Zeitschrift für Pädagogik
Komplette Inhaltsverzeichnisse seit 1972

Die Inhaltsverzeichnisse der Jahrgänge 1999 zurück bis 1972 wurden vom Team des SoSe 2009 abgeschrieben; sie werden laufend zurückgearbeitet, wodurch auch die Stichwortsuche (s. unten) erweitert wird.

(Präsenzbibliothek am Institut für Bildungswissenschaft der Univ. Wien)


Jahrgang 56 (2010), Jahrgang 55 (2009), Jahrgang 54 (2008), Jahrgang 53 (2007), Jahrgang 52 (2006), Jahrgang 51 (2005), Jahrgang 50 (2004), Jahrgang 49 (2003), Jahrgang 48 (2002), Jahrgang 47 (2001), Jahrgang 46 (2000), Jahrgang 45 (1999), Jahrgang 44 (1998), Jahrgang 43 (1997), Jahrgang 42 (1996), Jahrgang 41 (1995), Jahrgang 40 (1994), Jahrgang 39 (1993), Jahrgang 38 (1992), Jahrgang 37 (1991), Jahrgang 36 (1990), Jahrgang 35 (1989), Jahrgang 34 (1988), Jahrgang 33 (1987), Jahrgang 32 (1986), Jahrgang 31 (1985), Jahrgang 30 (1984), Jahrgang 29 (1983), Jahrgang 28 (1982), Jahrgang 27 (1981), Jahrgang 26 (1980), Jahrgang 25 (1979), Jahrgang 24 (1978), Jahrgang 23 (1977), Jahrgang 22 (1976), Jahrgang 21 (1975), Jahrgang 20 (1974), Jahrgang 19 (1973), Jahrgang 18 (1972)

Jahrgang 43 (1997): Heft 6, Heft 5, Heft 4, Heft 3, Heft 2, Heft 1


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Jahrgang 43 - Heft 6 – November/Dezember 1997

Thema: Geschlecht als Kategorie in der Erziehungswissenschaft

Heinz-Elmar Tenorth
Geschlecht als Kategorie in der Erziehungswissenschaft. Zur Einleitung in den Themenschwerpunkt
Heiner Drerup
Die neuere Koedukationsdebatte zwischen Wissenschaftsanspruch und politisch-praktischem Orientierungsbedürfnis
Zusammenfassung: In der Koedukationsdebatte werden gegenwärtig widersprüchliche Bilanzen zu den Wirkungen von Koedukation bzw. Nichtedukation gezogen; darüber hinaus ist auch die Bewertung dieser Wirkungen strittig. Die Bilanzen werden in einigen Überzeugungsgemeinschaften zur Grundlage einer normativen Pädagogik gemacht, für die man die Bezeichnung „reflexive Koedukation“ gewählt hat. In dem Artikel wird die These vertreten, dass einer solchen Flucht ins Engagement eine reflexive Koedukationsdebatte entgegengestellt werden sollte, in der die Topoi der populären Bewegungsliteratur mit methodenkritischen Überlegungen aus der neuen einschlägigen Forschungsliteratur konfrontiert werden. Hierzu will der Artikel einen Beitrag leisten.
Peter-Martin Roeder/Sabine Gruehn
Geschlecht und Kurswahlverhalten
Zusammenfassung: Die vorliegende Untersuchung stütz sich auf Erhebungen der Bundesländer über die Wahlen von Leistungs- und Grundkursen sowie auf Informationen einer Schülerbefragung zur Bewertung von Aspekten des Kurssystems, die im Rahmen einer internationalen Untersuchung zum mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht durchgeführt wurde. Auf der Grundlage dieser Daten werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Kurswahlverhalten der Geschlechter erörtert. Fokus der abschließenden Diskussion ist der Kontrast zwischen geschlechtsspezifischem Kurswahlverhalten einerseits und dem in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachtenden Prozess der Angleichung der formalen Bildungskarrieren beider Geschlechter andererseits.
Leonie Herwartz-Emden
Die Bedeutung der sozialen Kategorien Geschlecht und Ethnizität für die Erforschung des Themenbereichs Jugend und Einwanderung
Zusammenfassung: In dem Beitrag wird aufgezeigt, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse betreffend Einwandererjugendliche in der Bundesrepublik lückenhaft sind. Mängel finden sich bereits in der theoretischen Erfassung der Themengebiete Jugend und Einwanderung; sie finden sich wieder in vielen praxisorientierten Veröffentlichungen für die Bildungs- und Beratungsarbeit. Eine Theorie der Adoleszenz unter der Bedingung von Migration und Einwanderung sollte in einer interkulturell vergleichenden Perspektive und unter Einbezug der Kategorie des „kulturellen Raumes“ entwickelt werden sowie unter Einbezug des Ineinanderwirkens der Kategorien „Geschlecht“ und „Ethnizität“ und in der emotionalen Dynamik von Akkulturationsprozessen im Jugendalter.
Berno Hoffmann
Fehlt Jungen- und Männerforschung? Zur Theorie moderner Geschlechtersozialisation
Zusammenfassung: Der Autor geht der Frage nach, ob der Erziehungswissenschaft Jungen- und Männerforschung fehlt. Gearbeitet wird mit der Methode der dialektisch-hermeneutischen Sinnexplikation. Die These der fehlenden Jungen- und Männerforschung wird mit der Antithese der existierenden Jungen- und Männerforschung konfrontiert. Der Widerspruch wird mit zwei wissensoziologischen Hypothesen überwunden; diese implizieren Grundelemente einer Theorie der modernisierten Geschlechtersozialisation. Diese ist fortzuführen und zur Fortentwicklung kritischer Geschlechterpädagogik zu nutzen.
Juliane Jacobi
Modernisierung durch Feminisierung? Zur Geschichte des Lehrerinnenberufes
Zusammenfassung: Die These dieses Aufsatzes, dass die Prägung des Lehrerberufs durch einen starken und kontinuierlich zunehmenden Anteil von Frauen als Antwort auf die Herausforderung des Modernisierungsprozesses an die kulturelle Reproduktion in der Schule interpretiert werden kann, wird zunächst durch die Skizze des Verlaufs der Feminisierung in ausgewählten europäischen Ländern und Nordamerika beschrieben. Der bisher wenig beachtete Aspekt des erstaunlich hohen Anteils von Frauen an der Geschichte der Reformpädagogik dient zur Stützung der These, dass das Berufsbild des Lehrers stark durch die Feminisierung des Berufes geprägt ist. Diese Interpretation der Feminisierung des Berufs wird mit aktuellen Thesen zur Professionalität von Lehrerinnen und Lehrern konfrontiert, die sich mit der pädagogischen und sozialen Bedeutung der weiblichen Konstruktion des Berufsverständnisses, der Qualität schulischer Arbeit von Lehrerinnen und mit empirischen Untersuchungen über das Berufsverständnis von Frauen und Männern befassen.

Diskussion: Der Bildungsbegriff in der Erziehungswissenschaft

Dieter Lenzen
Lösen die Begriffe Selbstorganisation, Autopoiesis und Emergenz den Bildungsbegriff ab?
Zusammenfassung: Die jüngere Entwicklung des radikalen Konstruktivismus und der konstruktivistisch orientierten Systemtheorie wirft die Frage auf, ob das Konzept der „Selbstorganisation“ bzw. die funktional äquivalenten Begriffe „Autopoiesis“ und „Emergenz“ (SAE) empirisch gehaltvoller und damit theoretisch angemessener sind als der klassische deutsche Bildungsbegriff. Zur Erörterung dieser Frage werden zunächst die vorfindbaren kritischen Einwände gegen den Bildungsbegriff zusammengefasst und vier gültige Begriffsdimensionen von Bildung differenziert. In einem zweiten Schritt wird die Begrifflichkeit von SAE idealtypisch rekonstruiert. Schließlich werden Bildung und SAE im Hinblick auf neun Charakteristika verglichen. Dabei stellt sich heraus, dass beide Begrifflichkeiten zwar hinsichtlich ihrer paradoxalen Struktur äquivalent sind, dass aber die SAE-Konzeption u.a. eine höhere Anschlußfähigkeit für eine Reflexionstheorie der Humanontogenese aufweist.
Heinz-Elmar Tenorth
„Bildung“ – Thematisierungsformen und Bedeutung in der Erziehungswissenschaft
Zusammenfassung: Der Beitrag diskutiert Verwendungsweisen des Bildungsbegriffs, sowohl im öffentlichen wie im multidisziplinären Diskurs. Dabei werden systematische Thematisierungsweisen, in denen der Begriff als Substratkategorie vielfältiger Forschungen fungiert, von solchen Thematisierungsweisen unterschieden, in denen intenione obliqua, kritisch und philosophisch, von Bildung gesprochen wird. Die These heißt, dass beide Thematisierungsweisen nicht aufeinander reduzierbar sind, dass aber die Kommunikation möglich ist, wenn Annahmen über das jeweils vertretene Wirklichkeitsmodell, vor allem die Annahmen der Bildungskritik über Verlauf und Wirkung von Sozialisationsprozessen, problematisiert werden.

Weitere Beiträge

Erhard Schlutz/Josef Schrader
Systembeobachtung in der Weiterbildung. Zur Angebotsentwicklung im Lande Bremen
Zusammenfassung: Die Forschungsaktivitäten in der Erwachsenen- und Weiterbildung sind keineswegs gering, aber Forschung hat sich inzwischen auf kleinere empirische Projekte konzentriert. Deshalb ist vor allem ein auffälliger Mangel an laufender Systembeobachtung und systematischer Evaluation und Dokumentation zu verzeichnen. Insbesondere werden Entwicklung und Fortschritt von Erwachsenenbildungsprogrammen selten beobachtet. In diesem Zusammenhang stellen wir ausgewählte Befunde eines Forschungsprojekts vor, das zum Ziel hatte, das Gesamtangebot an Weiterbildung in einer städtischen Region auszuwerten und in seiner Entwicklung zu dokumentieren. Die wichtigste dabei verwendete Methode war eine Inhaltsanalyse der schriftlichen Ankündigungen aller Bildungsveranstaltungen (etwa 1600). Abschließend diskutieren wir Fragen der Systementwicklung in Erwachsenen- und Weiterbildung sowie zukünftige Aufgaben der Bildungspolitik.

Besprechungen

Hans-Werner Fuchs
Gisela Trommsdorff (Hrsg.): Sozialisation und Entwicklung von Kindern vor und nach der Vereinigung
Jürgen Zinnecker/Rainer K. Silbereisen: Kindheit in Deutschland. Aktueller Survey über Kinder und ihre Eltern
Gerhard Kluchert
Burkhard Dietz/Ute Lange/Manfred Wahle (Hrsg.): Jugend zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Historische Jugendforschung zum rechtsrheinischen Industriegebiet im 19. und 20. Jahrhundert
Alfons Kenkmann: Wilde Jugend. Lebenswelt großstädtischer Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Währungsreform
Thomas Th. Büttner
Kersten Reich: Systemisch-konstruktivistische Pädagogik. Einführung in Grundlagen einer interaktionistisch-konstruktivistischen Pädagogik
Jürgen Diederich
Edmund Kösel: Die Modellierung von Lernwelten. Ein Handbuch zur subjektiven Didaktik

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 43 - Heft 5 – September/Oktober 1997

Thema: Ästhetik und Bildung – Praxisformen und Wahrnehmungsweisen

Cornelie Dietrich/Klaus Mollenhauer
Musikalische Figuren als Selbstbeschreibungen im späten Kindesalter
Zusammenfassung: Der Beitrag erörtert Ergebnisse eines Forschungsprojektes, in dem Kinder ohne spezielle musikalische Vorbildung kleine Musikstücke improvisierten. Diese Musikstücke werden als „Selbstbeschreibungen“ verstanden. Die musikalischen Äußerungen des Kindes als Rede über sich bzw. als Äußerung des „Ich“ zu verstehen, machen sie damit allerdings nicht geradliniger Interpretation zugänglich, da sie nicht eindeutig sind. Trotzdem bergen die Musikstücke ich-relevante Äußerungen, die auch bildungstheoretisch erschlossen werden können. Das wird versucht durch die heuristische Annahme, dass das musikalische Material „Metaphern“ enthält, die sich in mehreren Hinsichten – mimetische Resonanz, Stimmung, Leibgebundenheit, Interaktion – als selbstreflexive beschreiben lassen.
Horst Weber
Entwerfendes Lernen in Improvisationen von Kindern. Kommentar zu C. Dietrich und K. Mollenhauer
Zusammenfassung: Der folgende Beitrag kommentiert den vorangegangenen Artikel von C. DIETRICH und K. MOLLENHAUER. Der Autor nimmt die Fragestellung aus der Perspektive des Musikwissenschaftlers auf und prüft und variiert aus dieser Sicht deren Ergebnisse.
Michael Parmentier
Das gemalte Ich. Über die Selbstbilder von Rembrandt
Zusammenfassung: Die Selbstporträts REMBRANDTS werden im folgenden Beitrag bildungstheoretisch, d.h. als Reflexionsakt des Malers über sich selbst, interpretiert. Dabei unterscheidet der Autor verschiedene Phasen, die der frühen Ausdrucksstudien, bei denen der Maler sich als Modell verwendet, die der Selbstdarstellung in Historienbildern, in denen der Maler Rollen erprobt, und die als „Selbsterforschungsprojekt“ bezeichnete Phase, in der sich REMBRANDT von Tradition und Vorbildern am weitesten entferne. Der Malstil wird Ausdruck von Individualität und Originalität und dokumentiere ebenfalls den Selbstbildungsprozess.
Yasuo Imai
Massenmedien und Bildung. Eine pädagogische Interpretation der Adorno-Benjamin-Kontroverse
Zusammenfassung: ADORNO und besonders BENJAMIN entwickelten ihre Bildungstheorien hauptsächlich im Rahmen ästhetischer Überlegungen. Umso schärfer wurde dort eine spezifisch ‚moderne’ Bedingung von Bildung konturiert. Diese ‚moderne’ Bedingung, die BENJAMIN „Erfahrungsarmut“ nannte, reflektierten die beiden Theoretiker allerdings in völlig unterschiedlicher Weise. Berührungs- und Streitpunkte sind der Kontroverse der 30er Jahre am deutlichsten abzulesen. Diese war anlässlich des Passagen-Projekts BENJAMINs und der scharfen Kritik ADORNOs daran entstanden. Ausgehend von der ADORNO-BENJAMIN-Kontroverse, werden bildungstheoretische Standpunkte der beiden rekonstruiert. Dabei ist eine entscheidende Abweichung der BENJAMINschen Bildungstheorie von traditionellen bildungstheoretischen Positionen zu zeigen. Diese Abweichung stellte eine realistische Konsequenz seiner radikalen Auseinandersetzung mit der ‚Moderne’ dar.

