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Dissertationsprojekte

 

Bernard Beham: Karl Mengers Dimensionen in Mathematik,
Philosophie und Ökonomie
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Dominique Behnke: Altern zwischen Degeneration und Regeneration. Die Konstruktion von Altern in der Gerontologie im deutsch-deutschen Vergleich 1938-1990.

Bernard Bolech: Freier Wille und Hirnforschung im Wien des späten 19. Jahrhunderts.

Sonja Walch: Eugen Steinach, Walter Hohlweg und Schering-Pharma. Von Organotherapie zu Östrogenpräparaten.


Bernard Beham:

Karl Mengers Dimensionen in Mathematik,
Philosophie und Ökonomie

In meiner Dissertation soll eine umfassende, über die reine Nachzeichnung lebensgeschichtlicher Daten hinausgehende Biographie Karl Mengers (1902 – 1985) erstellt werden. Bisher gibt es nur einige Kurzbiographien oder Aufsätze zu seiner Person und seinem Werk. Bereits in jungen Jahren machte sich Menger mit Arbeiten zum Kurven- und Dimensionsbegriff einen Namen in der Mathematik. Bis zu seinem Tode beschäftige sich Menger nicht nur mit Mathematik, sondern auch mit Philosophie und Ökonomie. Im Rahmen meiner Dissertation soll besonders Mengers Wirken im Kreise der Mathematiker in Wien und Zentraleuropa bis zu seiner Emigration in die USA (1937) in den Focus gerückt werden.

Anhand eines biographisch-prosopographischen Ansatzes soll Mengers Leben und seine Einflüsse auf die unterschiedlichsten Disziplinen und Wissenschaftler nachgezeichnet werden. Dadurch soll vor allem ein Panorama der (Wiener) Mathematik,  aber auch der Philosophie und Ökonomie entstehen, das die darin agierenden Personen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Beziehung mit Menger und seinen Forschungen setzt.

Für die Erstellung der Biographie werden neben autobiographischen Fragmenten von Karl Menger Quellen aus den folgenden Wiener Institutionen herangezogen: Archiv des Döblinger Gymnasiums (Zeugnisprotokolle, Jahresberichte,…), Archiv der Universität Wien (Nationalien, Personalakte, Rigorosenprotokoll), Staatsarchiv (Personalakte,...), Autographenabteilung der Wienbibliothek (Korrespondenzen,…), Archiv der ÖAW sowie Archiv des Institut für Zeitgeschichte. Neben diesen in Wien befindlichen Archivalien wird vor allem die umfassende Briefkorrespondenz Karl Mengers, welche sich in seinem bisher noch unbearbeiteten Nachlass (Duke University/USA) befindet, für meine Forschungen verwendet. In zwei kurzen Forschungsaufenthalten, die mir von Seiten der Universität Wien/IK „Naturwissenschaften im Historischen Kontext“ ermöglicht wurden, konnte ich bereits einen Grossteil der Korrespondenz sichten und teilweise bereits auswerten


Dominique Behnke:

Altern zwischen Degeneration und Regeneration. Die Konstruktion von Altern in der Gerontologie im deutsch-deutschen Vergleich 1938-1990.

Thema der Arbeit ist eine wissenschaftshistorische Bearbeitung des „Alterns“ in der Gerontologie. Alternsforschung, bzw. der dazugehörigen interdisziplinäre Fach Gerontologie entstanden maßgeblich in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ziel der Arbeit ist es, die Bedingungen der Entstehung der biomedizinischen Gerontologie und deren Entwicklung im Zeitraum zwischen 1938 und 1990 zu beschreiben.
Die Schwerpunkte der Forschung liegen auf der Institutionalisierung der Gerontologie im deutsch-deutschen Vergleich, die in drei Phasen behandelt wird: Die Institutionalisierung beginnt mit der Gründung der Zeitschrift für Altersforschung 1938 durch Max Bürger und Emil Abderhalden. In zweite Phase (1945-1970) entwickelt sich die Gerontologie in der Bundesrepublik Deutschland zu einem Fakultät übergreifenden interdisziplinären Projekt. In der DDR bleibt der Schwerpunkt der Gerontologie auf dem medizinisch-/ biologischem Gebiet. Die Phase endet mit einem Institutionalisierungsschub in den späten 1960er Jahren, als die ersten Lehrstühle geschaffen wurden. In der dritten Phase (1970 bis heute) vollzieht sich die Etablierung der Gerontologie. In  diesem Zeitraum entstehen Langzeitstudien (z.B. die Berliner Altersstudie) und Forschungsinstitute werden gegründet. Die Zahl der Lehrstühle erhöht sich allmählich und Gerontologie wird in den Studienplan der Medizin aufgenommen.

Ein zweiter Schwerpunkt sind wissenschaftstheoretische Überlegungen zur Gerontologie. Zum einen soll die Form und Praxis der Interdisziplinarität bestimmt werden. Weiter ist zu fragen, mit welchen Theorien, Methoden und Modellen Gerontologen forschen, und welche Konsequenzen das für das Altersbild hat.

Ziel der Arbeit ist es, die wissenschaftliche Konstruktion von Alter und Altern in den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext einzuordnen. Dazu ist es notwendig, die Altersbilder im Wandel zu erfassen. Das Bild des degenerativen Alterns wurde herausgefordert durch Erkenntnisse aus der Soziologie und Psychologie, die in den ersten Langzeitstudien der 1960er Jahre Entwicklungsmöglichkeiten im Alter konstatierten. Bedingt durch den demographischen Wandel ist dieses Bild des erfüllten Alterns jedoch wieder in Frage gestellt, denn die Gesellschaft steht vor einer wachsenden Anzahl von abhängigen Hochaltrigen.


Bernard Bolech

Freier Wille und Hirnforschung im Wien des späten 19. Jahrhunderts

Die Arbeit befasst sich mit einem zentralen Streitpunkt im Rahmen der Materialismusdebatte und möchte dabei zum einen  Zusammenhänge zwischen den Bereichen der Wissenschaft, der Politik und der Öffentlichkeit deutlich machen, zum anderen Ähnlichkeit zwischen dem damaligen Diskurs und der heutigen Debatten zum freien Willen aufzeigen

Die Leistungen und Aussagen der Hirnforschung im 19. Jahrhundert wurden bereits in mehreren Werken ausführlich dargestellt. Der innovative Beitrag der geplanten Dissertation besteht in einer regionalen Fokussierung, die es erlaubt, wissenschaftlichen Aussagen im Kontext konkreter politischer und sozialer Strukturen darzustellen.

Die Untersuchung wird von einem praxisorientierten Ansatz geleitet, der das Forschungsgebiet bzw. die daran beteiligten Disziplinen als wissenschaftliches Feld samt der darin wirkenden Akteuren erfasst. Wissensproduktion und ihre Anerkennung werden dabei im Rahmen universitärer Machtstrukturen und mit Blick auf politische Einflussnahme untersucht.

Zentrales Anliegen ist es zu klären, in welchem Zusammenhang und mit welcher Motivation der Begriff des „freien Willens“ in der Forschung verwendet wird. Daran schließt sich die Frage an, mit welcher Absicht wissenschaftliche Erkenntnisse in die Öffentlichkeit getragen werden bzw. weshalb man sich dabei derart polemischer und umstrittener Termini bedient. Gesellschaftspolitische Motive spielen dabei genauso eine Rolle wie die taktische Instrumentalisierung der öffentlichen Meinung zur Stärkung bestimmter Forschungszweige.

Als Quellen dienen zunächst wissenschaftliche Abhandlungen und populärwissenschaftliche Vorträge der Hirnforscher, in denen die Handlungsfähigkeit des Menschen thematisiert wird. Zu untersuchen ist dabei, welchen Anspruch die Texte stellen, an wen sie sich wenden und  welche Unterschiede zwischen fachinternen und öffentlichkeitswirksamen Aussagen bestehen. Um die Motive der Akteure verständlich zu machen, muss ihr sozialer und akademischer Stand sowie ihre politische Ausrichtung definiert werden. Dazu bietet es sich an, Biographien, Memoiren, Briefwechsel und Personalakten des Universitätsarchivs zu sichten. Über die Öffentlichkeitswirkung der Forschung sollen Fachzeitschriften, Tageszeitungen und Veröffentlichungen wissenschaftlicher Vereine informieren. Um die politische Dimension der Hirnforschung zu verdeutlichen, soll unter anderem auf ihre Involvierung in die  Debatte zu Strafrechtsreformen der Zeit eingegangen werden. Im Zentrum stehen dabei der Kriminalanthropologe Moritz Benedikt und sein Streben, den Erkenntnissen seiner Hirnforschungen eine gesellschaftliche Bedeutung zu geben. Zu analysieren sind dazu seine politischen Streitschriften, die Stellungnahmen bedeutender Strafrechtler sowie die Protokolle von Ausschüssen zu Strafrechtsreformen.


Sophie Ledebur

Psychiatrie als Wissenschaft oder Verwahrung am Rande der Stadt?

Die „Niederösterreichischen Landes- Heil- und Pflegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke Am Steinhof“ im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Nach 1880 wurden in vielen europäischen Ländern Anstalten zur Versorgung psychisch kranker Menschen ausgebaut oder neu errichtet. Eine der größten und modernsten psychiatrischen Einrichtungen waren die 1907 eröffneten und am Wiener Stadtrand gelegenen „niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalten Am Steinhof“, das heutige Sozialmedizinische Zentrum Baumgartner Höhe - Otto Wagner Spital. Studien zur sogenannten Anstaltspsychiatrie beziehen sich auch im internationalen Vergleich zumeist auf sozialhistorische Fragestellungen. Die geplante Dissertation untersucht anhand des umfangreichen und weitgehend unbearbeiteten Archivmaterials diese Institution im Kontext wissenschaftshistorischer und gesellschaftspolitischer Entwicklungen und hat somit auch eine starke gegenwartskonstitutive Bedeutung.

Neben einer allgemein chronologischen Untersuchung umfasst das Projekt drei thematische Forschungsschwerpunkte. Es stellt sich die Frage, welche Gründe zu dem Entschluss für den Bau dieser großen Institution geführt haben und ob es in der psychiatrischen Gesundheitspolitik einen Strukturwandel gab. Das Spannungsfeld zwischen den Interessen des Staates, der Gesundheits- und Fürsorgepolitiker und den Vertretern der Psychiatrie zeigt sich insbesondere beim Thema der wachsenden Zahl geisteskranker Patienten. Interessierte sich die aus der „Irrenfürsorge“ und „Irrenheilkunde“ entwickelnde „moderne Psychiatrie“ für andere als für die bis zu diesem Zeitpunkt in den Institutionen versorgte Patienten? Gab es, wie der zeitgenössische Diskurs vermitteln wollte, mehr Geisteskrankheiten? Oder ließen gesellschaftliche Entwicklungen eine Ausweitung der stationären Behandlung geisteskranker Menschen als notwendig erscheinen? Eine quellenkritische Gegenüberstellung hausinterner Archivalien, Dokumente der verwaltenden Instanzen und psychiatrischer Fachzeitschriften ergeben eine quantitative und qualitative Grundlage, die mit der öffentlichen Wahrnehmung von Geisteskrankheit vergleichend analysiert werden soll.

Der zweite Schwerpunkt bezieht sich auf die 1907 erfolgte Trennung der Universitäts- und Anstaltspsychiatrie, bzw. der klinischen Forschung von der stationären Versorgung. Im 19. Jahrhundert war die Universität der Ort der Produktion wissenschaftlichen Wissens, charakterisiert durch die Einheit von Forschung und Lehre. Die niederösterreichische Landesirrenanstalt Am Brünnlfeld, die Vorläuferinstitution der Anstalten Am Steinhof, hattedie I. psychiatrische Klinik der Universität Wien beherbergt. Veränderte die nunmehr reine Anstaltspsychiatrie als eine im Schnittbereich zwischen Staat und Wissenschaft angesiedelte außeruniversitäre Institution in der Zeit des Übergangs von der traditionellen Ordnungs- zur sozialstaatlichen Leistungsverwaltung auch den Charakter ihrer wissenschaftlichen Einrichtung? Kam es zu einem Übergang von der verwahrenden Anstaltspsychiatrie zu einer therapeutischen Neuorientierung und zu einer Professionalisierung des Fachs?

Die seit 1918 aufbewahrten Krankengeschichten werden datenbankunterstützt analysiert. Dieses Quellenmaterial hat für die historische Forschung den großen Vorteil des noch geringen Professionalisierungsgrades der Psychiatrie. Daher stellt die Sichtweise der Mediziner nur einen Teil der Aussagen der archivierten Dokumente dar. Die Perspektive soll auf das Krankheitsverständnis der Patienten ausgeweitet werden. Diskursanalytische Methoden ermöglichen es nach der „sozialen Konstruktion“ von psychischer Krankheit zu fragen. Im weitesten Sinne geht es somit um Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, die innerhalb einer Gesellschaft für die Definition von psychischer Gesundheit und Krankheit relevant sind. 


Miles MacLeod

What is there to be realist about?

The problems of scientific realism are both epistemological and semantic. On the epistemological side, since Laudan (1982), realism has been faced with the cases of successful theories involving now discarded terms such as caloric and the aether theory. The ‘best explanation’ argument cannot be carried through in the face of such counter-examples, compromising the most significant positive argument for realism. On the semantic side the classical theories of reference, assumed to some extent by Kuhn and Feyerabend, construe an essential discontinuity in the reference of stable terms like electron. To the first problem Psillos (1999) has replied by discriminating theparts of past theories indispensable from novel success from those dispensable in the hope of showing that such discarded entities weren’t responsible for such success and thus aren’t effective counter-examples. To the second the challenge has been to motivate an alternative theory of reference less dependent on the changeable descriptive content of a term. Both are controversial and difficult claims, but essential to a resolution of the realism question. As a result of Psillos’ work we now have something of a model with which to formulate a more critical realism, but still lacking is some convincing account of the way in which scientists employ theoretical entities, and the contexts in which they are conserved.The aim of this thesis is to critically develop the model of realism used by Psillos to deal with the epistemological and semantic problems, and also, within the framework of this model, to reach some general conclusion on the essential continuities in scientific practice that might justify stable reference to entities. It is accepted at the outset that Psillos formulates the most promising and convincing realist approach. This thesis thus plans to pursue two subjects: I. The first concerns whether or not the criteria of novel prediction and indispensability as put forward by Psillos are appropriate and philosophically sound.  As yet no thorough collection of novel predictions has been put forward, which leaves it uncertain whether novel prediction really does help the realist cause. Secondly the definition of indispensability remains controversial and problematic. What is required then is:

  1. Potentially a reformulation of ‘indispensability’, with an application of this reformulation to the critical examples of caloric and the ether.
  2. A more complete account of novel predictions in the history of science
II. The second concerns a study of the ways in which theoretical entities are employed in science. The insight to be developed in this thesis is that there is a natural classification in science between an explanation which introduces a theoretical entity to explain a set of phenomena, ascribing to it a set of causal properties, and a higher level of explanation which aims to attribute properties to the entity in order to explain the origin of those original causal properties. Arguably it is the latter kinds of explanations that are more subject to change and have so in the history of science, whereas the first, with their postulation of a causal entity have remained stable. More fruitfully for realism, the first tie in with more recent theories of reference promising consistent reference for entities despite theory change. With regard this distinction the work required is:
  1. The philosophical development of this idea to refine the distinction.
  2. Several case studies to test its merit as a classification appropriate to scientific practice.
  3. A demonstration that the first kinds of explanations can provide consistent reference.

