Zwangsmigration, Epidemie und Grenze. Grenzentlausungslager der NS-Gesundheitsverwaltung im besetzten Osteuropa 1939-1945

Projektleiter: Assoz.-Prof. Dr. Bertrand Perz
Projektmitarbeiterin: Mag.a Eva Hallama
Laufzeit: 1.3.2016 bis 28.2.2019
Finanzierung: DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

laus

Abbildungen der Kopf-, Kleider- und Filzlaus und ihrer Eier (Fig. 9-13). Vor allem die Kleiderlaus galt als Überträgerin des Fleckfiebers.
In: Friedrich Küchenmeister, Die in und an dem Körper des lebenden Menschen vorkommenden Parasiten. Ein Lehr- und Handbuch der Diagnose und Behandlung der thierischen und pflanzlichen Parasiten des Menschen. Leipzig 1855, S.535.

Die Errichtung der Grenzentlausungslager

Der Einsatz von Millionen zwangsweise rekrutierter „ziviler Arbeitskräfte“ aus dem besetzten Osteuropa für die deutsche Kriegswirtschaft war unter den NS-Eliten nicht unumstritten. NS-Ideologen warnten vor den volkspolitischen Gefahren, die das „Hereinholen“ ausländischer Arbeitskräfte für die deutsche Bevölkerung darstellen würde. Aus gesundheitspolitischer Sicht war es die Einschleppung von „Schmutzkrankheiten“ aus dem Osten, die als besonderes Risiko betrachtet wurden. Zu ihnen wurde vor allem Fleckfieber gezählt. Aufgrund seines Vorkommens in Ost- und Südosteuropa und seiner Übertragung durch Läusekot war die Fleckfieberprävention außerdem mit rassistischen Vorstellungen eines unzivilisierten und unreinen Ostens verbunden. Zur seuchenhygienischen Überwachung und zur Feststellung der Arbeitsfähigkeit errichtete das Deutsche Reich im östlichen Grenzraum daher „Grenzentlausungslager“, welche die ZwangsarbeiterInnen vor ihrem Einsatz im Reich passieren mussten. Hier fand die obligatorische Entlausungsprozedur statt, die der Prävention des Fleckfiebers galt.

Aus der Perspektive der ZwangsarbeiterInnen waren die medizinische Beschau und die Entlausungspraxis nach der Rekrutierung einer der ersten Erfahrungen, die den Übergang in die Zwangsarbeit und die Unterwerfung unter das NS-Regime markierten. Bei der Quellenanalyse liegt ein Fokus dabei auch auf der Frage nach Formen der Beschämung und im Zusammenhang damit nach der Kategorie Geschlecht. Dies, weil von der These ausgegangen wird, dass Beschämung als strukturelles Mittel der Stigmatisierung unter anderen dazu imstande war, auf der NS-Ideologie basierende Grenzziehungen zwischen „Herrenmensch“ und dem „slawischen Arbeitsvolk“ herzustellen, die durch den Zwangsarbeitseinsatz der osteuropäischen Bevölkerung innerhalb des Deutschen Reiches auf der räumlichen Ebene nicht umgesetzt werden konnten.

Methodischer Zugang

Ein kombinierender Zugang von diskurstheoretischen und praxeologischen Ansätzen soll es ermöglichen, soziale und institutionelle Praxis in ihrer Verwobenheit mit gesellschaftlichen Diskursen zu fassen.

Ausgewertet werden Quellen der NS-Administration, allen voran Bestände der zentralen wie lokalen Gesundheitsbehörden und Arbeitsämter. Die Analyse lebensgeschichtlicher Erfahrungen und Erinnerungen ehemaliger ZwangsarbeiterInnen hat demgegenüber zum Ziel, die Bedeutung der Untersuchungs- und Entlausungspraxis für die Betroffenen selbst herauszuarbeiten und aufzuzeigen.

Forschungsfragen

  1. Wie sah der Durchschleusungsvorgang, die Erfassungs-, Untersuchungs- und Entlausungspraxis in den Lagern aus und welche Diskurse waren mit der Institution der „Grenzentlausungslager“ verwoben? Inwieweit gingen zudem sicherheitspolizeiliche Kontrollen mit den seuchenhygienischen Maßnahmen einher?
  2. Wie erlebten und mit welchen Bildern erinnerten ehemalige ZwangsarbeiterInnen die Durchschleusung durch die Grenzentlausungslager? Welche Zuschreibungen erfuhren sie im Zuge der medizinischen und seuchenhygienischen Untersuchungen und welche Formen des Widerstands entwickelten sie gegen diese?