UPDATE! Perspektiven der Zeitgeschichte – Zeitgeschichtetage 2010
Die Zeitgeschichtetage 2010 werden vom 26. bis 28. Mai 2010 vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien ausgerichtet.
Wie haben sich in den letzten Jahren Schwerpunkte, Rolle und Legitimation der zeitgeschichtlichen Forschung verändert? Es ist Zeit für ein Update und eine Bestandsaufnahme dieser Entwicklungen.
Die Veranstaltung versteht sich als breites internationales Forum des Austausches über aktuelle Forschungsarbeiten. Auf der einen Seite richtet sich der Fokus auf die Perspektiven aus der Zeitgeschichte: Untersucht wird hier, inwiefern die zeitgeschichtliche Forschung einen spezifischen Beitrag zur interdisziplinären Analyse von aktuellen wirtschaftlichen, sozialen, national- und geopolitischen, wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklungen leisten kann.
Im zweiten Schwerpunkt der Tagung wird das Fach Zeitgeschichte selbst zum Objekt der Analyse gemacht. Hier sollen Fragen der eigenen Deutungsmacht und des gesellschaftspolitischen Anspruches des Faches Zeitgeschichte, aber auch der öffentlichen Relevanz von zeitgeschichtlichen Forschungen und Debatten diskutiert werden.
Im Sinne der Eröffnung neuer Forschungsperspektiven möchten wir den Dialog mit KünstlerInnen fördern und eine Einladung an die interessierte Öffentlichkeit richten.
A) Tracks
Die Panels sind entlang von fünf Themennetzwerken (Tracks) angeordnet:
1. Zeitgeschichte, Politik, Wissenschaft und Ökonomie
Dieser Themenschwerpunkt widmet sich den Wechselwirkungen zwischen Politik, Wirtschaft und wissenschaftlichen Entwicklungen im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Herausforderungen, die staatlichen Akteuren und Institutionen aus der verstärkten politischen und ökonomischen Partizipation internationaler Akteure sowie aus Wandlungsprozessen in der Zivilgesellschaft erwuchsen, sollen über aktuelle Zugänge der Politikgeschichte und mit Rücksicht auf den Paradigmenwechsel in der Wirtschaftsgeschichte beleuchtet werden. Erwünscht sind vor allem Reflexionen darüber, welche alternativen oder innovativen Perspektiven sich anhand neuer historiographischer Ansätze für das Verständnis und die Darstellung zeitgeschichtlichen Geschehens ergeben können.
Zudem gilt es, den Einfluss wissenschaftlichen Wissens auf alle Bereiche der Gesellschaft als ein zentrales Strukturmerkmal der Moderne zu verfolgen und in seinen vielfältigen Manifestationen zu veranschaulichen. Technische, medizinische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse waren an politischen und ökonomischen Prozessen sowie an der Gestaltung von Alltagswirklichkeit im 20. Jahrhundert in einem bis dahin ungeahnten Ausmaß beteiligt, was speziell in Phasen gesellschaftlicher Umbrüche deutlich wird. Wechselwirkungen zwischen Politik, Wirtschaft und den unterschiedlichen Wissenschaftszweigen sollen insbesondere auch hinsichtlich der mit ihnen einhergehenden Herstellung, Festschreibung und Abänderung von Geschlechternormen zur Diskussion stehen.
2. Zeitgeschichte, Deutung, Hegemonie
Geschichte ist maßgeblicher Bestandteil politischer Identität und damit zwangsläufig Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Wo verortet sich angesichts dessen die zeitgeschichtliche Forschung? Welche Bedeutung misst die Forschung auf Grund von Geschlecht, Herkunft oder Religionszugehörigkeit diskriminierten gesellschaftlichen Gruppen zu, und welchen Beitrag zu ihrer Emanzipation soll und kann sie liefern? In der öffentlichen Debatte wird HistorikerInnen ein umfassender Expertenstatus zuerkannt. Sie werden aktiver Teil des Kampfes um Hegemonie und moralisches Kapital. Dies steht jedoch in einem augenfälligen Widerspruch zum Selbstverständnis der Disziplin, deren Vertrauen in die eigene Relevanz unter dem Strukturalismus arg gelitten hat. Was kann die Zeitgeschichte tatsächlich wem erklären? Relativ wenig Interesse wurde bis jetzt dem Trend zur zivilgesellschaftlichen Aneignung von Forschungsergebnissen, aber auch von Forschung selbst zuteil. Welche Erfahrungen existieren hier, welche Fragen wirft diese Entwicklung nicht nur hinsichtlich der Forschung, sondern auch ihrer Popularisierung und ihrer gesellschaftlichen Nutzbarmachung auf? Es bleibt nachzuprüfen, welche Formen der öffentlichen zeitgeschichtlichen Vermittlungsarbeit sich als tauglich erwiesen haben – und welche nicht.
3. Zeitgeschichte und Kultur
Die Ausdifferenzierung der zeitgeschichtlichen Forschung führt seit dem sogenannten „Cultural Turn“ vermehrt zur Beschäftigung mit materiellen und symbolischen Aspekten kultureller Praxen. Im zeitgeschichtlichen Kontext werden sowohl die historischen Wechselwirkungen zwischen Eliten- und Populärkulturen, die Wirkung und Rezeption von medialen Formationen, als auch die Frage nach öffentlichen Diskursen und kulturellen Codes erforscht. Dabei steht die Frage nach den AkteurInnen, die stets durch Klasse, „Rasse“ und Geschlecht gekennzeichnet sind, und ihrer spezifischen Subjektivierungsweisen und Handlungsmöglichkeiten in ihrer Alltagspraxis im Mittelpunkt des Interesses. Da „Geschichtsbilder“ vornehmlich durch materielle und symbolische Bilder entstehen, ist die Einbeziehung der visuellen Kultur in die Quellenanalyse von steigender Bedeutung.
Für das Netzwerk ‚Zeitgeschichte und Kultur’ sind unter anderem die Methode der „Oral History“ zur Erforschung der Alltagsgeschichte, sowie die Auseinandersetzung mit den audiovisuellen Medien, mit Film und Fotografie – der „Visual Turn“ bzw. die „Visual History“ und ihre Auswirkungen auf historische Identitätskonstruktionen zentral, als auch nicht zuletzt der „Spatial Turn“ der Architekturen und Machtstrukturen bewohnter Räume erforscht.
Besondere Berücksichtigung erfahren Beiträge zu diesen oder verwandten Themenfeldern, die eine Analyse der Geschlechterordnung mit einbeziehen.
4. Zeitgeschichte zwischen nationalen und transnationalen Perspektiven
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die politische und gesellschaftliche Bedeutung internationaler Verflechtungen und globaler Abhängigkeiten unübersehbar geworden. Ihre Evidenz spiegelt sich in einer methodischen Verschiebung in den Geschichtswissenschaften wider, welche zunehmend bemüht sind, die – noch immer dominante – nationalstaatlich begrenzte Perspektive zugunsten einer größeren Aufmerksamkeit für transnationale Bezüge und Beziehungen zu überwinden. Vor welchen Schwierigkeiten steht die zeithistorische Forschung bei der Rekonstruktion solcher Transferprozesse? Und welchen Beitrag können dabei die jüngsten transnationalen, vergleichenden Forschungsansätze im Hinblick auf bisher vor allem national erforschte Themenfelder wie Alltagsgeschichte, Gewalt- und Diktaturforschung und Frauen- und Geschlechtergeschichte leisten? Welche sind überhaupt die konkreten, prominenten Gegenstände transnationaler Geschichte?
Angesichts der wachsenden Bedeutung transnationaler Perspektiven verdienen Fragen nach Abläufen und Folgen von Wissenschafts- und Kulturtransfer und Themen wie Migrationsbewegungen, welche überregionale Austauschprozesse in Gang setzen, zunehmende Aufmerksamkeit. Welchen Einfluss haben nun transnationale Prozesse in den verschiedenen Weltregionen auf Politik, Wirtschaft und Kultur, und wie wirken sie sich auf die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, auf soziale Beziehungen und auf familiäre Netzwerke aus? Besonders willkommen sind auch Beiträge, die das Schicksal von nationalen HeldInnen- und Opfergeschichten, Mythen und Traditionen vor dem Hintergrund wachsender internationalen Vernetzungen untersuchen.