John Michael

Simulation und die kollektive Erste-Person-Perspektive

Eine historisch-systematische Untersuchung über die Naturalisierung alltagspsychologischer Begriffe

Das Hauptanliegen dieses Projekts besteht darin, die Diskussionen in der Sozialpsychologie, der Entwicklungspsychologie und der Philosophie zum Thema „Alltagspsychologie“ gegenseitig fruchtbar zu machen. Den Ausgangspunkt bildet die Simulationstheorie, welche eine sozialpsychologische Theorie darüber darstellt, wie wir im Alltag das Verhalten anderer Menschen verstehen bzw. voraussagen, also eine Theorie über die Natur der Alltagspsychologie. Laut der Simulationstheorie verstehen wir andere Menschen im Alltag dadurch, dass wir uns in ihre Lage hineinversetzen und aufgrund unserer eigenen Erfahrungen direkt wissen, wie wir handeln würden, d.h. ohne mentale Begriffe oder psychologische Verallgemeinerungen anzuwenden.

Ich glaube, dass die Simulationstheorie spannende Möglichkeiten für die philosophische Diskussion über den epistemischen Status und die Naturalisierbarkeit der Alltagspsychologie – also über deren Beziehung zur wissenschaftlichen Psychologie – bietet, und zwar vor allem dann, wenn man sie als eine Theorie über den ontogenetischen Ursprung alltagspsychologischer Begriffe versteht. Laut Michael Tomasellos Theorie über die kognitive Entwicklung verstehen Kinder die Absichten und Strategien der Erwachsenen in ihrer Umgebung durch Analogie zu ihren eigenen Erfahrungen, wobei sie diese Absichten und Strategien – und schließlich auch die allgemeine kognitive Struktur der Menschen in ihrer Kultur – imitieren und sich dadurch aneignen. Wenn diese Theorie stimmt, dann funktioniert die (simulationstheoretisch verstandene) Alltagspsychologie deshalb, weil Kinder sie im Laufe der Entwicklung anwenden und sich ihrem daraus gewonnen Bild des mentalen Lebens der anderen anpassen, was zur Folge hat, dass sie den anderen ähnlich werden und damit auch ihrerseits durch Simulationen verstanden werden können. Relevant für diese Entwicklung ist nicht die Natur mentaler Zustände bzw. Intentionalität als solche, sondern wie sie uns (und vor allem Kindern) aus der Erste-Person-Perspektive erscheint.

Ausgehend von dieser These möchte ich versuchen, eine neue Strategie zur Naturalisierung alltagspsychologischer Begriffe zu erarbeiten, die in der Verschränktheit psychologischer und physischer Begriffe in der kognitiven Entwicklung gründet. Dabei wird die Einbettung dieser Thematik in eine philosophische Tradition, die von Johann Friedrich Herbart und Ernst Mach bis Herbart Feigl, Thomas Nagel und Donald Davidson reicht, Hilfestellung leisten.

 


Katja Geiger

Die BeRechtigung naturwissenschaftlicher Normen. Manifestationen der Kategorien Körper und Geschlecht in der Wiener Gerichtlichen Medizin 1875-1933

Ausgehend von der Entwicklung des Instituts für Gerichtliche Medizin in Wien – 1804 als erstes im deutschen Sprachraum gegründet – soll nach der Etablierung von Körper- und Geschlechterbildern im medizinisch-juristischen Diskurs im Zeitraum von 1875-1933 gefragt werden. Der zeitliche Beginn der Analyse wurde aufgrund des Amtsantritts von Eduard Hofmann gewählt, der dem Institut zu internationalem Ansehen verhalf und neue Ressourcen für Forschung und Lehre lukrieren konnte. Mit der Rekonstruktion von Arbeitsweisen und Forschungsfragen der interdisziplinär ausgerichteten Gerichtlichen Medizin bis 1933 soll ein Rahmen geschaffen werden, um in einem zweiten Schritt die für die Körper- und Geschlechtergeschichte relevanten Felder der theoretischen und praktischen Arbeit der Wiener Gerichtsmediziner zu analysieren.
Neben Gutachten über Kindsmord- und Fruchtabtreibungsfälle waren gerichtsärztliche Expertisen auch in Ehescheidungsfällen, bei Sexualdelikten oder in Fällen zur Abklärung des Geschlechts bei Hermaphroditen nötig. Zu fragen ist hierbei vor allem nach der Konstruktion von „Natürlichkeit“, „Normalität“ oder „Abnormalität“, nach der Systematisierung und Klassifizierung körperlicher Erscheinungen und krimineller Handlungen sowie danach, welche gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen dafür ausschlaggebend waren. Anhand ausgewählter, gut dokumentierter Arbeitsbereiche sollen die Prozesse der gerichtsmedizinischen Theoriebildungen im Wechselspiel mit der praktischen Anwendungen im juristischen, politischen und sozialen Kontext untersucht werden.

Als Quellen für die institutionengeschichtlichen Fragestellungen werden historische Abhandlungen von Vertretern der Gerichtlichen Medizin, Personalakten und Dekanatsakten des Wiener Universitätsarchis herangezogen, um institutsinterne Vorgänge zu rekonstruieren. Mittels diskursanalytischer Aufarbeitung der Fachpublikationen – hier sollen neben Lehrbüchern einige der wichtigsten deutschsprachigen Publikationsorgane des Fachs durchgesehen werden – sollen Theoriebildung und unterschiedliche fachliche Standpunkte bezüglich der geschlechter- und körpergeschichtlich bedeutsamen Themen ausgewertet werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Interaktionen sozialer, politischer, religiöser, und vor allem juristischer Diskurse mit naturwissenschaftlicher Forschung. Wie das Wissen, das an der Schnittstelle dieser Positionen entstand, in den bis heute erhaltenen Präparaten des Museums für Gerichtliche Medizin in Wien verbildlicht und kommuniziert wurde, soll in einem abschließenden Teil der Arbeit analysiert werden.


Jan Müggenburg

Lebensentwürfe
Die Prototypen des Biological Computer Laboratory (1958 – 1974)

Kybernetische und systemtheoretische Denkfiguren und Argumentationsweisen haben sich nachhaltig in eine Vielzahl von Diskursen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingeschrieben. Begriffe wie ›Rückkopplung‹, ›Selbstorganisation‹ und ›Emergenz‹ fallen regelmäßig und ganz selbstverständlich in so unterschiedlichen Feldern wie Soziologie, Computerwissenschaften oder Betriebswirtschaftslehre.
Das Dissertationsprojekt möchte einen Beitrag zu einer Wissens- und Kulturgeschichte der Kybernetik leisten, die nach den Möglichkeitsbedingungen und Ausformungsprozessen, aber auch nach den Gründen für das Beharrungsvermögen kybernetischer Wissensfiguren fragt. Mit der Untersuchung des Biological Computer Laboratory (BCL) wendet sich das Dissertationsvorhaben dabei einem Ort zu, an dem in den sechziger Jahren die verschiedenen Fäden kybernetischer Theoriebildung und experimenteller Praxis zusammengelaufen sind und entscheidend weitergesponnen wurden. Als explizit kybernetisches Labor konzipiert, schuf der österreichische Physiker Heinz von Foerster mit dem BCL an der University of Illinois in Urbana-Champaign zwischen den Jahren 1958-1974 ein interdisziplinäres Arbeitsumfeld für Biologen, Ingenieure, Philosophen, Psychiater, Mathematiker, Musiker.
Das Hauptaugenmerk der Analyse liegt dabei auf den historischen Möglichkeitsbedingungen unter denen, und den technischen Medien mit denen Dinge am BCL als Objekte des kybernetischen und systemischen Wissens problematisiert wurden.

 


Donata Romizi

(In)Determinismus und der Wiener Kreis

(In)determinismus: Unser Wissen beruht zu großen Teilen auf probabilistischer Erkenntnis. Zuschreibungen bestimmter Eigenschaften von Objekten oder Voraussagen gewisser Ereignisse geschehen nur selten mit absoluter Gewissheit, sondern meistens in Bezug auf Grade der Wahrscheinlichkeit. So spielt die Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Physik eine wesentliche Rolle: die statistische Mechanik und die Quantenmechanik (QM) beruhen hauptsächlich auf statistischen Gesetzen. Trotz dieser prinzipiellen Unbestimmtheit der Erkenntnis hat eine epistemische Auslegung des Wahrscheinlichkeitsbegriffs seit jeher folgende deterministischen Annahmen erlaubt: 1) Durch den Erhalt immer weiterer Informationen ließe sich zumindest prinzipiell absolute Gewissheit erreichen. 2) Unabhängig von der Unvollständigkeit unserer Erkenntnis sei die Realität ohnehin vollständig bestimmt und jedes Ereignis vom Vorhergegangenen vollständig determiniert. Bis ins 19. Jh. hat ein solcher Determinismus die wissenschaftliche (und allgemeine) Weltanschauung dominiert. Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. tauchen indeterministische Positionen allmählich auf:  Es entsteht die Ansicht, dass Wissen immer nur probabilistisches Wissen sein kann, gerade weil die zugrunde liegende  Realität nicht völlig determiniert ist. Vor dem Hintergrund der sich etablierenden QM erreicht diese Debatte in den 20er und 30er Jahren des 20. Jh. einen Höhepunkt, verliert jedoch in der Folge wieder an Bedeutung: Die Frage nach dem (In)determinismus wird zunehmend als „bloß“ metaphysisch kritisiert und aus der Wissenschaft verbannt. Eine implizite Antwort auf die Frage nach dem (In)Determinismus steckt jedoch nach wie vor in der allgemeinen Weltanschauung vieler Wissenschaftler. Dabei bleiben folgende Fragen bis heute aktuell: Was für eine Art Wissen ist probabilistisches Wissen? Ist probabilistisches Wissen bloß ein Zeichen mangelhafter Erkenntnis? Gehört die Wahrscheinlichkeit zur Wirklichkeit, oder ist sie nur eine Eigenschaft des Denkens?

Wiener Kreis: Es ist eine „historistische“ Annahme meines Forschungsprojekts, dass solche philosophisch-wissenschaftlichen Fragen durch eine historische Untersuchung der Kontexte ihrer Formulierung besser verstanden werden können. Als besonders relevant erscheint mir dabei der Zeitraum der späten 20er und 30er Jahren des 20. Jh.: Genau in diesen Jahren fällt die Debatte über die neue QM mit der Gründung des Wiener Kreises (WK) zusammen – ein philosophischer Kreis in Wien, der den Kern der neopositivistischen Auffassung in Europa darstellt, und in dem die wichtigsten philosophisch-wissenschaftlichen Fragen der Zeit diskutiert wurden. Für das geplante Forschungsvorhaben ergibt sich also folgende Fragestellung:

[A] Wie wurde die QM in Bezug auf das Problem des (In)determinismus innerhalb des WKs behandelt? Wie haben die Mitglieder des WKs mit den zeitgenössischen an der QM beteiligten Physikern diskutiert?
[B] Seit dem 19. Jh. wird eine Verbindung zwischen Ansichten über den (In)determinismus in der Physik und Ansichten über den (In)determinismus in der Ethik (Problem des freien Willens) angenommen und diskutiert. Wie wurde dieses Verhältnis innerhalb des WKs und seiner neopositivistischen Anschauung von der Einheit der Wissenschaften diskutiert?
[C] Infolge des Nazi-Anschlusses Österreichs im Jahr 1938 mussten viele Mitglieder des WKs nach England oder in die USA emigrieren. Hatte diese Migration Auswirkungen auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Problem des (In)determinismus?

