Achse der Erinnerung

6 | Schönbauer Gedenktafel

  • In front of the x-ray department, 1940s; Josephinum Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Schönbauer Gedenktafel

Die 1981 eingeweihte Gedenktafel befindet sich im Hof 1 links neben dem Jahoda Tor. Sie erinnert an den Mediziner Leopold Schönbauer (1888—1963), der als «Retter des Allgemeinen Krankenhauses» im Zuge der Befreiung Wiens 1945 gilt. Das AKH befand sich damals auf dem Boden des heutigen Campus der Universität Wien.

Leopold Schönbauer Gedenktafel, enthüllt am 29. Jänner 1981, Ansicht 2014; Foto: Herbert Posch

Leopold Schönbauer Gedenktafel, enthüllt am 29. Jänner 1981, Ansicht 2014; Foto: Herbert Posch

Leopold Schönbauer war ein bedeutender Chirurg und anerkannter Krebsforscher, der in Österreich die Neurochirurgie begründete und bereits in der Zwischenkriegszeit daran beteiligt war, dass erstmals Tumore radioaktiv bestrahlt wurden. Vor allem aber machte er sich als «Retter des AKH» einen Namen. Mit «Zivilcourage statt Opportunismus», wie es in Nachrufen hieß, verhandelte Schönbauer erfolgreich mit beiden Kriegsparteien, SS-Truppen wie sowjetischen Soldaten, um das Krankenhaus im April 1945 aus den Gefechten herauszuhalten. Unmittelbar darauf wurde Schönbauer von der Belegschaft zum Direktor des Krankenhauses gewählt. Die Geschichte der Rettung stand auch am Beginn seiner Nachkriegskarriere. Er blieb bis zu seiner Pensionierung 1961 AKH-Direktor, wurde 1953/54 zum Rektor der Universität Wien gewählt, und war Nationalratsabgeordneter der ÖVP.

Ergänzungen zu einer österreichischen Biografie

Vor der Röntgenstation, 1940er Jahre; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Vor der Röntgenstation, 1940er Jahre; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Im Nationalsozialismus (NS) wurde Schönbauer zum ordentlichen Professor ernannt. Er war von 1939 bis 1945 Vizedekan der Medizinischen Fakultät, leitete die I. Chirurgische Universitätsklinik und saß im Beirat der Hauptabteilung E (Gesundheitspolitik und Volkspflege) der Gemeindeverwaltung in Wien. An der von ihm geleiteten Abteilung im AKH wurden Patienten zwangssterilisiert, die nach der NS-Ideologie als «nicht erbgesund» galten. Ab Juni 1940 war Schönbauer NSDAP-Parteianwärter mit der Nummer 8,121.441 und ab 1943 Träger des «Silbernen Treuedienstabzeichens» der NSDAP.

Leopold Schönbauer (re.) in Wehrmachtsuniform, im Hof 1 des AKH, 1944; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Leopold Schönbauer (re.) in Wehrmachtsuniform, im Hof 1 des AKH, 1944; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Er reiste zwischen 1938 und 1945 viel und hielt unter anderem in Sarajevo, Belgrad und Budapest Vorträge. Schönbauers Name findet sich auch auf der Teilnehmerliste einer Tagung in der Militärärztlichen Akademie in Berlin, zu der im Mai 1943 die Elite der NS-Ärzteschaft geladen war.

Der Neubeginn 1945

Leopold Schönbauer Hände waschend nach einer Operation, 1952; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Leopold Schönbauer Hände waschend nach einer Operation, 1952; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Bereits im Juni 1945 legte der damalige Rektor der Universität Wien, Ludwig Adamovich, eine Erklärung ab, in der er Schönbauers Engagement gegenüber PatientInnen und MitarbeiterInnen betonte, die u.a. als «Mischlinge» im Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Adolf Schärf, späterer Bundespräsident (SPÖ), war mehrfach Patient von Schönbauer, so auch während der «AKH-Rettung». Auf Schärfs Initiative geht auch eine Ausnahmebestimmung im §27 des NS-Verbotsgesetz vom Mai 1945 zurück, inoffiziell hieß dieser auch der «Schönbauer-Paragraf». Schärf wollte damit ermöglichen, dass NationalsozialistInnen vereinzelt aus den Registrierungsakten der Entnazifizierung gestrichen werden konnten, um sie so von Sühnemaßnahmen wie Berufsverboten zu entziehen. Allzu viele behaupteten daraufhin ein Sonderfall zu sein, ihre Mitgliedschaft in der NSDAP niemals missbraucht oder stets eine positive Einstellung zur unabhängigen Republik Österreich vertreten zu haben. Schärfs Intervention hatte Folgen, denn aus der Ausnahme wurde die Regel: die «§27 Methode». Auch Schönbauer profitierte davon: Er wurde dank der Sonderregelung entnazifiziert und konnte Primar, Hochschulprofessor und AKH-Direktor bleiben bzw. Nationalrat werden.

Leopold Schönbauer am Klinikausgang, 1950er; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Leopold Schönbauer am Klinikausgang, 1950er; Bildersammlung, Sammlungen und Geschichte der Medizin, MedUni Wien

Was bleibt?

Der Blick auf das Leben von Leopold Schönbauer legt Facetten der österreichischen Zeitgeschichte frei, die ihn nicht mehr als Einzelfall erscheinen lassen. Die Biografie des außergewöhnlichen Chirurgen scheint fast typisch für einen Vertreter der Ärzteschaft: zum einen wegen seiner Haltung während des Nationalsozialismus, zum anderen wegen der kulanten Entnazifizierung nach 1945. Schönbauers Mitverantwortung in der NS-Wissenschaft wurde bei seinen zahlreichen Ehrungen nach 1945 ausgeblendet: bei der Schönbauer-Büste im neuen AKH ebenso wie bei der Schönbauer-Sonderbriefmarke, dem Ehrengrab oder der Gedenktafel im Hof 1.

Gedenk-Briefmarke der Österreichischen Post zum 100. Geburtstag Schönbauers 1988; Privatarchiv Linda Erker

Gedenk-Briefmarke der Österreichischen Post zum 100. Geburtstag Schönbauers 1988; Privatarchiv Linda Erker

Text: Linda Erker

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