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Eminescu im Lichte der Interkulturalität

Der Dichter an der Donau

In allen größeren Städten Rumäniens begegnen wir Eminescu-Denkmälern. Meist sind es Büsten, die den jungen Eminescu darstellen, so wie er auf jenem Photo erscheint, das bisher noch fast alle Literaturgeschichten reproduzierten: edles, bartloses Antlitz, schulterlanges Haar, tiefernst im Ausdruck, den Blick ins Unendliche gerichtet, eine Verkörperung der von ihm kreierten Abendsternfigur. Im Foyer der Universität Iaşi hat der Maler Sabin Bălaşa die Identifikation des Dichters mit seiner Symbolgestalt allegorisch gestaltet: in weißer Gewandung schwebt Eminescu dort über den Wassern, die Augen bannend auf den Betrachter gerichtet, als wolle er ihm die tragisch gestimmten Abschlußverse seines berühmtesten Gedichts suggerieren: „Ci eu în lumea mea mă simt/ Nemuritor şi rece“. [1]

Die große Mehrheit dieser Monumente stammt aus Zeiten, in denen die Verehrung nationaler Leitfiguren als unerläßlicher Bestandteil eines Kulturlebens im Dienste kollektiver Identitätsbehauptung galt.  Neben Eminescu sind Herrschergestalten wie Stefan der Große und Alexandru Ion Cuza für diese plastische Stützung des rumänischen Selbstbewußtseins zuständig. Lucian Boia hat die Kristallisation der nationalen Mythen Rumäniens ausführlich dargestellt, dabei Eminescu aber nur im Zusammenhang mit dem Faschismus der Zwischenkriegszeit schärfter beleuchtet. [2] Tatsächlich überstrahlt der Dichter als mythische Figur das ganze 20. Jahrhundert. Die verschiedensten Epochen und Tendenzen haben ihm unter Aufbietung aller Wirkungsmöglichkeiten von Schule, Universität, Medien und Kunst gehuldigt, da er aus ihrer Sicht nicht irgendeinen großen Moment des Aufbruchs oder des Triumphes repräsentierte, sondern das rumänische Volk selbst mit seiner spezifischen Sensibilität, seinen Träumen, schöpferischen Aufschwüngen, Ängsten und Hoffnungen. [3] Das kommunistische Rumänien feierte den Nationaldichter Eminescu ebenso wie die Gesellschaftsformen vor 1945 und nach 1989. Und auch das Ausland neigte sich vor dem Genius, der als Menschheitsdichter spezifisch rumänischer Prägung rezipiert wurde und wird. Auch in Paris, in der rue Jean-de-Beauvais, steht ein Eminescu-Denkmal, sicher eines der schönsten. Wien hat es nur zu der einen oder anderen Erinnerungstafel gebracht. [4]

Einsprüche gegen den „Personenkult“ um Eminescu hat es gegeben, allerdings waren sie über viele Jahrzehnte hindurch eher selten und ohne polemische Schärfe. Der Schriftsteller Panait Istrati ist schon 1924 sowohl als Bewunderer des Dichters als auch als Kritiker des nationalistisch gesinnten Journalisten Eminescu hervorgetreten. [5] Etwas deutlicher betonte im selben Jahrzehnt der Historiker E. Lovinescu den Gegensatz zwischen dem genialen Lyriker und dem Agitator der politischen Rechten:

Evoluţionismul lui Eminescu a devenit repede un tradiţionalism reacţionar, cu toate atributele lui de misticism naţional, de misticism ţărănesc şi xenofob. Pe cît talentul lui poetic a lărgit orizonturile creaţiunii artistice, pe atît concepţiile lui sociologice, înguste şi fanatice, s-au încercat, inutil, să stăvilească mersul revoluţionar al civilizaţiei române. [6]

 Der Literaturhistoriker Gheorghe Călinescu hat auf Ecken und Kanten von Eminescus Charakter hingewiesen. [7] Aber im allgemeinen neigte die Rezeption, auch im Zusammenhang der universitären Forschung, zum rückhaltlosen Feiern des Genies. Wenn die politischen Schriften beleuchtet wurden, so geschah dies vielfach im Zeichen einer Akzeptanz, für welche xenophobe Tendenzen des Dichters ganz natürlich aus dem Epochenkontext erklärbar waren. Für D. Vatamaniuc, der bei der Vollendung der kritischen, von Perpessicius begonnenen und ab 1976 durch die rumänische Akademie patronisierten Eminescu-Ausgabe eine Hauptrolle spielte, war der Antisemitismus des Dichters in dem Maße "normal" als er sich gegen jüdische Kritik an „unserem Land“ richtete. [8] Noch in einer 1994 publizierten Monographie leitet Ilie Bădescu aus den Schriften des Journalisten Eminescu ein soziologisches Konzept ab, demzufolge eine gedeihliche Gesellschaftsentwicklung das harmonische Zusammenwirken von Elite und Masse voraussetzt. Parallelen mit den Theorien des Antonio Gramsci drängen sich auf, allerdings geht es Bădescu hauptsächlich darum, von der Beschreibung der Weltsicht Eminescus her  die besondere Tragik der rumänischen Geschichte, in der eine fremdstämmige Oberschicht viel Unheil angerichtet hat, hervorzuheben. [9]

Andererseits hat es in den 80er Jahren, also noch vor dem Ende der kommunistischen Diktatur auch Ansätze zu einer weniger konformistischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Eminescu gegeben: Neben der obligaten Verherrlichung finden sich Studien, welche nicht nur die politischen Schriften sondern sogar das dichterische Werk problematisieren. So beleuchtet Ioan P. Culianu die enorme Aggressivität einer Xenophobie, die in der Erzählung Geniu pustiu zu Mord und Totschlag aufruft, [10] allerdings ohne bei seinem Erklärungsversuch über entwicklungspsychologische Perspektiven hinauszugelangen. [11] Die umfangreiche Sammlung Eminescu: Sens, timp şi devenire istorică, in der das journalistische Werk des Dichters präsentiert und kommentiert wird, enthält nicht nur Jubelbeiträge, sondern auch einen so nachdenklich-umsichtigen Text wie jenen von Damian Hurezeanu, [12] der an Klaus Heitmanns kritische Studie über den politischen Denker Eminescu anschließt. [13]

Wäre die Wiener Dissertation von Joachim-Peter Storfa über Eminescus politische Schriften nicht in Wien und in deutscher Sprache erschienen, sondern in Rumänien, hätte sie wahrscheinlich einen Skandal ausgelöst, sofern sie überhaupt von einer Universität angenommen worden wäre. [14] Diese Studie, die 1995 approbiert und im selben Jahr in einer überarbeiteten Fassung veröffentlicht wurde, beleuchtet Aspekte der Person und des Schaffens, welche, so formuliert es ein Rezensent, das europäische Publikum mit einem „anderen, unbekannten Dichter“ konfrontiert, „dessen konservative, ja reaktionäre politische Grundeinstellung nicht in das offiziell gepflegte Bild eines strahlenden, sentimentalen, unglücklichen Dichters paßt“. [15] Eminescus Denken ist in Storfas Darstellung fest in der Tradition romantisch-konservativer Staatstheorien des deutschen Sprachraums verankert. Er sieht das Rumänentum, verkörpert durch die mythisch überhöhte Figur des rumänischen Bauern, umgeben von einer Welt von Feinden, die sich in Form liberaler Kräfte als pătură superpusă des Staates bemächtigt hat. Die Juden gelten als das dynamischeste und gefährlichste Element dieser Fremdherrschaft und werden als solches die Zielscheibe der nicht biologistisch-rassistisch, wohl aber sozio-ökonomisch motivierten Polemik des Journalisten Eminescu. Interessant ist, wie Storfa seine grundsätzlich sehr scharfe Kritik von Eminescus chauvinistischen Haßausbrüchen gegenüber den „Fremden“ nuanciert und teilweise abschwächt, indem er seine Analyse des Bauernelends zustimmend behandelt und auch die Kritik des Dichters an den von außen aufgepfropften kapitalistischen Strukturen akzeptiert. Mit aller Deutlichkeit respektiert Storfa, daß Eminescu sein politisches Credo „ohne Geschwafel“ und in der glasklar-geschliffenen Sprache des brillanten Polemikers formuliert. Im Grunde stehen aber der Lyriker und der politische Publizist Eminescu in dieser Darstellung gleichsam unverbunden nebeneinander; vom reaktionären Chauvinismus laufen keine Verbindungslinien zum dichterischen Höhenflug. Es spricht für die Redlichkeit des Literaturwissenschafters Storfa, daß er diesen Widerspruch lieber stehen läßt als sich auf das Glatteis von Spekulationen zu begeben: Thema seiner Studie ist ein bisher von der literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung vernachlässigter Aspekt des untersuchten Dichters, der  mit aller gebotenen Genauigkeit beleuchtet werden soll, und dabei soll es bleiben. Aber die Frage nach der Position Eminescus in einem sehr komplexen und an Widersprüchen reichen Feld der rumänischen Kulturgeschichte bleibt letztlich unbeantwortet.

