mit Leon Zelman sprachen Helmut Prochart und
Stephan Neuhäuser
Zuerst
möchte ich etwas anderes sagen. „Toleranz“ ist für mich ein symbolisches Wort,
weil alles, was wir erlebt haben, mit Intoleranz begonnen hat. Auschwitz war
nicht der Beginn, Auschwitz war das Ende. Daher habe ich mir gedacht, dass das
„Haus der Geschichte“ einen symbolischen Namen tragen soll.
Warum
wir ein „Haus der Geschichte“ in Wien brauchen? Erstens, Wien sollte Hauptstadt
der Geschichte Europas werden. Wien wird in der nächsten Zeit – Stichwort
EU-Osterweiterung – auch der Mittelpunkt der Geschichte Osteuropas sein. Und da
glaube ich, dass Wien geradezu berufen ist, diese historische Aufarbeitung für
die Welt sogar, nicht nur für Europa, zu leisten. Das dritte: Wien soll ein Ort
der Begegnung für junge Menschen sein, die die Geschichte suchen.
Wir
haben jahrelang die Geschichte der goldenen Zeit der Juden in Wien verkauft.
Die Geschichte der Mäzene, die dazu beigetragen haben, dass Wien wirklich eine
Weltstadt geworden ist. Das wäre doch ein Verbrechen, wenn nicht gerade dieses
Haus mit seiner ganzen Geschichte diese Zeit dokumentieren soll. Alleine die
Lage des Hauses ist ein Teil der Geschichte. Und zum Schluss: Es sind so viele
jüdische Hauser arisiert worden, dass gerade zu eine moralische Verpflichtung
von diesem Haus aus geht.
Sie haben angesprochen, dass ein „Haus der Geschichte“ vor allem für die Jugend sehr wichtig wäre. Bei den Nationalratswahlen am 3. Oktober ist jedoch die FPÖ bei den Jugendlichen die Nummer eins geworden. Kann ein „Haus der Toleranz“ dazu beitragen, dass sich die Jugend kritischer mit Politik auseinandersetzt?
Ich
weiß nicht, ob es dazu beitragen wird, aber ich weiß, dass das Haus die
Begegnung mit der Geschichte ermöglichen wird. Wir werden nicht darüber
hinwegkommen, dass Haider ein Populist ist, der die Gefühle der Bevölkerung
ausnützt und die tiefsten Instinkte der Menschen weckt. So hat es mit den Juden
begonnen. Jetzt geht es nicht um die Juden, jetzt geht’s um andere Menschen.
Wenn ich mich beispielsweise an den Ausdruck der „Verjudung“ erinnere und heute
„Überfremdung“ höre, dann denke ich mir: „Das ist alles schon da gewesen.“
Wenn
ich die Analyse sehe, wieviele junge Menschen Haider gewählt haben, erschreckt
mich das nicht, aber es macht mich traurig. Da müssen wir ansetzen. Und auch
bei der Europäischer Union, denn wir haben den jungen Leuten keine Visionen
gegeben, warum sie heute in Freiheit leben können, warum sie Reisen können,
warum sie Studieren können – überall in der Welt. Das mitzuteilen haben wir
verabsäumt. Deswegen glaube ich, dass wir mit einem Haus wie dem Epstein, mit
der Geschichte, mit der Symbolik, die Möglichkeit schaffen müssen, zu erkennen,
wie wir heute leben, wie es einmal war und wie es sein könnte – denn diese
Freiheit stammt nicht von Gottes Gnaden.
Es
gibt so viele Gründe, ja zu sagen zu diesem Haus, dass es mich erschreckt, wenn
ein paar Abgeordnete ein Bürohaus daraus machen wollen. Es müsste eigentlich
selbstverständlich sein, dass jeder der für diese Republik zuständig ist, sagt:
„Dieses Haus muss das Symbol für eine neues Österreich sein.“
Robert Menasse hat in einem Essay folgende Frage aufgeworfen: „Warum empfinden es Österreichs Volksvertreter als selbstverständlicher, neben dem Lueger-Ring zu sitzen als neben einem ‚Haus der Toleranz’?“ Haben Sie darauf eine Antwort?
Es
ist symbolisch, was Menasse sagt, weil es die Abgeordneten nicht stört,
Lueger-Ring als Adresse anzugeben, es ihnen jedoch an Phantasie fehlt, das
Epstein zu einer symbolischen Adresse für die Welt zu machen. Es wäre eine
faszinierende Antwort, der Welt zu sagen: „Wir stellen uns der Geschichte mit
einem Haus, das schon Geschichte ist.“
Man erkennt aus Ihren Aussagen Ihre Faszination und Überzeugung vom Palais Epstein als „Haus der Toleranz“. Aber es hat seitens des Parlaments – unter dem Präsidenten Dr. Fischer – den Entschluss gegeben, das Epstein nicht für ein „Haus der Toleranz“, sondern für parlamentarischen Büroraum zur Verfügung zu stellen. Wie groß war da Ihre Enttäuschung?
Ich
muss Ihnen etwas ganz offen und ehrlich sagen. Ich war entsetzt, ich war
enttäuscht. Ich habe nach der Befreiung meine Identität in dieser Stadt
gefunden. Heinz Fischer war einer von denen, die mir geholfen haben, diesen Weg
in Wien zu gehen. Daher war es für mich ganz selbstverständlich, dass gerade
Heinz Fischer der erste sein wird, der sich für das Epstein als „Haus der
Toleranz“ einsetzen wird. Dass dies nicht der Fall war, ist meine Enttäuschung.
