Wird der Unterschied zwischen Perfekt und Präteritum von Muttersprachlern noch empfunden?

 

Ein Indiz dafür, dass dieser Grammatikalisierungsprozess tatsächlich gerade stattfindet, könnte die Tatsache sein, dass der Unterschied zwischen Perfekt und Präteritum von Muttersprachlern häufig nicht mehr gesehen wird oder zumindest nicht mehr erklärt werden kann.

 

Um das zu dokumentieren, habe ich mich zu einer Umfrage entschlossen, die sich u.a. auch daraus ergab, dass ich selbst zu Beginn meiner Beschäftigung mit Fragen von Tempus und Temporalität den Unterschied nicht erkannt habe. Mit der Umfrage wollte ich testen, ob mein vortheoretisches Sprachgefühl tatsächlich „zeitgemäßer“ war als die theoretische Beschreibung des Phänomens durch Tempusforscher. Vor allem aber wollte ich mit der Umfrage zeigen, dass die Möglichkeit, den Unterschied zwischen Perfekt und Präteritum aus linguistischer Sicht zu beschreiben, nicht gleichzeitig bedeutet, dass dieser Unterschied von Nichtlinguisten empfunden wird. Zum Beispiel behauptet Harweg (1975: 270) bei der Beschreibung eines Satzes mit einer Präteritumform und eines Satzes mit einer Perfektform: „Wir empfinden einen deutlichen Bedeutungsunterschied zwischen den Sätzen“, ohne dabei das „Empfinden“ und das „wir“ näher zu erläutern. Wenn Harweg einen Unterschied „empfindet“, heißt das nicht, dass jeder, der Deutsch als Muttersprache spricht, diesen ebenfalls bemerkt.

 

Insgesamt haben 182 Muttersprachler des Deutschen an der Umfrage teilgenommen. Davon waren 32 Teilnehmer an Volkshochschullehrgängen, d.h. Personen im Alter von 20 bis 60 Jahren, die in der Regel in ihrem beruflichen Umfeld nichts mit Sprache zu tun haben und deren Schulabschluss oft lange zurückliegt. Außerdem haben 62 Gymnasiasten zwischen 16 und 18 Jahren, die unmittelbar auf ihre Kenntnisse aus dem Muttersprachunterricht zurückgreifen konnten, den Fragebogen ausgefüllt. Acht Gymnasiallehrer haben sich beteiligt und vor allem 80 Studenten und Mitarbeiter des Herder-Instituts in Leipzig. Die Studenten des Magister- und Aufbaustudienganges Deutsch als Fremdsprache verfügten über die besten sprachwissenschaftlichen Kenntnisse aller Befragten. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer war 25,7. Davon waren 37 Befragte zwischen 30 und 64, 141 Befragte zwischen 16 und 30; vier Personen haben ihr Alter nicht angegeben.

 

Der Fragebogen hatte folgenden Wortlaut:

 

Bitte lesen Sie die folgenden Textbeispiele (es handelt sich um den Schlusssatz von Goethes „Werther“) und beantworten Sie danach – bitte ohne lange zu überlegen oder Nachschlagewerke zu benutzen – die Fragen.

 

(a) Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.

(b) Handwerker haben ihn getragen. Kein Geistlicher begleitete ihn.

 

1. Haben Text (a) und (b) für Sie eine unterschiedliche Bedeutung?        Ja/Nein

2. Wenn ja, worin liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied?

3. Wenn nein, sind Text (a) und Text (b) für Sie beliebig austauschbar?    Ja/Nein

4. Welchen Text halten Sie für das Original?

5. Wie alt sind Sie?

 

Das im Fragebogen verwendete Textbeispiel aus Goethes Werther stammt - in den Varianten (a) und (b) - aus Engel (1988: 496):

 

„Die Konkurrenz zwischen Perfekt und Präteritum ist zu allen Zeiten übertrieben worden [...] Wer nämlich sagt

Handwerker haben ihn getragen. Kein Geistlicher begleitete ihn.

der meint eben etwas grundsätzlich anderes, als wenn er sagen würde

Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“

 

Die letzten zwei Sätze aus Goethes Werther führt auch Weinrich (1964: 87) als Beispiel zur Erklärung des Unterschieds zwischen Perfekt und Präteritum an: „Der letzte Satz ist nicht mehr Erzählung. Er nimmt Stellung zum Selbstmord und zur Stellungnahme der Geistlichen zum Selbstmord. Der Satz ist besprechend. Eben darum schließt er die Erzählung ab.“ Diese Erklärung mag einleuchten – fraglich erscheint allerdings, ob man aus einem Goethe-Beispiel die prinzipielle Unterscheidbarkeit von Perfekt und Präteritum auch für die heutige Zeit ableiten kann.

 

Die meisten Befragten konnten die Frage nach dem Original richtig beantworten - 142 gaben bei Frage 4 „a“ an, 36 „b“ und vier gaben keine Antwort. Bei der Frage nach der Austauschbarkeit der beiden Angebote hielt die Hälfte (88 Befragte) die Texte für beliebig austauschbar. 63 Teilnehmer hielten sie nicht für austauschbar. Dass 31 keine Antwort gaben, lässt sich in den meisten Fällen dadurch erklären, dass die Befragten bei den Fragen l und 2 einen Unterschied angaben und die Frage sich dadurch erübrigte - man kann also davon ausgehen, dass ca. die Hälfte der Befragten die Texte für beliebig austauschbar hielt, die andere Hälfte nicht.

 

Am interessantesten sind die Ergebnisse der Fragen l und 2. Die deutliche Mehrheit -119 Befragte - gab zu, keinen Unterschied zu sehen. Daraus ließe sich ableiten, dass der Unterschied zwischen Perfekt und Präteritum zwar mehrheitlich nicht mehr, aber immerhin von einem Drittel noch gesehen wird. Doch dieser Eindruck täuscht. Die meisten der 63 Ja-Antworten auf Frage 2 hatten nichts mit der resultativen Wirkung des „Präsensperfekts" zu tun - 53 der 63 Erklärungen erweckten den Anschein, aus dem Ehrgeiz geboren zu sein, eine Erklärung zu geben. Nur zehn Antworten gingen auf Teilaspekte des Perfektproblems ein, wobei die meisten die Wirkung des Perfekts beschrieben, ohne diese explizit dem Perfekt zuzuschreiben.

 

Als Fazit bleibt: Der im Sprachsystem angelegte und in bestimmten Textsorten bzw. von einigen Sprechern auch heute noch bewusst genutzte Unterschied zwischen Perfekt und Präteritum ist im Sprachgefühl des Nichtlinguisten offenbar kaum noch vorhanden.

 

Nach Mathilde Hennig, Tempus und Temporalität in geschriebenen und gesprochenen Texten, Tübingen 2000, S. 29-31 (ohne Anmerkungen).