Institut für Kultur- und Sozialanthropologie Universität Wien
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Zur Geschichte des Instituts


Vom Lehrstuhl für Anthropologie und Ethnographie zum Institut für Völkerkunde

1912 wurde an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien ein Lehrstuhl für „Anthropologie und Ethnographie“ gegründet, auf den der Wiener Arzt Rudolf Pöch berufen wurde. Im Bereich der Ethnographie trat Pöch in besonderer Weise durch frühe, aber nicht unproblematische Film- und Tondokumentationen hervor. Nach seinem Tod wurde der Schlesier Otto Reche (1924–1927) Pöchs Nachfolger in Wien. Bereits hier betrieb Reche eine intensivierte Unterordnung der „Ethnographie“ unter die physische Anthropologie: Dieses Programm perfektionierte Reche später in Leipzig, wo er bis 1945 zu einem der prominentesten Vertreter der Integration der „Völkerkunde“ unter die Primate einer von der Nazi-Ideologie geprägten, rassistischen Anthropologie wurde. Reche wurde 1945 verhaftet; er übte danach keine universitären Funktionen mehr aus.
Nach Reches Übersiedlung von Wien nach Leipzig betrieb Pater Wilhelm Schmidt, Begründer und Hauptvertreter der Missionsschulen der SVD (Societas Verbi Divini) in St. Gabriel bei Mödling und anderswo, die Ausweitung und Trennung von Ethnographie und physischer Anthropologie in Wien. 1929 gingen daraus zwei Institute hervor: das Institut für Völkerkunde und jenes für physische Anthropologie. Erster Vorstand des Instituts für Völkerkunde war Pater Wilhelm Koppers, Mitbruder und engster wissenschaftlicher Mitarbeiter von Pater Wilhelm Schmidt.
Gemeinsam hatten Schmidt und Koppers die so genannte Wiener Schule der Kulturkreislehre entworfen, die bis in die 1950er Jahre – mit Ausnahme der Nazi-Periode – die wissenschaftliche Ausrichtung des Wiener Instituts charakterisierte. Dieser theologisch geprägte Forschungsansatz ging von der Grundvorstellung aus, dass die „primitivsten“ Völker der Schöpfung am nächsten stünden und sich daher bei ihnen ein „Urmonotheismus“ nachweisen lassen müsse. Nichtsdestoweniger enthalten die empirischen Arbeiten der Schmidt-Schüler (Gusinde, Schebesta, Haekel, Henninger) brauchbare Teileinsichten. Bis zur Zeit rund um den „Anschluss“ war an diesem Institut außerdem der – in den Nazijahren dann in die Emigration gezwungene – Südostasien-Spezialist Robert Heine-Geldern tätig, der eine Art von nicht-theologischem, aber diffusionistischem Gegengewicht zur „Wiener Schule“ darstellte. Eine andere Art von Gegengewicht repräsentierte zur selben Zeit der Indien- und Himalaya-Spezialist Christoph Fürer-Haimendorf, der eher funktionalistisch und ethnosoziologisch orientiert war und (nach anfänglichen Sympathien für die Hitler-Bewegung) 1939 bei Kriegsausbruch in Indien bei den Briten blieb. Er wurde nach 1945 Mitarbeiter und führendes Mitglied der größten Facheinrichtung Europas, nämlich der London School of African and Oriental Studies.

Die Periode des Nationalsozialismus

Nach der Okkupation Österreichs durch das Dritte Reich wurden in der Phase der NS-Herrschaft (1938-1945) die Vertreter des SVD ihrer universitären Ämter in wien enthoben. Unter dem neuen, aus Berlin berufenen, Vorstand Hermann Baumann wurden in der Folge Prioritäten der Forschung gesetzt, die mit den Zielen des totalitären Regimes völlig konform gingen. Baumann war Afrika-Spezialist und Vertreter des nicht-theologischen Zweiges der Kulturkreislehre. Er war frühes NSDAP-Mitglied, und arbeitete intensiv mit an Plänen für koloniale Rückeroberungen und Expansionen von Hitlerdeutschland in Afrika – die durch den Kriegsverlauf aber nie realisiert wurden. Baumanns wissenschaftliche Arbeiten sind ebenfalls nicht frei von tendenziösen Elementen. Insbesondere sind seine Betrachtungen zur Kulturgeschichte Afrikas durchzogen von der unhaltbaren Überlegung, dass diese hauptsächlich durch die Expansionen „höhererstehender, hellhäutiger, und kriegerischer“ Elemente aus dem Norden und Nordosten geprägt gewesen sei. Gleichwohl stellen Baumanns zusammenfassende Darstellungen zur sozio-kulturellen Vielfalt Afrikas einen wenn auch keineswegs unproblematischen, so zugleich doch unbestreitbaren Beitrag zur Kenntnis Afrikas in der Mitte des 20. Jh. dar. Mit Ende des Krieges ging auch Baumann zurück nach Westdeutschland, wo er schließlich eine Professur in München (bis 1975) ausübte.
Seit den 1980er Jahren arbeitet das Institut an der systematischen Aufarbeitung dieser Phase seiner Geschichte (s. Literatur).

