Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Sambandham
Definition:
Rituelle Hypergame Verbindung zwischen Frauen der matrilinear organisierten Nayar-Kriegerkaste (Zentralkerala/Malabarküste Südwestindiens) und Männern der patrilinearen Nambudiri-Brahmanenkaste, die einerseits die Voraussetzung für die Aufnahme sexueller Beziehungen der Frauen mit mehreren Männern ihrer eigenen Kaste ist und andererseits den aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Kindern Geburtsrechte verleiht. Diese Sambandham-Verbindung ist der Kernbestandteil einer umfassenderen Ehegemeinschaft, die je nach Standpunkt und Ehedefinition als Gruppenehe, als Pseudogruppenehe, als polyandrische Polygamie oder gar nur als Polykoitie bzw. in einer bestimmten emischen Perspektive als Konkubinat interpretiert werden kann.
Zum übergeordneten Begriff
Anmerkungen:

Die heute nicht mehr existierende Sambandham-Institution wurde von Kathleen Gough im Rahmen einer Feldforschung rekonstruiert und bezieht sich auf historische Quellen aus dem 18. Jahrhundert:

Im Abstand von einigen Jahren wird eine Zeremonie abgehalten, bei der ein Mädchen einer Nayar-Lineage (taravad) vor Erreichung der Geschlechtsreife mit einem Mann aus einer mit ihrer verbundenen Lineage rituell verheiratet wird. Idealiter heiratete eine Nayar- Frau jüngere Söhne der zur höchsten Kaste in Kerala zählenden Nambudiri-Brahmanenkaste, die patrilinear organisiert war und das Landeigentum im Rahmen der Primogenitur den jeweils ältesten Söhnen übertrug. Die jüngeren Söhne, die daher kein Land erben konnten heirateten nicht Frauen ihrer eigenen Kaste, sondern niedrigkastigere Nayar-Frauen. Diese Verbindungen wurden als Sambandham-Ehen bezeichnet. Aufgrund ihres hohen Ranges (Furcht vor Verunreinigung) konnten sie mit ihren Sambandham-Gattinnen weder permanent wohnen, essen noch sexuelle Kontakte ausüben. Das Mädchen lebte mit ihrem "rituellen Ehemann" vier Tage zusammen; danach sah sie ihn gewöhnlich nicht mehr wieder. Der Ehemann hatte durch die rechtmäßige Heirat mit ihr, die von ihm erwartete soziale Rolle erfüllt. Die rituelle Ehe war eine notwendige Vorausetzung dafür, daß eine Nayar-Frau nach ihrer Pubertät sexuelle Beziehungen mit Männern ihrer Wahl, die jedoch Mitglieder ihrer eigenen Subkaste sein mußten, aber nicht ihrer eigenen Lineage angehören durften, eingehen und rechtmäßige Nachkommen gebären konnte. Die mit der Institution der Sambandham-Ehe verbundene Möglichkeit der Beibehaltung des Wohnortes sowie des häufigen Wechsels der Sexualpartner entsprach den Bedürfnissen der als Kriegerkaste organisierten Nayar: "... political officers may have encouraged or even reenforced group marriage as a means of minimizing the individual familistic ties of their vassals." [Gough 1981:595]

Die Männer überreichten ihrer Partnerin gewöhnlich Geld, Kleidung oder andere Geschenke. Die Männer, die als Krieger den größten Teil ihres Lebens nicht in ihrem Heimatort verbrachten, lebten weiterhin bei ihren Herkunfts-Lineages und auch die Frauen verblieben bei ihrer Matri- Lineage (siehe natolokale postnuptiale Residenz). Wenn die Frau schwanger wurde, übernahm einer dieser Männer die soziale Vaterschaft, indem er der Hebamme der Frau einige Kleider und Gemüse übergab. Aus der von den jeweiligen Männern anerkannten Vaterschaft resultierte jedoch nicht die Verpflichtung, für das Kind zu sorgen bzw. dieses zu erziehen. Dies war die Aufgabe der Frauen, ihrer Brüder und Schwestern sowie der übrigen matrilinearen Blutsverwandten (= eine kleinere Matri-Lineage). Der rituelle Ehemann als auch die sozialen Väter lebten niemals mit der Mutter und den Kindern zusammen. Von den vier angeblich universellen Funktionen der Familie (sexuelle, ökonomische, reproduktive, erzieherische; siehe Murdock) übernahmen die Väter im wesentlichen nur zwei, nämlich die sexuellen und reproduktiven. Nur in Ansätzen übernahmen die Ehemänner ökonomische Verpflichtungen:

