Zeitgeschichtliche Frauen- und Geschlechterforschung

Frauen- und Geschlechtergeschichte ist integraler Bestandteil und ein besonderer Schwerpunkt der zeithistorischen Forschung und Lehre. Diese doppelte Verortung entspricht zum einen der Ausdifferenzierung eines besonderen,  interdisziplinär vernetzten geschichtswissenschaftlichen Forschungsfeldes, das sich mit historischen Ausprägungen und Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse befasst. Zum anderen reflektiert sie die nach wie vor bestehende Herausforderung, die Kategorie Geschlecht in allen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft analytisch zu berücksichtigen.

Anliegen zeithistorischer Frauen- und Geschlechterforschung ist es, gegenwärtige Geschlechterverhältnisse auf ihre historische Genese hin zu befragen und ihre gegenwartsrelevanten Transformationen nachzuvollziehen. Die gesellschaftlichen Regulierungen, institutionellen Vereinbarungen, lebensweltlichen Praktiken und heteronormativen Diskurse, die zur Ausprägung geschlechterhierarchischer Strukturen beitragen, werden in ihrer Historizität und Veränderbarkeit beschrieben. Das reicht von Fragen nach der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und politischen Partizipation über die Analyse von sozialen Bewegungen, Institutionen, Lebensformen und Sexualitäten bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit (natur-) wissenschaftlich produzierten und legitimierten Vorstellungen von Geschlecht und Geschlechterdifferenz.

Zeithistorische Frauen- und Geschlechtergeschichte fokussiert nicht zuletzt auf spezifische Ereigniszusammenhänge  des gewaltsamen 20. und 21. Jahrhunderts. Dies sind zum einen die Weltkriege sowie die Epoche des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen, die die je etablierten Geschlechterkonzepte und Geschlechterordnungen nachhaltig erschütterten. Es sind zum anderen der Kalte Krieg und die regionalen heißen Kriege, die in seinem Schatten und in der globalen Peripherie ausgetragen wurden und immer noch werden. Sie wirkten in ihrem je regionalen Zuschnitt auf die vor Ort herrschenden Geschlechterverhältnisse ein; sie veränderten aber auch im globalen Rahmen die Bedingungen der Möglichkeit, Geschlechterdifferenz und -hierarchie in emanzipatorischer Absicht in Frage zu stellen.

In der zeithistorischen Auseinandersetzung mit globaler ökonomischer Ungleichheit, mit Migrationen, Rassismen und Sexismen geht es darum, je historisch regional und lokal ausgeprägte Interaktionen von verschiedenen Kategorien sozialer Stratifikation zu erkennen. Zugleich wird danach gefragt, in welcher Weise die daraus resultierenden komplexen Hierarchisierungen, politischen Divergenzen und kulturellen Lebensstile kommuniziert werden und welche Möglichkeiten sich – beispielsweise im Rahmen des internationalen Menschenrechtsregimes – bieten, den Abbau geschlechtsspezifischer Hierarchisierungen und Gewalt auf globale und lokaler Ebene politisch zu verhandeln und durchzusetzen.

Stand 31.5.2011


Homepage des Forschungsschwerpunktes „Frauen- und Geschlechtergeschichte“ der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät