Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Ehebruch
Definition:
Das Eingehen sozial nicht geduldeter außerehelicher Beziehungen .

Außereheliche sexuelle Beziehung zwischen zwei Personen, wobei wenigstens eine von diesen mit einer anderen verheiratet ist [Murdock 1949:261]. Es gibt eine große Bandbreite von emischen Definitionen des Ehebruchs.

Verwandte Begriffe:
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Anmerkungen:
Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um sexuelle Beziehungen. In manchen Geselschaften sind nebenehliche sexuelle Beziehungen mit bestimmten Kategorien von Personen erlaubt. Sexuelle Beziehungen verheirateter Personen mit anderen Personen als dem rechtmäßigen Ehepartner. In vielen Gesellschaften sind solche Beziehungen verboten und werden streng sanktioniert, wobei dies von der Art der Heiratsbeziehung selbst abhängt. In manchen Gesellschaften hat sexuelle Treue einen hohen Stellenwert, in anderen ist sie von sekundärer Bedeutung. Ersteres findet sich vor allem in Gesellschaften mit einer Ideologie der männlichen Kontrolle über die weibliche Sexualität und Reproduktivität. In anderen Gesellschaften wiederum wird weder Ehebruch noch biologischer Vaterschaft große Bedeutung beigemessen. Oft ist nicht einmal in ein und derselben Gesellschaft ein monolithisches Konzept des Ehebruchs, sondern eine Reihe unterschiedlicher emischer Begriffe bzw. Stufungen des "Ehebruchs" anzutreffen [Macmillan Dict. of Anthr.: 5].

Die oft übersehene Tatsache, daß innerhalb ein und derselben Gesellschaft unterschiedliche, sich oft einander ausschließende Konzeptionen des Ehebruchs vorkommen können wird dadurch ersichtlich, daß in unserer Gesellschaft bestimmte Vertreter der Kirche die theologische Position des Augustinus vertreten, der zufolge bereits unkeusche Gedanken als Ehebruch gelten (personale Konzeption des Ehebruchs), während die staatliche Gesetzgebung den Ehebruch auf den Vollzug des Geschlechtsaktes (immissio) reduziert und sich damit auf eine verengte Definition der Ehe als Zeugungsgemeinschaft (Recht auf den Körper des Partners zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane).

Beispiel: Toba-Batak (Nord-Sumatra, Indonesien)
Unter "Ehebruch" wird bei den patrilinearen Toba-Batak (von der Perspektive des Mannes aus) die Inbesitznahme einer Frau, die noch unter der Autorität ihres Mannes bzw. ihrer Herkunfts-Lineage steht, verstanden. Die Schweregrade des "Ehebruchs" korrespondieren damit, ob die Frau
  1. die Verlobte eines anderen Mannes (hier genügt allein schon das Anbieten der Brautgabe!) oder
  2. eine Witwe, die nicht einen Mann im Verwandtschaftskreis ihres verstorbenen Mannes geheiratet hat und noch nicht von dessen Patri-Lineage dissoziiert wurde, oder
  3. eine Frau, die schon lange keinen regelmäßigen Verkehr mit ihrem Mann hatte und im Zustand der Trennung lebt, und daher "sich dem Ehebruch Nähernde" genannt wird, oder
  4. eine Frau, die regelmäßig Verkehr mit ihrem Mann hat, ist. Letzeres ist Ehebruch im engeren Sinn und wird mit den schwersten Sanktionen geahndet.

Weitere Unterscheidungen des Ehebruchs beziehen sich auf die Existenz bzw. Nichtexistenz von Nachkommen, wobei Ehebruch mit einer Frau, die bereits Kinder hat, schwerer wiegt, als mit einer jungen und noch kinderlosen Frau. Für alle diese unterschiedlichen Formen und Stufen des Ehebruchs gibt es eigene emische Termini [Lukas 1990: 461, 205f].

Beispiel: Samo Manu`a
Jungfräulichkeitskult (als Ausdruck eines hohen Maßes der Kontrolle über weibliche Sexualität und Reproduktivität) in Verbindung mit einem elaborierten Rangsystem führten zu einer hohen Bewertung der ehelichen Treue und schweren Strafen für das Verbrechen des Ehebruchs: Im Gegensatz zur Behauptung Margaret Meads [1928] daß Ehebruch bei den Samoanern weder als ernste Verfehlung angesehen werde noch die Kontinuität bestehender Beziehungen bedrohe und es keine gesellschaftlich institutionalisierte Institution der bestreffenden Gemeinschaft auf diesen gäbe, stellte Derek Freeman [1983] fest, daß der Ehebruch in Samoa sowohl ein schweres Verbrechen darstellt als auch mit schweren Strafen sanktioniert wird (Tötung, Verstümmelung, Verbannung und Landkonfiszierung etc).
Beispiel: Cayapa-Indianer Ekuadors
Gilt als eine verabscheuungswürdige und sündhafte Tat. Die Bestrafung ist jedoch weit milder geahndet als der Inzest. Es herrscht die Überzeugung vor, daß in jedem Ehebruch die Frau die aktive Rolle spielt. Alter gilt als mildernder Faktor, sodaß eine junge alleinstehende Frau, die mit einem verheirateten Mann Ehebruch begeht, nicht bestraft werden muß. Man sagt, daß sie mit ihrem verhalten ausdrückt, daß sie auf der Suche nach einem Mann ist und heiraten sollte. Oft sucht man daher für sie einen Ehemann (Altschuler, Milton in: Marshall, Donald S./Suggs, Robert C. (ed.): HumanSexual Behavior. Variations in the Ethnographic Spectrum. N.Y., London, Basic Books 1971:46f)
Beispiel: Basongye (Basonge, Bala) von Zaire/Belgisch Kongo
Die Basongye/Bala verwenden denselben Terminus (EKUP, pl. MAKUPI), um die Konkubine und den Ehebruch zu kennzeichnen. Ehebruch ist oft der Anlaß für Streit. Immer wird der Mann als aggress. Verursacher und aktiver Part betrachtet: "Frauen könnten niemals einen Mann zum Ehebruch zwingen". Ehebruch mit verheirateten Frauen wird von den verh. Männern als gefährlicher betrachtet als jener mit unverh. Mädchen. Sanktionen: Im 19, Jh. sollen sich die betrogenen Ehefrauen dadurch gerächt haben, daß sie ihren Mann beim "Eigentümer" der Ehebrecherin anzeigten. Die Lage konnte v.a. dann sehr ernst werden, wenn der Ehebrecher ein "Gemeiner", der "Eigentümer" seiner Komplizin aber eine angesehene Person von hohem Stand war. Der betrogene Ehemann konnte dann, ohne irgendetwas befürchten zu müssen, den Geliebten seiner Frau töten. Wenn ein Mann ein Jahr oder länger getrennt von seiner Frau lebt und nach seiner Rückkehr feststellen muß, daß seine Frau schwanger ist, wird das Neugeborene als "Kind von irgendwem" (MWANA A SANGA) bezeichnet; es wird jedoch als Kind des Ehemannes betrachtet und von diesem als sein Kind behandelt. Die Männer der Basongye/Bala sagen, daß immer dann, wenn ein Mann seine Frau so lange allein läßt, seine Gattin ganz sicher Ehebruch begeht. Die Balafrauen sollen sich von den Europäerinnen v.a. dadurch unterscheiden, daß die letztgenannten lange Zeit allein leben können, ohne Ehebruch zu begehen. Wenn jedoch das Kind aus solch einer tolerierten außerehelichen Beziehung einen tödlichen Unfall erleidet, muß die Frau ihrem Ehegatten den Namen des (biologischen) Vaters nennen; dies führt dann zu einem Gottesurteil: Der Ehemann erzeugt einen speziellen Gürtel aus dem Bündel von ELALA-Palmblättern, den der angezeigte Vater anzieht; danach stellt er sich über den Körper des toten Kindes. Wenn er wirklich schuldig ist, sollen alle seine Kleider von seinem Körper fallen und er nackt dastehen; wenn er unschuldig ist, bleiben die Körper an seinem Körper. Falls der Ehemann sieht, daß dem Angeklagten die Kleider vom Leib fallen, steht es ihm frei, sich an diesem zu rächen (Heute wird er ihn vor das Gericht bringen). Offenbar gibt es bei den Basongye/Bala bestimmte "Spielregeln" für den Ehebruch. So war ein Mann, der (in der belgischen Kolonialzeit) zu einer Geldstrafe von 700 Francs und zu einer 2-wöchigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war, sehr wütend und aufgebracht. Nach seiner Entlassung drohte er damit, den Ehegatten o. dessen Frau o. beide umzubringen, da man ihm nicht gesagt hatte, daß die Frau verheiratet sei, was angesichts der Tatsache, daß er ein Fremder in diesem Dorf sei, nicht "fair" gewesen sei. Ehebruch kann von den Männern, nicht aber von den Frauen als ausreichende Scheidungsgrund angeführt werden. Manche Männer "erklären" dies damit, daß die Frauen den ehebrechenden Männern Gonnorhoe übertragen. Wenn eine Frau mit ihrem Geliebten durchgeht, gilt sie als geschieden. Wenn sie später zurückkommt, wird sie von einigen Fällen wieder aufgenommen, in anderen jedoch nicht. Das aus der Verbindung mit dem geliebten hervorgegangene Kind wird als das des Ehemannes betrachte, jedoch wird es mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht gut behandelt werden. Nach Meinung der Basongye/Bala hätte die belgischen Kolonialregierung hier viel verändert: Für sein von ihm gezeugtes Kind müsse der Geliebte/Ehebrecher die Verantwortung übernehmen. Man Männer befürworten dies, indem sie sagen, daß "die Belgier uns damit lehrten, nicht die Frauen anderer Männer zu verführen" (Merriam in: Marshall, Donald S./Suggs, Robert C. (ed.): Human Sexual Behavior. Variations in the Ethnographic Spectrum. N.Y., London, Basic Books 1971:88f).
Literatur:
Englisch: adultery

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97