von Lingen Kerstin

Gastprof.in PDin Dr.in Kerstin von Lingen

Gastprofessorin im Wintersemester 2017/18 und Sommersemester 2018

Lehrveranstaltungen (Link zu u:find)

 

Dr.in Kerstin von Lingen ist Historikerin und forscht an der Universität Heidelberg am Exzellenzcluster“ Asia and Europe in a Global Context.” Seit 2013 leitete sie dort eine Nachwuchsgruppe zum Thema “Transcultural Justice: Legal Flows and the Emergence of International Justice within the East Asian War Crimes Trials, 1946-1954,” in der vier Doktorarbeiten entstehen, die die sowjetischen, chinesischen, holländischen und französischen Kriegsverbrecherprozesse in Asien zum Thema haben. In ihrer Habilitation forschte sie aus ideengeschichtlicher Perspektive zu „Crimes against Humanity: Transnationale Debatten zur Zivilisierung von Kriegsgewalt, 1864-1945“. Sie hat zuletzt zwei Bände zu Kriegsverbrecherprozessen in Asien veröffentlicht (War Crimes Trials in the Wake of Decolonization and Cold War in Asia, 1945-1956: Justice in Time of Turmoil, Basingstoke: Palgrave, 2016; War Crimes Trials in Asia: Debating Collaboration and complicity in the aftermath of War, Basingstoke: Palgrave, 2017).


NEWS

70 Years Later:
The International Military Tribunal for the Far East

Ähnlich wie in Nürnberg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so standen auch in Tokyo von 1946-1948 die Führer des japanischen Kaiserreichs vor einem Internationalen Militärgericht. Er ist heute in Europa fast vergessen, und es war zum ersten Mal, dass im historischen Gerichtsaal von Nürnberg eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema stattfand, bei der internationale Forscher, viele aus Asien, zusammenkamen.

28 Vertreter der japanischen Elite, unter Ihnen Ministerpräsidenten, Generäle, Minister und Diplomaten, mussten sich in Tokyo in 55 Anklagepunkten für die Kriegführung des japanischen Kaiserreichs verantworten. Elf Richter aus den elf am Pazifikkrieg beteiligten Nationen fällten das Urteil über sie, das jedoch nicht einstimmig ausfiel: der indische, französische und niederlände Richter gaben jeweils abweichende Empfehlungen ab. Das Urteil gegen die Anklagen, darunter sieben Todesurteile, jährt sich 2018 zum 70. Mal.

Kerstin von Lingen, momentan Gastprofessorin am Institut für Zeitgeschichte, eröffnete die Konferenz mit ein paar Thesen zur „Transcultural Justice“ in Tokyo. Sie wies auf die umkämpfte Erinnerung an den Tokyo Tribunal hin, der ähnlich wie Nürnberg in den 50er Jahren für die bundesdeutsche Bevölkerung, mit dem Schlagwort der „Siegerjsutiz“ bis heute in Japan unter starker Kritik steht. Sie entwickelte einige Thesen, warum der Prozeß in Tokyo vor so viel größeren Schwierigkeiten stand als der Schwesterprozess in Nürnberg: zum einen war die Richterbank mit elf Richtern sehr groß, und eine fehlende gemeinsame Strategie führte zu Verwerfungen und Friktionen. Zum anderen gab es starke Sprachprobleme: neben den Schwierigkeiten mit der japanischen Übersetzung war auch Englisch als Gerichtssprache eine Herausforderungen für die 5 Nationen, die nicht zum anglo-amerikanischen Rechtssystem gehörten und keine Erfahrung mit Common Law hatten. Zwei Richter verstanden gar kein Englisch, dadurch war die Kommunikation untereinander stark eingeschränkt. Es gab Probleme mit der Beweislage, der organisation des Gerichts, und der Länge des Prozesses, der fast drei Jahre lang dauerte, und in dieser Zeit durften die Richter Tokyo nicht verlassen. Zuletzt spielten nationale Prioritäten eine große Rolle und beeinflussten die Haltung des jeweiligen Richters vor Ort: neben der strafrechtlichen Komponente war Tokyo der Ort, um nach 1945 das jeweilige nationale Narrativ zum Pazifikkrieg zu festigen und sich für die Auseinandersetzung um Machtpositionen in der Nachkriegszeit in Asien in Position zu bringen.

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