„Inbesitznahmen. Das Parlamentsgebäude in den Diktaturen zwischen 1933 und 1945“

Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Geschichte des Parlaments zwischen 1933 und 1945

Projektleitung: Assoz.-Prof. Dr. Bertrand Perz
Projektmitarbeiterinnen: Mag.a Dr.in Verena Pawlowsky / Mag.a Ina Markova
Finanzierung: Österreichisches Parlament
Laufzeit: 2015–2018

parlament

Langer, Franz X. (Hg.), Bei uns in Wien. Leselernbuch für die ersten Klassen der Volksschulen des Reichsgaues Wien, 1. Teil, Wien 1942

 

Die zentrale Frage der Studie lautet: Wie haben sich die beiden antidemokratischen Systeme – Ständestaat und NS-Regime – zwischen 1933 und 1945 des Parlaments bedient. Das Parlamentsgebäude, das während des Ständestaates Haus der Bundesgesetzgebung und nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich zunächst Sitz des Reichskommissars für die Wiedervereinigung und später Gauhaus der NSDAP war, ist nie nur Gebäude, sondern immer auch symbolischer Ort gewesen. Die zweckfremde Nutzung eines explizit dem Parlamentarismus gewidmeten Prachtbaues in jenen Jahren, in denen die parlamentarischen Strukturen in Österreich außer Kraft gesetzt waren, wirft daher mehrere Fragen auf.

Da das Parlament immer Machtzentrum war, ihm diese Bedeutung gleichsam eingeschrieben ist, gilt es, festzustellen, ob diese Bedeutung vor der Neuverwendung erst getilgt werden musste oder für die je eigenen Zwecke transformiert werden konnte. Die Rekonstruktion der Behörden- und Dienststellenstruktur, die im Parlamentsgebäude nach 1933, aber vor allem nach 1938 implementiert wurde, ist bis heute erst marginal erfolgt.

Für Wien gab es – wie für andere Städte des Deutschen Reiches – Pläne zur Errichtung eines Gauforums, doch innerhalb dieser Pläne wäre dem Parlamentsgebäude keine Funktion zugekommen. Geklärt werden soll daher, wieso gerade dieses Gebäude als Gauhaus gewählt wurde, welche Diskussions- und Entscheidungsprozesse der Nutzung des Hauses vorangingen, ob es andere, grundsätzliche topografische Überlegungen zur Platzierung des Parteisitzes in der Stadt gab bzw. welche Rolle dem Wiener Parlamentsgebäude in der nationalsozialistischen Stadtplanung zugekommen wäre, wäre diese umgesetzt worden.

Die Inbesitznahme eines Gebäudes geht zumeist mit baulichen Adaptionen einher. Gezielte Umbauten und ein zerstörerischer Umgang mit den noch aus „parlamentarischer“ Zeit stammenden Relikten – Büsten und Bildern, aber auch Mobiliar und Teppichen –, Entwendungen und kriegsbedingte Verlagerungen sind anzunehmen. Die Analyse der Veränderungen an Architektur und Inventar erlaubt Rückschlüsse darauf, welche Bedeutung Ständestaat und NS-Regime dem übernommenen Gebäude zuschrieben.

Auch die Fragen nach dem Charakter der konkreten Nutzung des Hauses als Amtssitz ist relevant. Vor allem für die Jahre, in denen das Parlament Gauhaus war, muss erst analysiert werden, ob das Gauhaus hermetischer Sitz einer autokratisch agierenden Gauleitung oder offenes Amts- und Parteigebäude und allgemein betretbar war.

Diese Frage leitet unmittelbar zu jener nach dem hier beschäftigten Personal. Exemplarische Biografien werden zeigen, wer hier zwischen 1933 und 1945 arbeitete und was der Arbeitsplatz Parlament für die hier tätigen Protagonisten verschiedener politischer Systeme und was für die langjährigen Bediensteten – etwa des Kanzleidienstes oder der Haustechnik – bedeutete.

Nach der zweckfremden Nutzung des Parlaments erfolgte nach 1945 seine Wiederaneignung, was zweifellos nicht nur ein Akt der Wiederinstandsetzung, sondern ein auch eminent symbolischer war. Der Aufbau des neuen Österreich spiegelt sich wieder im Aufbau der Repräsentativgebäude des wiederentstandenen Staates. Dem Parlamentsgebäude kam dabei eine wichtige Rolle in der Ikonologie des Wiederaufbaus zu. Die Tilgung der NS-Spuren und der Kriegszerstörungen, die Rekonstruktion der Außenfassade, bei gleichzeitiger Teilmodernisierung des Inneren sind Teile dieses Prozesses der Wiederaneignung, der sich über mehr als zehn Jahre zog.

Mit der Durchführung der Studie beauftragte die Parlamentsdirektion das Projektteam 2015, nachdem – angeregt durch die Provenienzforschung in der Bibliothek des Hauses (https://www.parlament.gv.at/ZUSD/PDF/NS-Provenienzforschung.pdf)– im Rahmen einer Pilotstudie die Machbarkeit eines umfangreichen Projektes zur Geschichte des Parlaments zwischen 1933 und 1945 erhoben worden war. Nationalratspräsidentin Doris Bures stellte das Projekt am 26. Juni 2015 in einer Pressekonferenz vor (https://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2015/PK0730/index.shtml).