Perspektive, Methode, Quellen: Sowohl eine historische als auch eine philosophische Perspektive sind für meine Forschung notwendig: es handelt sich nämlich darum, einerseits die Debatte über den (In)determinismus im historischen Kontext zu rekonstruieren, andererseits die Beiträge zu der Diskussion als philosophische Argumente abzuschätzen. Vor allem durch Sekundärliteratur werden die Geschichte des WKs und der kulturelle Kontext der 20er und 30er Jahre rekonstruiert. Die Ansichten der Mitglieder des WKs über den (In)determinismus und die Beiträge zur Diskussion über die neue Physik werden anhand von Primärliteratur untersucht: nicht nur etliche Werke der Mitglieder des WKs sind dazu geeignet, sondern auch die Protokolle bestimmter vom WK organisierter Kongresse und die Korrespondenz zwischen WK-Mitgliedern und Physikern, die in der QM tätig waren.

 


Benjamin Steininger

Jan Surman:

"Verurteilt zu Czernowitz, begnadigt zu Graz,befördert nach Wien?"

Die interuniversit äre Mobilität der Hochschullehrer und ihre Bedeutung für den Wissenstransfer innerhalb der Habsburgermonarchie 1848-1918.

„Die beste Bildung findet
 ein gescheiter Mensch auf Reisen“
 (J.W. Goethe)

Das Dissertationsprojekt steht in einer direkten Linie mit den in den letzten Jahren aufblühenden Fragestellungen des Kultur- und Wissenstransfers in Mittel-, bzw. Zentraleuropa, und stellt ein Versuch dar, die Problematik des Ideentransfers innerhalb der Habsburgermonarchie anhand der interuniversitären Mobilität der Hochschulprofessoren zu beleuchten. Die Eckdaten – 1848/1918 – grenzen ein Zeitabschnitt ab, der durch vielfältige hochschulrelevante politische Prozesse und Ereignisse gekennzeichnet ist – von den Universitätsreformen des Grafen Leo Thuns (1848/53), durch die habsburgerische Germanisierungsbestrebungen in Galizien in den 50-er Jahren, bis zu den nationalen Erhebung slawischer Völker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich in der (Re-)Polonisierung der Krakauer und Lemberger Universitäten (1870/71) bzw. in der Teilung der Prager Universität in eine „k.k. böhmische“ und eine „k.k. deutsche“ (1882) niederschlug. Der Einfluss dieser Umwälzungen auf die Migrationen der universitären Lehrkräfte zwischen den k.k. Universitäten (Czernowitz, Graz, Innsbruck, Krakau, Lemberg, Prag, Wien) stellt den ersten Teil des Projektes dar. In weiterer Folge soll anhand gewählter Disziplinen der durch die Peregrinationen ausgelöster Wissenstransfer analysiert werden und die Effekte der Mobilität auf die Wissenschaftslandschaft der Monarchie sichtbar gemacht werden.

Die Untersuchung der Mobilität der Hochschullehrer soll mithilfe soziologischer Konzepte aus der Migration- bzw. Netzwerkforschung bewerkstelligt werden. Dieses Vorgehen wird es ermöglichen die Zentralität des Netzwerkes zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu messen, die Rolle der “Broker” bzw. Vermittler (Prag als “Eingangstür” nach Wien?) zu klären, etc. Die Erforschung des Wissenstransfers soll durch die Konzepte aus dem Bereich der Kulturtransferforschung erweitert werden, wobei die Schwerpunkte auf die Synergie-, Mimese- und Diffusionsprozesse, gelegt werden.

Als Quellen für die erste Fragestellung werden die Personalstände und Personalakten der jeweiligen Universitäten einbezogen, was einerseits eine statistische Auswertung der Migrationsbewegungen erlaubt, andererseits auch die Hintergründe des Universitätswechsels beleuchtet. Die Analyse des Wissenstransfers beinhaltet die Auseinandersetzung mit der Primärliteratur aus der jeweiligen Zeit sowie mit der gegenwärtigen Sekundärliteratur zu jeweiligen Disziplinen. Die – sowohl private als auch fachliche – Korrespondenz, bzw. die Akten aus den Institutsarchiven sollen als zusätzliche Quelle für die Untersuchung der Effekte der wissenschaftlichen Mobilität auf die Wissenschaftsentwicklung dienen.

 


Sonja Walch

(in Bearbeitung)