Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Gynäogamie/Frauenehe
Definition:
Eheliche Beziehung zwischen Frauen: In manchen afrikanischen Gesellschaften heiratet eine kinderlos gebliebene Frau eine Frau, die ihr gegenüber mit Ausnahme der Sexualität die Rolle des Ehepartners einnimmt und als Sexualpartner der Frau ein beliebiger Mann fungiert, der in rechtlicher Hinsicht unbedeutend ist.
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Anmerkungen:

Die Klassifikation der Gynäogamie (Frau-Frau-Beziehungen) wie auch der Androgamie (Mann-Mann-Beziehungen) als Eheform hängt letztlich von der Definition des Begriffs "Ehe" ab.

Beispiel: Nuer

Eine zumeist unfruchtbare Frau, die daher in manchen Hinsichten als Mann gilt, heiratet eine Frau, erfüllt weitgehend die Rolle eines Ehemannes und gilt als pater der Kinder, die aus den sexuellen Verbindungen ihrer Ehefrau mit einem männlichen Verwandten, einem Freund, einem Nachbarn oder einem armen Dinka hervorgegangen sind.

Anläßlich der Geburt eines Kindes erhält der Genitor das "Zeugungsrind". Der Genitor hilft außerdem bei Aufgaben im Haushalt, die nur von Männern durchgeführt werden können. Diese Verbindung wird von den Nuern als legale Form der Ehe angesehen, da die gleichen Heiratsriten durchgeführt werden und eine Brautgabe in Form von Rindern erforderlich ist wie für eine heteresexuelle Eheschließung. Die Frau gilt als legaler Ehemann und Vater: Ihre Kinder, die auch ihren lineage-Namen erhalten, nennen sie "Vater"; darüber hinaus erweisen ihre Gattinen und Kinder ihr gegenüber ein respektvolles Verhalten wie gegenüber einem männlichen Ehemann bzw. Vater. Im Fall von außerehelichen Beziehungen ihrer Ehefrauen, die ohne ihre Zustimmung eingegangen wurden, hat sie das Recht, eine Entschädigung einzufordern. Bei der Eheschließung ihrer Töchter erhält sie zudem die dem Brautvater zustehenden Rinder als Brautgabe.

Beispiel: Dahomey

Eine Frau, die normalerweise bereits mit einem Mann verheiratet ist, zahlt für eine Braut die Brautgabe und wird dadurch zu einem "weiblichen Ehemann" (Sie erfüllt die Rolle des Ehemannes mit Ausnahme der sexuellen Funktion): Dieser weibliche Ehemann gründet eine eigene Familie, indem sie ihre Ehefrauen mit ausgewählten Männern, die in rechtlicher Beziehung bedeutungslos sind, schlafen und schwanger werden läßt. Die aus diesen Verbindungen entstehenden Kinder gehören dem weiblichen Vater, nicht dem biologischen Genitor [Harris 1989:159f]

Englisch: woman-woman marriage, woman-marriage
Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97