An Depression erkrankte Menschen beweisen im Umgang mit ihrer Krankheit täglich Stärke, die aber oft nicht als solche wahrgenommen wird. Frühere Studien haben gezeigt, dass sie stattdessen oft einem gegenteiligen Narrativ in der Gesellschaft begegnen, demnach Betroffenen als schwach betrachtet werden. Solche Vorurteile wirken sich auf die Erkrankten negativ aus. In ihrer neuen Studie zeigt die Psychologin Christina Bauer von der Universität Wien, wie wichtig es für Betroffene ist, dass ihre Kraft betont wird. Wird die Stärke der erkrankten Personen in den Fokus gerückt, steigert das das Selbstbewusstsein und die Betroffenen können ihre persönlichen Ziele besser erreichen. Die Studie wurde aktuell im Fachmagazin Personality and Social Psychology Bulletin publiziert.
Menschen, die mit psychischen Krankheiten wie Depression zu kämpfen haben, zeigen oft viel Stärke im Umgang mit ihrer Erkrankung: Sie stehen morgens auf, obwohl durch ihre Erkrankung der helfende Motivationsschub fehlt; sie lernen, mit negativen Gedanken und Gefühlen umzugehen; und kämpfen sich durch schwierige Phasen. "All das zeigt von beeindruckender Stärke", so die Psychologin und Studienleiterin Christina Bauer von der Universität Wien. Frühere Studien haben gezeigt, dass diese Stärken aber allzu oft in Vergessenheit geraten, wenn über Menschen mit psychischen Erkrankungen gesprochen wird, sie werden stattdessen oft als "Schwächlinge" dargestellt.
"Es liegt nahe, dass solche Narrative negative Effekte haben: Wir wissen aus früheren Studien, dass Menschen mit Depression oft weniger Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten haben. In unserer neuen Studie konnten wir nun eindeutig beweisen, wie groß der Einfluss solcher Zuschreibungen sein kann", so Bauer. In ihrer Studie belegt die Wiener Psychologin zusammen mit Kolleg*innen aus Österreich, Deutschland, und den USA die Gefahren solcher Narrative – und zeigt, was man dagegen tun kann.
Die Stärken sichtbar machen
Um die Wirkung von solchen Narrativen zu untersuchen, haben Bauer und Kolleg*innen Defizit-Narrative in Experimenten umgedreht: Statt Menschen mit Depression als schwach darzustellen, haben die Forscher*innen eine kurze Übung entwickelt (ca. 20 Minuten), die die oft vergessenen Stärken von Menschen mit Depression hervorhebt: Wie Menschen mit Depression beispielsweise Durchhaltevermögen, die Fähigkeit mit negativen Emotionen umzugehen, und Stärke im Bewältigen ihrer Symptome zeigen.
In drei Experimenten mit insgesamt 748 Teilnehmer*innen, die Depression erlebt hatten, wurden Teilnehmende dazu angeregt, über ihre eigenen Stärken zu reflektieren, die sie im Umgang mit Depression gezeigt haben. Im Vergleich zu einer zufällig zugewiesenen Kontrollgruppe zeigte sich, dass diese einfache Übung das Selbstvertrauen der Teilnehmenden deutlich erhöhen konnte – und zwar unabhängig davon, wie schwer ihre aktuellen Symptome waren.
Mehr Selbstvertrauen, mehr Zielerreichung
Am wichtigsten: Dieses verbesserte Selbstvertrauen hatte auch Konsequenzen für die Fähigkeit der Teilnehmenden, ihre persönlichen Ziele zu verfolgen. In einem Langzeit-Experiment über zwei Wochen zeigte sich, dass Teilnehmende, die über ihre Stärken reflektiert hatten, 49% mehr Fortschritt bei einem selbst gewählten persönlichen Ziel machten.
"Sich selbst als stark, statt schwach zu sehen, ist für jeden von uns wichtig, um an uns glauben und unsere Ziele verfolgen zu können. Das gilt eben auch für Menschen mit Depression. ", fasst Bauer zusammen. "Wir müssen verstehen, dass Menschen, die mit Depression kämpfen, nicht schwach sind. Solche Narrative können wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken und Menschen daran hindern, ihr volles Potenzial zu entfalten."
Zusammenfassung:
- Um die Wirkung von negativen Narrativen über an Depressionen erkrankten Menschen zu untersuchen, haben Psycholog*innen unter Leitung der Uni Wien ein Langzeitexperiment durchgeführt.
- Dabei haben sie Defizit-Narrative umgedreht: Statt Erkrankte als schwach zu bezeichnen, wurden ihre Stärken betont.
- Dabei zeigte sich, dass das Hervorheben der Stärke von Betroffenen deren Selbstvertrauen deutlich erhöhen konnte – und zwar unabhängig davon, wie schwer ihre aktuellen Symptome waren.
- Dieses verbesserte Selbstvertrauen hatte auch Konsequenzen für die Fähigkeit der Teilnehmenden, ihre persönlichen Ziele zu verfolgen.
- "Wir müssen verstehen, dass Menschen, die mit Depression kämpfen, nicht schwach sind. Solche Narrative können wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken und Menschen daran hindern, ihr volles Potenzial zu entfalten", fasst die Studienleiterin Christina Bauer von der Universität Wien zusammen.
Mehr zur Studie erzählt die Psychologin Christina Bauer auch im Video mit Rudolphina dem Wissenschaftsmagazin der Universität Wien: