Empfehlungen zum Gebrauch des Konjunktivs

(Mit kleinen orthografischen Änderungen aus: Lutz Götze / Ernest W. B. Hess-Lüttich, Grammatik der deutschen Sprache, München 1999)

 

(1) Konjunktiv I und Konjunktiv II unterscheiden sich nicht in zeit­licher Hinsicht: man komme und man käme sind im Hinblick auf die Zeitstufe identisch. Sie haben demzufolge kein voll ausgebautes Tempusparadigma, sondern ein Modusparadigma. Es genügt die Kenntnis der Formen von Konjunktiv I und II, die zusammengesetz­ten Formen sind für Indikativ und Konjunktiv bis auf das finite Verb identisch.

 

(2) Daher werden Konjunktiv I und Konjunktiv II im Hinblick auf ihre Funktionen unterschieden. Die wichtigsten sind: Konjunk­tiv I in der indirekten Rede, Konjunktiv II im Irrealis/Potentialis.

 

(3) In Textsorten der geschriebenen Sprache sowie in offizieller gesprochener Sprache gilt die Norm der Schriftsprache: Konjunk­tiv I in der indirekten Rede, Konjunktiv II bei irrealen Bedingungsgefügen sowie in irrealen Wunsch- und Vergleichssätzen.

 

(4) In Textsorten spontan gesprochener Sprache gilt: Bei der indi­rekten Rede herrscht die würde-Form vor. Die Konjunktiv-I-Form ist selten; vor allem tritt sie bei Hilfsverben und modalen Hilfsver­ben auf (er habe, sie könne). Ansonsten nimmt der Gebrauch des In­dikativs Präsens in der indirekten Rede zu. Bei irrealen Bedingungsgefügen und irrealen Wunschsätzen domi­niert die würde-Form (wenn er kommen würde); daneben haben wir Formen des Konjunktivs II vor allem bei Hilfsverben und modalen Hilfsverben (wenn sie hätte/könnte).

 

(5) Die bekannte Ersetzungsregel, dass bei Formgleichheit von Kon­junktiv I und Indikativ der Konjunktiv II in der indirekten Rede steht, gilt nur eingeschränkt und zwar lediglich im Hinblick auf die 1. Person Singular und Plural (ich lachte, wir liefen) sowie die 3. Per­son Plural (sie kämen).

 

(6) In den anderen Personalformen wird Konjunktiv II anstelle von Konjunktiv I (der ja formal anders ist als der Indikativ Präsens) be­nutzt, um die Distanz/Skepsis des Sprechers/Schreibers gegenüber dem Inhalt der Aussage zu verdeutlichen (Klaus sagte, du wärest ge­sund).

 

(7) Grundsätzlich gilt weiterhin, dass in Ergänzungssätzen (dass-Sätze) Konjunktiv I mehr in öffentlicher Sprache (Reden, Interviews) benutzt wird, Konjunktiv II hingegen eher in nicht öffentlichen bzw. privaten Situationen:

Er behauptet, dass der Unternehmer ein     (öffentlich) ordentlicher Mann sei.

Er behauptet, dass der Unternehmer ein     (nicht öffentlich) ordentlicher Mann wäre.

 

(8) Die Normierungsbestrebungen, den Konjunktiv I zugunsten des Konjunktivs II zurückzudrängen, sind daher zurückzuweisen: Beide Formen haben unterschiedliche Funktionen.

 

(9) Falsch ist: er/sie/es bräuchte. Korrekt dagegen: brauchte. [Anmerkung RS: Diese Behauptung gilt nur für ein sehr rigides Normverständnis. Der Umlaut in bräuchte ist dadurch gerechtfertigt, dass damit der Unterschied zum Indikativ brauchte deutlich wird. Der Duden-Grammatik gilt bräuchte als nicht-standardsprachlich und landschaftlich, für das Österreichische Wörterbuch ist hingegen bräuchte österreichischer Standard.]