Universität WienGeschichte der Universität Wien im Überblick

 
Archiv der Universität Wien

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DIE "REICHSUNIVERSITÄT" 1938–1945

Die Not der Nachkriegszeit und die Hyperinflation der frühen zwanziger Jahre wirkten sich auf die Lage der Universität Wien sehr nachteilig aus. Das Stiftungsvermögen der Universität verringerte sich drastisch. Durch die Finanzkrise des Staates fehlten der Wissenschaft die nötigen Mittel. Die politischen Auseinandersetzungen in Österreich, welche zum Teil bürgerkriegsähnliche Formen annahmen, machten vor akademischem Boden nicht halt. Gerade unter Absolventen der Universität war deutschnationales Gedankengut weit verbreitet – sei es, weil man an der Lebensfähigkeit des österreichischen Staates zweifelte, oder weil man der "Reichsidee" anhing, der Vorstellung, daß sich die tagespolitschen Streitereien, das "Parteienunwesen" und die sozialen Gegensätze durch das Aufgehen Österreichs in einem deutschen Reich quasi "von selbst" aufheben würden. In der Studentenschaft war das deutschnationale Element ebenfalls stark vertreten, vielfach in Kombination mit offenem Antisemitismus. Die höchstgerichtliche Aufhebung der von Rektor Wenzel Gleispach 1930 erlassenen Studentenordnung, welche de facto einen Numerus clausus für jüdische Studenten zur Folge gehabt hätte, löste wüste Schlägereien und Attacken gegen jüdische und sozialistische Studenten aus. Unter den Angehörigen des Lehrkörpers waren nur wenige, welche einem demokratischen Staatswesen das Wort redeten – Hans Kelsen sei hier stellvertretend für eine Handvoll genannt. Gewichtige Stimmen jedoch traten gegen alles auf, was den Anschein des Demokratisch-egalitären erweckte. Nicht die Mehrheitsmeinung, sonderen die "bessere" Meinung sollte den Ausschlag geben. An der Wiener Universität waren der Gesellschaftswissenschaftler Othmar Spann und sein Schülerkreis Vorreiter eines autoritär-konservativen Kurses.

Die Ausschaltung des Parlaments 1933 bot der Regierung die Handhabe, nicht nur gegen die wenigen liberal-demokratischen Professoren und Dozenten, sondern auch gegen die offen nationalsozialistisch agierenden vorzugehen. Insgesamt führte dies zu einer Stärkung des autoritär-konservativen, nicht jedoch des demokratischen Elements an den Universitäten. Zweifellos gab es hier aufrechte Gegner des Nationalsozialismus, aber auch etliche, welche - erfolglos - eine Versöhnung von Katholizismus und Nationalsozialismus anstrebten.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 hatte verheerende Konsequenzen für die Universität und die österreichische Wissenschaft; die Folgen des intellektuellen Aderlasses sind auch heute kaum zu ermessen. Die "Gleichschaltung" der Universität Wien wurde umgehend in Angriff genommen und bemerkenswert effizient durchgeführt. Darunter fielen auch die Maßnahmen gegen jüdische Professoren und Studenten. Im Laufe der nationalsozialistischen Herrschaft wurden 45 Prozent der Professoren und Dozenten der Universität Wien aus politischen und "rassischen" Gründen entlassen. Viele von ihnen landeten in Konzentrations- und Vernichtungslagern, andere mußten ihr Heil in der Emigration suchen oder sahen sich gezwungen, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen. Einige gingen auch freiwillig, weil sie unter den herrschenden Bedingungen keine Möglichkeiten für ihre wissenschaftliche Arbeit sahen. Welcher Verlust verursacht wurde, kann durch die Aufzählung einiger Namen bestenfalls angedeutet werden: Der Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger (1938 Honorarprofessor der Wiener Universität), die Chemiker Hermann Mark und Friedrich Feigl, der Mathematiker Kurt Gödel, Karl und Charlotte Bühler (Philosophie bzw. Psychologie), der Physiker Hans Thirring und viele mehr (insgesamt 322 aktenkundige Fälle) wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft ihres Amtes enthoben.

Der Bedarf an Ergänzung des Lehrkörpers war entsprechend groß, und viele orientierten ihre Karriereplanung an den Vorgaben der neuen Machthaber. Die Erfordernisse des "totalen Krieges" führten zur Erfassung weiter Bevölkerungskreise im militärischen oder im Arbeitseinsatz. "Studentischer Ausgleichsdienst", "studentischer Hilfdienst" und schließlich Einberufungen zum Volkssturm beeinträchtigten den Studienbetrieb erheblich. Im September 1944 wurde die Universität erstmals von Bomben getroffen; bis Kriegsende waren 30 Prozent ihres Baubestandes und 65 Prozent der Dacheindeckung zerstört. Kein einziges Universitätsgebäude blieb von schweren Beschädigungen verschont.

Lit.: Kurt Mühlberger, Dokumentation: Vetriebene Intelligenz (Wien, 2. Aufl. 1993); ¾ Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945, hg. v. Gernot Heiss, Siegfried Mattl u. a. (Wien 1989)

 

Das Hauptgebäude nach dem 12. März 1938.

Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich wurden als sichtbares Zeichen der Übernahme und Gleichschaltung der Universität an das Hauptgebäude Hakenkreuzfahnen angebracht. Nationalsozialisten hatten alle wichtigen Funktionen übernommen und das "Führerprinzip" auch an der Universität etabliert. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Feierliche Wiedereröffnung der Universität am 25. April 1938

Während der kritischen Märztage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht blieb die Universität geschlossen. Bei der feierlichen Wiedereröffnung war Gauleiter Josef Bürckel (Bildmitte) anwesend. Jüdische Hörer durften inzwischen nur mehr mit Zulassungsschein die Universität betreten. (Foto: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes)

 

Die "Juristenstiege" im Hauptgebäude, 1945

Während der 52 alliierten Luftangriffe auf Wien wurde das Hauptgebäude und die meisten Nebengebäude der Universität schwer getroffen. Fliegerbomben zerstörten das Stiegenhaus zum Juristentrakt. Der überlebensgroßen Statue Kaiser Franz Josephs von Kaspar Zumbusch war der Kopf abgebrochen. (Foto: Archiv der Universität Wien)