DIE LAGER-SS MAUTHAUSEN/ THE MAUTHAUSEN CAMP SS

„Alltag“ im KZ Mauthausen: Zwei SS-Leute ruhen in der Sonne (Foto: MHC – Fons Amical de Mauthausen)


Projektleitung: Perz Bertrand, Assoz.Prof. Univ.Doz. Dr.
ProjektmitarbeiterInnen: Magdalena Frühmann, Mag. / Christian Rabl, Mag.
Finanzierung: FWF-Projekt P 22848-G18

In das zwischen 1938 und 1945 bestehende KZ Mauthausen mit seinem Zweiglager Gusen und den etwa 40 Außenlagern wurden insgesamt ca. 200.000 überwiegend männliche Personen aus dem gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich eingewiesen. Mit über 90.000 Toten als Folge von katastrophalen Haftbedingungen, schwerer Zwangsarbeit und gezielten Tötungen zählt der Lagerkomplex Mauthausen zu den KZs mit der höchsten prozentuellen Todeszahl. Dieses Projekt stellt erstmals die Frage nach dem gesamten Personal eines Lagerkomplexes, das in einem hohen Ausmaß für das Massensterben direkt verantwortlich war: gefragt wird nach Identität und Herkunft, nach der Aufgabenteilung, den Betriebs- und Dienststrukturen im Lager, nach Handlungsräumen ebenso wie nach kollektiver wie individueller Involvierung in das Gewaltsystem.

Die Mauthausener Lager-SS bestand aus dem mehrere hundert Personen umfassenden, in sechs Abteilungen gegliederten Kommandanturstab, zuständig für den Gesamtbetrieb des Lagerkomplexes und den Wachmannschaften mit fast zehntausend Soldaten im Frühjahr 1945. Darüber hinaus waren u.a. dutzende SS-Aufseherinnen und ziviles Personal vor Ort. In der Endphase Ziel von Evakuierungsmärschen, verfügte der KZ-Komplex Mauthausen über den höchsten Personalstand im gesamten KZ-System.

Der Kommandanturstab rekrutierte sich durchgängig aus deutschen, österreichischen und sudetendeutschen SS-Angehörigen mit im Vergleich zu anderen Lagern sehr geringer Fluktuation. Viele hatten zuvor bereits mehrjährige Dienst- und Gewalterfahrung in der bewaffneten SS, spezifische Vorbildung besaßen nur leitende Angehörige der Abteilung Verwaltung sowie SS-Ärzte. Die arbeitsteilige Ausübung von Gewalt erfolgte im Rahmen einer vorgegebenen Organisationsstruktur und definierter Aufgabenbereiche nicht nur auf Befehl. Eigeninitiative und Antizipation der Erwartungen vorgesetzter Dienststellen spielten eine ebenso wichtige Rolle.

Die Wachmannschaften rekrutierten sich zunächst aus den SS-Totenkopfverbänden, um ab Kriegsbeginn von bereits älteren sowie nicht frontverwendungsfähigen Männern der Allgemeinen SS abgelöst zu werden. Der massive Personalbedarf ab Mitte des Krieges wurde durch Zuweisung junger Männer aus den deutschsprachigen Minderheiten Südosteuropas bewerkstelligt, ab 1944 durch Überstellung von Wehrmachtssoldaten. Dazu kamen Sondergruppen wie ukrainische Wachsoldaten, die zuvor Dienst in den Vernichtungslagern im besetzten Polen versehen hatten. In den letzten Tagen vor der Befreiung stellten Wiener Feuerwehrleute die Bewachung.

Die Untersuchung macht deutlich, dass insbesondere der Kommandanturstab seine Tätigkeit der Bekämpfung tatsächlicher wie vermeintlicher politisch-ideologischer Gegner sowohl als Kriegsdienst wie auch als normale Arbeit auffasste, die sich von anderen Tätigkeiten nicht grundsätzlich unterschied. Die Angehörigen der Lager-SS kamen aus allen Teilen der Gesellschaft, wie die im Projekt erfolgte sozialstrukturelle Analyse auf Basis der Erfassung von fast 4000 Personen ergab. Vor allem Angehörige des Kommandanturstabes, die oft über Jahre mit ihren Familien im Umfeld der Lager wohnten, standen nicht nur dienstlich in engem Kontakt mit lokalen Behörden, sondern waren in einem hohen Ausmaß trotz anfänglicher Konflikte in die örtliche Gesellschaft integriert. Darauf verweisen u.a. Eheschließungen mit Frauen aus der lokalen Bevölkerung, der Besuch der örtlichen Schulen durch Kinder der SS-Familien ebenso wie die regelmäßige Teilnahme an örtlichen Festlichkeiten wie Sportereignissen – so spielte die SS-Mannschaft Mauthausen in der Regionalliga erfolgreich Fußball – oder die Inanspruchnahme von SS-Ärzten durch die lokale Bevölkerung.

Das hohe Maß an Integration der Lager-SS Mauthausen in die NS-Gesellschaft kann mit erklären, warum die Integration so vieler ihrer Angehöriger in die Nachkriegsgesellschaften weitgehend geräuschlos verlief.