Storfas Dissertation ist bisher nicht übersetzt worden. Der Paukenschlag, den ihre Veröffentlichung in Rumänien ausgelöst hätte, ertönte gleichwohl, nämlich im Rahmen einer massenmedialen „Affäre“, die 1998 das kulturelle Leben des Landes in hohem Maße prägte und seither immer wieder ihren Nachhall fand. Damals erschien nämlich eine der Aktualität Eminescus gewidmete Nummer der Wochenzeitschrift Dilema, in der zehn jüngere Schriftsteller, Kritiker und Universitätslehrer ihre Meinung zu dem genannten Thema kundtaten. Da die Beiträger das nationale Monument in sehr unverblümter und zum Teil hemdsärmeliger Weise in Frage stellten, fegte alsbald ein wahrer Sturm der Entrüstung durch den rumänischen Blätterwald. Von Rufmord war da die Rede, von Blasphemie und von Verschwörung. Natürlich wurde auch nach der Kompetenz der Kritiker gefragt und festgestellt, daß es sich um wenig bekannte Intellektuelle wenn nicht gar „Nullitäten“ handelte. Aber auch die andere Seite meldete sich zu Wort, um zu betonen, wie dringend notwendig solche Bilderstürmerei nach einem Jahrhundert des Personenkults geworden sei. Der Kampf von Pro und Contra in der rumänischen Presse lieferte sogar den Anlaß für die Sammlung sämtlicher Wortmeldungen in einer Anthologie, die immerhin 250 Seiten füllt, obwohl sie ausschließlich Texte aus dem Jahre 1998 umfaßt. [16]

Die Kritik dieser „jungen Wilden“ geht sehr weit. Sie bezieht sich nicht nur auf Eminescus xenophobe Ausfälle und ihre Instrumentalisierung durch konservative bzw. nationalistische Instanzen, sondern auch auf die sakrosankten Texte des Dichters selbst. Besonders schockierend wirkte jener Beitrag, dessen Autor bekannte, bei der Lektüre auch der berühmtesten Gedichte gleichgültig zu bleiben. [17] Es löste bei vielen Lesern und Leserbriefschreibern Verstörung aus, wenn von den kecken Dilema-Schreibern behauptet wurde, man müsse von Eminescu Abstand gewinnen, sich von ihm gleichsam verabschieden, um aus der Distanz einen neuen Zugang zu finden, immer in der Hoffnung, aus dem starren Denkmal  würde so ein neuerstandener, „lebendiger“ Klassiker. Respektlose Äußerungen über die Nacktheit der Statue vor dem Bukarester Athenäum machten das Maß voll und gaben der gegnerischen Seite Anlaß, zu zeigen, wo der Spaß aufhört.

Bis heute produziert das traditionalistische Rumänien Publikationen, die Eminescus Aktualität von seiner Abwehrhaltung gegen das „Fremde“ herleiten. Die Texte des politischen Denkers werden als Argumentationsreservoir gegen alle Kräfte in der rumänischen Geschichte, welche auf die Alienation des Volkes abzuzielen scheinen, reaktualisiert, wobei mitunter Argumentationslinien von der Zeit Eminescus bis zur vom „Westen“ dominierten Gegenwart gezogen werden. [18] Nichtsdestoweniger darf vermutet werden, daß der Abbruch des Monuments und die Suche nach einem neuen, „lebendigen“ Dichter sich auf die Dauer nicht aufhalten lassen werden. Zu diesem Schluß gelangt der Betrachter angesichts einer anderen Publikation des Jahres 1998, die nun nicht von jungen Bilderstürmern stammt, sondern von Petru Creţia, einem der  Großen in der Geschichte der Eminescuforschung, der im Rahmen eines persönlich gehaltenen und zugleich von hoher Fachsouveränität getragenen „Testaments“ mit dem Kult rund um das Nationalgenie ins Gericht geht. Ein Philologe, dessen Verbundenheit mit dem Dichter ein Forscherleben lang unter Beweis gestellt wurde, kann sich die Feststellung leisten, daß es neben den Tugenden auch die Schwächen gibt, namentlich „pasionalităţile lui excesive şi partizane, adesea nedrepte, (...) atacurile brutale la persoană, (...) stereotipiile obsesionale, (...) violenţele de limbaj, (...) generalizările abuzive.“ [19] Das Verdikt Creţeas über die politischen Schriften läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „(...) întreaga lui publicistică politică este intens xenofobă, pînă în fibra ei“. [20] Was den Eminescu-Kult anlangt, so repräsentiert er in seiner elementarsten Form „un întreg fenomen kitsch cu rădăcini foarte adînci“. [21] Auch in der Zeit nach Ceauşescu gibt es den „Festivismus“ um die Nationalfigur „în care se strîng, aluvionar, şi se sedimentează, selectate după criteriile infailibile ale prostului gust, toate straturile mai vechi ale acestui ciudat elaborat etnic care este „Eminescu““. [22]

