Rezensionen

Projektionen der Sehnsucht. 12 ausgewählte Saturn-Filme 1906-1910. Edition Film und Text 1. 60 min. VHS/PAL/deutsch. Preis: ATS 298,-
Michael Achenbach, Paolo Caneppele, Ernst Kieninger: Projektionen der Sehnsucht. Saturn - Die erotischen Anfänge der österreichischen Kinematografie. ca. 200 S. Wien 1999 (Edition Film und Text 1). Preis:
ISBN: 3-901932-04-6. Preis: ATS 149,-
Video und Buch zusammen: ATS 398,-

Rezensent: Andreas Tesarik

1. April 2000. Österreich 1952. Regie: Wolfgang Liebeneiner. Edition Film und Text 2. 100 min. VHS/PAL/deutsch. Preis: ATS 298,-
Ernst Kieninger, Nikola Langreiter, Armin Loacker, Klara Löffler (Hg.): 1. April 2000. ca. 380 S. Wien 2000 (Edition Film und Text 2). ISBN: 3-901932-07-0. Preis: ATS 149,-
Buch und Video zusammen: ATS 398,-

Rezensent: Andreas Tesarik

Edition Film und Text

Mit der Edition Film und Text hat das Filmarchiv Austria eine ambitionierte Publikationsreihe gestartet, in der Zeugnisse der österreichischen Filmgeschichte auf Videokassette zusammen mit wissenschaftlichen Begleitpublikationen herausgebracht werden. Zwei Titel sind bislang erschienen, beide präsentieren Kuriosa: die erotischen Kurzfilme der Firma Saturn aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zum einen, zum anderen eine erstaunliche Science-fiction-Komödie aus der frühen Nachkriegszeit, deren Handlung an der Schwelle zum 21. Jahrhundert angesiedelt ist, am (titelgebenden) 1. April 2000. Zwischen dem Datum der Fiktion und den Dokumenten von 1900 liegen hundert spannende Jahre Kino in Österreich. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn dieser Zeitraum in ähnlicher Weise aufgearbeitet würde, wie es in den beiden vorliegenden Publikationen geschehen ist.

 

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Den erotischen Anfängen der heimischen Filmgeschichte wird im ersten Band der Editionsreihe nachgegangen: Projektionen der Sehnsucht ist der Titel dieser Monographie über die Firma Saturn aus Wien, die zwischen 1906 und 1910 eine Reihe "pikanter" Kurzfilme herausgebracht hat. Dabei handelte es sich um die ersten in Österreich produzierten Filme überhaupt. In ihnen wurde gezeigt, worüber der anständige Bürger des Fin de siècle nicht sprach: Schleiertänze molliger "süßer Mädel", nymphomane Ehefrauen und Badefreuden im Evakostüm. Frei von pornographischer Geschmacklosigkeit, sind die Saturn-Filme durch Elemente des Lustspiels aufgelockert. In dem Film Lebender Marmor wird einem Spießer, der jederlei Erotika zu verachten vorgibt, die Statue eines nackten Mädchens präsentiert. Damit allein gelassen, beginnt er sie lüstern zu streicheln - worauf sich die "Statue" als springlebendig erweist. Freunde des als scheinheilig entlarvten Herrn klären lachend den Betrug auf. Währenddessen fällt das Logo der Firma Saturn, als Ornament in die Studiodekoration eingefügt, von der Wand herunter, doch die Akteure spielen unverdrossen weiter...

Pikante Sujets fanden von Beginn an Eingang in das neue Medium Kino, jedoch: "Die Geschichte des erotischen Films begann noch vor der ersten Lumière-Vorführung," befindet Paolo Caneppele über Die erotischen Anfänge der Kinematografie. Ausgehend von den Guckkästen, Panoramen und Diaprojektionen des 19. Jahrhunderts, mit denen vor Erfindung des Kinos die Schaulust des Publikums befriedigt worden ist, stellt sein Beitrag den geschichtlichen Kontext der Saturn-Filme her. Neben "lebenden Bildern" aus fernen Ländern oder der eleganten Welt, Märchenszenen und amüsanten kleinen Geschichten zogen sogenannte "Pariser Abende" oder "Herrenabende" ein interessiertes Publikum an. Es entwickelte sich bald ein florierender Markt für erotische Produkte, deren Verkauf und Verleih in Kinojournalen offen beworben wurde. So groß war die Nachfrage in dieser Zeit, daß sich die Firma Saturn ausschließlich auf die Produktion von "Herrenfilms" beschränkte - ein Unikum in der europäischen Kinogeschichte.

Wie die lasziven Filme in weiten Kreisen der Bevölkerung Verbreitung fanden, beleuchtet die Untersuchung von Ernst Kieninger über Wanderkinos in der Habsburger-Monarchie. Angesichts der Prüderie mancher Zeitgenossen gingen die Schausteller ein nicht unbeträchtliches Risiko ein, da die Vorführung als unsittlich empfundener Darstellungen den Verlust der Konzession - und somit des Einkommens - nach sich ziehen konnte.

Auf den Zuschauer von heute wirkt die harmlose Erotik der "pikanten Herrenfilms" vor allem erheiternd, daß sie zu Kaisers Zeiten das Publikum nicht nur in der von den Produzenten gewünschten Weise erregten, zeigt Michael Achenbach in seinem Aufsatz über das Verhältnis der Firma Saturn zur Zensur. Obwohl deren Filme durch Auflagen der Behörden oft verstümmelt waren, fanden sie auch im Ausland große Verbreitung - sogar bis ins ferne Tiflis (Georgien). Der dortige österreichische Konsul beklagt sich in einem Brief an seine Vorgesetzten über die anstößigen Bilder aus Wien ("die an Obszönität Alles übertreffen, was ich in dem halben Jahrhundert meines Lebens in vier Weltteilen je gesehen habe und ich habe viel gesehen!") und empfiehlt, die verantwortliche Firma zu patriotischeren Produktionen "im Interesse (...) der Förderung des Fremdenverkehres" anzuhalten. Ein frommer Wunsch: statt dessen wurden, nach einigen Strafanzeigen, die Filme beschlagnahmt, verboten, teilweise zerstört, und etwa ein Jahr später war die Firma Saturn Geschichte.

Besagter Brief, weitere Dokumente, Zeitungsannoncen, zahlreiche Photos und der gesamte Katalog der Firma (mit amüsanten "Inhaltsangaben" der Filme) sind als Faksimiles abgedruckt. Eine kommentierte Filmographie aller Produktionen des Hauses Saturn rundet den Band ab. Die zwölf am besten erhaltenen Filme finden sich auf der dazugehörigen Videokassette. Buch und Video ergänzen einander vorzüglich und sollten, nicht nur aus Preisgründen, unbedingt im Set angeschafft werden. Gemeinsam stellen sie eine vorbildliche Dokumentation dar, die ein wenig bekanntes Kapitel österreichischer Filmgeschichte erschließt; oder um aus dem Katalog der Firma Saturn zu zitieren: "Ein Werk von lebenswahrer, packender Realistik und brillanter Ausführung, welches einen enormen Beifall finden wird."

 

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Wir schreiben den 1. April 2000: Österreich steht seit 55 Jahren unter der Kontrolle der vier Besatzungsmächte der Nachkriegszeit. Da tritt der Ministerpräsident der halbsouveränen Regierung vor die Fernsehkameras und verkündet überraschend die Unabhängigkeit seines Landes. Doch das sieht der Big Brother der "Weltschutzkommission" gar nicht gerne: sofort werden die Raktenluftschiffe der Weltschutzpolizei in das Krisengebiet entsandt. Nach einem irrtümlichen Umweg über Australien landen sie schließlich in Wien vor dem Schloß Schönbrunn. Der tapfere Ministerpräsident wird verhaftet und vor ein Gericht unter dem Vorsitz der gestrengen Präsidentin der WeSchuKo gestellt. Ganz Österreich ist angeklagt: wegen Bruch des Weltfriedens und Aggression gegen die vier Besatzungsmächte. - Ähnlichkeiten zwischen dieser Geschichte und der gegenwärtigen politischen Situation drängen sich auf, sind aber rein zufällig: die Filmkomödie 1. April 2000 datiert auf die frühe Nachkriegszeit, auf 1952.

Das Jahr 2000, in der älteren Science-fiction ein beliebtes Synonym für eine entfernte zukünftige Welt, ist inzwischen triviale Gegenwart geworden. Zeitgerecht zum Millenium hat das Filmarchiv Austria eine neu rekonstruierte Fassung des Films erstellt (in den Versionen, die das Fernsehen ausstrahlt, fehlen einige Szenen) und am titelgebenden 1. April dieses Jahres im Imperial-Kino präsentiert. Auf Videokassette ist sie als zweiter Titel der Edition Film und Text erschienen.
Das begleitende Buch ist das Resultat einer Kooperation des Filmarchivs mit dem Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien (vormals Institut für Volkskunde), worauf wohl der stattliche Umfang des Bandes zurückzuführen ist: zwölf Beiträge von teils beträchtlicher Länge beleuchten den Film. Kein Aspekt bleibt unberücksichtigt, von der Produktionsgeschichte zur Rezeption, von der Filmmusik bis zu Details der Dramaturgie, vom politisch-historischen Umfeld bis zu Ähnlichkeiten mit sogenannten "Kulturfilmen" und propagandistischen Wochenschauen der Zwischenkriegszeit. Was leider fehlt, ist eine schlichte Zusammenstellung der filmographischen Daten. Das sollte bei einem filmwissenschaftlichen Werk nicht passieren, es ist jedoch der einzige Schwachpunkt des Buches

Vielfältig wie die Forschungsperspektiven sind die persönlichen Positionen der Autorinnen und Autoren zu diesem seltsamen Unikum der Filmgeschichte. Sie reichen von Amüsement über Nostalgie (Notizen zu meinem Lieblingsfilm) bis zu kaum verhohlenem Widerwillen (Lebenslügen des Kalten Krieges). Offenbar ein Film, der polarisiert!

