11.6. – Gérard Grelle: Ernst Karl Winter als Historiker

11.Jun 2018

Mo 11. Juni.2018, 18.00 Uhr
Institut für Zeitgeschichte, Seminarraum 1
Spitalgasse 2-4, Hof 1, 1090 Wien

E.K. Winter (1895-1959) gilt allgemein als Soziologe und Politiker, wenig bis gar nicht als Historiker. Ist er ein Historiker? Promoviert hat er in Rechts- und Staatswissenschaften, weder in Geschichte, noch in Zeitgeschichte.

E.K. Winter verfolgte sein Leben lang ein politisches Ziel, eine „Idee“ im Sinne der Ideenlehre Platons. Es war die „österreichische Idee“, die Suche nach der österreichischen Identität der Menschen seiner Heimat, ihrer Nation, ihres Staates. Umgeben, gefangen von der damalig herrschenden deutschnationalen Ideologie versuchte er sein Leben lang, „das Österreichische“ zu umreißen. Dafür bemühte er sich unermüdlich um eine neue, „österreichische“ Geschichtsauffassung.

Seine Arbeit als Historiker weist drei Phasen auf: Eine „romantische“ in den 20er Jahren, eine „zeitgeschicht­liche“ in den 3Oer Jahren, eine „allgemeingeschichtliche“ im Exil der 40er Jahre.

In seinen ersten Veröffentlichungen („Nibelungenehre – Nibelungentreue“ und „Austria Erit In Orbe Ultima“, 1921) schreibt er die Geschichte Österreichs von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg als eine „monarchische“, „dynastische“ Geschichte, die sich immer mehr von der deutschen Geschichte abhebt. Diese Geschichte wird als ein „Geheimnis“, ein „Mysterium“ dargestellt.

In einer zweiten Phase, als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernehmen und die „Selbst­ausschaltung“ des österreichischen Parlaments erfolgt, nimmt Winter die letzten 15 Jahre unter die Lupe und analysiert mit politischer Schärfe Schuld und Verdienst der politischen Lager sowie der Regierungs­politik.

Im amerikanischen Exil der 40er Jahre liefert er uns in zwei Hauptwerken „Geschichte des österreichischen Volkes“ in deutscher Sprache, eine allgemeine Geschichte Österreichs, und „Austria“ in englischer Sprache, die Zeitgeschichte der letzten fünfzig Jahre, nicht nur politisch und sozial, sondern auch geistesgeschicht­lich. Beide Werke sind jeweils nur in Manuskriptform erhalten.

 

Gérard Grelle (geb. 1953), Studium der Germanistik in Frankreich (Orléans, Tours und Paris), Doktorat in Paris VIII, Lektor am Institut für Romanistik der Universität Wien (1978-1991), seit 1991 Dozent für Deutsche bzw. österreichische Landeskunde an der Geisteswissenschaftlichen Universität Limoges (Frankreich), Habilitationsschrift über Ernst Karl Winters politisches Denken (2013).

 

Eine Veranstaltung des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, gefördert vom Dekanat der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät