von Helmut Prochart
Leon Zelman hat eine Vision. In seiner Vision treffen sich junge
Menschen aus der ganzen Welt in einem Haus an der Ringstraße. Die Jugendlichen
forschen, studieren, setzen sich mit der Vergangenheit auseinander. Leon Zelman
hat jedoch ein Problem. Er träumt seinen Traum in einem Land, in dem Menschen
mit Visionen zum Arzt geschickt werden. Die Realität sieht so aus: Im Land der
Bürokratie brauchen Bürokraten mehr Büroraum. Daher wird flugs die sogenannte
BIG-Novelle beschlossen. Man ahnt, dass BIG nicht für GROSS steht. Nein, BIG
heißt „Bundesimmobiliengesellschaft-Gesetz“ und stellt die rechtliche Grundlage
der Nutzung des Palais Epstein für „Parlamentszwecke“ dar. Im Februar 1999
wurde das Epstein nämlich in die „Fruchtniessung der BIG“, wie es im
Amtsdeutsch so schön heißt, übertragen und Zelman damit aus seinen Träumen
gerissen.
Immerhin hat der Nationalrat gleichzeitig beschlossen, einen
Ideenwettbewerb für ein „Haus der Toleranz/Geschichte anderswo“ auszuschreiben.
Doch auch in diesem Zusammenhang stößt man auf österreichische Eigenheiten. Ein
„rotes“ und ein „schwarzes“ Ministerium arbeitet schön für sich – frei nach dem
Motto „nur nicht über den eigenen Tellerrand blicken“ – eine Studie aus.
Österreich zukunftsreich?
Geht es nach Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer, so soll ein „Haus
der Geschichte“, „gedacht als eine umfassende Darstellung der gesamten Zweiten
Republik“ (Zitat Wolfgang Schüssel), errichtet werden. Inhaltlich
verantwortlich zeichnet dafür der Grazer Professor Stefan Karner, der auch als
Leiter der sogenannten Denkwerkstatt „Österreich zukunftsreich“ fungiert.
„Forschung und Vermittlung müssen frei bleiben von (tages-)politischen
Einflüssen und Zielvorgaben“, ist dem ursprünglichen (bereits im Dezember 1998
vorgestellten) Konzeptpapier Karners mit dem Titel „Haus der Zeitgeschichte“ zu
entnehmen. Besucht man die Homepage der Initiative „Österreich zukunftsreich“
fliegt einem jedoch gleich zu Beginn das Mascherl von Wolfgang Schüssel
entgegen. Der VP-Chef ist großzügiger Förderer der Aktivitäten Karners und hat
die Gründung der Denkwerkstatt ermöglicht. Auch das Proponentenkomitee, das die Studie erstmalig
präsentierte, liest sich wie ein "Who is Who" der Volkspartei: Von
Andreas Khol über Alois Mock bis hin zum ehemaligen Vorsitzenden der VP-nahen
Studentenfraktion, Wolfgang Gattringer, ist alles vertreten, was in der ÖVP
Rang und Namen hat(te) und vielleicht einmal haben wird. Die einzige wirklich
überparteiliche Persönlichkeit in diesem Komitee, Simon Wiesenthal, hat sich
vom ersten Entwurf der VP-Denkwerkstatt distanziert, weil darin das Wort
"Holocaust" nicht vorkam.
Reflex der Regierungssituation.
Im Gegensatz zur VP-Studie sieht der „SPÖ-Plan“ (Zitat Andreas Khol)
unter Wissenschaftsminister Caspar Einem den Schwerpunkt nicht in der Zweiten
Republik, sondern in der NS-Zeit. Der Holocaust als „Zäsur in der
Zivilisationsgeschichte Europas“ in diesem Jahrhundert stellt – gemäß der von
Professor Anton Pelinka erarbeiteten Machbarkeitsstudie – den Ausgangspunkt für
die Bestimmung eines „Hauses der Toleranz“ dar. Pelinka betont jedoch, dass er
„nicht als SPÖ-Vertrauter gebeten wurde“, eine Studie zu erstellen. „Der
Auftrag ging an mich, weil ich im Vorfeld der Debatte in Zusammenarbeit mit
Prof. Zelman erste Überlegungen zur Nutzung des Palais Epstein angestellt
habe“, erklärt Pelinka. Die seltsame Vorgangsweise, wonach zwei Ministerien
parallel Machbarkeitsstudien in Auftrag geben, bezeichnet der Innsbrucker
Politologe als einen „Reflex der Regierungssituation“.
Kritikhaus und Jubelhaus.
Die Beteuerungen Pelinkas können jedoch den Eindruck nicht trüben, dass
die Große Koalition in ihrem Wahn der proporzmäßigen Aufteilung des Landes
nicht einmal vor der Geschichte halt macht. VP-Klubobmann Andreas Khol hat mit
seinem Debatten-Beitrag diesen Eindruck illustriert. Khol tritt nämlich dafür
ein, zwei Häuser zu errichten. Ein „Haus der Toleranz“ als „Gedenkstätte des
Unrechts, das an vielen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern begangen wurde“
und ein „Haus der Geschichte“, das die Erfolge der Zweiten Republik ausstellen
soll. Ein „Kritikhaus und ein Jubelhaus“ also, wie es Robert Menasse treffend
formulierte. Das „Haus der Geschichte“ ist ein „Projekt der
Bürgergesellschaft“, will heißen: eine Mission für die Volkspartei. Um die
Aufarbeitung des aus der österreichischen Geschichte quasi ausgelagerten
Holocaust darf sich der Koalitionspartner kümmern.
Wie geht es weiter?
Wie es weitergeht, ist unklar. „Die weitere Vorgangsweise ist offen und
hängt wohl auch von der Regierungsbildung ab“, meint Pelinka. Aus dem
Unterrichtsministerium heißt es, dass die zitierten Studien bis „Ende Oktober
an das Parlament weitergeleitet werden müssen. Dann beginnt erst der
Diskussionsprozess über eine mögliche Realisierung.“ Gehrer kann sich eine
Integration der Vorstellungen von Pelinka in die Karner-Studie vorstellen. Ob
man sich tatsächlich auf einen gemeinsamen Weg einigen können wird, darf
bezweifelt werden, da die inhaltlichen Unterschiede sehr groß sind.
Menschen mit Visionen, allen voran Leon Zelman, bleiben auf der Strecke.
Sie müssen mit ansehen wie ihre Träume demontiert werden – durch
Spitzenpolitiker, die einerseits ein symbolträchtiges Haus in „Bürokratie-Raum“
umfunktionieren und andererseits vor parteipolitischer Vereinnahmung der
Geschichte nicht zurückschrecken.
© 1999 by standpunkt
– die liberale Zeitung für Wien