Auf die künftige Entwicklung darf man gespannt sein. Es könnte sein, daß mit dem Abflauen der Polemiken ein neues Interesse für die Geschichtlichkeit Eminescus erwachen wird. Damit ist nicht in erster Linie die Erkundung  sozialgeschichtlicher Bezüge und zeitgeschichtlicher Horizonte gemeint – auf diesem Gebiet hat ja die Forschung seit langem und mit großer Gründlichkeit ihr Tätigkeitsfeld bearbeitet. Zur Diskussion steht vielmehr das interkulturelle Beziehungsgeflecht, in dem sich das „Phänomen“ Eminescu, eingebettet in den Kontext der gesellschaftlichen Konfigurationen während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, entfalten konnte. In der Eminescu-Nummer der Zeitschrift Dilema wurde die Vermutung geäußert, der Personenkult rund um das nationale Dichtergenie könnte mit einem in Rumäniens Mentalitäts- und Kulturgeschichte verankerten Minderwertigkeitsgefühl zusammenhängen. [23] Diesen „Komplex“ hat im Lichte der rezenten Analyse von Mircea Martin schon der eminente Literaturhistoriker Gheorghe Călinescu geortet. [24]   Das Thema klingt auch bei Lucian Boia an, wenn er in seinem großem Panorama der nationalen Mythologie die diversen Auto- und Hetero-Images der Rumänen vorstellt und dabei neben den bekannten Ablehnungstendenzen gegenüber Juden und Roma auch das Schwanken zwischen Anpassungsbereitschaft und Defensivreflex gegenüber dominanten Gesellschaften und ihren Kulturen behandelt. Kennzeichnend für Eminescus Epoche ist demnach ein Konkurrenzverhältnis zwischen Einflüssen aus Frankreich einerseits, Impulsen aus dem deutschen Sprachraum andererseits. Frankreich, seit dem 17. Jahrhundert die kulturelle Hegemonialmacht Europas schlechthin, wird in der Zeit der Romantik für die Rumänen zum geradezu obsessiv bewunderten und imitierten Vorbild.

(...) mitul francez a jucat un puternic rol modelator. În spaţiul unei generaţii, imediat după 1830, franceza s’a impus ca limbă de cultură, eliminînd definitiv greacă (...). Tinerii români au luat drumul Parisului; pentru mai bine de un secol Franţa avea să asigure sau să influenţeze formaţia celui mai mari părţi a elitei intelectuale a ţării. Nu puteai fi intelectual fără să cunoşti convenabil franceza (...) [25]

Gegen Ende des Jahrhunderts macht sich hingegen ein auf Deutschland bezogener Gegenmythos bemerkbar: „a fost opţiunea unei minorităţii, dar a unei minorităţii influente, reprezentată în primul rînd prin societatea Junimea (...). Mihai Eminescu se inscriu în interiorul acestui curent“. [26] Gemäß einer immer wieder von Kulturwissenschaftern evozierten Dichotomie gegensätzlicher Nationskonzepte in West- und Osteuropa könnte man diese Entwicklung durch eine Formel charakterisieren, die besagt, daß in Rumänien nach 1848 der Voluntarismus der revolutionären „Citoyens“ durch den meist mit Herder und den romantischen Staatstheoretikern assoziierten Ethnizismus konkurrenziert und zurückgedrängt wird. [27] Im Falle Eminescus scheint dieses Schema besonders gut zu passen, hat er doch nicht in Paris studiert, wie so viele rumänische Intellektuelle, sondern in Wien und Berlin.

