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Romanistische Perspektiven
einer interkulturellen Literaturwissenschaft

 

Literatur als Laboratorium kollektiver Selbstverständigung

Daß sich das alte Klassenkampfschema zur Durchleuchtung der literaturhistorischen Prozesse als untauglich erwiesen hat, gilt heute als communis opinio. Auch das heute noch ziemlich verbreitete Fortschrittsschema, das Kultur- und Literaturgeschichte in den Triumphzug des unablässig nach Erneuerung strebenden neuzeitlich-modernen Menschen europäisch-amerikanischer Prägung einbaut, wirkt aus der Sicht unserer postmodernen Epoche immer weniger überzeugend. Aber die Fachgeschichte bietet Alternativen an. Mit dem Ansatz von Erich Köhler, der soziologischen Verfahren und Deutungen verpflichtet ist, aber weder auf eine reduktionistische Deutung der Überbau-Unterbau-Beziehung noch auf irgendeinen Fortschrittstriumphalismus festgelegt werden kann, hat die neuere romanistische Literaturwissenschaft ein theoretisch-methodologisches Konzept aufzuweisen, dessen Eignung zur Anbindung an interkulturelle Ansätze bisher nicht in vollem Ausmaß erkannt und genützt wurde. Die Studien Köhlers zur hochmittelalterlichen Literatur in französischer und okzitanischer Sprache verknüpfen das Werden der höfischen Kultur mit der wechselseitigen Annäherung von Gruppen und Sozialinstanzen mit gegensätzlichen Interessen aber komplementären Funktionen im Rahmen einer sich unter Führung des Adels formierenden und mit inneren Widersprüchen kämpfenden Elite. Spannungen zwischen hohen und niederen Adelsschichten bzw. zwischen der Aristokratie und dem Klerus fördern ein Interesse der Oberschicht an einer idealisierenden, universelle Werte kreierenden Deutung des höfisch-ritterlichen Lebensstils. Die Minnedichtung und der Artusroman suchen, diesem Bedarf zu genügen.

Die geschlossene ständische Einheit des Rittertums und ihre providentielle Bestimmung bestätigt sich an der Realisierung der Gipfelmöglichkeiten sittlicher Vollkommenheit auf der unteren wie auf der oberen Stufe der ritterlichen Hierarchie. (...) Sie führt, wie in der Lyrik, durch die Vermittlung der Liebe zur Konzeption des Tugendadels und verweist auf das niedere Rittertum als ideologische Ausgangsposition. Diese Bestrebungen finden den Konsens des Hochadels, soweit er, durch das Bündnis zwischen Krone und den anderen Ständen gefährdet, sich selbst als unlösbar einem Stande verbunden fühlt, der nach dem Verlust seiner ursprünglichen Aufgaben zu einer rein positiven, traditionell-rechtlichen Institution zu werden drohte und dessen privilegierte Stellung einer höchsten moralischen Legitimation bedurfte.“ [1]

