CfA Bibliothek und digitale Edition (bis 4.1.2010)

Das Institut für Dokumentologie und Editorik <www.i-d-e.de> berei­tet ein Themenheft der Zeitschrift “Bibliothek und Wissenschaft” <www.harrassowitz-verlag.de/category_367.ahtml> für das Jahr 2011 vor und lädt inter­na­tio­nale Vertreter der Bibliotheken, der Editionswissenschaften und Editoren dazu ein, Vorschläge für wis­sen­schaft­li­che Beiträge zu fol­gen­dem Themenfeld einzureichen:

Wissenschaftliche Bibliotheken sind die ange­stamm­ten Institutionen für die Erarbeitung wis­sen­schaft­li­cher (kri­ti­scher) Editionen. Einerseits bewah­ren ihre Abteilungen für Handschriften, Nachlässe oder sel­tene Drucke die Grundlagen der phi­lo­lo­gi­schen Erschließung von his­to­ri­schem Textmaterial. Andererseits gewähr­leis­ten sie die Verfügbarkeit der in den wis­sen­schaft­li­chen Ausgaben zusam­men­ge­führ­ten Ergebnisse.

Die neuen Informationstechnologien haben die Arbeitsweisen inner­halb der Bibliotheken in vie­ler­lei Hinsicht stark ver­än­dert. Dennoch bleibt ihre vor­ran­gige Aufgabe prin­zi­pi­ell gleich: die Sicherung der Verfügbarkeit von Information, z.B. in Form von his­to­ri­schen Textdokumenten. Ohne die Bewahrung und Pflege der Dokumente durch dau­er­hafte Institutionen ist deren lang­fris­ti­ges Über­le­ben gefähr­det. Dies gilt für den Bereich der Handschriften und Druckwerke ebenso wie für die Dokumente ihrer wis­sen­schaft­li­chen Erschließung und in wohl noch stär­ke­rem Maße für den Bereich der digi­ta­len Ressourcen, wo Dokumente und Textdaten auf­grund der rasant fort­schrei­ten­den tech­ni­schen Veränderungen einem schnel­le­ren Alterungsprozess aus­ge­setzt zu sein scheinen.

Um ihrer Aufgabe wei­ter­hin gerecht zu wer­den, müs­sen sich Bibliotheken den ver­än­der­ten Bedingungen anpas­sen. In wie weit sie in der Lage sein wer­den, elek­tro­ni­sche Ressourcen nach­zu­wei­sen, dau­er­haft zu refe­ren­zie­ren und zu archi­vie­ren, ist noch nicht abzu­se­hen. Enger an die tra­di­tio­nelle Tätigkeit schließt die Lizenzierung von kos­ten­pflich­ti­gen Angeboten an. Einige Bibliotheken haben sich sogar in den Arbeitsbereich der Verlage gewagt und unter­stüt­zen (zumeist uni­ver­si­täre) Online-Verlage oder betrei­ben eigene Repositorien für elek­tro­ni­sche Dokumente. Auf der ande­ren Seite steht die kon­ti­nu­ier­li­che Umwandlung der Bücher in elek­tro­ni­sche Präsentationsformen im Rahmen gro­ßer Retrodigitalisierungsprojekte. Auch der Digitalisierung von Handschriften, bei denen es sich prin­zi­pi­ell immer um Unikate han­delt, kommt dabei eine große Bedeutung zu.

Die Editionswissenschaft hat sich mit den moder­nen Informationstechnologien ebenso stark gewan­delt. Während das ursprüng­li­che Anliegen der Editoren schon im 16. Jahrhundert war, hand­schrift­li­che Texte einer brei­ten Gruppe von Lesern zugäng­lich zu machen und die­ses Anliegen seit dem 19. Jahrhundert mit den Metho¬den der kri­ti­schen Edition wis­sen­schaft­lich reflek­tiert wurde, steht die digi­tale Edition nicht nur für leichte Verfügbarkeit, son­dern auch für ein neues Verständnis der zu edie­ren­den Texte: Sie kön­nen in digi­ta­ler Form in ihrer gesam­ten his­to­ri­schen Breite und Varianz abge­bil­det wer­den, die von unter­schied­li­chen Entwürfen bis zur Vielfalt der Rezeption reicht. Die umfas­sende Edition, die sich nicht mehr auf den edier­ten Text als qua­li­fi­zier­ten Lesevorschlag redu­ziert, son­dern die Über­lie­fe­rung unmit­tel­bar sicht­bar macht, kann in einer metho­di­schen Fortentwicklung unter dem Paradigma der vir­tu­el­len Forschungsumgebung direkt an die Bibliotheksbestände und damit auch an die Bibliotheken zurück­ge­bun­den sein.