Thema: Pädagogik in Lehre und Ausbildung

Klaus-Peter Horn/Christian Lüders
Erziehungswissenschaftliche Ausbildung zwischen Disziplin und Profession. Zur Einleitung in den Themenschwerpunkt
Helga Hauenschild
Zur sozialwissenschaftlichen Wendung im erziehungswissenschaftlichen Lehrangebot
Zusammenfassung: Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich die sozialwissenschaftliche Wende innerhalb der Erziehungswissenschaft im akademischen Lehrangebot der Disziplin darstellt. Seine empirische Basis sind 43.444 Lehrveranstaltungsankündigungen von 20 ausgewählten Hochschulen im Zeitraum 1945 bis 1990. Ausgehend von der Annahme, dass die Sprache der Erziehungswissenschaft einen Wandel vom bildungstheoretischen Vokabular zu sozialwissenschaftlichen Terminologie vollzogen hat, wird nach dem Verhältnis von einheimischen und importierten Begriffen innerhalb der Lehrveranstaltungsankündigungen gefragt, das bildungs- und sozialisationstheoretische Vokabular analysiert und der klassische Bildungsbegriff verschiedenen Kategorien sozialwissenschaftlicher Provenienz gegenübergestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die sozialwissenschaftliche Wende im erziehungswissenschaftlichen Lehrangebot nicht so ausgeprägt darstellt wie erwartet wurde. Dies wird als Hinweis darauf verstanden, dass die Differenz von Forschungs- und Ausbildungswissen innerhalb der Erziehungswissenschaft immens zu sein scheint.
Lothar Wigger
Was haben Pädagogik-Studenten gelesen?
Zusammenfassung: Das Leseverhalten von Studierenden und die im Studium rezipierten Pädagogiken sind kaum bearbeitete Themen der Forschung. Dabei könnte eine empirische Untersuchung Aufschluß darüber geben, welche Pädagogiken wirklich angeeignet werden. Wenn erste Interpretationen der Befunde eines Pretests nicht täuschen, dann ist die Rezeption pädagogischer Literatur von Studierenden der Erziehungswissenschaft entscheidend geprägt durch die unterschiedlichen Studiengänge (Diplom, Lehramt Primarstufe, Lehramt Sekundarstufe) und weniger durch ein gemeinsames disziplinäres oder professionelles Selbstverständnis; dann beschränken die Studierenden ihre Lektüre zumeist auf das im Studium und für die Prüfungen Erforderliche. Die Folge ist eine Spezialisierung und Fragmentarisierung des Wissens.
Edwin Keiner/Manfred Kroschel/Heidi Mohr/Regine Mohr
Studium für den Beruf? Prospektiven und Retrospektiven von Pädagoginnen und Pädagogen
Zusammenfassung: Der Beitrag untersucht die Bedeutung des erziehungswissenschaftlichen Studiums für das professionelle Selbstverständnis am Beispiel der Diplompädagogik. Gestützt auf regional begrenzte Erhebungen verfolgt die Analyse eine zweifache Perspektive: Zunächst beschreibt sie prospektive Vorstellungen von Studierenden über künftige berufliche Tätigkeiten; diesen stellt sie die retrospektiven Einschätzungen gegenüber, die bereits berufstätige Diplompädagoginnen und –pädagogen über die Bedeutung ihres Studiums für ihre Berufstätigkeit äußern.
Im Kontext professionstheoretischer Überlegungen werden geringe Regelbindungen und Handeln unter Ungewissheit als Kennzeichen pädagogischer Tätigkeit bestimmt, deren spezifische Profilierung überwiegend im Praxisfeld erfolgt. Für das erziehungswissenschaftliche Studium bedeutet dies, weniger die Praxis- und Berufsorientierung zu betonen, sondern das Studium als einen zuschreibungsoffenen Raum von Aneignungsmöglichkeiten zu interpretieren, der der Einübung in den reflexiven und kompetenten Umgang mit Ungewissheiten dient.

Besprechungen

Adalbert Rang
Volker Kraft: Pestalozzi oder das Pädagogische Selbst. Eine Studie zur Psychoanalyse pädagogischen Denkens
Uwe Uhlendorff
Christian Niemeyer/Wolfgang Schröer/Lothar Böhnisch (Hrsg.): Grundlinien Historischer Sozialpädagogik. Traditionsbezüge, Reflexionen und übergangene Sozialdiskurse
Michael Knoll
Laurel N. Tanner: Dewey’s Laboratory School: Lessons for Today
Gert Hullen
Harry Friebel/Heinrich Epskamp/Roswitha FRiebel/Stephan Toth: Bildungsidentität. Zwischen Qualifikationschancen und Arbeitsplatzmangel. Eine Längsschnittuntersuchung

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 43 - Heft 4 – Juli/August 1997

