In einem Kooperationsprojekt mit dem Immigration History Research Center Archives (Link) an der University of Minnesota/USA wurde eine Auswahl von 'Auswandererbriefen' digitalisiert und auf deren Website online zur Verfügung gestellt.

Die 6 Briefe wurden von verschiedenen Schreiberinnen und Schreibern zwischen 1904 und 1953 verfasst an die Wienerin Emilie Wehle adressiert. In der Edition sind sie als Scans, als deutsche Abschriften sowie als Übersetzungen in 17 verschiedenen Sprachen zugänglich. Zur Online-Edition ...

Das Projekt wurde 2013 durchgeführt mit Subventionsmitteln des Magistrat der Stadt Wien, Magistratsabteilung 7 – Kultur.

Konzeption und Gestaltung, Transkript und Bildbearbeitung: Li Gerhalter

Übersetzung: Birgitt Wagner

Kontext

 

Die Familie von Emilie Wehle (geb. Sch., 1873-1955) gehörte dem Wiener Großbürgertum an. Die Lebensläufe der einzelnen Familienmitglieder waren im 19. und im frühen 20. Jahrhundert wesentlich von Mobilität in der Form von (Wirtschafts-)Migration geprägt. Mitte des 20. Jahrhunderts dann von der Flucht vor dem Nationalsozialismus.

Die sehr unterschiedlichen Positionen der jeweiligen Personen sind in einzelnen Briefe belegt, die im Nachlass von Emilie Wehle erhalten sind. Die insgesamt sehr umfangreiche Hinterlassenschaft ist heute Teil des Bestandes der Sammlung Frauennachlässe.

Emilie Wehle war in Budapest geboren worden, in den 1880er-Jahren übersiedelte ihre Familie in die Kaiserstadt Wien. Hier heiratete Emilie Wehle einen Geschäftsmann, der seinerseits aus Prag stammte. Sechs ihrer sieben allesamt jüngeren Geschwister emigrierten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts aus Österreich: Drei nach Deutschland, ein Bruder zuerst in die USA und dann nach Buenos Aires, wo ein anderer Bruder bereits lebte, ein Bruder ging für einige Jahre nach Afrika. In der NS-Zeit zerstreute sich die nun als jüdisch verfolgte Familie schließlich auf mehrere Kontinente. Es wurden Verwandte im Holocaust ermordet, Emilie Wehle selbst wurde in Kerkerhaft genommen und in das Konzentrationslager Theresienstadt/Terezín deportiert.

Ihr Briefbestand enthält fragmentarisch vorliegende Korrespondenzen, die an sie – an die in Wien Gebliebene – gerichtet sind. Es sind das Schreiben der emigrierten Geschwister, die aus wirtschaftlichen oder abenteuerlustigen Gründen Österreich verlassen haben. Es sind aber auch Schreiben von den Nachfahrinnen und Nachfahren der Geschwister sowie von einer Freundin von Emilie Wehle, die nach ihrer Befreiung aus dem KZ Theresienstadt/Terezín in die USA ausgewandert ist.

Einzelne Familienangehörige haben schließlich über Jahrzehnte auch nach dem Tod der Tante Emilie Wehle eine transatlantische Korrespondenz aufrechterhalten. Es waren durchwegs Frauen, die nun mit ihrer Tochter, der Kinderbuchautorin Lilli Wehle-Weber (1894-1987) geschrieben haben. Ihre Hinterlassenschaft enthält zudem etwa Migrationsbriefe einer in die USA geflüchteten Schulfreundin oder einzelne Schreiben ihrer ehemaligen Lehrerin, der Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald (1872–1940) aus der Schweiz.

Thematisiert wurde in den Korrespondenzen u.a. Erinnerungen an den gemeinsamen Referenzpunkt Wien. Später kamen auch Erinnerungen an Besuche dazu, die die Ausgewanderten wieder hierher zurückgeführt hatten. Wien blieb damit für die emigrierten Briefschreiberinnen jeweils in den Positionen der Schwester, Tante, Freundin oder Schülerin personifiziert.

Zur Textsammlung und den Übersetzungen auf der Site des Immigrant History Research Center Archives, Minnesota/USA bitte hier klicken ...