Im Lichte einer solchen Darstellung präsentiert sich Literaturgeschichte nicht länger als ein Kampfplatz der Klassenstandpunkte oder als eine Bühne für das ewige Ringen um die Ablösung des Neuen vom Alten. Blütezeiten der Kunst, so Köhler, „beruhen auf der soziokulturellen Allianz zweier, möglicherweise auch mehrerer sozialer Gruppen. Ursache solcher kreativer Allianzen sind partielle, aber vitale Interessenkongruenzen ökonomischer und politischer Natur“. [2] Durch solche Überlegungen rückt dieser Ansatz in die Nähe der diversen Feld- oder Systemkonzepte, die in kultur- und literatursoziologischen Theoriediskussionen eine große Rolle spielten und immer noch spielen. Allerdings wird in solcher Nachbarschaft auch deutlich, daß Köhler, wohl um den marxistischen Determinismen zu entkommen, stärker als andere soziologisch inspirierte Theoretiker in seinen Textanalysen das Wirken des schöpferischen Subjekts in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt. Wenn Pierre Bourdieu der Literatur einen spezifischen Spielraum im Rahmen des gesamtgesellschaftlichen Feldes („champ littéraire“) zuweist, [3] so gründet sich der individuelle Schaffensimpuls auf den Habitus, [4] der als gesellschaftlich bedingte disposition permanente die Basis darstellt, auf der z. B. ein Schriftsteller im Rahmen seines „Feldes“ symbolisches Kapital sammeln kann. Dabei muß der einzelne, der vom sozialen Unten her nach Erfolg und Distinktion strebt, stärkere kreative Energien entfalten als jener, der der gesellschaftlichen Elite bereits angehört. „Müssen die Oberen nur sein, wie sie sind, merkt man den Aufsteigern die Mühe der Kletterei an", vermerkt der Bourdieu-Exeget Gerhard Fröhlich. [5] Diese Bindung der Feldtheorie an gesellschaftliche Hierarchien geht bei Bourdieu Hand in Hand mit einer Geschichtsvision, derzufolge der Aufstieg von Bürgertum und Kapitalismus im neuzeitlichen Europa die Voraussetzung für die progressive Autonomisierung des „champ littéraire“ und damit die allmähliche Durchsetzung eines Ideals immer umfassenderer künstlerischer Freiheit bildet. [6] In dieselbe Richtung weisen der Institutionalismus des Jacques Dubois, der sich auf Sartre, Barthes und Bourdieu beruft, [7] sowie diverse literatursoziologisch inspirierte Ansätze im deutschen Sprachraum, die der Literatur eine mehr oder weniger autonome Stellung im Rahmen gesamtgesellschaftlicher Strukturen zubilligen. Wenn Peter Bürger die Institution Literatur als ein Instrument permanenter manipulatorischer Inanspruchnahme für die Machtstrategien der dominierenden Klassen betrachtet, [8] legt für Hans Sanders die gleichzeitige Wirksamkeit von stabilisierenden und subversiven Aspekten bei Schriftstellern einer bestimmten Epoche eher den Gedanken nahe, Literatur sei nicht so sehr mit partikulären Interessen als vielmehr mit dem jeweiligen Globalzustand einer Gesellschaft in Verbindung zu bringen. [9] Auch für Siegfried J. Schmidt, der sich an Luhmanns Systemtheorie orientiert, konstituiert und erhält sich Literatur als ein Sozialsystem unter anderen, indem sie Differenzen zur Umwelt aufrechterhält, andererseits aber auch Funktionen wahrnimmt, die sich auf die Gesamtgesellschaft richten. [10] Allen diesen Ansätzen ist gemeinsam, daß sie – meist am Beispiel der französischen Literatur – Geschichte und Literatur durch ein Fortschrittskonzept verknüpfen, demzufolge es eigentlich „moderne“ Literatur erst in dem Maße gibt als sich das Bürgertum in Europa politisch und kulturell durchsetzt. Peer E. Sörensen hat das einmal apodiktisch formuliert: „Literatur im modernen Sinn existiert weder in ihren Inhalten noch institutionell vor der bürgerlichen Gesellschaft“. [11] Diese teleologische Dynamik ist Erich Köhler fremd, nicht zuletzt auf Grund seiner tiefen Verbundenheit mit dem romanischen Mittelalter. In seinen späteren Schriften hat er die Literaturgeschichte dem Spiel des Zufalls unterstellt [12] und damit einen für sein gesamtes Schaffen charakteristischen Gedanken, demgemäß das dichterische Genie im Spannungsfeld von „Ideal und Wirklichkeit“ alle wiederstreitenden Kräfte einer Epoche aufnimmt und zur Synthese bringt, [13] weiterentwickelt. 

