Geschichte

Das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien

Geschichte

Mit einer förmlichen Erklärung gab das Dekanat der Philosophischen Fakultät der Universität Wien im Juni 1966 die Gründung eines neuen Instituts bekannt: Mitgeteilt wurde der universitären Öffentlichkeit „dass über Antrag des ho. Professorenkollegiums das Bundesministerium für Unterricht mit Zahl 75.873-I/4/66 von 3. Juni 1966 das Institut für Zeitgeschichte errichtet hat.“ Damit begann in Wien und überhaupt in Österreich eine neue Ära institutionalisierter historischer Forschung. Zum Vorstand des neuen Instituts wurde der Historiker Ludwig Jedlicka bestellt.[1] Das Institut begann seine Arbeit mit denkbar geringer Personalausstattung: einem Professor, einem Assistenten und einem Bibliothekar. Das zunächst in der Rotenhausgasse 6 im neunten Wiener Gemeindebezirk untergebrachte Institut verdankte seine Existenz den intensiven Bemühungen Ludwig Jedlickas. Er leitete bereits seit 1961 ein Österreichisches Institut für Zeitgeschichte, welches von der heute noch existierenden Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte an der Universität Wien gegründet worden war. Maßgeblich war daran auch das Bundesministerium für Unterricht unter Heinrich Drimmel beteiligt. Im Vorstand des Österreichischen Instituts für Zeitgeschichte befanden sich Alfons Lhotsky und Friedrich Walter; dem von Richard Meister geleiteten wissenschaftlichen Beirat gehörten u.a. Hugo Hantsch, Leo Santifaller und Friedrich Engel-Janosi an. Mit dem 1963 von Herbert Steiner gegründeten Dokumentationsarchiv der Österreichischen Widerstandsbewegung (später umbenannt in Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes) bestanden bereits Kontakte.

Themen

Die Basis für Forschung und Lehre bildeten umfangreiche Sammlungen, Archiv- und Aktenbestände, darunter Bild- und Ton-Dokumente, sowie eine stetig wachsende Bibliothek zur österreichischen Zeitgeschichte. Der wissenschaftliche Zugang zum Forschungsfeld war zunächst auf die Ereignisgeschichte und die politische Geschichte gesellschaftlicher Eliten ausgerichtet, speziell auf die Militärgeschichte. Ein besonderer Fokus lag auf der Erforschung des Widerstandes im Nationalsozialismus während der Jahre 1938 bis 1945. Dabei rückte zunehmend die Erste Republik mit der Zerstörung der Demokratie im Austrofaschismus ins Zentrum. Eine eigene Publikationsreihe entstand, gefördert von der großkoalitionären Kommission des Theodor Körner-Stiftungsfonds und des Leopold Kunschak-Preises zur Erforschung der österreichischen Geschichte der Jahre 1927 bis 1938. Einige Veröffentlichungen der ersten Studierendengeneration, zu der beispielweise Peter Huemer und Gisela Rabitsch sowie die Assistenten Karl Haas, Gerhard Jagschitz, Anton Staudinger und Karl Stuhlpfarrer gehörten, zählen noch immer zu Pionierarbeiten der österreichischen Zeitgeschichte.

Personen

Öffentlichkeitsarbeit und LehrerInnenfortbildung lagen vor allem im Arbeitsbereich von Gustav Spann und dem Bibliothekar Peter Malina. Mit der Nachfolgerin von Ludwig Jedlicka, der Ordinaria Erika Weinzierl, die den Lehrstuhl von 1979 bis 1995 innehatte, wurden weitere Themenfelder behandelt, darunter Republikgeschichte, Nationalsozialismus, Antisemitismus und Kirche, Wissenschaftsgeschichte sowie Exil- und Emigrationsforschung. Gerhard Botz, der Nachfolger Erika Weinzierls, nahm wieder verstärkt Forschungen über Gewalt, Widerstand und Holocaust auf, insbesondere unter sozialwissenschaftlicher Perspektive.
Im Jahr 1998 zog das Institut für Zeitgeschichte auf den Universitätscampus am Gelände des alten Alten Allgemeinen Krankenhauses um. Der Erlass des Universitätsgesetzes 2002 brachte sowohl einen wissenschaftlichen Generationenwechsel mit sich als auch die thematische Ausdifferenzierung der Zeitgeschichte und ihre methodische Ausweitung jenseits austrozentrierter, politischer Ereignis- und Nationalgeschichte.

Folgende Professuren bestehen gegenwärtig am Institut für Zeitgeschichte:

Oliver Rathkolb (Österreichische Zeitgeschichte im internationalen Kontext)
Carola Sachse (Gender Studies, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte)
Friedrich Stadler (Zeitgeschichte der Wissenschaften und Wissenschaftstheorie; Doppelprofessur mit dem Institut für Philosophie)
Sybille Steinbacher (Diktaturen, Gewalt und Genozide)

Frank Stern (Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte) hatte bis zum Sommer 2014 eine Professur inne; er ist im Zuge eines Lehrauftrags weiterhin tätig.

Am Institut ist ferner eine außerordentliche Professur angesiedelt:
Johanna Gehmacher (Frauen- und Geschlechtergeschichte).

Darüber hinaus besteht auch eine assoziierte Professur:
Bertrand Perz
(Holocaust Studies und NS-Forschung).

Folgende habilitierte Mitglieder gehören ebenfalls zum Team:
Maria Mesner (Frauen- und Geschlechtergeschichte)
Hans Safrian
(Holocaust Studies und NS-Forschung)

Seit 2014 ist Sybille Steinbacher (Nachfolgerin von Gerhard Botz) Vorständin des Instituts für Zeitgeschichte. Das Sekretariat des Instituts wird von Marianne Ertl geleitet.

Kooperationen

Das Institutsprofil mit seinen thematischen Schwerpunkten ist an den Grundsätzen des Methodenpluralismus und der forschungsorientierten Lehre ausgerichtet. Enge Bezüge bestehen zu den an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät eingerichteten Forschungsschwerpunkten, namentlich zu:
Diktaturen, Gewalt und Genozide
Frauen- und Geschlechtergeschichte
Österreich in seinem Umfeld
Visuelle Kulturgeschichte – Kulturen und Medien des Visuellen
Wissenschaftsgeschichte – Wissenskulturen – Wissensgesellschaften

Das Institut für Zeitgeschichte kooperiert mit diversen Institutionen, u.a. dem Ludwig Boltzmann Institut für Historische Sozialwissenschaft, dem Wiener Wiesenthal Institut und dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Die Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (ÖZG) und die Zeitschrift zeitgeschichte sind am Institut angesiedelt, ebenso die Heinz von Foerster Gesellschaft samt ihrem Archiv. In Zusammenarbeit mit dem Sir Peter Ustinov-Institut wird am Institut für Zeitgeschichte regelmäßig die renommierte Ustinov-Gastprofessur besetzt.


[1] Zu Jedlickas Biographie vgl. Oliver Rathkolb: Ludwig Jedlicka: Vier Leben und ein typischer Österreicher. Biographische Skizze zu einem der Mitbegründer der Zeitgeschichtsforschung. In: zeitgeschichte. 32 (2005) 6, S. 351-370.


Mai 2015