutzern - durch die von Verwertungsgesellschaften ein­ge­zo­gene Bibliothekstantieme abgedeckt.

Die Entscheidung: http://www.supremecourt.gov/opinions/12pdf/11-697_d1o2.pdf

Schon ein­ge­ar­bei­tet in http://en.wikipedia.org/wiki/First-sale_doctrine

Zum Fall bis zur Supreme Court: http://archiv.twoday.net/stories/165211023/

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