Im Rahmen einer Gedenkrede über Persönlichkeit und Schaffen Erich Köhlers hat Henning Krauss auf die Unabgeschlossenheit eines theoretischen Konzepts verwiesen, dessen Schöpfer sich als einer verstand, „der unterwegs ist, ständig der Herausforderung durch andere Menschen offen“. [14] Ein von Offenheit geprägtes Theoriegebäude hat auch der Historiker und Soziologe Norbert Elias hinterlassen, dessen Wege sich mit denen Köhlers nicht gekreuzt haben dürften, [15] dessen Denken mit dem des romanistischen Literaturforschers aber erstaunliche Parallelen aufweist, besonders wenn es um soziale Machtbalancen als Voraussetzung für die langwellige Ausbildung und Entwicklung von Normen und Werten mit dem Anspruch der Universalität geht. Die auffälligsten Berührungen zeigen sich im gemeinsamen Interesse der beiden Theoretiker für Frankreich, sowie in ihrer Tendenz zur Schwerpunktsetzung im Bereich des Mittelalters und des Ancien Régime, von der Klassik zur Aufklärung. [16] Elias, der ebenfalls von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus herkommt, betont einerseits stärker als Köhler die Einbindung des Individuums in Abhängigkeiten von anderen Menschen, begründet andererseits ein Freiheitsprinzip durch einen Spielgedanken, der stark an Huizingas Konzept des Homo ludens erinnert.  Spiel, das war für Huizinga ein „accord tendant à réaliser, dans un temps et un espace déterminés, suivant certaines règles et dans une forme donnée, quelque chose qui mette fin à une tension et qui soit étranger au cours ordinaire de la vie“. [17]   Dieses Universalprinzip liefert die Voraussetzung für alle schöpferischen Impulse, aus denen Kultur hervorgeht. Bei Elias wird hingegen nach den Beziehungen zwischen Gruppen und Instanzen gefragt, die in spezifischen historisch faßbaren Konfigurationen der Machtverhältnisse innerhalb einer bestimmten Gesellschaft gleichsam als „Spieler“ untereinander in Interaktion treten. [18] In seinen wichtigsten Veröffentlichungen zeigt Elias, wie – speziell in Frankreich – durch Prozesse der  Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht Spielräume elitärer Kreativität entstehen, in denen Menschengruppen verschiedener Herkunft und kultureller Orientierung durch die Kohäsion und Kommunikation fördernde Anziehungskraft des Zentrums (gemäß der schon von dem Romanisten Erich Auerbach beobachteten Dualität von La Cour und La Ville) [19] veranlaßt werden, im Rahmen einer Dialektik von Konkurrenz und Austausch an der Ausbildung von allgemein akzeptablen Normen und Werten mitzuwirken. Die Spielerrunde, aus deren Antagonismen und Kompromissen kulturelle Leitbilder und Standardmodelle erwachsen, rekrutiert sich aus gesellschaftlichen Kategorien und Instanzen, die sich als (gebildete) Elite konstituieren und damit – als Publikum und Nährboden für künstlerisch aktive Talente – die Voraussetzung für die Entfaltung von „anspruchsvoller“ Literatur sichern. Ein solches Konzept ähnelt jenem von Erich Köhler, allerdings gibt es auch markante Unterschiede. Hervorzuheben ist vor allem, daß Elias das von einer sich um ein Machtzentrum gruppierenden Elite erarbeitete System von Normen und Idealen nicht – wie Köhler es tut – nur im Rahmen einer bestimmten, zeitlich begrenzten Gesellschaftsstruktur wirksam werden läßt, sondern es in den Verlauf eines längere Zeiträume überspannenden „Zivilisationsprozesses“ projiziert. Diese von der Anziehungskraft des Machtzentrums bedingte Entwicklung verläuft im Sinne einer kollektiven Selbsterziehung, die Partikularismen abbaut und ein Wertbewußtsein hervorbringt, welches das ursprünglich auf eine höfische Elite beschränkte Regelsystem mit universellen Bezügen anzureichern sucht, so daß sich der „mondäne“ Standard als Kulturmodell von menschheitlichem Geltungsanspruch exportieren läßt, das Prestige der Ursprungsgemeinschaft hebt und auf diese Weise die Bildung von Identitätsmythen begünstigt. Damit zeigt sich eine Verbindung zwischen dem Zivilisationsprozeß und machtpolitischen Perspektiven, die den lebensweltlichen Bezug von Kultur und Literatur ins Blickfeld treten läßt, ohne dem deterministischen Schema der alten Klassenkampftheorien auf den Leim zu gehen. Soziale Konflikte können sich im Zivilisationsprozeß durchaus entfalten, aber dieser Prozeß läßt auch Raum für Konvergenzen, mehr oder weniger stabile Aggregats- und Gleichgewichtszustände, die von der Literatur begleitet, subvertiert oder verfestigt werden.

So präsentiert sich Literatur nicht als Teilsystem oder Institution, sondern als gesamtgesellschaftlich relevantes „Laboratorium“, wo Leitbilder, Ideologeme und politische Mythen bearbeitet, abgesichert oder erneuernder Kritik unterzogen werden. An die Stelle des Sozialkampfes zwischen dem Oben und dem Unten tritt ein je nach Dosierung der Machtverhältnisse variables Spiel der kulturellen Wertschöpfung, das die innerhalb einer Gesellschaft wirksamen Repräsentationen, Mentalitäten und Verhaltenstendenzen über längere Zeiträume hinweg orientiert, sich zugleich aber auch dort manifestiert, wo  individuelle Kreativität mit all ihrer Unberechenbarkeit Sprachkunst hervorbringt. Natürlich kann sich das Normensystem, das sich im Verlauf eines solchen Konzentrationsprozesses herausbildet, zeitweise als Regelsystem und Etikette präsentieren. Von Dauer ist aber nicht die starre Vorschrift, sondern eine „zweite Natur“, die sich im Kontakt mit den sozio-politischen Verhältnissen stets neu bewähren muß, und Anlaß für permanente Infragestellungen liefert. In diesem Rahmen hat Literatur jede Freiheit, die zur „anarchischen“ Entfaltung individueller Kreativität nötig ist, erscheint aber zugleich in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, der auch staatspolitisch wirksame Leitbilder und Kollektivmythen umfaßt, eingebunden.

Kulturkonflikte als Gegenstände der Literaturwissenschaft

In seinem Bemühen, die Werkimmanenz zu überwinden und zugleich die Dignität der großen Kunst gegen die Verflachungstendenzen des Soziologismus zu verteidigen, ist Köhler letzten Endes dem an Spitzenleistungen der „großen“ Literaturen orientierten Erbe der Romanistik in den deutschsprachigen Ländern, wie es Vossler, Spitzer, Hugo Friedrich hinterlassen haben, treu geblieben. Die Theorie von Norbert Elias dagegen birgt die Chance, besagte Spitzenleistungen durch ihre Positionierung in kulturhistorischen Spannungsfeldern präziser und differenzierter zu beleuchten als dies bisher möglich war. In seinen späteren Schriften hat Elias von „speziellen Zivilisationsprozessen“ gesprochen, „die von Stamm zu Stamm, von Nation zu Nation, kurzum von Überlebenseinheit zu Überlebenseinheit im Zusammenhang mit den Eigenheiten ihres sozialen Schicksals verschieden sind“. [20] Tatsächlich hat er neben Frankreich auch Deutschland und – weniger eingehend – England unter die Lupe genommen und sehr weitreichende Verschiedenheiten von Strukturen und Prozessen konstatiert. Hingegen widmet er den Inter- und Transaktionen, die solche normativen Entwicklungen miteinander verknüpfen können, den Kontakten und Konflikten zwischen Kulturen, die sich als Hegemonien und Defensivstrategien manifestieren können, nur wenig Aufmerksamkeit. Elias selbst hat gesehen, daß seine Theorie ergänzungsbedürftig war, und versucht, diesem Problem im Rahmen seiner Forschungen über soziale Außenseiter näherzurücken. [21] Zu einer konzeptuellen Erschließung der Problematik interkultureller Konflikte ist er aber nicht gelangt. Dabei läßt sich gerade am Beispiel Frankreich die ganze Neuzeit hindurch verfolgen, wie die von der zentralen Elite ausstrahlenden Normen dem Widerstand des Andersartigen, des noch nicht Assimilierten oder nicht Assimilierbaren, begegnen und durch diese Konfrontation gleichsam herausgefordert, zu größerer Flexibilität und zugleich Expansionsbereitschaft hingeführt werden. Der Gedanke, daß Zivilisationsprozesse aufeinander einwirken, einander gewissermaßen stören oder vorantreiben können, liegt nahe. Hier zeichnet sich eine Richtung ab, in der Elias‘ Theorie weiterentwickelt werden könnte, allerdings nicht so wie es Robert Muchembled versuchte, als er unter Berufung auf Elias die Geschichte Frankreichs als einen Triumphzug des elitären Zivilisationsideals über die Primitivismen der Unterschicht darstellte, ohne der Komplexität der Beziehungen zwischen normsetzender Elite und Popularkultur gerecht zu werden. [22]

Eine romanistische Literaturwissenschaft, die an die Theorien Elias‘ anknüpfen wollte, ohne dabei ihren eigenen Wegbereiter Erich Köhler zu vergessen, würde vermutlich bei den gesellschaftlichen Voraussetzungen die zur Ausbildung von Frankreichs „culture dominante“ geführt haben, ansetzen. Sie würde auf der Basis einer interkulturellen Dialektik im Zeichen der „civilisation“ und der „barbarie“ die Literaturgeschichte des Hexagone neu konzipieren und sie zu den anderen Literaturgeschichten, mit denen jene Frankreichs im Laufe der Kulturgeschichte interferierte, vom Okzitanien der Felibredichter zur Lombardei Manzonis, vom Argentinien des Domingo Faustino Sarmiento bis zum Senegal des Léopold Sedar Senghor, in Beziehung setzen. Da in jedem einzelnen „Fall“ die Modalitäten der gesellschaftlichen Ausbildung von Normen und Werten durch mehr oder weniger erfolgreiche Eliten über längere Zeiträume hinweg zu untersuchen wären, ließe sich der in europäischen Humanwissenschaften verbreiteten und aus der Sicht der Postcolonial Studies mit Recht kritisierten Tendenz, dominanten Kulturen das Monopol der Modernisierung zuzusprechen und dominierte Kulturen auf ihren Traditionscharakter festzulegen, [23] der Boden entziehen. Im Falle jeder Sprachminderheit, jeder von kolonialer Vergangenheit geprägten Gemeinschaft, wäre die Frage zu stellen, wo die Grenze zwischen Dependenz und spezifischem Zivilisationsprozeß verläuft. Dabei sollte die Frage nach einer angemessenen Wertung des sprachkünstlerischen Ertrags kultur- und literarhistorischer Defensivpositionen unter neuen Voraussetzungen gestellt werden. [24]

Darüber hinaus ist der Variabilität von soziopolitischen Machtrelationen und kulturellen Hegemonietendenzen Rechnung zu tragen. Für das Modell des monarchisch-absolutistischen Zentralismus bietet die Romania Beispiele, deren Eigenart sich im Lichte der französischen Erfolgsstory deutlicher abzeichnen könnte. Zu denken gibt in diesem Zusammenhang  der Problemkreis der Herausbildung und Strahlungskraft höfischer Eliten im südlichen Italien, von den Aglabiden zu den Staufern, oder, im Rahmen der iberischen Kultur- und Literaturgeschichte, die Komplementarität der soziokulturellen Konfigurationen Kastiliens und Aragons/Kataloniens seit den Reyes católicos. In allen diesen Kontexten wurden – unter großer Anteilnahme der Literaturen – spezifische Normen und Werte herausgebildet, die Anspruch auf universelle Gültigkeit erhoben und mit anderen Standards in Konkurrenz traten. Für solche kulturell fruchtbaren Rivalitäten kommen nicht nur sich um siegreiche „Zentralherren“ formierende Elitekulturen in Frage. Sowohl auf dem Gebiet der Langue d’oc als auch im nördlichen und mittleren Italien läßt sich eine Tendenz zur Mehrpoligkeit beobachten, derzufolge ein schwebendes Gleichgewicht verschiedener Machtkonzentrationen an Höfen und in Städten innerhalb eines Großraumes die kreative Wirksamkeit innergesellschaftlicher Konfigurationen potenziert. Auf solcher Basis kann ein Leitbild wie das des „uomo universale“ erwachsen, das auf ganz Europa ausstrahlt, ohne sich auf militärische, politische bzw. sozio-ökonomische Erfolge einer expansionistischen Großmacht stützen zu können. [25]

Bei Einbeziehung des Zeitfaktors verschärft sich naturgemäß der Gegensatz von (zeitweise erfolgreichen) Hegemoniebestrebungen und defensiven Rückzügen. Kulturgroßmächte wie das zentralistische Spanien/Kastilien der Habsburger und das mehrpolige Italien der Renaissance geraten in Defensivperioden,  in denen die respektiven Literaturgeschichten den Kampf gegen Marginalisierung und Provinzialisierung nicht minder deutlich anzeigen als, unter ganz anderen Voraussetzungen, die literarischen Produktionen von Sprachminderheiten oder vom Kolonialismus geprägten Gesellschaften, an denen die Romania so reich ist. Auf diese Weise erscheint ein weiterentwickeltes Konzept des Zivilisationsprozesses brauchbar für eine Verknüpfung und Kontrastierung von Literatur-Geschichten, die zueinander in ein komplementäres Verhältnis treten, statt sich als nationale Schatzkammern abzuschließen. Fritz Nies hat in einer „Thematisierung des Übergreifenden“ eine Zukunftschance für die Romanistik in der Weise gesehen, daß das Fach einen bedeutenden Beitrag bei der Suche nach einer europäischen Identität leisten könnte. [26] Vielleicht sollte aber jeder Patriotismus kritisch hinterfragt werden, auch der europäische. Romanistik könnte sich als das Fach legitimieren, das sich mit außergewöhnlich vielfältigen, häufig überaus dramatischen und im Bereich der Sprachkunst folgenreichen Kulturkontakten und Kulturkonflikten in einem vier Kontinente umfassenden Spannungsfeld befaßt.  Die Besonderheit wäre auch darin zu sehen, daß es die Romanisten  mit einigen Kulturen zu tun haben, denen Perioden mehr oder weniger weitreichender Dominanz beschieden waren – im Gegenzug aber auch mit einer Vielfalt von nicht minder unterschiedlich nuancierten Defensivpositionen. An die Stelle des traditionellen, letztlich eurozentrischen Einheitsbewußtseins der romanischen Philologie könnte ein neuer Zugang zum Spiel der Kulturkonflikte treten, der die Erschließung des  Reichtums und der Vielfalt der Romania ermöglichte, ohne interdisziplinäre Anbindungen auszuschließen. Daß dabei eine ganze Reihe von Literaturen auf neue Weise zu beschreiben wären, daß sich nicht wenige Dichter von einer neuen Seite zeigen würden, dies sollte von der Fachwelt eher stimulierend als provozierend empfunden werden. [27] Langfristig erscheint aus diesem Blickwinkel das Projekt einer gesamtromanischen Literaturgeschichte wieder sinnvoll und –   auf der Basis von Teamarbeit –  durchführbar.


                                                                                                Fritz Peter Kirsch

(Auszug aus: F. P. K., "Von Erich Köhler zu Norbert Elias und weiter. Romanistische Perspektiven einer interkulturellen Literaturwissenschaft", in: Frank Estelmann/ Pierre Krügel/ Olaf Müller (Hg.), Traditionen der Entgrenzung. Beiträge zur romanistischen Wissenschaftsgeschichte, Peter Lang, 2003, 161-169)


[1]   Erich Köhler, Ideal und Wirklichkeit in der höfischen Epik. Tübingen: Niemeyer 19702, S. 75.

[2]   Erich Köhler, Einige Thesen zur Literatur-Soziologie. In: GRM, NF, 24 (1974), S. 259, sowie E. K., Vermittlungen. München: Fink 1976, S. 10.

[3] „Es geht darum aufzuzeigen, daß das literarische Schaffen nicht ein einsamer rein individueller Prozeß ist, aber auch nicht die Epiphanie einer substantialisierten sozialen Klasse im Medium eines Textes, sondern ein Zusammenwirken von Dispositionen, von Akteuren und strukturellen Vorgaben eines Feldes, das als literarisches Feld ein ganz spezifisches Profil aufweist.“ (Jakob Jurt, Das literarische Feld. Das Konzept Pierre Bourdieus in Theorie und Praxis. Darmstadt: WBG 1995, S. 96).

[4]   „L’habitus, comme le mot le dit, c’est ce que l’on a acquis, mais qui s’est incarné de façon durable dans le corps sous forme de dispositions permanentes. (...) L’habitude est considérée spontanément comme répétitive, mécanique, automatique, plutôt reproductive que productrice. Or, je voulais insister sur l’idée que l’habitus est quelque chose de puissamment générateur.“ (Pierre Bourdieu, Questions de sociologie. Paris: Minuit 1980, S. 134).