Thema: Entstaatlichung, Autonomie und Qualität von Schule

Dietlind Fischer/Hans-Günter Rolff
Autonomie, Qualität von Schulen und staatliche Steuerung. Chancen und Risiken von „Schulautonomie“
Zusammenfassung: In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, die wichtigsten Begründungsstränge und kritischen Einwände der Autonomiediskussion nachzuzeichnen und mit der Diskussion um Qualitätssicherung von Schulen zu verbinden. Es wird gefragt, welcher Begriff von Qualität dabei eine Rolle spielt und wie Qualität zu sichern ist. Dabei werden sowohl Modelle der Evaluation erörtert als auch neuere Untersuchungsergebnisse wiedergegeben, die diesbezügliche Lehrereinstellungen erhoben haben. Abschließend wird analysiert, dass Autonomie zwar Entbürokratisierung, aber nicht notwendig Entstaatlichung bedeuten muß und wie und warum sich Markt und Wettbewerb in pädagogischen Handlungszusammenhängen grundlegend anders darstellen als in wirtschaftlichen.
Kingsley Evans
Bildungsreform in England: An Ketten gelegte Autonomie der Schule und der Lehrer
Zusammenfassung: Die Veränderungen des englischen Schulsystems durch das Bildungsreformgesetz von 1988 und durch die Einführung eines Nationalen Curriculums mit einem entsprechenden System zentraler Prüfungen in mehreren Altersstufen werden von Lehrenden und ihren Verbänden, von lokalen Schulverwaltungen, Eltern und der staatlichen Schulaufsicht unterschiedlich wahrgenommen. Für Lehrende sind die Einschränkungen ihrer curricularen Entscheidungsspielräume von besonderer Bedeutung. Die Klage darüber ist nur verständlich, wenn man die Veränderung des gesamten Gefüges von Schulaufsicht, Kontrolle, Budgetierung, Qualitätssicherung, Schulinspektion und den pädagogischen Handlungsspielräumen der einzelnen Schulen bzw. des einzelnen Lehrenden in historischer Perspektive betrachtet. Der Beitrag zeichnet die bildungspolitischen und schulorganisatorischen Entwicklungen des englischen Schulwesens von 1944 bis 1988 und in den Revisionen und Fortschreibungen bis 1996 nach.
Barbara Koch-Priewe
Qualität von Schule: Geschlecht als Strukturkategorie
Zusammenfassung: Der Artikel stellt solche Ergebnisse der pädagogischen Geschlechterforschung vor, die im Rahmen der Qualitätsbeurteilung von Einzelschulen relevant werden können. Mögliche Qualitätskriterien für „gute Schulen“ finden sich in drei schultheoretischen Dimensionen, bei denen der Geschlechtsfaktor eine Rolle spielt: Was tragen Schulen im Rahmen der autonomeren Gestaltung ihre Schulprofils zur Überwindung von Geschlechtsrollenstereotypien von Mädchen und Jungen bei? Wie berücksichtigt Schulentwicklung bei der Einbindung von Müttern und Vätern die notwendige Veränderung traditioneller Geschlechtsrollenmuster? Welche Maßnahmen treffen Schulen, damit in Schulentwicklungsprozessen die gleichberechtigte Beteiligung von Lehrerinnen und Lehrern gesichert ist?
Ulf Preuss-Lausitz
Soziale Ungleichheit, Integration und Schulentwicklung. Zu den Qualitätskriterien bei der „Entstaatlichung“ von Schule
Zusammenfassung: Der Diskurs um Gestaltungsautonomie und Profilbildung der Einzelschule, um Entstaatlichung bis hin zur Privatisierung des Schulwesens wird vor dem Hintergrund zunehmender sozialer und ökonomischer Segregationstendenzen analysiert. Die sozial ausgleichende Funktion des gesamten Bildungssystems wird gegen neoliberale Trends in Schulpolitik und Schultheorie verteidigt. Dabei wird die Notwendigkeit empirischer Prüfverfahren zur Unterstützung von Chancengleichheit bzw. sozialer Kohäsion bei allen Formen größerer Selbständigkeit der Einzelschule und im privaten Schulwesen exemplarisch begründet.
Mats Ekholm
Steuerungsmodelle für Schulen in Europa. Schwedische Erfahrungen mit alternativen Ordnungsmodellen
Zusammenfassung: Die Vorstellung von staatlicher Schulkontrolle hat sich in den vergangenen Jahren, verstärkt durch den Abbau der Blockkonfrontation, verändert. Neue Steuerungsmodelle indes sagen noch nichts über Minderung oder Steigerung von Schulqualität aus. Der Autor zeigt an einer schwedischen Langzeituntersuchung, dass neue Regulierungsmechanismen geringere Veränderungen verursachen als erwartet. Selbst umwälzende Reformen der Verantwortung von Schulen, z.B. Autonomie in der Budgetierung, in der Bestimmung über Inhalte oder Veränderungen von Didaktik sowie in der Verstärkung von Lehrerfortbildung, bewirken keine Veränderung der Arbeitsweise der Schule. Bestimmender bleiben die in der einzelschulischen „Arbeitsstruktur“ latenten Mentalitäten.

Diskussion: Umwelterziehung

Fritz Reheis
Ökologie als Frage der Zeit. Eine Antwort auf Helmut Heid und Gerd-Jan Krol
Zusammenfassung: Der Beitrag ist eine Antwort auf die beiden Aufsätze von HEID (1992) und KROL (1993) in dieser Zeitschrift. Beide waren sich einig, dass Umwelterziehung gesellschaftstheoretisch fundiert sein müsse. Ihre Ansätze behindern diese Absicht jedoch, weil sie analytisch zuwenig anschlußfähig an weitere Diskurse sind, KROL zudem normativ zuwenig pluralistisch ist. Der Beitrag entwirft ein Paradigma, das weit genug ist, um alle für eine gesellschaftstheoretisch fundierte Umweltpädagogik relevanten Objektbereiche zu umfassen. Das Paradigma verbindet die Grundidee der Ökologie, das Haushalten, mit Erkenntnissen über Zeitskalen und Rhythmen. Auf dieser Grundlage wird eine Pädagogik des „Zeitlassens“ gefordert: Zeit in methodischer Hinsicht für die Respektierung der Eigenzeiten des Lernenden, in inhaltlicher Hinsicht für den systematischen Blick auf die vergangene, gegenwärtige und zukünftige Beziehung zwischen Natur und Gesellschaft.
Jürgen Lehmann
Handlungsorientierung und Indoktrination in der Umweltpädagogik
Zusammenfassung: Eine Reihe von Konzepten zur Umweltbildung betont in den letzten Jahren zunehmend die ökologische Handlungsorientierung in der Umweltpädagogik. Einige Umweltpädagogen sehen hierin eine problematische Tendenz zur Indoktrination. In dem Beitrag wird versucht, diese Bedenken zu zerstreuen. Es wird argumentiert, dass ökologisches Handeln als Lernziel aus anderen Gründen in der Tat sehr problematisch ist, nämlich dann, wenn es als individuelles unpolitisches Handeln konzipiert wird.