Diese umfaßten sowohl kleine, in Abständen überreichte Geschenke, die den Fortbestand der Beziehung anzeigten, als auch die bei der Geburt eines Kindes überreichten Geschenke, die die Rechtmäßigkeit des Kindes begründeten. Aus der Tatsache, daß bei den Nayar keine der Kernfamilie entsprechende Institution bestand, schloß Gough, daß zwar die Ehe, nicht jedoch die (Kern-)Familie ein universales Phänomen sei. Entscheidend ist, daß bei den Nayar die Ehe in erster Linie eine plurale Sexualgemeinschaft war ("Marriage was a group sharing of sexual rights", K. Gough 1961:594), die nur durch Inzestverbote (gegenüber Lineage-Angehörigen und bestimmten Affinen sowie gegenüber Männern aus niedrigeren Nayar-Kasten bzw. kastenniedrigeren Nicht-Nayar) begrenzt wurde. Die Ehe beinhaltete keine Exklusivität der sexuellen Beziehungen, keine Ko-Residenz der Ehepartner und der Nachkommen, keine Unterhal ts- und Haushaltspflichten sowie (abgesehen von gelegentlichen Geschenken; s.o.) kaum ökonomische Verpflichtungen (insbesondere keine wirtschaftlichen Verpflichtungen für die Nachkommen) und schließlich keine Erziehungspflichten für die sozialen Väter. Wenn man von der Übernahme der (sozialen) Vaterschaft absieht, bestanden zwischen dem Vater und dem Kind keine gegenseitigen rechtlichen Ansprüche. In der emischen Perspektive der Männer der Nambudiri-Brahmanenkaste wird nach Yalman [1971] die Verbindung mit den Frauen der Nayar-Kaste als Konkubinat interpretiert. Die Nambudiri sehen ihre Verbindungen mit Nayar-Frauen, die die Kastengrenzen letztlich unberührt lassen, als nicht gleichwertig mit ihren "wirklichen" Heiraten mit Nambudiri-Frauen an, die ihnen rechtmäßige Erben zur Welt bringen. Die Ehen innerhalb der Kaste sind mit der Übergabe einer [EGGA]Mitgift verbunden: Der Vater erkennt seine Kinder an, die dann auch von ihm erben (Geburts- und Erbrechte). Zu große Statusdifferenz ist in dieser kastenorganisierten Gesellschaft, die sich intensiv mit der Reinheit der Frauen beschäftigt, ein Hindernis für die Aufnahme einer ehelichen Beziehung. Selbst in über Mitgift zustandegekommenen hypergamen (siehe Hypergamie) Verbindungen sollten keine großen Unterschiede der rituellen Positionen der Ehegatten zueinander bestehen. Hierbei wird die Idee der Gleichheit zwischen den durch Heirat verbundenen Verwandtschaftsgruppen durch den Gebrauch des Wortes "Sambandha", i.e. "verbunden sein" (nämlich durch Heirat mit einer anderen Verwandtschaftsgruppe], demonstriert. Das heißt, daß man

  1. eine Heiratsbeziehung eingeht und
  2. es sich um relativ Statusgleiche handelt.
Ein Nambudiri-Brahmane kann jedoch ohne weiteres eine wesentlich rangniedrigere Frau zur Konkubine nehmen. Die Nayar wenden dagegen den Begriff "Sambandha" (=Sambandham) auf eine von ihnen als eheliche Beziehung angesehene hypergame Verbindung mit Männern der Nambudiri-Kaste an, die jedoch von diesen als Konkubinat interpretiert und nicht mit dem Terminus "Sambandha" belegt wird. Im Rahmen einer kognitiven Anthropologie, die sich in erster Linie an den emischen Klassifikationen orientiert, sind wir hier mit dem simultanen Wirken zweier unterschiedlicher Institutionen (Ehe und Konkubinat) konfrontiert. [Yalman 1971: 180ff.]
Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97