Nachdenklich stimmt jedoch der Umstand, daß in vielen Fällen, in denen sich minoritäre oder vom Kolonialismus geprägte Kulturen im Einflußbereich Frankreichs gegen die Hegemonie der Pariser Modelle zu behaupten suchten, Schriftsteller ihre Zuflucht bei traditionalistischen Ideologemen suchten und in Extremfällen auch auf die Abwege der Xenophobie gerieten, wobei in manchen Fällen Einflüsse aus dem deutschen Sprachraum eine Rolle spielten. So hat sich die Literatur Québecs unter dem doppelten Druck der politisch-ökonomischen Vorherrschaft des anglophonen Nordamerika und der kulturellen Dominanz des französischen „Mutterlandes“ in eine Igelstellung des Nationalkonservatismus geflüchtet, die mit dem rumänischen Kult rund um Geschichte, Sprache und Bauerntum nicht wenige Parallelen aufweist. [28] Daß bei den traditionalistischen Theoretikern Québecs zentraleuropäische Faschismen Vorbildwirkung hatten, wurde erst jüngst von Klaus-Dieter Ertler hervorgehoben. [29] Im westafrikanischen Kontext hat der Gründervater der Négritude-Bewegung, Léopold Sédar Senghor, bei der deutschen Kultur der Goethezeit Unterstützung für die Regeneration eines durch den Kolonialismus beschädigten Selbstbewußtseins gesucht, in dem er nach dem Muster des Sturm und Drang autochthone Emotion und Sensibilität gegen den französischen Rationalismus zu mobilisieren suchte. [30] Auch in Frankreich selbst, in jener südlichen Hälfte, wo sich französische Kultur noch in der Neuzeit nie so ganz zu Hause fühlen konnte, läßt sich beobachten, wie eine auf die Neubelebung der okzitanischen Kultur abzielende Renaissancebewegung während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer deutlicher traditionalistischen Positionen zuneigt. Hier manifestiert sich eine überragende Dichterpersönlichkeit – der provenzalische Autor Frédéric Mistral – der ganz ähnlich wie Eminescu von seinen Epigonen zum abgöttisch verehrten Nationalgenie hochstilisiert wurde. Es fehlt nicht an indirekten Kontakten zwischen den beiden Dichtern, die einander nicht gekannt haben: 1878, als die journalistische Karriere des konservativen Denkers Eminescu beim Curierul de Iaşi beginnt, erfolgt in Montpellier die festliche Krönung von Vasile Alecsandris Gedicht  an die „lateinische Rasse“ durch Mistral und die Felibres. Einige Jahre später wird die von analogen Patriotismen geprägte Beziehung zwischen Rumänien und der Provence durch einen Besuch Alecsandris bei Mistral gefestigt. [31] In dieser Zeit macht Mistral aus dem Felibrebund eine hierarchisch strukturierte Organisation, die an Schlagkraft gewinnt, aber auch in der zentralistisch orientierten Öffentlichkeit Frankreichs auf massive Widerstände stößt. Für den provenzalischen „Nationaldichter“, der sich ständig gegen den Vorwurf des Separatismus verteidigen muß, sind damit Weichen gestellt, die seine Entwicklung zum defensiv gestimmten Traditionalisten und letztlich zum politischen Verwandten des rechtsextremen Vordenkers Charles Maurras maßgeblich fördern werden.