Meine Hoffnung: Vieles ist aufgerüttelt worden, vieles ist wach geworden. Jetzt
ist die Zeit, sich der Geschichte zu stellen.
Ich
begrüße das, weil Häupl als Bürgermeister einer Stadt, die so viel Geschichte
darstellt, versteht, dass sich Wien mit einem symbolischen Haus präsentieren kann
und soll und muss. Es soll nicht nur symbolisch sein, es soll
ein lebendiger Platz sein, es soll ein Ort der Begegnung sein, wo junge Leute
aus aller Welt Antworten finden können. Wien, die Hauptstadt der Geschichte
Europas. Das ist für mich ein faszinierender Gedanke.
Gibt es für Sie alternative Standorte für den Fall, dass das Parlament weiterhin darauf beharrt, das Epstein zu Büroraum zu machen?
Ich
habe keine Alternative und für mich gibt es keine Alternative. Ich hoffe, dass
mein Freund Heinz Fischer – und er ist mein Freund – verstehen wird, dass es
sich nicht um Sturheit meinerseits handelt, sondern dass es eine historische
Verpflichtung ist, dieses Haus freizugeben für ein „Haus der Geschichte“. Und
was ich noch hoffe, ist, dass die Politiker von den verschiedenen Parteien
entdecken werden, dass das keine Grundlage für politische Auseinandersetzungen
sein darf ...
Aber ist es das nicht schon längst? Es gibt zwei Konzepte, die ...
Es
gibt zwei Konzepte. Anton Pelinka hat es wunderbar gemacht. Wenn die ÖVP
glaubt, dass sie auch etwas dazu beitragen kann – ohne weiteres! Ich habe
nichts dagegen, wenn Ideen vervollständigt werden.
Es geht ja nicht um Ergänzung und Vervollständigung, sondern es war so, dass das Unterrichtsministerium unter Ministerin Gehrer ein eigenes Konzept ausarbeiten ließ und gleichzeitig Prof. Pelinka im Auftrag von Minister Einem ein Konzept ausgearbeitet hat. Ist das nicht eine seltsame Vorgangsweise?
Es
ist eine seltsame Vorgangsweise. Aber ich bin schon so alt dass ich längst
gelernt habe, wie es in diesem Lande vor sich geht. Ich hoffe trotzdem, dass
dieses Haus ein Tabu für politisches Hickhack sein wird. Man sollte sich
einigen und sagen: „Das ist der Platz. Wie können wir die Umsetzung am besten,
am erfolgreichsten durchführen?“
Es ist bekannt, dass Sie hinter dem Konzept von Pelinka stehen. Was halten Sie eigentlich von den konzeptuellen Vorstellungen von Professor Karner?
Ich
habe ein gestörtes Verhältnis zu Herrn Karner – das sage ich ganz offen. Ich
habe Pelinka vorgeschlagen, weil ich weiß, wie sich Pelinka in aller Welt
präsentiert hat, wie man Pelinka schätzt, wie man Pelinka nicht einer
politischen Richtung zuschreibt – im Gegensatz zu Herrn Karner.
Ich
will, dass in diesem Land eine Generation heranwächst, die sich aus einer
moralischen Verpflichtung heraus – ohne Schuldgefühle – aufrichtig und ehrlich
der Geschichte stellt. Das ist meine Vision. Die jungen Menschen sind nicht
schuldig. Aber ich lasse sie nicht frei von einer moralischen Verpflichtung.
Deswegen hoffe ich auch, dass dieses Haus Epstein verstanden wird als eine
Möglichkeit zu gedenken, zu verarbeiten, zu begegnen.
Ist diese Vision nach dem Wahlausgang am 3. Oktober nicht in weite Ferne gerückt?
Die
Wahlen habe nicht ich verloren. Verloren hat Österreich. Ich wurde nach der
Wahl von vielen Menschen angerufen. Man hat zu mir gesagt: „Leon, was willst Du
noch? So waren sie, so sind sie und so bleiben sie!“
Was
ich antwortete? „Macht mir nicht das Leben schwer. Ich glaube noch immer daran.
Denn 70 Prozent haben Haider nicht gewählt.“
Am
Viktor-Adler-Platz (bei einer FPÖ-Wahlkampfkundgebung) hat mir ein alter Mann –
ich wusste gar nicht, dass er Jude ist – gesagt: „Lieber, lieber Zelman. Ich
schließe die Augen, und höre nur das Reden. Und das erinnert mich an andere
Zeiten.“ So war es ´38. Von einer Sekunde auf die andere war der Freund nicht
mehr Freund. Und der Lehrer war kein Pädagoge mehr. Alleine aufgrund dieser
Tatsache darf doch die Republik nicht versuchen, sich ein neues Image zu
verpassen, sondern müsste einfach zugeben: „Ja, wir sind so und müssen uns
ändern.“
Der Aufstieg Haiders hat in diesem Jahr in Kärnten begonnen, wo er Landeshauptmann geworden ist. Dort hätten die anderen Parteien verhindern können ...
Sie
hätten es verhindern können – durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Man muss
dem Haider sagen, dass er ein Lügner ist, dass er ein Populist ist, dass er im
heutigen Europa keinen Platz mehr hat. Ich beginne mit Haider zu begreifen, wie
Hitler an die Macht gekommen ist – auf demokratischem Wege. Unsere Parteien
werden ihm den Weg ebnen, indem sie ihn in die Regierung reinwählen. Und damit
hätten sie den ersten Schritt gemacht – wie damals 1933.
Ich
werde gehen. Ich werde sagen: „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung.“ Ich möchte
meine Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen. Es wäre schade.
© 1999 by standpunkt
– die liberale Zeitung für Wien