5. Freie Einreichungen (Open Space)
Einzeleinreichungen werden vom Veranstalter nach thematischen Gesichtspunkten zu Panels zusammengefasst.
B) Einreichungen
Papers können als Einzeleinreichung oder als vollständiges Panel eingebracht werden. Mehrfacheinreichungen einzelner Personen (z.B. eine Einzeleinreichung und eine Bewerbung als Vortragende(r) in einem Panel) sind nicht möglich. Bei Paneleinreichungen soll auf eine geschlechterparitätische Zusammensetzung geachtet werden.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Versuch, jüngere KollegInnen aktiv einzubinden und ihre wissenschaftliche Vernetzung zu fördern. Außerdem wird eine europäische bzw. internationale Forschungszusammenarbeit besonders gefördert.
Zusammensetzung der Panels:
• Jedes Panel besteht aus 3 Vortragenden.
• Die KommentatorInnen können von den Einreichenden vorgeschlagen oder aus einer vom Organisationskomitee zusammengestellten Liste gewählt werden. Die Chairs werden vom Organisationskomitee gestellt.
• Es sollten pro Panel nicht mehr als zwei ForscherInnen derselben Institution angehören.
• Stärker berücksichtigt werden zudem Einreichungen, die dem Erfordernis eines geschlechtersensiblen Umgangs sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der personellen Zusammensetzung Rechnung tragen.
Ablauf der Panels:
Vorträge: jeweils 20 Minuten, Kommentar: 10 Minuten, Schlussdiskussion: 20 Minuten.
Konferenzsprachen werden Deutsch und Englisch sein, wobei darauf zu achten ist, dass die Panels selbst jeweils gleichsprachig abzuhalten sind.
Wie wird eingereicht?
• Einreichungen müssen bis 15. Jänner 2010 unter http://www.univie.ac.at/zeitgeschichte/zeitgeschichtetage erfolgen.
• Bei der Einreichung ist pro Vortrag ein Abstract im Umfang von 800 Wörtern hochzuladen. Darüber hinaus muss bei Paneleinreichungen eine Kurzbeschreibung des Panel-Themas im Umfang von 400 Wörtern hinzugefügt werden.
• Paneleinreichungen müssen einem Themennetzwerk zugeordnet werden (Panels sind nicht für Open Space zugelassen)
• Einzeleinreichungen müssen entweder einem Themennetzwerk oder dem Open Space zugeordnet werden. (Einreichungen zu einem Themennetzwerk und dem Open Space werden nicht zugelassen)
Zulassung:
Über die Zulassung von Panels und Einzelbeiträgen entscheiden für jedes Themennetzwerk eigene Review-Committees nach einem standardisierten Punkteverfahren. Besonders gefördert werden Einreichungen von NachwuchswissenschaftlerInnen und im Ausland tätigen Personen. Bei Paneleinreichungen ist auf eine ausgewogene Generationen- und Geschlechterrepräsentanz zu achten. Die Abstracts werden nach Qualität und Methodik der Beiträge und dem Innovationsgrad der Thematik beurteilt. In Panels sollte außerdem in mindestens einem Beitrag auch eine Frauen- oder Geschlechterthematik aufgegriffen werden. Besonderes Augenmerk gilt der thematischen Kohärenz und der Interdisziplinarität der Ansätze und Methoden der eingereichten Panels. Frauen werden bei gleicher Qualifikation vorrangig als Referentinnen eingeladen.
C) Reisestipendien
Um KollegInnen aus dem Ausland, für die eine Teilnahme vielfach mit einem übermäßig hohen finanziellen Aufwand verbunden wäre, die Möglichkeit zur Mitwirkung zu geben, sollen in Kooperation mit anderen Fördergebern Reisestipendien vergeben werden.
D) Kontakt
Für weitere Auskünfte wenden Sie sich bitte an:
Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
z.Hd. Linda Erker und Mag. Alexander Salzmann
Spitalgasse 2-4, Hof 1
1090 Wien
Alexander.Salzmann@univie.ac.at
Die englische Version des Call for Papers steht unter: http://www.univie.ac.at/zeitgeschichte/zeitgeschichtetage/call-for-papers/english/ zum Download zur Verfügung.