Editorial (1998/2006)

Institutionalisierte Bibliotheken und Frauenforschungsliteratur

Der Anstieg der Wissensproduktion aus der Frauenforschung / feministischen Forschung / Geschlechterforschung seit den 80er Jahren erfordert auch von institutionalisierten Bibliotheken spezielle Maßnahmen: sie haben sich diesen geänderten informationswissenschaftlichen Anforderungen zu stellen und sollten damit auch eine wichtige kulturpolitische Aufgabe erfüllen.

In institutionalisierten Bibliotheken, die keine frauenspezifische Informations- und Dokumentationseinrichtung (wie z.B. ARIADNE an der Österreichischen Nationalbibliothek) haben, sollten Management und Engagement auf folgende Schwerpunkte gesetzt werden – deren Durchführbarkeit am besten durch frauenspezifische FachreferentInnen gewährleistet wäre:

  • sie sollten sich der Nachfrage dieser publizierten Forschungsergebnisse (Frauenliteratur, Frauenforschungsliteratur, feministischer Grundsatz- und Zeitschriftenliteratur) stellen, eine spezifische Ankaufspolitik betreiben, die nicht nur die leicht zugängliche Verlagsliteratur, sondern auch die Graue Literatur einschließt. Mit diesem Service wird speziellen „Marktbedürfnissen“ entsprochen.
  • dieser frauenspezifische Bestand sollte sichtbar und zugänglich gemacht werden – was auch Entwicklung und Anwendung spezieller Bearbeitungskriterien erfordert (Systematiken, Thesauri); Übernahme dieser Kriterien auch in die üblichen bibliothekswissenschaftlichen Regelwerke
  • BenutzerInnenfreundliches Angebot an aktuellen bio-bibliographischen Nachschlagewerken und Datenbanken (auch CD-Roms), historischem Quellenmaterial und Originaldokumenten
  • Erschließung frauenspezifischer Materialien (historische Quellen und Originaldokumente) durch Digitalisierungsmaßnahmen. Beispiel: Ariadne: „Frauen in Bewegung“: http://www.onb.ac.at/ariadne/vfb/index.htm
  • durch verstärkte Ausstellungstätigkeit und ein erweitertes Angebot des frauenspezifischen Bestandes der jeweiligen Bibliothek, auch im Internet, kann regional und international ein großes Publikum angesprochen werden und damit ein wichtiger Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit abgedeckt werden
  • Aktivierung von Vernetzungen (Informationsbedürfnisse können dadurch besser gestillt werden) auch mit autonomen Einrichtungen; internationale Kontakte bei frauenspezifischen Fachkonferenzen oder beim IFLA-Round Table for Women’s Issues (siehe dazu „Goals, 1998 – 2001 unter www.ifla.org/VII/rt14/rtwi.htm) knüpfen, wo die Bearbeitung von frauenspezifischer Literatur in „mainstream libraries“ immer wieder ein Themenschwerpunkt ist. Ein internationales Forum würden die „Konferenz der Nationalbibliotheken“ bieten, wo sich jeweils ein Meeting mit „ Mainstreaming Women’s Studies in National Libraries“ befasst.


Im Berufsbild von BibliothekarInnen ergeben sich, durch die Änderungen in der heutigen Informationslandschaft und den rasanten technologischen Fortschritt (wie elektronische Datenbanken, sofortige Verfügbarkeit von Information im Netz) einerseits massive Herausforderungen aber auch enorme Chancen. Hier entstehen interessante Zusammenarbeitsbereiche auch innerhalb der VÖB-Kommissionen (wie z.B. EDV, Medien, Öffentlichkeitsarbeit).

Doch ohne Geschichte keine Gegenwart und Zukunft: eine umfangreiche Aufarbeitung der österreichischen Bibliothekarinnengeschichte (Berufs-, Umfeld, Arbeitsbedingungen) fehlt bis dato. Hier sollten über die interne Kommissionsarbeit, die Kommission für Ausbildungsfragen und die Zusammenarbeit mit den Grundausbildungslehrgängen für das Bibliothekswesen und die Fachhochschule für Informationsberufe in Eisenstadt hinaus, intensivere Kontakte mit anderen informationswissenschaftlichen Vereinen wie z.B. FRIDA (Verein zur Förderung und Vernetzung frauenspezifischer Informations- und Dokumentationseinrichtungen in Österreich) gepflegt werden. Erste Aufarbeitungen zur Thematik bietet das seit 2005 laufende Projekt „Verfolgte Bibliothekarinnen im Dritten Reich“ im Rahmen von BiografiA: www.biografia.at am Institut für Wissenschaft und Kunst. Das 2001 abgeschlossene Projekt KolloquiA hat sich um die Erarbeitung feministischer Inhalte in der Aus- und Weiterbildung im informationswissenschaftlichen Bereich bemüht: Siehe dazu www.frida.at/kolloquia.htm

Die Arbeit der Kommission für Frauenfragen kann eine Mittlerinnenfunktion in der frauenspezifischen Informationskette: Wissenschaftlerin/Autorin/Herausgeberin-VerlegerIn-Bibliothek-Benutzerin erfüllen und damit diese relevante Literatur sichtbar machen und späteren Generationen überliefern.

Christa Bittermann-Wille
Kommission für Frauenfragen
1998 (überarb. 2006)