An dieser Lehrveranstaltung nahmen 18 Studierende aus dem Studium Lehramt Geschichte, Diplomstudium Geschichte, Diplomstudium Kunstgeschichte, MA Zeitgeschichte, MA Historisch-kulturwissenschaftliche Europaforschung und des Doktoratsstudiums teil. Angeboten wurde die Exkursion von Dr. Florian Freund und Dr. Hans Safrian im Sommersemester 2012.
Reiseroute
Mittwoch, 30.05.2012: Ankunft auf Kreta
Donnerstag, 31.05.2012 Landung der Wehrmachtssoldaten auf Kreta
Flugfeld und „Schlachtfeld“ in Maleme (Foto 2-3)
Deutscher Soldatenfriedhof in Maleme, „Höhe 107“ (Foto 4-6)
Kondomari: „Vergeltungsmaßnahmen“ an Zivilisten Mai 1941
Freitag, 01.06.2012 Militärische Besatzung Kretas / Jüdische Gemeinde in Chania
Führung in der Etz Hayyim Synagoge in Chania: Geschichte der Zerstörung der jüdischen Gemeinde (Foto 14-15)
Nautical (Maritime) Museum in Chaina: militärische Kämpfe und Besatzung (Foto 7)
Samstag, 02.06.2012 „Vergeltungsmaßnahmen” an ZivilistInnen / Widerstand
Floria: Mahnmal für ZivilistInnen und Denkmal für Gebirgsjäger (Foto 12-13)
Kandanos: „Repressalien“ gegen kretische Bevölkerung (Foto 8-11)
Paleochora: Widerstand im Südwesten Kretas
Sonntag, 03.06.2012 Militärische Besatzung
Wanderung zur Südküste: Rückzugsrouten der alliierten Soldaten (Foto 16-17)
Montag, 04.06.2012 Widerstand / Gefangennahme und Entführung von Generalmajor Kreipe
Denkmal für alliierte Soldaten in Sfakion (Foto 18-19)
Anogia: „Vergeltungsmaßnahmen“ im Zusammenhang mit der Gefangennahme und Entführung von Generalmajor Kreipe durch britische Offiziere und kretische Widerstandskämpfer (Foto 20-21)
Dienstag, 05.06.2012 Widerstand / Gefangennahme und Entführung von Generalmajor Kreipe
Archanes: Ort der Gefangennahme von Generalmajor Kreipe
Viannos: Massaker an etwa 350 ZivilistInnen; „Amiras war memorial“ (Foto 22-24)
Mittwoch, 06.06.2012 Rückflug nach Wien
Beschreibung der Exkursion
Inhaltlich setzte sich die einwöchige Exkursion mit der Geschichte des Krieges am Balkan 1941, der militärischen Besetzung Griechenlands, Kriegsverbrechen der Wehrmacht, den Deportationen griechischer Juden und Jüdinnen 1943/44 sowie dem Widerstand verschiedener griechischer Organisationen und Einzelpersonen auseinander. Die Insel Kreta wurde als Exkursionsziel gewählt, weil sie durch eine Luftlandeoperation Ende Mai 1941 von der Wehrmacht erobert wurde und nach einem Pyrrhussieg mit hohen Verlusten hier die ersten „Vergeltungsmaßnahmen“ von Wehrmachtseinheiten gegen die Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkrieges stattfanden.
Im April 1941 gelang es den Soldaten des Deutschen Reiches das Festland Griechenlands militärisch zu besetzen. Am 20. Mai 1941 landeten deutsche und österreichische Fallschirmjäger im Rahmen der „Operation Merkur“ unter anderem in Maleme, einem Ort im Nordwesten der Insel. Verstärkt wurden die Fallschirmjäger durch Gebirgsjäger. Aufgrund mangelnder Vorbereitung und Fehleinschätzung der gegnerischen Truppen sprangen Fallschirmjäger bei oder in der Nähe britischer Stellungen ab. Die Generäle der Wehrmacht warfen der kretischen Zivilbevölkerung Beteiligung an den Kämpfen vor und machten sie für die hohe Zahl an getöteten Soldaten sowie für angebliche Verstümmelungen von Leichen verantwortlich. Die militärischen Besatzer reagierten mit brutalen „Repressalien“, welche am 31. Mai 1941 von Generaloberst Kurt Student in einem „Sühnebefehl“ erlassen wurden. Umgesetzt wurde dieser „Student-Befehl“ erstmals in Kondomari, einen Ort etwa 15 km westlich von Chania. Die männlichen Bewohner der Ortschaft wurden zusammengetrieben, die Wehrfähigen zwischen 18 und 50 Jahren ausgewählt und von Fallschirmjägern erschossen.
