11.1. – INTERAKTIONEN – Elisa Heinrich: Weibliche Homosexualität (Deutschland, 1870-1914). Reisen eines Konzepts durch Sexualwissenschaft, Strafrecht und Frauenbewegungen. Werkstattbericht

11.Jan 2018

Donnerstag, 11. Jänner 2018, 12:00
Seminarraum 1, Institut für Zeitgeschichte
Universitätscampus, Spitalgasse 2-4/Hof 1, 1090 Wien

Die Sexualwissenschaft erfand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der ‚weiblichen Homosexuellen’ eine neue sexualpathologische Kategorie. Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung wurde diese Kategorie in Deutschland aber erst zu dem Zeitpunkt, als eine Überarbeitung des Reichsstrafgesetzbuches von 1909 vorsah, den § 175, der ‚Unzucht‘ zwischen Männern unter Strafe stellte, auf Frauen auszudehnen. Die vielfältigen Interventionen unterschiedlicher politischer Akteur_innen in diesen Prozess machen deutlich, dass in verschiedenen Öffentlichkeiten massiv um das Konzept weiblicher Homosexualität gerungen wurde.

Der Vortrag stellt Bezugspunkte und Interaktionen zwischen der sich etablierenden Sexualwissenschaft, dem Rechtsdiskurs und Frauenbewegungen ins Zentrum und analysiert die Diskursivierung und Etablierung ‚weiblicher Homosexualität‘ in diesem Spannungsfeld. Entlang ausgewählter Quellen – aus den Beständen des Bundes deutscher Frauenvereine (BDF) und des deutschen Zweigs der Internationalen Abolitionistischen Föderation (IAF) – wird gefragt, welche Deutungen das Konzept während seiner Reise durch verschiedene Diskursfelder, insbesondere in der Phase der Strafrechtsreform, erfuhr. Exemplarisch wird auf den Brief­wechsel zwischen Marie Hornschuck (1886-?, Bild), Buchhändlerin in Nürnberg, und der Frauenbewegungs­aktivistin Käthe Schirmacher (1865-1930) zwischen 1911 und 1912 eingegangen, in dem sowohl intime Beziehungen zwischen Frauen als auch deren drohende Verfolgung verhandelt werden.

Elisa Heinrich hat Geschichte in Wien und Salzburg studiert. Anschließend als wissenschaftliche Mitarbeiterin in zeithistorischen Forschungsprojekten u.a. an den Universitäten Innsbruck und Wien tätig, zuletzt im FWF-Projekt „Engagement und Professionalisierung. Käthe Schirmacher (1865-1930) – Selbstentwürfe zwischen radikaler Frauenbewegung und völkischem Nationalismus“. Seit 2/2017 Uni:Docs-Stipendiatin am Institut für Zeitgeschichte mit dem Dissertationsprojekt „Zur Diskursivierung der ‚weiblichen Homosexuel­len‘ – Transfers zwischen Sexualwissenschaften, Rechtsdiskurs und Frauenbewegungen in Deutschland (1870-1914)“.