Auch die Art und Weise, in der die Infragestellung der Nationalgenies im Rahmen der „cultures dominées“ in Frankreich und in der „Frankophonie“ erfolgt, erinnert an die Auseinandersetzung der Rumänen mit Eminescu. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, wurde das Monument Mistral durch nachrückende Okzitanistengenerationen kritisch beleuchtet, [32] ein Prozeß der etwa zur gleichen Zeit im Kontext der Négritude-Diskussion Westafrikas, aber auch  im Rahmen der literarischen Entwicklungs eines von der Révolution tranquille geprägten Québec signifikante Entsprechungen fand. [33] Zusammenhänge dieser Art geben dem aktuellen Bekenntnis des rumänischen Staates zu der „Frankophonie“ ein eigentümlich schillerndes Gepräge. Wie eng die kulturellen Beziehungen zwischen Frankreich und Rumänien waren und sind, hat erst jüngst eine wichtige Publikation aus Timişoara dargelegt. [34] Nichtsdestoweniger würde man wohl fehl gehen, aus diesen Beziehungen ein provinzell-koloniales Abhängigkeitsverhältnis konstruieren zu wollen. Das Marginalitäts- und Inferioritätsbewußtsein, das in der rumänischen Literatur immer wieder zum Ausdruck kommt und gerade im dichterischen Werk Eminescus auf besonders eindrucksvolle Weise sublimiert wird, ist vielmehr das Erbteil von Jahrhunderten, in denen sich eine stets zu Defensivhaltung und Schaukelpolitik verurteilte Gesellschaft benachbarten Großmächten ausgeliefert fühlte. Die Faszination Frankreichs im Rumänien des 18. und 19. Jahrhunderts war die eines fernen Vorbildes, eines Ideallandes „lateinischer“ Prägung, in dem sich kulturelle Dauerblüte mit politischer Stärke verband. Aber die modischen Auswüchse, welche diese Faszination ab und zu hervorbrachte, waren leicht abzuwehren. Jene schmerzlicheren und destruktiveren Impulse, welche in der Zeit Eminescus den folgenreichen Antagonismus zwischen westlich-liberalen Modernisierungstendenzen und konservativen Widerständen hervorbrachte, scheinen aus einem mentalitätsgeschichtlichen Untergrund zu erwachsen, der nicht auf dem Wege des Zusammenrechnens aller Fremdherrschaften und aller „nationalen“ Revolten gegen dieselben auf zufriedenstellende Weise erklärt werden kann. Die Literaturgeschichte jener Kulturen, die im Laufe ihrer Entwicklung eher dominiert wurden als selber dominierten, birgt viele Indizien, die zu der Vermutung berechtigen, ihr unmittelbarster Zugang zur Universalität bestünde im gemeinschaftlich angesammelten Wissen um die Grenzen menschlichen Herrschaftsstrebens. Wenn diese Vermutung stimmt, so gewinnt das reaktionär-chauvinistische Aufbegehren des „minoritären“ Konservatismus das Gepräge einer Durchgangsphase (in deren Verlauf freilich Übles angerichtet werden kann), bevor hellsichtig gewordene Verzweiflung den Blick auf eine buchstäblich neue Welt freigibt. Eminescus große Lyrik wäre somit kein von der journalistischen Produktion abgrenzbarer Bezirk seines Schaffens, sondern die Krönung, durch welche Haß und Frustration ihre menschheitliche Aufhebung erfahren.

Gedächtnisorte sind versteinertes Bewußtsein, aber auch ein Anlaß zur Besinnung; dieselbe kann in gedankenfauler Erbaulichkeit versanden, aber auch die Voraussetzung für einen Prozeß des „Umschreibens“ der von Erstarrung bedrohten Monumente liefern. [35] Ein solcher Prozeß ist derzeit in Rumänien im Gange und verdient die Aufmerksamkeit und Sympathie der auswärtigen Beobachter, die ihrerseits aufgerufen sind, an ihrem Eminescubild weiterzuarbeiten.                  Fritz Peter Kirsch

(Aus: "Eminescu - Gedächtnisort der Widersprüche", in: Deutschsprachige Rumänistik heute: Gesellschaft – Sprachen – Literaturen, Quo vadis Romania ? 18/19  2001/02, 181-190)

Ein Feindbild - Die Türken auf dem Fresko der Klosterkirche von Voroneţi



[1]   Mihail Eminescu, „Luceafărul“, in: M. Eminescu, Opere alese, ed. Perpessicius, Bucureşti, Ed. pentru Literatura, 1964, 178.

[2]    Cf. Lucian Boia, Istorie şi mit în conştiinţa românească, Bucureşti, Humanitas, 1997, 258 f.

[3] „Eminescu este acceptat de români ca poet naţional pentru că (...) este un mare poet şi ei se regăsesc în poemele lui cu norocul şi nenorocul lor în istorie, cu natura şi filozofie lor de viaţă, aşa com este şi atât cât este...“ Eugen Simion, „Despărţirea de Eminescu“ (II), Curentul 72, 26 martie 1998.

[4]    Drei im dritten Wiener Gemeindebezirk (Dianagasse, Kollergasse, Adamsgasse), eine in Wien IX, Porzellangasse.

[5] „Nepieritor în formă de exprimare, neajuns de nici un Român în universalitate gândirii şi neîntrecut în bogaţia simţirilor, M. Eminescu s’a condamnat pe sine însuşi, şi-a mărginit propria sa operă la o meschină notorietate naţională când, ca ideal de progres uman, s’a mulţumit să dorească doar binele ţării sale“ (Panait Istrati, „Între Neam si umanitate“, Adevarul literar 21 septembrie 1924).

