INSTITUT FÜR ZEITGESCHICHTE
       DER UNIVERSITÄT WIEN
 A-1090 Wien, Spitalgasse 2-4/Hof 1
 Tel.:  +43 1-4277/41201
 Fax:  +43 1-4277/9412
 email: zeitgeschichte@univie.ac.at
Herrn Bundeskanzler
Dr. Wolfgang Schüssel
Bundeskanzleramt
Ballhausplatz 2
A-1014 Wien

Wien, am 18.3.2002

Betr.: "Haus der Zeitgeschichte"
 

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
 

Da die Bundesregierung laut einer Meldung der Tageszeitung Der Standard (13. März 2002, S.8 und 16./17. März 2002, S.9) plant, am kommenden Dienstag im Ministerrat die Einsetzung einer Kommission zur Errichtung eines "Hauses der Zeitgeschichte" zu beschließen, möchten wir Sie ersuchen, dieses Schreiben und die Beilage (Resolution zur Enquete des Instituts für Zeitgeschichte vom 21.1.2000) den Mitgliedern der Bundesregierung zur Kenntnis zu bringen und unsere Bedenken bei der Entscheidung mitzuberücksichtigen.

Bereits im Jahre 2000 haben die österreichischen historischen und zeithistorischen Institute bzw. Abteilungen für Zeitgeschichte aller Universitäten Wiens entschieden gegen die Vorgangsweise protestiert, dass die damaligen zuständigen Bundesminister Caspar Einem und Elisabeth Gehrer nicht einen Ideenwettbewerb zur Frage der Etablierung eines „Hauses der Geschichte bzw. Toleranz“ ausgeschrieben haben – wie in der 159. Sitzung, XX GP einstimmig beschlossen. Stattdessen wurde der Politologe Univ.-Prof. Anton Pelinka und Tit.a.o.Prof. Dr. Stefan Karner aus Graz und Tit. a.o.Prof. Hofrat Dr. Manfried Rauchensteiner mittels Auftragsforschung de facto als Projektumsetzer installiert.

Auf der Enquete vom 21.1. 2000 haben die zentralen Mitglieder des zuständigen Kulturausschusses des Nationalrates (alle vier Fraktionen waren vertreten!) einstimmig diese Vorgangsweise abgelehnt, und die Umsetzung des ursprünglichen Parlamentsbeschlusses in dieser Frage unterstützt.

Seit damals wurde die angekündigte Einbeziehung der österreichischen Zeithistoriker und Zeithistorikerinnen, die sich keineswegs durch die drei genannten Einzelpersönlichkeiten vertreten und repräsentiert sehen, nicht umgesetzt. Damit wird die gesamte Fachkompetenz der österreichischen Zeitgeschichtsforschung mit einer Entscheidung auf angeblich – so Der Standard - zwei Historiker, die als Privatpersonen und überdies auch als Projektbetreiber agieren, reduziert, verstärkt durch einen Professor der Rechtswissenschaften und den ehemaligen Wiener Stadtschulratspräsidenten.

Um ein derartiges Konzept eines sogenannten  „Hauses der Zeitgeschichte“, bei dem es sich ja nicht unbedingt um ein "Haus" handeln muß, öffentlich entwickeln und auch in demokratischer Form entscheiden zu können, ist eine Erweiterung des geplanten Organisationskomitees um weitere, in der Fachwelt anerkannte Experten und Expertinnen aus dem Bereich der Museologie sowie der Zeitgeschichte unbedingt notwendig. Wir sind sofort und jederzeit bereit und imstande, entsprechende Expertinnen und Experten – bisher wurden nur Männer als etwaige Komiteemitglieder genannt – zu nominieren.

Sollten weiterhin, in Fortführung der Kabinettspolitik um die heftig kritisierten Projekte Pelinka bzw. Karner/Rauchensteiner, die keineswegs dem internationalen Museumsstandard entsprechen, die überwiegende Mehrheit der österreichischen Historiker und Historikerinnen, die zur österreichischen Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts arbeiten, bei diesem zentralen Projekt zum kollektiven Gedächtnis unserer Republik ausgegrenzt bleiben, sind wir willens, autonom eine internationale Diskussion zu initiieren. Als erster Schritt ist bereits ein Weissbuch zur bisherigen politischen Vorgangsweise und zur öffentlichen Diskussion in Arbeit, das wir auch in den europäischen Museumsdiskurs einbringen werden. Sinnvoller wäre es aber, die vorhandene Expertise der durch die unterzeichnenden Institutsvorstände- und Abteilungsleiter vertretenen HistorikerInnen, die zu aktiver Mitarbeit bereit sind, zu nützen und zu integrieren.

Wir schlagen daher einen Modus vor, den die Bundesregierung – Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, haben damals auch aktiv daran mitgewirkt - bereits bei der Nominierung der Mitglieder der HistorikerInnenkommission zur Geschichte der „Holocaust Era Assets“ gewählt hat: In einem Brainstorming der Institute und Abteilungen für Zeitgeschichte sowie der Institute für Wirtschaftsgeschichte wurden die VertreterInnen für die HistorikerInnengruppe nominiert und von der Bundesregierung bestätigt.

Es gibt keinen Grund, einen ähnlichen transparenten Wahlmodus – unter Einbeziehung von Institutionen aus dem Bereich der Museologie – in diesem Fall  nicht zu wählen, um eine breite Zustimmungs- und damit Mitwirkungsbasis unter den österreichischen HistorikerInnen sicherzustellen.

Wir ersuchen Sie daher, Ihre Entscheidung in diese Richtung zu überdenken und sind gerne bereit, diese Entscheidungsfindung auch rasch umzusetzen. Bereits bei der Einsetzung der HistorikerInnenkommission hat das Institut für Zeitgeschichte Wien diese Aufgabe, ehrenamtlich und ohne Kosten zu verursachen, rasch und effizient realisiert.
 

Mit freundlichen Grüßen
 

 Die unterzeichneten VetreterInnen
der österreichischen Zeitgeschichte e.h.
 

Beilage

Cc:  Bundesministerin Elisabeth Gehrer
 APA, Der Standard

 
Liste der UnterzeichnerInnen:

Univ.-Prof. Dr. Hans Hautmann
Vorstand des Instituts für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz
Univ.-Prof. Dr. Friedrich Stadler
Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien
Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger
Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck
Univ.-Prof. Dr. Dieter Stiefel
Vorstand des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien
Univ.-Prof. Dr. Karl Vocelka
Vorstand des Instituts für Geschichte der Universität Wien
Univ.-Prof. Dr. Helmut Konrad
Leiter der Abteilung Allgemeine Zeitgeschichte an der Universität Graz
Univ.-Prof. Dr. Karl Stuhlpfarrer
Leiter der Abteilung Zeitgeschichte im Institut für Geschichte der Universität Klagenfurt
Univ.-Prof. Dr. Johanna Gehmacher
stellv. Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien
Univ.-Doz. Dr.Siegfried Mattl
Ko-Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft
Univ.-Doz. DDr. Oliver Rathkolb
Ko-Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft
em. Univ.-Prof. Dr. Erika Weinzierl
Leiterin des Ludwig Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft
Dr. Albert Müller
Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
OR Dr. Gustav Spann
Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien