Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Polygynie
Definition:
Eine Form der Polygamie, wobei es einem Mann gestattet ist, mehr als eine Frau zu heiraten. Wenn die Frauen Schwestern sind, spricht man von sororaler Polygynie.
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Anmerkungen:
  • Im Kulturvergleich sind die non-sororalen polygynen Ehen häufiger als sororale. Polygynie stellt die gewöhnliche Eheform in vielen ethnographischen Regionen dar und ist weit mehr verbreitet als Polyandrie und Monogamie. Je nachdem, ob die Frauen gemeinsam wohnen oder nicht (letzteres kommt häufiger vor), unterscheidet man Polygynie mit gemeinsamer Residenz (z.B. Siriono/Ost-Bolivien) und Polygynie mit getrennter Residenz (Fon/Bafut, Kamerun u.a. Regionen Afrikas).

  • Polygyne Ehegemeinschaften zeichnen sich in der Regel durch eine stark ausgeprägte Rangschichtung und Rivalität zwischen den verschiedenen Frauen aus: In polygynen Haushalten haben die ersten Frauen meist den höchsten tatus. In Lineage-Systemen untersuchte man Polygynie in Hinblick auf die Interessenskonflikte der Nebenfrauen und Kinder, welche die segmentären Tendenzen des Lineage-Systems innerhalb der Familie reproduzieren. In eher egalitär organisierten Gesellschaften, in welchen die Polgynie seltener auftritt, besteht für alle Männer die Möglichkeit, eine Mehrehe zu schließen (generelle Polygynie). In den stratifizierteren Sozietäten kommt die Polygynie nicht nur häufiger vor, sondern ist dort Privileg eines kleinen Segmentes der Gesellschaft (begrenzte Polygynie): Sie bleibt v.a. älteren und mächtigeren Männern vorbehalten.

  • In einigen Fällen stellt sie das exklusive Recht von Führern oder Häuptlingen das. In manchen Indianer-Gesellschaften im Amazonasgebiet wie auch bei den Trobriandern ist die Polygynie Ausdruck der Macht des Häuptlings und ist ein wichtiges Element, um die Macht auszubauen und zu bewahren. Polygynie ermöglicht einem Mann mehr Kinder und Affine zu haben, sodaß er Verwandtschaftsverbindungen strategisch manipulieren kann, sie kann. Sie ermöglicht ihm auch eine breitere wirtschaftliche Basis, da er bis zu einem gewissen Grad die Arbeit seiner Frauen und Kinder bzw. (wie im Fall der Trobriander) die der Brüder seiner Frauen kontrollieren kann. Oft ist Polygynie mit einer Alterssymmetrie in Heiratsbeziehunge verbunden: Ältere Männer heiraten sehr junge Frauen, sodaß jüngere Männer entweder für lange Periode ledig bleiben oder aber ältere Witwen heiraten. Polygynie ist der Ausdruck einer Stratifikation zwischen Alter und Geschlecht, in der Weise, daß ältere Männer menschliche Ressourcen und daher produktive und reproduktive Aktivitäten kontrollieren. Polygynie ist mit jenen politischen und ökonomischen Systemen korreliert, in welchen die wichtigsten Ressourcen menschliche Ressourcen sind. In Systemen, wo Ressourcen wie Land oder Privateigentum vorherrschend sind, sind monogame Nuklearfamilien (siehe Monogamie) tendenziell häufiger [Seymour-Smith 1987:228]; Barnouw 1971:129-133].

  • Zwischen dem Hackbau und der wichtigen Rolle der Frau in der Landwirtschaft und in den Märkten einerseits und der Polygynie andererseits besteht ein Zusammenhang. V.a. von Remi Clignet [1970:21] wurde daher die Hypothese aufgestellt, daß die unterschiedliche Rolle der Frauen in der Landwirtschaft (quantitativ meßbare Subsistenzaktivitäten und ökonomischer Beitrag) oder im Handel - neben der sozialen Stratifikation (Einteilung in Altersklassen, erbliche Aristokratie etc.) - direkt mit der Rate der Polygynie korrelierbar wäre. Durch vergleichende Analysen in Ghana und anderen Regionen Afrikas konnte jedoch diese Hypothese falszifiziert werden. Der Polygynie liegen daher weniger ökonömische und produktive, sondern eher sexuelle und reproduktive Ursachen zugrunde [Goody 1973:175-189]

    Vorkommen: in weiten Teilen Afrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens, (früher) in Indien und China, in Indonesien, Melanesien, Polynesien und verschiedenen Indianergruppen Nord- und Südamerikas.

Englisch: polygyny
Französisch: polygynie

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97