Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Pseudogruppenehe
Definition:
Im Unterschied zur echten Gruppenehe sind hier nicht alle Ehepartner gleichzeitig miteinander verheiratet und daher nicht alle Frauen legitime Sexualpartner für alle Männer dieser Gruppe und umgekehrt. Vielmehr werden über polygynie oder/und polyandrische Verbindungen Eheketten gebildet, in denen nur bestimmte Ehepartner dieser Gruppe mit bestimmten anderen verheiratet sind und legitime Sexualbeziehungen unterhalten. Viele ethnographische Fallbeispiele (wenn nicht alle), die als Gruppenehe interpretiert werden, stellen sich bei näherer Untersuchung als Formen der Pseudogruppenehe heraus.
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Anmerkungen:

Ein von Lukas und Schindler geprägter Terminus für gruppeneheähnliche Verbindungen. Beispiel: Aché/O-Paraguay: Aus der Kombination polygyner und polyandrischer Familiensturkturen resultieren vielfältige Gruppenkombinationen etwa in der folgenden Art:

Frau A ist mit Mann 1 und 2 verheiratet, Mann 1 mit Frau A und B, Mann 2 mit Frau A und C. Diese Eheform ist jedoch nicht mit einer Gruppenehe gleichzusetzen, da hier nicht alle gleichzeitig miteinander verheiratet sind, sondern die Ehegemeinschaft streng strukturiert und zwischen Haupt- und Nebengatten verschiedener Ränge unterschieden wird.

Beispiel: Nayar/Südwestindien

Nach Kathleen Gough [1959; 1981] praktizierten die Nayar Zentralkeralas (Malabarküste/Südwestindien) bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine aus der Kombination von non-sororaler Polygynie und nonfraternaler Polyandrie resultierende Form der Gruppenehe, wobei eine Nayarfrau mit einem Mann aus der höheren Kaste der Nambudiri-Brahmanen eine rituelle Ehe einging, aber danach mit mehreren Männern aus ihrer Subkaste, die aber nicht ihrer Lineage angehören durften, sexuelle Beziehungen einging und rechtmäßige Nachkommen zeugte (siehe Sambandham). Fox [1977:100f, 111] zufolge handelt es sich hierbei einfach um eine polygame Eheform (plural marriage), genauer um eine polyandrische Form der Polygamie (plural marriage of a polyandrous type) [vgl. Aiyappan 1932a, 1932b, 1934], während Fischer [1952:114] von einer pluralen Paarungsgemeinschaft (siehe Polykoitie ) sprach, in der ein Ehemann anderen Männern das Recht auf sexuelle Beziehungen mit seiner Frau einräumt. Auch Vivelo [1981:237] widerspricht der Interpretation von Gough, "daß die Situation bei den Nayar, wobei eine Frau mit einem einzigen Mann eine Heiratszeremonie absolviert, nach welcher es ihr freisteht, sexuelle Beziehungen zu jedem anderen Mann in seiner Gruppe zu haben, einen Fall von Gruppenehe darstellt. Da jedoch alle anderen Frauen in der Gruppe dieser Frau keine legitimen Sexualpartnerinnen für alle Männer in der Gruppe dieses Mannes darstellen, fällt es mir schwer, dies als Gruppenehe zu bezeichnen."

Literatur:

Beispiel: Marquesas

Die Bewohner der Marquesas-Inseln galten lange Zeit als ein klassisches Beispiel für Gruppenehe. In Wirklichkeit bildeten sich (in der vorkolonialen Zeit) durch die gleichzeitig vorkommenden und miteinander verbundenen Institutionen der Polygynie und Polyandrie Verkettungen polygamer Verbindungen. Daher konnte z.B. eine Frau mit zwei oder mehr Männern und zur selben Zeit jeder ihrer Männer mit zwei oder mehr Frauen verheiratet sein [Otterbein 1963: 155-159].
Da auch in diesem Fall nicht alle Frauen mit allen Männern gleichzeitig verheiratet waren und sexuelle Beziehungen unterhielten, handelt es sich nicht um eine echte Form der Gruppenehe.

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97