Das Ende der Wiener Schule der Kulturkreislehre und die empirisch-historische Ausrichtung

Nach dem Krieg wurde zunächst das Vorkriegsprogramm inhaltlich wie personell unter der Leitung von Wilhelm Koppers wieder aufgenommen. Man kann diese Zeit auch als Endphase der „Wiener Schule“ bezeichnen, da die theoretisch-methodische Sackgasse dieser Richtung nicht mehr länger vertreten werden konnte. 1956 wurde schließlich unter führender Beteiligung von Josef Haekel und Robert Heine-Geldern dieser Ansatz für überholt und beendet erklärt.
Die Zeit der großen Theorien und Methoden war vorerst vorüber. Zwischen 1957 und 1973 forcierte Josef Haekel die empirische Arbeitsweise, während Walter Hirschberg auf der Grundlage seines historischen Vorverständnisses die „Ethnohistorie“ zu entwerfen begann.

Anbindung an westeuropäische Traditionen: Die Betonung der sozial- und kulturwissenschaftlichen Dimensionen

Ab 1975 wurden unter Walter Dostal (emeritiert seit 1996), ab 1980 gemeinsam mit Karl R. Wernhart (im Ruhestand seit 2002), neue Prioritäten in Forschung und Lehre gesetzt. Gegenüber dem bislang eher historischen Verständnis der Disziplin in Wien wurden nunmehr die sozialwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Dimensionen des Fachs akzentuiert. Ferner sollte die in Wien ausgeübte Ethnologie verstärkt in internationale Traditionen und Debatten eingebunden werden.
Unter Karl R. Wernhart und Andre Gingrich (Professur seit 1998) wurde der Name des Instituts zunächst in Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie geändert und später zu Institut für Kultur- und Sozialanthropologie verkürzt. Die neue Namensgebung soll auf den kontextuellen Pluralismus von Wissenschaftstraditionen und zeitgenössischen Forschungsfeldern hinweisen, in welchen sich die MitarbeiterInnen positionieren. Im Herbst 2001 wurde Thomas Fillitz neuer Vorstand des Instituts. Die kritische Aufarbeitung der Institutsgeschichte, die neue internationale Ausrichtung und die hohe Qualität der Forschungen von AbsolventInnen und wissenschaftlichem Institutspersonal fanden um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert vielfältige nationale und internationale Anerkennung in einer Weise, die beispiellos in der Institutsgeschichte ist. Sie zeigt, dass es gelungen ist, die kritische Sichtung der eigenen Vergangenheit mit einem neuen Kapitel von gegenwarts- und zukunftsorientierter Lehre und Forschung zu verbinden.


Literatur:
Linimayr, Peter (1994)  Wiener Völkerkunde im Nationalsozialismus: Ansätze zu einer NS-Wissenschaft. Frankfurt/M.: Lang.
Dostal, Walter (1994)  „Silence in the darkness. An essay on German ethnology during the National Socialist period“, Social Anthropology/Anthropologie Sociale 2 (3): 251–262.
Dostal, Walter & Andre Gingrich (1996)  „German and Austrian anthropology“, in Alan Barnard & Jonathan Spencer (Hg.), Encyclopaedia of Social and Cultural Anthropology. London: Routledge.
Gingrich, Andre (2005a)  „The German-speaking Countries“, in Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology – The Halle Lectures. Chicago: University of Chicago Press.
Gingrich, Andre (2005b)  „Remigranten und Ehemalige: Zäsuren und Kontinuitäten in der universitären Völkerkunde Wiens nach 1945“, in Margarete Grandner, Gernot Heiss & Oliver Rathkolb (Hg.), Die Universität Wien 1945–1955 (Querschnitte: Einführungstexte zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte 19). Innsbruck: Studienverlag.
Pusman, Karl (1991)  Die Wiener Anthropologische Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte auf Wiener Boden unter besonderer Berücksichtigung der Ethnologie. Dissertation, Universität Wien.
Smetschka, Barbara (1997)  Frauen – Fremde – Forscherinnnen. Leben und Werk der Absoventinnen des Wiener Instituts für Völkerkunde 1945–1975: Ein Beitrag zur Wissenschafts- und Frauengeschichte. Frankfurt/M.: Lang.

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