[5]   Gerhard Fröhlich, Kapital, Habitus, Feld. Symbolische Grundbegriffe der Kulturtheorie bei Pierre Bourdieu. In: Ingo Mörth/ Gerhard Fröhlich (Hrsg.), Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre Bourdieu. Frankfurt-New York: Campus 1994, S. 47.

[6]    Vgl. Pierre Bourdieu, Les Règles de l’art. Genèse et structure du champ littéraire. Paris: Seuil 19982.

[7]   „La littérature est une institution, à la fois comme organisation autonome, comme système socialisateur et comme appareil idéologique“ (Jacques Dubois, L’Institution de la littérature. Bruxelles: Labor 1978, S. 34).

[8]    Vgl. Peter Bürger, Institution Kunst als literatursoziologische Kategorie. In: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 1 (1977), S. 50-76.

[9] Vgl. Hans Sanders, Institution Literatur und Roman. Zur Rekonstruktion der Literatursoziologie. Frankfurt: Suhrkamp 1981.

[10]    Eine Hauptfunktion „liegt in der Aufhebung der durch soziale Differenzierung bedingten Entfremdung aller Subjekte in der kommunikativen Behandlung von Lebenswelt und der Schaffung eines Kontinuums von Lebenswelt und Kultur“ (Siegfried J. Schmidt, Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989, S. 423).

[11]   Peer E. Sörensen, Elementare Literatursoziologie. Ein Essay über literatursoziologische Grundprobleme. Tübingen 1976 (1973).

[12]    Vgl. Erich Köhler, Der literarische Zufall, das Mögliche und die Notwendigkeit. Frankfurt/M.: Fischer 1993 (1973) .

[13]    „(...) das Genie ist – in seinem jeweiligen Bereich – die Summe der Möglichkeiten seiner Zeit. Sie zu realisieren ist seine Freiheit.“ (Erich Köhler, Über die Möglichkeiten historisch-soziologischer Interpretation (aufgezeigt an französischen Werken verschiedener Epochen. In: E. K., Esprit und arkadische Freiheit. Frankfurt/M. 1966, S. 84).

[14] Henning Krauss, Historisch-dialektische Literaturwissenschaft. Zum Werk Erich Köhlers. In: H. K./ Dietmar Rieger (Hrsg.), Mittelalterstudien. Erich Köhler zum Gedenken. Heidelberg: Winter 1984, S. 13).

[15]   Bedingt durch die Unterbrechung der wissenschaftlichen Laufbahn Elias‘ durch das Exil und seinen schwierigen Neubeginn in England und Holland haben Kapitalwerke wie Über den Prozeß der Zivilisation und Die höfische Gesellschaft erst ab 1976 im deutschen Sprachraum weitere Verbreitung gefunden (vgl. dazu R. Baumgart/ V. Eichener, Norbert Elias zur Einführung. Hamburg: Junius 1991, 25 ff.) also gegen Ende der Schaffensperiode des 1981 verstorbenen Köhler, dessen bekannteste Schriften zwischen 1956 und 1976 erschienen waren.

[16] Elias, Norbert, Die höfische Gesellschaft. Neuwied-Berlin 1969; Ders., Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2Bde. Frankfurt/M. 1982; Ders., Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 2O. Jahrhundert. Frankfurt/M. 1992 (1989); Ders., Was ist Soziologie ? Grundfragen der Soziologie. München 1970; Ders., Zivilisation, In:  B. Schäfers (Hrsg.), Soziologische Grundbegriffe. Opladen 1986; P. Gleichmann/ J. Goudsblom/ H. Korte (Hrsg.), Materialien zu Norbert Elias' Zivilisationstheorie.  2 Bde. Frankfurt/M.: Suhrkamp  1977 (1984).

[17]    Vgl. Jan Huizinga, Homo ludens.  Essai sur la fonction sociale du jeu. Paris: Gallimard 1951 (Leiden 1938), S. 176 f.

[18]    Vgl. Norbert Elias, Was ist Soziologie ? Weinheim: Juventa 19937.

[19]    Vgl. Erich Auerbach, La Cour et la Ville. In: Vier Untersuchungen zur Geschichte der französischen Bildung. Bern: Francke 1951, S. 12-50.

[20]   Norbert Elias, Zivilisation. In: B. Schäfers (Hrsg.), Soziologische Grundbegriffe, Opladen 1986, S. 384).

[21] Norbert Elias/ J. L. Scotson, Etablierte und Außenseiter. Frankfurt/M. 199O; vgl. auch: Simonetta Taboni/ Nicole Gabriel (dir.), Norbert Elias: pour une sociologie non-normative. Tumultes 15, Paris: Kimé 2000.

[22]   „Une culture spécifique, opposée à celle des „sauvages“, entame une marche triomphale en se posant comme exclusive. Spectacle pour l’Europe, elle est aussi discipline globale pour ses adeptes.“ (Robert Muchembled, Culture populaire et culture des élites dans la France moderne (XVe – XVIIIe siècle). Paris: Flammarion 1978, S. 458 f.).

[23] Vgl. dazu Paulin J. Hountondji, Afrikanische Philosophie. Mythos und Realität. Berlin: Dietz 1993 (Paris 1977, London 1983), S. 191: „Auf diese Weise sprechen wir von der afrikanischen Kultur als „traditionell“ im Gegensatz zur abendländischen Kultur, als ob es eine afrikanische Kultur oder eine abendländische Kultur in der Einzahl geben könnte und als ob Kultur nicht ihrer Natur nach ein ständiges Zusammenprallen von widersprüchlichen Kulturformen wäre.“

[24]    Ansätze dazu gibt es z. B. im Rahmen einer unkonventionellen Italianistik. Vgl. dazu Helene Harth (Hrsg.), Konstruktive Provinz: italienische Literatur zwischen Regionalismus und europäischer Orientierung. Frankfurt/M.: Diesterweg 1993.

[25]    Vgl. Fernand Braudel, Modell Italien 1450 – 1650. Stuttgart: Klett & Cotta 1991.

[26]   „Das lebendige Bewußtsein romanischer Kulturen einer gemeinsamen „Latinität“, ihre enge wechselseitige Verflechtung in Forschung und Lehre augenfällig zu machen, erscheint mir weit mehr als Gebot der Stunde denn die eifersüchtige Einzäunung nationaler Schrebergärten. Einzig durch Thematisierung des Übergreifenden wird die Romanistik ihrer wichtigen Aufgabe im kommenden Jahrzehnt gerecht werden können, zu verdeutlichen, was bisher Europas kulturelle Gemeinsamkeit ausmachte und seine künftige Identität begründen hilft.“ (Fritz Nies, DRV Mitteilungen 2 (1990), S. 14).

[27] Nicht aus Selbstgefälligkeit, sondern zur Stimulierung der Diskussion sei hier an Publikationen des Verfassers dieser Zeilen, in denen versucht wurde, den oben skizzierten Ansatz textanalytisch bezw. literaturhistorisch anzuwenden, erinnert: Epochen des französischen Romans. Wien: WUV, 2000; Écrivains au carrefour des cultures. Bordeaux: PUBordeaux 2000; Romanistische Anmerkungen zum Werk von Norbert Elias. In: Le français aujourd'hui. Une Langue à comprendre, französisch heute, Mélanges offerts à Jürgen Olbert. Frankfurt/M.: Diesterweg 1992, S. 256 – 267; Zur Methodenvielfalt in der Literaturwissenschaft, in: „Krise der Moderne“ und Renaissance der Geisteswissenschaften, Wissenschaft, Bildung, Politik. Hrsg. v. d. Österr. Forschungsgemeinschaft, Bd. 1, Wien: Böhlau 1997, S. 194 – 217; Dante im Prozeß der Zivilisation. In: C. Tucsay u. a. (Hrsg.), Ir sult sprechen willekomen. Grenzenlose Mediävistik, Festschrift f. H. Birkhan zum 6O. Geburtstag. Bern-Berlin-Frankf.-New York-Paris-Wien: P. Lang 1998, S. 61-79; L’Écriture „sauvage“ des romanciers français et les altérités francophones. In: Unité et diversité des écritures francophones, Cahiers francophones d’Europe Centre-Orientale 1O (1999) S. 91-108; Zivilisationsprozesse südlich der Sahara ? Literaturhistorische Perspektiven der afrikanischen “Frankophonie“. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse 6 September 1998, http://www.adis.at/arlt/institut/