[6] E. Lovinescu, Istoria civilizaţiei române moderne II: Forţele reacţionare, ed. Z. Ornea, Bucureşti, Ed. Minerva, 1992, 123.

[7] „Era plin de violenţă şi de statornicie în dragoste şi duşmănie şi spumele urii sale au fost adesea nedrepte şi nemăsurate“ (G. Călinescu, Viaţa lui Eminescu, Bucureşti, Editura Eminescu, 1975 (1969), 320.

[8]   „Eminescu critică evreii stabiliţi în ţară, care se puneau în legătură cu Alianţa Izraelită şi desfăşurau, prin mijlocirea acesteia şi a presei străine, o propagandă ostilă ţării noastre“ (D. Vatamaniuc, Publicistica lui Eminescu 1877-1883, 1888-1889, Bucureşti, Minerva, 1996, 115.

[9] „(...) societatea din sud-estul Europei este de un alt tip: este „artificiala“, exploatată de o pătură superpusă, „orbitală“ şi cosmopolită în cultură, neistorică în forme (forme goale), negativă sub raportul civilizaţiei economice (...) (Ilie Bădescu, Sociologie eminesciana, Galaţi, Porto-Franco, 1994, 259.

[10] Cf. M. Eminescu, „Geniu pustiu“, in: M. E., Proză literară, Ed. Eugen Simion/ Flora Şuteu, Bucureşti, Ed. pentru Literatura, 1966, 188 f.: „E o lege în natura care sa nu-ti dea drept cînt tu ucizi pe cel ce ti-a biciuit secoli pe parintii tai, pe cel ce ti-a ars în foc pe strabunii tai, pe cel ce împle fîntînile si rîurile cu copilul sufletului tau ? Legile cari compun fundamentul eticei chiar te-ndreptatesc de-a acere cît ti s-a luat, de-a face cît ti s-a facut, pentru ca numai asa se poate restitui echilibrul, dreptul pe pamînt. Dar virtutea ar cere sa nu-l ucizi. Nimeni nu-i obligat sa fie vurtuos, fiecine sa fie drept  -  si cînd sentinta acelui drept nu gaseste carnefice, fa-te singur carneficele ei. Um om de ucis, o litera necitita; un oras de ars, o pagina de-ntors  -  iata cartea de legi a revolutiunilor, a dreptatii lui D-zeu !“ 

[11] Ioan P. Culianu, „Les Fantasmes de la peur chez Mihai Eminescu ou Comment devient-on révolutionnaire de profession“, in: I. Constantinescu, Eminescu im europäischen Kontext, Augsburg-München, Universität Augsburg-Südosteuropa Gesellschaft, 1988, 106-127.

[12] Damian Hurezeanu, „Analist al civilizaţiei române moderne“, in: Eminescu: Sens, timp şi devenire istorică, vol. îngrijit de G. Buzatu/ Ş. Lemny/ I. Saizu, Iaşi, Univ. Al. I. Cuză, 1988, 653-682.

[13] Vgl. Klaus Heitmann, „Eminescu – gînditor politic“, in: Eminescu în critica germană, ed. Sorin Chiţanu, Iaşi 1985.

[14] Joachim-Peter Storfa, Die politischen Schriften des Mihai Eminescu, Wien, WUV, 1995.

[15] Rudolf Windisch, Rez. zu J.-P. Storfa, Die politischen Schriften, Quo vadis, Romania ? Zeitschrift für eine aktuelle Romanistik 7 1996, 125.

[16] Cazul Eminescu. Polemici, atitudini, reacţii din presa anului 1998, antologie realizată de Cezar Paul-Bădescu, Bucureşti, Editura Paralela 45, 1999.

[17] „Trebuie să recunosc foarte sincer şi fără ocolişuri care să indulcească situaţia: nu sunt un fan al poeziei lui Mihai Eminescu.“ (Răzvan Rădulescu, „Eminescu văzut de departe“, Cazul Eminescu, 19).

