Engagement und Professionalisierung. Käthe Schirmacher (1865-1930) – Selbstentwürfe zwischen radikaler Frauenbewegung und völkischem Nationalismus

Projektleiterin: a.o. Univ.Prof.in Dr.in Johanna Gehmacher
ProjektmitarbeiterInnen: Mag.a Elisa Heinrich, Dr.in Corinna Oesch
Laufzeit: 01.07.2013 – 30.06.2017
Finanzierung:
FWF (Projektnummer P 25705-G16)
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Um 1900 suchten in Europa und Nordamerika viele Frauen aus bürgerlichem Milieu nach neuen gesellschaftlichen Positionierungen: junge weibliche Mittelschichtsangehörige strömten zunehmend auf die Arbeitsmärkte und wiesen traditionelle Lebensentwürfe zurück. Die Ursachen dafür sind in den gravierenden sozialstrukturellen Umbrüchen der sich entwickelnden Industriegesellschaften mit ihren wiederkehrenden Krisen zu suchen. Wurden unter dem topos der „Frauenfrage“ damit verbundene Gegensätze politisch verhandelt, so spiegelte sich in Begriffen wie jenem der „modernen Frau“ die Suche nach Modellen weiblicher Individualität die von den Frauenbewegungen angestoßen wurde, aber in weitaus größeren gesellschaftlichen Kontext Resonanz, aber auch Widerstand fand.

Ziel des hier vorgeschlagenen Projektes ist es, Diskurse und Konfliktfelder zu analysieren, die im Kontext der von Frauenrechtsaktivistinnen angestrebten Transformation der hegemonialen weiblichen Subjektivierungsweise Bedeutung erlangten. Die in diesem Zusammenhang entwickelten Forschungsfragen sollen exemplarisch anhand von Biographie und Werk der 1865 in Danzig geborenen Frauenrechtsaktivistin und späteren völkischen Nationalistin Käthe Schirmacher untersucht werden. Die Fallstudie zu einer Protagonistin, die als eine der ersten Frauen Deutschlands ein Doktorat erwarb und als unabhängige Buchautorin und Journalistin ihr Leben verdiente, wird innovative Thesen und Ergebnisse in mehreren Forschungskontexten erbringen. Sie wird zur Frauenbildungs- und Berufsgeschichte beitragen und dabei neue Thesen zur Durchsetzung des Universitätsstudiums von Frauen und ihrer Integration in höhere Berufe sowie insbesondere zur Geschlechtergeschichte des Journalismus erlauben. Sie wird überdies differenzierte Einsichten sowohl in die internationale Frauenbewegungsgeschichte ermöglichen als auch neue Perspektiven auf die Geschichte nationalistischer Bewegungen in Deutschland am Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnen. Die Analyse der umfangreichen wissenschaftlichen, literarischen und journalistischen Schriften von Käthe Schirmacher wird differenzierte Einblicke in spezifische Interpretations- und Deutungsmuster im Kontext dieser unterschiedlichen Bewegungen eröffnen. Zentrale Fragen des Projektes werden dabei u.a. auf Geschlechterkonzepte und unterschiedliche Formulierungen der „Frauenfrage“ wie auch auf die Zunahme nationalistischer und rassistischer Identifikationen in öffentlichen Diskursen vor dem Ersten Weltkrieg fokussieren.

In Verbindung mit diesen thematischen Perspektiven wird das Projekt die theoretische Reflexion biographischer Forschung in einem interdisziplinären Kontext vorantreiben. Ausgehend von Konzepten, wie sie unter anderem in der Frauen- und Geschlechtergeschichte entwickelt wurden, werden neuere Zugangsweisen biographischer Forschung und Darstellung diskutiert und für eine theoretisch reflektierte Einbeziehung biographischer Perspektiven in die Geschichte sozialer Bewegungen wie auch in die Bildungsgeschichte plädiert werden. Das Projekt wird methodisch-theoretisch an einen aktuellen Vorschlag zu Verbindung diskursanalytischer und biographischer Ansätze anknüpfen und dabei einen besonderen Fokus auf die Analyse von Selbstentwürfen und autobiographischen Texten und die ihnen innewohnenden Zeitperspektiven legen. Ziel des Projektes ist es, die Diskussion über offene theoretische und methodologische Fragen biographischer Forschung voranzutreiben und neue Formen des biographischen Schreibens zu entwickeln.