Für Bibliotheken und Editoren erge­ben sich dar­aus unter ande­rem die fol­gen­den Fragen:

(1) Wie kön­nen Bibliotheken die Erstellung von digi­ta­len Editionen unter­stüt­zen, und wel­che Bedürfnisse haben Editoren hin­sicht­lich der Bibliotheken?

(2) Welche Formen digi­ta­ler Editionen wol­len und kön­nen die Bibliotheken unterstützen?

(3) Gibt es einen sys­te­ma­ti­schen Unterschied zwi­schen Veröffentlichung von Handschriftenbildern und kri­ti­scher Texterstellung, und sind die Digitalisierungsprogramme der Bibliotheken nicht selbst als ers­ter Schritt inkre­men­tell wach­sen­der und an Erschließungstiefe kon­ti­nu­ier­lich fort­schrei­ten­der „digi­ta­ler Editionen” zu verstehen?

(4) Wie kön­nen die Ressourcen aus den Bibliotheken (Metadaten, Bilddigitalisierung, elek­tro­ni­sche Volltexte) über Schnittstellen für die wei­tere Nutzung in der Aufbereitung (Edition) und Auswertung (inhalt­li­che Forschung) dau­er­haft ver­füg­bar gemacht werden?

(5) Welche Form muss eine digi­tale Edition haben und was ist ihr abs­trak­ter Informationsgehalt, der lang­fris­tig und von allem Medienwandel unbe­ein­träch­tigt ver¬fügbar sein soll?

(6) Wie kön­nen Bibliotheken ihrer Aufgabe der Bewahrung gerecht wer­den, wenn digi­tale Editionen zuneh­mend von Technologien abhän­gig sind, bezüg­lich deren dau­er­haf­ter Speicherung es noch wenig Erfahrung gibt? Welche Technologien sind für digi­tale Editionen sinn­voll, damit diese durch wis­sen­schaft­li­che Bibliotheken ver¬breitet und gesi­chert zu werden?

(7) Wenn die Edition einer­seits ihren Charakter wan­delt, indem sie vom Produkt zum Prozess wird und sie ande­rer­seits stär­ker an die Über­lie­fe­rung (in den Bibliotheken) rück­ge­bun­den wird, kann sich die Bibliothek dann zum „eigent­li­chen Ort der Edition” ent­wi­ckeln, der zugleich (vir­tua­li­sierte) Arbeitsumgebung und Publikationsplattform wird?

(8) Wenn in ver­netz­ten Editionen Normdaten an Bedeutung gewin­nen: wie kön­nen die Bibliotheken hier ihre Erfahrungen einbringen?

(9) Welche Rechtemodelle ver­fol­gen Bibliotheken und Editoren, um digi­tale Editionen zu ermög­li­chen, sie zu erstel­len und sie zu verbreiten?

(10) Welche Rolle spie­len auto­ma­ti­sche Transkriptionsprogramme (OCR) für die Über­füh­rung von uni­ka­lem Bibliotheksmaterial in für die wei­tere wis­sen­schaft­li­che Verarbeitung nutz­ba­ren Lesetext?

(11) Können Bibliotheken “vir­tu­elle Forschungsumgebungen” für die Edition von Bibliotheksbeständen schaf­fen? Welchen Beitrag kön­nen und sol­len Bibliotheken zu vir­tu­el­len Forschungsumgebungen von Editoren leisten?

(12) Erweitert sich die Zielgruppe der kri­ti­schen Edition durch den Vermittlungskanal „Internet” von den Benutzern wis­sen­schaft­li­cher Bibliotheken hin zu einer grö­ße­ren, hete­ro­ge­nen Öffentlichkeit?

Termine: 
Vorschlagsskizzen sol­len nicht mehr als 2000 Zeichen umfas­sen und bis zum 4. Januar 2010 beim IDE <buw@i-d-e.de> ein­ge­gan­gen sein. Auf der Basis der ein­ge­gan­ge­nen Vorschläge wer­den die Herausgeber von IDE und BuW gemein­sam die Einladungen zur Ausarbeitung der jewei­li­gen Texte aus­ge­ben. Diese sol­len zwi­schen 15.000 bis 45.000 Zeichen umfas­sen und bis zum 31. Oktober 2010 zur Begutachtung vor­lie­gen. Das Erscheinen des Bandes soll dann zum Anlass genom­men wer­den, beson­ders gelun­gene Beiträge auf einer inter­na­tio­na­len Tagung öffent­lich zu diskutieren.

Kontakt: 
buw@i-d-e.de

Quelle: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=12805

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