Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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neolokale Residenz
Definition:
Die Aufnahme der postnuptialen Residenz an einem Ort, der werder mit dem Geburts- bzw. Herkunftsort des Ehemannes noch der der Ehefrau ident ist. Das Paar wählt daher nach der Heirat einen neuen, von den Eltern beider Ehegatten unabhängigen Wohnsitz. Diese Residenzpraxis führt zur Auflösung jeder potentiellen unilinearen Verwandtschaftsgruppe.
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Anmerkungen:
Diese Residenzpraxis ist mit einer fluktuierenden Zusammensetzung der Lokalgruppen, mit unabhängigen Wohngemeinschaften basierend auf flexiblen, hochmobilen, kleinen und von der Verwandtschaft getrennt lebenden Kernfamilien/Konjugalfamilien sowie mit einem bilateralen Verwandtschaftssystem bzw. einer bilinearen Deszendenz oder aber mit anderen sozialen Strukturen verknüpft, in welchen andere Faktoren als die Verwandtschaft für die Residenz ausschlaggebend sind [Barnard/Good 1984:80f; Seymour-Smith 1986: 208; Barnouw 1971:153f; Harris 1982: 187].

Eine Regelung, nach der die Neuvermählten ihren Wohnsitz unabhängig von dem ihrer beiderseitigen Eltern nehmen. Dies beobachtet man am häufigsten in unserer eigenen Gesellschaft, zumindest dort, wo die Wohnungskrise keine anderen Regelungen erzwingt [Panoff/Perrin 1982: 223].

Eine wichtige Voraussetzung der Neolokalität scheinen Faktoren zu sein, "die das Hervortreten der gesellschaftlichen Bedeutung des Individuums bzw. der Kernfamilie bestimmen. Der Individualismus in seinen verschiedensten Ausprägungen etwa - in einer positiven Bewertung von Privateigentum, individuellem Einsatz und Unternehmertum, persönlicher Wahlfreiheit bei der Entscheidung der Ehepartner - wirkt sich begünstigend auf die Neigung von Ehepaaren aus, einen eigenen Haushalt zu begründen. Überbevölkerung und andere Faktoren können das gleiche bewirken: Man nehme nur den Auswanderer oder Pionier als Beispiel." [Bargatzky 1989: 76].

Die neolokale Residenzpraxis, derzufolge die Ehepaare einen neuen, von den jeweiligen Eltern getrennten Wohnsitz aufnehmen, ist nach Victor Barnouw [1971: 153f] aus folgenden Gründen charakteristisch für westliche Gesellschaften wie die der USA: "It is consistent with the bilateral emphasis in American Kinship and with our traditions of individualism, romantic love, and individual choice in the selection of a mate. It is a useful pattern in a highly industrialized society like ours, since it permits of much individual mobility. This form of residence is associated with a small conjugal familiy having rather weak ties to the relatives of either husband of wife."

Auch nach Marvin Harris [1989: 187] spiegelt die mit einer hohen Flexibilität und Mobilität verbundene Bilinearität in den USA und Kanada das neolokale Residenzmuster wieder, "das Folge der Arbeitsmarktsituation und der Substitution verwandtschaftlicher Formen des Tauschs durch preismarktbedingten Geldtausch ist ... Nordamerikanische Kernfamilien leben ... von ihren Kindreds getrennt. US-amerikanische und kanadische Kernfamilien leben oft weit weg von ihren Verwandten entfernt, mit denen sie hauptsächlich an Feiertagen, Hochzeiten und Beerdigungen zusammenkommen."

Vorkommen:

Die neolokale Residenz ist besonders in den individualistisch orientierten, hochindustrialisierten westlichen Gesellschaften verbreitet. Dadurch, daß die neolokale postnuptiale Residenz charakteristisch für die westlichen Gesellschaften ist, entsteht der falsche Eindruck, daß sie die normale, weltweit üblichste und verbreitetste Residenzform sei. In Wirklichkeit ist jedoch die neolokale Residenz nur bei 27 von den 565 im "World Ethnographic Sample" untersuchten Gesellschaften die dominierende Wohnfolgeregel [Murdock: World Ethnographic Sample, AA 59:670].

Englisch: neolocal residence
Französisch: résidence neolocale

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97