Diskussion: Einheitsschule – Zeitgeschichte und Strukturproblem

Peter Drewek
Begriff, System und Ideologie der „Einheitsschule“. Ein Kommentar zu Gerhart Neuners Beitrag über „Das Einheitsprinzip im DDR-Bildungswesen“
Gert Geissler
Die konsequente Realisierung des Einheitsprinzips. Bemerkungen, veranlasst durch einen Analyseversuch von Gerhart Neuner

Besprechungen

Annette Scheunpflug
Niklas Luhmann/Karl-Eberhard Schorr (Hrsg.): Zwischen System und Umwelt: Fragen an die Pädagogik
Thomas Fuhr
Harm Paschen: Pädagogiken. Zur Systematik pädagogischer Differenzen
Manfred Lüders
Gerhard de Haan: Die Zeit in der Pädagogik. Vermittlungen zwischen der Fülle der Welt und der Kürze des Lebens
Heinz-Elmar Tenorth
Arno Combe/Werner Helsper (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns
Karl-Heinz Arnold
Silvia-Iris Lübke: Schule ohne Noten. Lernberichte in der Praxis der Laborschule

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 43 - Heft 3 – Mai/Juni 1997

Thema: Pädagogik in ihrer Geschichte

Günther Bittner
„Das Kot der Welt, in welches ich mich vertieft …“. Pestalozzi als autobiographischer Denker
Zusammenfassung: Im folgenden Beitrag werden PESTALOZZIS Schriften als autobiographische Selbstreflexion gelesen und interpretiert. Dabei werden nicht vorgefertigte psychoanalytische Kategorien benutzt, sondern im Anschluß an DILTHEYS Begründungen zum autobiographischen Verstehen aus den Schriften selbst Fragestellungen entwickelt, mit denen die Texte untersucht werden.
Michael Gebel/Helmut Heiland/Hans Proll
Fröbel in seinen Briefen. Bemerkungen anlässlich der Edition einer Fröbelbriefausgabe
Zusammenfassung: Der Beitrag berichtet über die geplante Gesamtausgabe der Briefe FRIEDRICH FRÖBELS, die von der Fröbel-Forschungsstelle der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg mit Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft vorbereitet wird. Der Artikel beschreibt die Geschichte der bisherigen Briefteileditionen, umreißt editionskritisch deren Leistung und Defizite und skizziert einige Ergebnisse der quellenkritischen Erschließung aller Briefe FRÖBELS.
Wolfgang Brezinka
Heilpädagogik an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. Ihre Geschichte von 1911-1985
Zusammenfassung: Die Bemühungen um die Sondererziehung anormaler Kinder sind seit Beginn des 20. Jahrhunderts besonders durch Wiener Professoren der Kinderheilkunde und der Psychiatrie unterstütz worden. An der Kinderklinik der Universität Wien entstand 1911 die erste „Heilpädagogische Station“ Europas. Die Pädiater ERWIN LAZAR und HANS ASPERGER sowie der Psychiater RUDOLF ALLERS haben wesentlich zum Aufschwung der Heilpädagogik beigetragen. Der Autor schildert aufgrund der im Archiv der Universität Wien und im Österreichischen Staatsarchiv vorhandenen Quellen erstmals das Lebenswerk dieser ärztlichen Pioniere der Heilpädagogik im Spannungsfeld zwischen Kinderheilkunde, Psychiatrie und Erziehungswissenschaft sowie zwischen Medizinischer Fakultät und Schulverwaltung.
Tobias Rülcker
Die politischen Optionen in der Pädagogik Wilhelm Flitners. Kontinuitäten antimodernen Denkens
Zusammenfassung: Die politische Dimension von W. FLITNERS Werk hat bisher kaum Beachtung gefunden. Daher sind auch seine umstrittenen Äußerungen zu Beginn der NS-Zeit meist isoliert von den Hauptlinien seines Denkens interpretiert worden. Die vorliegende Untersuchung setzt bei der Frage nach den ideologischen Zusammenhängen an und weist nach, dass FLITNERS Publikationen eine hohe Kontinuität der politisch-pädagogischen Argumentation von der Weimarer Republik bis in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik zeigen. Sie sind geprägt von der Abwehr moderner gesellschaftlicher Entwicklungen, von der Denunziation des aufklärerischen Rationalismus und dem Griff nach einer irrationalistischen Lebensphilosophie, von der Sorge um die Auflösung traditioneller Lebensordnungen, wie insbesondere der Volksgemeinschaft, und von der Propagierung der konservativen Revolution zu ihrer Rettung. Es zeigt sich, dass von diesen Denklinien aus weder 1933 eine realistische Einschätzung der Bedrohung durch den Nationalsozialismus noch nach 1945 seine kritische Aufarbeitung möglich war.

Diskussion: Bildungswesen in Japan: Vorbild oder Schreckbild?

Toshiko Ito
Zwischen „Fassade“ und „wirklicher Absicht“. Eine Betrachtung über die dritte Erziehungsreform in Japan
Zusammenfassung: Das japanische Bildungssystem besteht aus der „Fassade“ eines ministerial verordneten Harmonieprinzips und der „wirklichen Absicht“ des der selektiven Gesellschaft dienenden Konkurrenzprinzips. Je heftiger die Konkurrenz um gute Ausbildungsplätze wird, desto stärker rückt die „wirkliche Absicht“ in den Vordergrund. Zwar haben die japanischen Bildungsbehörden in einer Erziehungsreform Maßnahmen getroffen, die „Kreativität und Diversifikation“ fördern sollen, diese Reformen sind jedoch in Ansätzen stecken geblieben und wirken so eher gegenteilig.
Nobuo Fujikawa
Der Begriff des „Ki“ und die japanische Pädagogik. Über Konflikte zwischen westlicher und japanischer Pädagogik
Zusammenfassung: In dem Beitrag werden die Eigenarten japanischer Erziehungstradition beschrieben und die Konflikte analysiert, die beim Aufeinandertreffen moderner westlicher Pädagogiken mit traditioneller Erziehung entstehen. Japanische Erziehungsprinzipien und Auffassungen des „Selbst“ unterscheiden sich von westlichen Positionen und haben bisher nicht beachtete Effekte. Der Autor interpretiert den Sozialisationsprozeß in Japan als einen, in dem sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine spezifisch japanische Konstruktion des „Ich“ durchgesetzt hat, dem ein „Ki“ beigeordnet ist, das das „Ich“ regulieren kann. Ein ähnliches Nebeneinander gibt es beim Verhalten in Abhängigkeit („Amae“) und Selbstständigkeit. Der Autor kommt zu dem Schluß, die japanische Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik sollte diese Elemente ihrer Erziehungstradition stärker berücksichtigen.