Etwa ein Kilometer südlich vom Flugfeld in Maleme auf der „Höhe 107“ wurde schon während der Besatzungszeit ein Friedhof für die getöteten Fallschirm- und Gebirgsjäger errichtet, welcher heute vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. gepflegt wird. Bei näherer Auseinandersetzung mit dem Friedhof vor Ort wurde ersichtlich, dass hier mindestens ein verurteilter Kriegsverbrecher, General Bruno Bräuer, nach Kriegsende beerdigt wurde und sich unter den „Deutschen Kriegsgräbern“ auch Gräber österreichischer Wehrmachtsangehöriger befinden. Alles unter dem Motto „Sie gaben ihr Leben für ihr Vaterland“, wie am Friedhofseingang zu lesen ist.
Ein weiterer Schwerpunkt der Exkursion war die Kontextualisierung der sogenannten „Vergeltungsmaßnahmen“ gegen kretische ZivilistInnen sowie die Konzipierung von Mahnmalen in Erinnerung an diese Verbrechen. In der Ortschaft Kandanos wurde, nachdem griechische Kombattanten noch während der militärischen Kämpfe im Mai 1941 Fallschirmjäger und Pioniere getötet hatten, am Ortsanfang eine Tafel mit der Begründung der „Sühnemaßnahme“ aufgestellt. Dieser deutschsprachige Tafeltext ist heute Teil des Gedenkortes in der nach 1945 wieder aufgebauten Ortschaft.
Auffallend war, dass sich in einigen Dörfern nicht nur Mahnmale für ermordete kretische ZivilistInnen befanden, sondern auch Denkmäler der gefallenen Soldaten. Während unserer Fahrt nach Kandanos entdeckten wir auf einer Straßenkreuzung in der Ortschaft Floria ein Denkmal für getöte Gebirgsjäger mit der Inschrift „Gefallen für Großdeutschland am 23.5.1941“ und auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Mahnmal für ermordete ZivilistInnen. Das Denkmal für die Angehörigen der Wehrmacht wird, wie wir vor Ort erfahren konnten, von einem pensionierten deutschen Bundeswehroffizier Instand gehalten und gepflegt.
In Chania stand die Geschichte der Zerstörung der jüdischen Gemeinde im Vordergrund. Die Deportationen von Juden und Jüdinnen in Griechenland lassen sich grob in drei regionale und zeitliche Phasen einteilen. Nach der Kapitulation Italiens und der Übernahme der Besatzungszone durch das Deutsche Reich wurden die Deportationen von Juden und Jüdinnen, welche auf den griechischen Inseln lebten, durchgeführt. Im Juni 1944 wurde mit der Registrierung und Festnahmen von Juden und Jüdinnen in Kreta begonnen. Die Deportationen wurden ausschließlich von Wehrmachtsstellen durchgeführt und stellen im Vergleich zu den Deportationen am griechischen Festland aus diesem Grund ein Spezifikum dar.
Die Beschaffenheit der kretischen Gebirgslandschaft und die klimatischen Bedingungen, unter denen alliierte Soldaten im Mai/Juni 1941 den Rückzug zur Südküste Kretas angetreten hatten, konnten wir auf einer mehrstündigen Wanderung zumindest ansatzweise nachvollziehen. Ein Denkmal in Chora Sfakion erinnert an die Ausschiffung der britischer Soldaten.
Die Verfolgung einzelner kretischer ZivilistInnen wegen des Verdachtes auf Zugehörigkeit zu Widerstandsorganisationen wurde anhand der Ermordung eines Apothekers durch einen aus Tirol stammenden Angehörigen der Geheimen Feldpolizei, Ferdinand Friedensbacher, konkretisiert. Einen weiteren Schwerpunkt bildete der Widerstand durch PartisanInnen, die teilweise in Zusammenarbeit mit britischen Kommandoangehörigen agierten. Insbesondere das Beispiel der Gefangennahme und Entführung von Generalmajor Kreipe, seine Verbringung an die Südküste Kretas und nach Ägypten wurde diskutiert. Diese und andere Widerstandsaktionen wurden von der Wehrmacht als Vorwand für weitere „Vergeltungsmaßnahmen“ auf Kreta herangezogen. In den Ortschaften Anogia, Archanes und Viannos wurde 1943/44 kretische ZivilistInnen ermordet und zahllose Häuser zerstört. Einen zentralen Gedenkort für den kretischen Widerstand und ermordete ZivilistInnen stellt das „Amiras war memorial“ dar.
Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Gedenkorten führte zu einer Vertiefung der Debatten um geschichtspolitische Zusammenhänge, die Konstruktion historischer Narrative und einer Auseinandersetzung mit der kretischen Erinnerungskultur. Sichtbar wurde die Beteiligung österreichischer Wehrmachtsangehöriger an „Vergeltungsmaßnahmen“ sowie an der Verhaftung und Deportation von Juden und Jüdinnen.
Fotos von Christina Felzmann, Jutta Fuchshuber, Denise Hirschauer, Johannes Karlinger, Sarah Knoll, Daniel Köhler, Hans Safrian, Adalbert Wagner.







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