Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Mutâ-Ehe
Definition:
arabisch, wörtlich: "Genußehe".
Sonderform der Ehe, die ein Mann neben seiner Erstehe/seinen Erstehen eingehen kann. Die Mutâ-Ehe ist eine auf dem islamischen Recht beruhende Ehe auf Zeit, die besonders von Männern, welche aufgrund längerer Reisen von zu Hause abwesend sind, geschlossen wird. Der Ehevertrag kann für eine Frist von drei Tagen bis zu mehreren Jahren gültig sein und wird vor Zeugen mündlich abgeschlossen. Es muß eine genaue Angabe über die Zeitspanne (adjal) des Ehevertrags und das der Frau zu übergebende Entgeld (adjr), das in ihr persönliches Eigentum übergeht, gemacht werden. Die Frau muß zum Zeitpunkt des Vertrages unverheiratet und ehrbar ('afifa) sein. Eine solche Ehe ist in der Regel nur zwischen Muslimen gültig. Der Mann verpflichtet sich für die Dauer des Verhältnisses, für den Unterhalt der Frau aufzukommen und ihr einen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Wenn aus dieser Verbindung Nachkommen hervorgehen, werden sie der Verwandtschaftsgruppe des Mannes (patrilinear) zugerechnet; sie genießen damit die Rechte ehelicher Kinder. Das eheliche Verhältnis endet nach Ablauf der ausbedungenen Zeit und kann nur durch einen neuerlichen Vertragsabschluß verlängert werden. Die Frau muß nach Ablauf dieser Ehe zwei Menstruationsperioden warten ('iddah), bevor sie eine neue Ehe eingehen kann.
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Anmerkungen:

Zur mit dem Terminus mutâ belegten Eheform gibt es einander widersprechende islamische Rechtstraditionen: Der ersten Gruppe zufolge, zu der besonders schi'itische Muslime zählen, soll die Institution der Mutâ-Ehe schon in der vorislamischen Zeit bei den Arabern bestanden haben und wurde noch vom Propheten Muhammad und dessen Zeitgenossen praktiziert. Während sie später jedoch von der sunnitischen Orthodoxie weitgehend abgeschafft wurde, verteidigen sie Schi'iten, indem sie dem Kaliphen 'Umar vorwerfen, vorsätzlich einen vom Propheten gebilligten Brauch verändert zu haben, und berufen sich auf die Sure IV, 28 (bzw. 24), die wie folgt lautet:

"Und erlaubt ist euch außer diesem, daß ihr mit euerm Geld Frauen begehrt, zur Ehe und nicht in Hurerei. Und gebet denen, die ihr genossen habt, ihre Morgengabe." [Der Koran, Henning 1989:92]. Nichtsdestoweniger scheint die Mutâ-Ehe nur relativ selten vorzukommen; sie wird nicht von den arabischen Schiiten des Libanon und Irak praktiziert und selbst im Iran scheint sie nur eine geringe Bedeutung zu haben. Einer zweiten Gruppe zufolge, zu der hauptsächlich Sunniten, Isma'iliten und Zayditen zählen, bezieht sich diese Textstelle nicht auf die mit dem Ausdruck nikah bezeichneten gewöhnlichen Ehe, von der sie sich

  • durch den temporären Charakter und
  • durch die genau vorgeschriebene Belohnung für den Genuß unterscheidet.

Mutâ wird demnach als kaum verhüllte Prostitution verurteilt. Einer dritten Gruppe zufolge war mutâ auf der Basis von Überlieferungen, die sich auf die Eroberung Mekkas (Krieg, Feldzüge) bzw. die erste Pilgerschaft (hadjdj) beziehen, einst nur für kurze Zeit (z.B. drei Tage) und bei bestimmten Gelegenheiten erlaubt. Nach einer Überlieferung soll, nachdem der Prophet mutâ erlaubt hatte, Sabra mit einem Freund eine Frau besucht haben. Beide Männer boten ihr ihre Mäntel als Belohnung an. Die Frau wählte den jüngeren Mann mit dem schäbigeren Mantel und schlief mit ihm drei Nächte. Daraufhin untersagte der Prophet mutâ. Nach anderen Überlieferungen wurde mutâ für die Pilgerfahrt erlaubt:

Nachdem jedoch die Frauen mutâ auf einen bestimmten und festgelegten Zeitraum begrenzen wollten und man sich auf zehn Tage und Nächte geeinigt hatte, untersagte es der Prophet nach der ersten Nacht, indem er sprach: "Wer auch immer eine Frau für eine bestimmte Zeitspanne geheiratet hat, soll ihr das geben, was er ihr versprochen hat und nichts davon zurückverlangen, und dann soll er sich von ihr trennen. Gott hat dies bis zum Tag der Wiederauferstehung untersagt." Wieder andere vertreten die Auffassung, daß erst der Kaliph Umar gegen Ende seines Kaliphats mutâ als Hurerei abschaffte; jedem, der gegen dieses Verbot verstieß, drohte die Steinigung. Trotz der Tatsache, daß in der sunnitischen Perspektive mutâ gewöhnlich nicht als Ehe anerkannt wird, kann sie in einer anderen Form praktiziert werden, und zwar indem in den Vertrag die begrenzte Zeitspanne der Verbindung nicht aufgenommen wird; alle Abmachungen außerhalb dieses Vertrages (die vor der vertraglichen Verbindung mündlich geschlossenen wurden) sind vom geltenden Recht nicht betroffen. Auf diese Weise kann eine Verbindung unter der Bedingung, daß der unausgesprochene Entschluß (niyya), sie nur für die Zeitdauer des Aufenthaltes an einem bestimmten Ort oder nur für ein paar Tage einzugehen, nicht expressis verbis im Vertrag festgelegt wird, als ehelich anerkannt werden.

VT: mut'a-Ehe
Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97