Besprechungen

Horst Rumpf
Klaus Mollenhauer/Christoph Wulf (Hrsg.): Aisthesis/Ähstetik. Zwischen Wahrnehmung und Bewusstsein
Pierangelo Maset: Ästhetische Bildung der Differenz. Kunst und Pädagogik im technischen Zeitalter
Klaus Mollenhauer: Grundfragen ästhetischer Bildung. Theoretische und empirische Befunde zur ästhetischen Erfahrung von Kindern
Jeanne Moll
Reinhard Fatke/Horst Scarbath (Hrsg.): Pioniere Psychoanalytischer Pädagogik
Wolfgang Klafki
Sieglind Ellger-Rüttgardt (Hrsg.): Verloren und Un-Vergessen. Jüdische Heilpädagogik in Deutschland
Peter Dudek
Christian Schneider/Cordelia Stilke/Bernd Leineweber: Das Erbe der Napola. Versuch einer Generationengeschichte des Nationalsozialismus
Walter Hornstein
Martin Albert Graf: Mündigkeit und soziale Anerkennung. Gesellschafts- und bildungstheoretische Begründungen sozialpädagogischen Handelns

Dokumentation

Habilitationen und Promotionen in Pädagogik 1996
Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 43 - Heft 2 – März/April 1997

Essay: Ulrich Herrmann

Können wir Kinder verstehen? Rousseau und die Folgen

Thema: Kritik der Werterziehung

Georg Hans Neuweg
Kritische Rationalität und „Werte-Erziehung“
Zusammenfassung: Die Forderung nach „Werte-Erziehung“ verbindet sich im Allgemeinen mit einer mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Vernunftskepsis. Diese Bedenken richten sich prinzipiell auch gegen den Kritischen Rationalismus. Im Rückgriff auf WEBER, ALBERT und POPPER soll gezeigt werden, dass diese Einschätzung nur haltbar ist, wenn man den Kritischen Rationalismus auf ein erkenntnistheoretisches Programm verkürzt, die Forderung nach Wertfreiheit im Begründungszusammenhang fehldeutet und insbesondere die Kritik- und Sozialphilosophie des Kritischen Rationalismus nicht zur Kenntnis nimmt. Der Kritische Rationalismus kann und will keine Grundlage für materiale Werte-Erziehung bilden, wohl aber für die Vermittlung von Haltungen und Einstellungen, auf deren Grundlage Menschen selbst bestimmen können, welchen Werten sie sich verpflichten wollen. Ob dieses hauptsächlich erkenntnistheoretisch und sozialphilosophisch argumentierende Programm freilich psychologisch tragfähig ist, muss offen bleiben.
Sönke Abeldt
Das Problem Solidarität. Perspektiven der pädagogischen Ethik und der Kritischen Theorie
Zusammenfassung: Der Beitrag diskutiert „universale Solidarität“ als Zentralbegriff der pädagogischen Ethik, der es um die advokatorische Berücksichtigung der nachwachsenden Generation und der Opfer der Gesellschaft und Geschichte geht. Der Versuch einer Ausformulierung, die in der aktuellen Debatte bislang aussteht, verweist auf das Bestreben der Kritischen Theorie, insbesondere der Diskursethik und ihrer anerkennungstheoretischen Wendung, eine umfassende Beschreibung der moralischen Sphäre der modernen Gesellschaft vorzulegen. Vor diesem Hintergrund wird vorgeschlagen, das „Problem Solidarität“ folgendermaßen zu betrachten: Erstens übersteigt die Idee der Universalisierung von Solidarität die Begründungsleistungen der Moraltheorie und führt zur Bestimmung des Verhältnisses zwischen konkreter Fürsorge und formaler Gerechtigkeit. Zweitens erschließt sich der gesellschafts- und institutionentheoretische Sinn solidarischer Akte aber erst dann, wenn sie als solche der Selbstbindung zugunsten des anderen verstanden werden.

Thema: Einheitlichkeit und Differenzierung

Peter M. Roeder
Binnendifferenzierung im Urteil von Gesamtschullehrern
Zusammenfassung: Forderungen nach Integration von Schülern in heterogenen Lerngruppen werden in der Regel von Forderungen nach Binnendifferenzierungen des Unterrichts begleitet. Obgleich Unterrichtsbeobachtungen immer wieder gezeigt haben, dass organisatorisch komplexe Formen der Binnendifferenzierung selten sind, liegen nur wenige Untersuchungen zur Einstellung von Lehrern zu solchen Erwartungen und ihrem Umgang mit heterogenen Lerngruppen vor. In Interviews, die im Rahmen von Fallstudien in fünf Berliner Gesamtschulen durchgeführt wurden, äußern sie sich ausführlich zu diesem Themenkomplex. Sie geben eine plastische Schilderung ihrer alltäglichen Arbeitssituation. Sie begründen, warum sie in der Regel auf Binnendifferenzierung verzichten, bzw. unter welchen Bedingungen sie nach ihrer Erfahrung realisierbar ist und auch praktiziert wird. Letzteres geschieht vor allem in den kleineren und homogeneren Lerngruppen des Kurssystems, im naturwissenschaftlichen Wahlpflichtunterricht, d.h. mit für diese Fächer hoch motivierten Schülern, und in den praktischen Phasen des Arbeitslehreunterrichts, - kaum dagegen im Unterricht mit der heterogenen Jahrgangsklasse. Insgesamt sprechen die hier vorgelegten Befunde nicht dafür, dass der Verzicht auf Formen der äußeren Leistungsdifferenzierung durch Binnendifferenzierung in heterogenen Lerngruppen unter en gegebenen Bedingungen weitgehend zu kompensieren ist.
Gerhart Neuner
Das Einheitsprinzip im DDR-Bildungswesen
Zusammenfassung: Die Realisierung des Einheitsprinzips wird über die einzelnen Phasen der DDR-Bildungsentwicklung hauptsächlich unter zwei Aspekten analysiert: größere Gleichheit der Bildungschancen einerseits und Überwindung des traditionellen Dualismus zwischen höherer Bildung und Volksschul- sowie Berufsbildung andererseits. Sozialdemokratisch-reformpädagogische oder egalitär-kommunistische Auffassungen in der Bildungspolitik haben neben anderen Faktoren Entscheidungen über Differenzierungsformen im Interesse individueller Entwicklung jeweils entscheidend geprägt. In der Geschichte der DDR sind neben Erfolgen im Abbau sozialer Unterprivilegierung freilich Antinomien zwischen „equality“ und „excellence“ immer deutlicher zutage getreten, für die auf Grund politischer und ideologischer Erstarrung in der späten DDR bis zur Wende 1989 keine Lösung gefunden werden konnte.
Anke Huschner
Vereinheitlichung und Differenzierung in der Schulentwicklung der SBZ und DDR
Zusammenfassung: Der Beitrag stellt Teilergebnisse eines Forschungsprojektes zum Strukturwandel des Schulsystems in der SBZ/DDR (1945 bis 1989) vor. Die Untersuchung basiert vor allem auf den internen Unterlagen der schulstatistischen Erhebungen des Volksbildungsministeriums. Aufgezeigt wird die quantitative Entwicklung der seit 1946 bestehenden drei Zweige (neusprachlicher, mathematisch-naturwissenschaftlicher und altsprachlicher Zweig) als eine innere Differenzierungsform an den (Erweiterten) Oberschulen; von besonderem Interesse ist dabei der altsprachliche C-Zweig. Im Zuge der angestrebten Vereinheitlichung der Abiturstufe lief die Zweiggliederung seit Mitte der sechziger Jahre aus. An die Stelle der sprachlich orientierten Zweige traten seit 1967/68 spezielle Klassen mit verstärktem Fremdsprachenunterricht.