In alter Tradition der Haupt- und Staatsaktion entfaltet sich ein buntes Panorama von Weltpolitik, Lokalkolorit und Liebesgeschichte. Der Konflikt Österreich vs. Globalunion wird zwischen dem österreichischen Präsidenten und der Präsidentin der Weltschutzkommission ausgetragen, wobei die Vertreterin der Macht (Hilde Krahl) zu guter Letzt der "Charme-Offensive" des ohnmächtigen, aber feschen Österreichers (Josef Meinrad) erliegt. Dieser erweist sich als Meister der Medien-Politik: mittels Filmen und nachgestellten Szenen aus Österreichs Vergangenheit wird das strenge Gericht von der Schönheit des Landes und der Friedfertigkeit seiner Bewohner überzeugt. Kein Klischee bleibt dabei ausgespart, und was das zuckersüße Bild stören könnte, wird konsequent vermieden (so kann die geplante Schlacht gegen die Türken - glücklicherweise - nicht stattfinden, da der Finanzminister kein Geld für die Statisten auftreiben kann). Mit Trachtenparaden und zu den Klängen eines rasch komponierten "Österreich-Liedes" demonstriert das Volk eindrucksvoll seinen Wunsch nach Unabhängigkeit. Szenen der Wiener Operette, die Sängerknaben, Johann Strauß, der alte Kaiser, die Lipizzaner, kurz: alle Ikonen des guten, alten Österreichs ziehen am Gericht vorbei. Dieses verfügt zu guter Letzt den Abzug der Besatzungstruppen: das kleine Land hat sich mit Witz und Schauspielkunst gegen die Großmächte durchgesetzt. Alles findet sich in einen versöhnlichen Walzer, Präsident und Präsidentin werden ein Paar.

1. April 2000: ein Cross-over, wie es in den Neunzigern nicht schräger hätte ausfallen können, eine bunte Mischung aus Gerichtsdrama, Historienschinken, Liebeskomödie, Science Fiction und Operette - vor allem aber ein Propagandafilm. Der österreichische Präsident des Films leistet auf der Leinwand, was 1. April 2000 in der Realität bewirken sollte. 1948 hatte die provisorische Bundesregierung den Plan zu einem "grosse[n] österreichischen Propagandafilm" gefaßt, um das Land international im besten Licht zu präsentieren, 1952 fand die Premiere statt. Im Publikum saßen die vier Hochkommissare, deren Stellvertreter, der Apostolische Nuntius, natürlich die Bundesregierung sowie zwei Dutzend Botschafter, von Brasilien bis Israel. Offenbar hielt man die Fiktion eines freien Österreichs für so brisant, daß man sie sich nur auf dem Weg der Komödie zu vermitteln traute: spielerisch sollte den hohen Herrschaften nahegebracht werden, daß die Österreicher, bitt' schön, doch endlich auch einmal wieder einen eigenen Staat wollen täten. Jetzt noch d' Reblaus, dann san s' waach.

Ob 1. April 2000 die abgebrühten Generäle und Diplomaten tatsächlich weichgekocht hat, ist ungeklärt. Die internationale Wirkung blieb jedenfalls hinter den Erwartungen zurück: entweder fehlte es an Publikum, oder die Kritiker reagierten auf die süßliche Wiener Mischung mit Ablehnung. In den Niederlanden wurde der Film gar nicht gezeigt, da man dort die Besatzung durch die Nazis - mit dem Österreicher Seyß-Inquart als Reichskommissar - noch in unguter Erinnerung hatte.

Die heimischen Pressestimmen waren geteilt: Man lobte die schauspielerischen Leistungen (von Hans Moser über Guido Wieland bis Curd Jürgens fehlte kaum eine Größe aus Film und Theater) und kritisierte die hemmungslose Beschwörung abgedroschener Klischees (eine "Orgie des schlechten Geschmacks"). Man freute sich über gelungene Komik und wunderte sich, daß Österreichs Geschichte mit Maria Theresia endete, ja daß der Grund für die Besatzung niemals thematisiert wurde - Österreich erscheine als das Opfer der Großmächte, scheinbar grundlos besetzt, als habe es den Zweiten Weltkrieg nie gegeben. Der Rechnungshof schließlich beklagte die enormen Produktionskosten: das geplante Budget wurde um das Zehnfache (!) überschritten.

Zum Glück hat das Filmarchiv besser kalkuliert und bietet die Publikation zu einem attraktiven Setpreis an: ATS 398,- sind für den Film und ein Buch dieses Kalibers nicht zuviel verlangt. Eine Preisgestaltung, die sich mancher Verlag zum Vorbild nehmen könnte.

 


Andreas Tesarik

Geboren 1974 in Wien. Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik. Seit 1998 Mitarbeit an der Zeitschrift Maske und Kothurn.


© Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien
Letzte Änderung: 25.06.2000
email.GIF (73 Byte) Redakteurin: Beate Hochholdinger-Reiterer