[18] „În pofida „ideilor veacului“, a doctrinei liberal-democrate ce triumfă la sfârşitul mileniului împreună cu rezultantă lor firească, social-democraţia şi socialismul occidental, nevoia de identitate şi de solidaritate naţională, de căutare a rădăcinilor este perenă şi universală. Societatea noastră o resimte ca şi generaţia contemporană lui Eminescu, care s-a străduit să contureze o imagine proprie despre poporul său istoric.“ (N. Henegariu/ C. Tomescu, „Eminescu actual ?“, in: Mihai Eminescu, Patologia societăţii noastre. Articole politice, Bucureşti, Ed. Vremea, 1998, 20 f.; vgl. auch M. Eminescu, Chestiunea evreiască, Antologie, prefaţă şi note de D. Vatamaniuc, Bucureşti, Ed. Vestala, 2000).

[19]   Petru Creţia, Testamentul unui eminescolog, Bucureşti, Humanitas, 1998, 245.

[20]   Petru Creţia, Testamentul, Ibid.

[21]   Petru Creţia, Testamentul, 234.

[22]   Petru Creţia, Testamentul, 235.

[23]   „Festivismul asociat cu imaginea poetului bucovinean este necesar pentru păstrarea unei „self-image“ stereotipizate şi pentru o depăşire (niciodată reuşită) a complexului de inferioritate specific culturilor (şi naţiunilor) minore“ (Pavel Gheo Radu, „Eminescu suntem noi“, in: Cazul Eminescu, 27.

[24] „(...) într-un fel sau într-altul, aceste complexe de inferioritate însoţesc literatura română ca o umbră şi (...) prin forţa lucrurilor, conştiinţa ei modernă de sine e de neconceput fără asumarea lor“ (Mircea Martin, G. Călinescu şi complexele literăturii române, Bucureşti, Albatros, 1981, 27).

[25] Lucian Boia, Istorie şi mit, 188.

[26] Lucian Boia, Istorie şi mit, 191.

[27]   Vgl. Dominique Schnapper, „Deux idées de la nation“, in: D. S., La France de l’intégration. Sociologie de la nation en 1990, Paris, Gallimard, 1991, 33-69.

[28]   Vgl. Denis Monière,

[29]    Vgl. Klaus-Dieter Ertler, Der frankokanadische Roman der dreissiger Jahre. Eine ideologieanalytische Darstellung, Tübingen, Niemeyer, 2000, 80 ff.

[30]    „Der junge Goethe (...) wurde zum großen Beispiel eines Dichters, der sich von einer „spezifisch französischen“ (und das hieß rationalistischen) „Salonkultur“ abgewandt hatte und sowohl seine Inspiration als auch sein Selbstbewußtsein aus Traditionen der eigenen bis dahin zu Unrecht mißachteten „Volkskultur“ schöpfte.“ (Hugo Dyserinck, „Die Quellen der Négritude-Ideologie als Gegenstand komparatistischer Imagologie“, Komparatistische Hefte 1 1980, 35).

[31]    Vgl. Ioana Vintilă-Rădulescu, „La langue et la littérature occitanes en Roumanie“, in: Le Rayonnement de la civilisation occitane à l’aube d’un nouvean millénaire, Congrès international de l’AIEO, Actes réunis p. G. Kremnitz/ B. Chernilofsky/ P. Cichon/ R. Tanzmeister, Wien, Praesens, 2001, 857-867.

[32]    Vgl. Robert Lafont, Mistral ou l’illusion, Paris, Plon, 1958.

[33]    Vgl. z. B. Bernard Mouralis, „Le premier Festival culturel pan-africain (Alger, 1969) et la contestation de la Négritude“, in: B. M., Littérature et développement. Essai sur le statut, la fonction et la représentation de la littérature négro-africaine d’expression française, Lille-Paris, Univ. de Lille III/Champion, 1981, 557-562; Klaus-Dieter Ertler, „La Révolution tranquille“: Die sechziger und siebziger Jahre“, in: K.-D. E., Kleine Geschichte des frankokanadischen Romans, Tübingen, Narr, 2000, 165-170.

[34] Cf. Margareta Gyurcsik/ Elena Ghiţă/ Florin Ochiană/ Maria Ţenchea, La Roumanie et la Francophonie, Timişoara, Anthropos, 2000.

[35] Zur Frage der Gedächtnisorte vgl. Pierre Nora, Les Lieux de mémoire, 7 Bde, Paris, Gallimard, 1984-1992; Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, München, Beck, 1992; Renate Lachmann, Gedächtnis und Literatur. Intertextualität in der russischen Moderne, Frankfurt/M., Suhrkamp, 1990; Erinnern und Vergessen. Nationale Gedächtnisorte in der Romania, Quo vadis, Romania ? 15-16 2000.