Diskussion: Bildungsforschung

Manfred Lüders
Von Klassen und Schichten zu Lebensstilen und Milieus. Zur Bedeutung der neueren Ungleichheitsforschung für die Bildungssoziologie
Zusammenfassung: Angesichts des sozialen Wandels wird die weitere Verwendung des Schichtenmodells als Fokus der aktuellen Bildungssoziologie und Ungleichheitsforschung kritisiert. Der Autor führt dagegen Modelle aus der Lebensstil- und Milieuforschung der empirischen Sozialforschung an. Mit diesen Modellen könnten die vielfältigen Reaktionsmöglichkeiten sich ausdifferenzierender Gruppierungen erfasst werden. Es werden zwei Studien vorgestellt, die Individualisierung, Milieuspezifik und Lebenswelt ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen. An ihnen zeigt der Autor einerseits, dass es weiterhin Klassen- und Schichtenstrukturen gibt, deren handlungsbestimmende Determinanten andererseits nicht überschätzt werden dürfen.
Martin Wellenreuther
Willkommen Mr. Chance. Methodologische Betrachtungen zur Güte empirischer Forschung in der Pädagogik, diskutiert vor allem an der neueren Untersuchung über Gewalt von Heitmeyer u.a. (1995)
Zusammenfassung: Der Nutzen strenger quantitativer Forschung wird – vor allem wegen der unzureichenden Professionalisierung der Methodenausbildung – in der Pädagogik immer noch in Zweifel gezogen. Entsprechend weisen empirisch-pädagogische Forschungen häufig erhebliche Mängel auf. Dies soll im Folgenden exemplarisch an der Untersuchung von HEITMEYER u.a. (1995) zum Thema Gewalt gezeigt werden. Kritik wird geübt an (1) der theoretischen Güte, (2) der versuchsplanerischen Güte, (3) der Güte der Operationalisierungen und Messungen sowie (4) an der Güte der statistischen Auswertung. Eine empirische Untersuchung ist nur dann wirklich „gut“, wenn jeder dieser Aspekte hinreichend gut ist. Die Darstellung und Diskussion beschränkt sich auf die Methodologie der Hypothesenprüfung unter besonderer Berücksichtigung der Probleme der Feldforschung.

Besprechungen

Bernd-Reiner Fischer
Dietrich Hoffmann/Karl Neumann (Hrsg.): Erziehung und Erziehungswissenschaft in der BRD und der DDR. Band 1: Die Teilung der Pädagogik (1945-1965); Band 2: Divergenzen und Konvergenzen (1965-1989); Band 3: Die Vereinigung der Pädagogiken (1989-1995)
Hans-Werner Fuchs
Gert Geißler/Ulrich Wiegmann: Pädagogik und Herrschaft in der DDR. Die parteilichen, geheimdienstlichen und vormilitärischen Erziehungsverhältnisse
Hans-Ulrich Grunder
Fritz-Peter Hager/Daniel Tröhler (Hrsg.): Pestalozzi – wirkungsgeschichtliche Aspekte. Dokumentationsband zum Pestalozzi-Symposium 1996
Beate Tröger
Johann Heinrich Pestalozzi: Sämtliche Werke und Briefe auf CD-ROM

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 43 - Heft 1 – Januar/Februar 1997

Thema: Jugend und Familie

Hans Merkens
Einführung in den Themenschwerpunkt
Jürgen Zinnecker
Streßkinder und Glückskinder. Eltern als soziale Umwelt von Kindern
Zusammenfassung: Der Aufsatz untersucht Eltern als signifikante soziale Umwelt für Kinder beim Übergang in die Adoleszenz. Als empirische Basis dient eine bundesweite repräsentative Befragung von rund 700 Kindern im Alter zwischen zehn und 13 Jahren, die 1993 mittels standardisierter mündlicher Interviews durchgeführt wurde, und eine parallele schriftliche Erhebung bei den Müttern und Vätern dieser Kinder (Triaden). Mit Hilfe von Clusteranalysen lassen sich vier Gruppen von Kindern je nach subjektiv wahrgenommener Eltern-Umwelt ausdifferenzieren: Kinder mit Konflikt-Eltern, mit Kontroll-Eltern, mit Partner-Eltern oder mit „lockeren“ Eltern. Diese vier Umwelten werden empirisch auf unterschiedliche familiensystemische Kontexte(Qualität der ehelichen Beziehungen, strukturelle und situative Belastungen der Familien u.a.) und auf Zusammenhänge mit der Persönlichkeitsentwicklung und Lebensbewältigung der Kinder hin befragt. Konflikt-Eltern und Partner-Eltern erweisen sich als kontrastive sozialisatorische und pädagogische Umwelten. Während Kinder im ersten Fall unter Streßbedingungen und mit weniger günstigem Resultat aufwachsen, kumulieren im zweiten Fall begünstigende Bedingungen von Sozialisation.
Harald Uhlendorff/Lothar Krappmann/Hans Oswald
Familie in Ost- und West-Berlin – Erziehungseinstellungen und Kinderfreundschaften
Zusammenfassung: Die Familie hatte in der DDR für das Alltagsleben einen mindestens ebenso hohen, vielleicht sogar höheren Stellenwert als in der BRD. Im vorliegenden Beitrag wird mit kurz nach der Wende erhobenen Daten die Familienzentriertheit Ost- und West-Berliner Familien mit Kindern im Grundschulalter verglichen, indem elterliche Erziehungshaltungen im Hinblick auf Kinderfreundschaften untersucht werden. Zwar kontrollieren Ost-Berliner Eltern ihre Kinder etwas stärker als West-Berliner Eltern. Dadurch wird aber die Einbindung der Ost-Berliner Kinder in die außerfamiliale Gleichaltrigenwelt nicht behindert. Unter dieser Rücksicht erscheinen Ost-Berliner Familien nicht binnenorientierter als West-Berliner Familien.
Elke Wild/Klaus-PeterWild
Familiale Sozialisation und schulische Lernmotivation
Zusammenfassung: In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, welche familialen Sozialisationsbedingungen systematisch mit den individuellen Bildungszielen von Schülern und ihrer Lernmotivation in Beziehung stehen. Die Studie beruht auf der Annahme, dass die Lernmotivation und die Bildungsaspirationen von Schülern wesentlich durch schulbezogenen und allgemeinen Erziehungspraktiken ihrer Eltern beeinflusst werden. In einer Längsschnittuntersuchung mit ost- und westdeutschen Neuntkläßlern sowie deren Eltern wurden neben der Lernmotivation und den schulischen Aspirationen der Jugendlichen schulbezogene Elternaktivitäten, autoritative und autoritäre Erziehungspraktiken, das Familienklima und verschiedene Schichtindikatoren erfasst. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass die Lernmotivation vor allem durch ein autonomieförderliches und unterstützendes Erziehungsverhalten positiv beeinflusst wird. Pfadanalysen weisen ferner darauf hin, dass die Beziehung zwischen einem solchen autoritativen Erziehungsstil und der Lernmotivation partiell über das schulbezogene Engagement der Eltern vermittelt wird. Die Bildungsaspirationen der Schüler standen dagegen in engem Zusammenhang zu den kindbezogenen Bildungsaspirationen ihrer Eltern, kaum jedoch zu deren Erziehungspraktiken. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass der sozioökonomische Status der Eltern über Merkmale der Eltern-Kind-Interaktion sowie über die Schul- und Ausbildungsabschlußwünsche, die Eltern für ihre Kinder hegen, zum Tragen kommen.
Petra Butz/Klaus Boehnke
Auswirkungen von ökonomischem Druck auf die psychosoziale Befindlichkeit von Jugendlichen. Zur Bedeutung von Familienbeziehungen und Schulniveau
Zusammenfassung: Der Beitrag stellt empirische Befunde einer Berliner Jugend-Längsschnittstudie zu Auswirkungen ökonomischen Drucks auf die Befindlichkeit Jugendlicher vor. Die Ergebnisse weisen beim Selbstwert Jugendlicher die vermuteten Zusammenhänge auf: Relative Kaufkraftverluste wirken sich nur dann negativ auf den Selbstwert aus, wenn ein problematisches Familienklima herrscht. Für Fremdenfeindlichkeit und aggressive Hilflosigkeit (Gefühlsstau) lassen sich ältere Befunde nicht replizieren; Schulniveau und Stadtteil spielen eine größere Rolle. Besonders überraschend ist, dass Jugendliche mit einem Kaufkraftgewinn besonders fremdenfeindlich sind.
Hans Merkens/Gabriele Classen/Dagmar Bergs-Winkels
Familiale und schulische Einflüsse auf die Konstituierung des Selbst in der Jugendzeit
Zusammenfassung: In einer kulturvergleichenden Untersuchung wird ein theoretisches Modell zur Konstituierung des Selbst bei Jugendlichen, in Anlehnung an ein Modell von KREUTZ (1989), empirisch geprüft. Schule und Familie als Institutionen und deren Interaktionsordnungen werden in ihrer Wirkung auf das Selbst von Jugendlichen untersucht. Grundlage der Prüfung waren Daten aus drei Stichprobenerhebungen einer Ost-West-Studie bei 12- bis 16jährigen Schuljugendlichen. Dabei konnte die Grundstruktur des Modells repliziert werden.

Weitere Beiträge

Heidi Keller
Eine evolutionsbiologische Betrachtung der menschlichen Frühentwicklung
Zusammenfassung: In dem vorliegenden Artikel wird eine evolutionsbiologische Sichtweise auf den menschlichen Lebenslauf vorgestellt. Das wesentliche Argument ist dabei, dass die Ausgestaltung einzelner Lebensphasen jeweils dazu beiträgt, die „Gesamtfitneß“ eines Individuums zu maximieren. Die frühe Entwicklung in den ersten Lebensmonaten im Kontext von Bindungsbeziehungen wird im Hinblick auf die Differenzierung unterschiedlicher Reproduktionsstrategien diskutiert. Damit wird eine Integration entwicklungspsychologischen Wissens und soziobiologischer Theorienahmen versucht. Dieser Ansatz scheint geeignet, Reformulierungen des Lehrbegriffes auch für die pädagogische Psychologie zuzulassen.

Diskussion

Peter M. Roeder
Der förderalisierte Bildungsrat. Reformprogramme aus den Bundesländern
Zusammenfassung: Im vorliegenden Beitrag werden Schulentwicklungsprogramme für die Bundesländer Bremen, Hamburg und Nordheim-Westfalen vorgestellt, die die erstarrten bildungspolitischen Fronten aufbrechen sollten. Trotz der unterschiedlichen Aufgabenstellung der zu diesem Zweck eingesetzten Kommission zeigen die Empfehlungen ein hohes Maß an Übereinstimmung in den grundlegenden Vorstellungen über innere strukturelle Reformen des Schulsystems. Alle drei Empfehlungen gehen von der Prämisse aus, das ein einheitliches Strukturmodell (Gesamtschule) gegenwärtig nicht durchzusetzen sei und diskutieren vor diesem Hintergrund Möglichkeiten der Integration unterschiedlicher Bildungsgänge und wünschenswerte Veränderungen von Unterricht und Schulleben. Im Zentrum der Überlegungen vor allem der nordrhein-westfälischen „Denkschrift“ steht das Modell der teilautonomen Schule, die wesentlicher Träger der Weiterentwicklung der Schule sein soll – ein Konzept, dass zugleich eine weitgehende Veränderung von Funktion und Aufbau der Schulverwaltung erfordert.
Sibylle Beetz
Autonome öffentliche Schule – Diskussion eines Auftrags zur Schulentwicklung
Zusammenfassung: Die Verordnung autonomer Schulentwicklungen in einigen Bundesländern basiert auf der Annahme von Möglichkeiten der Annäherung an das Idealkonstrukt „gute Schule“ via Freisetzung der Institution. Im kleinsten Bundesland Bremen wird dieser Entwicklungsauftrag von Schulen mit Hilfe des Institutionellen Schulentwicklungsprogramms gefördert. In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion, in der organisationstheoretische Perspektiven dominieren, werden sowohl die historischen reformpädagogischen Vorläufer der Autonomiedebatte als auch historische Beispiele der autonomen Schule weitgehend ignoriert. Reformpädagogische Impulse setzen sich an der Basis jedoch spontan durch und können durch die Reflexion der historischen Begründungszusammenhänge bearbeitet werden.

Besprechungen

Hartmut von Hentig
Jerome Bruner: The Culture of Education
Lucien Criblez
Frank-Olaf Radtke: Wissen und Können. Grundlagen der wissenschaftlichen Lehrerbildung
Ulrich Papenkort
Wolfgang Sünkel: Phänomenologie des Unterrichts. Grundriß der theoretischen Didaktik
Karin Priem
Elke Kleinau/Claudia Opitz (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. Bd.1: Vom Mittelalter bis zur Aufklärung; Bd.2: Vom Vormärz bis zur Aufklärung
Karin Priem
Elke Kleinau/Christine Mayer (Hrsg.): Erziehung und Bildung des weiblichen Geschlechts. Eine kommentierte Quellensammlung zur Bildungs- und Berufbildungsgeschichte von Mädchen und Frauen

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen