Das Exil von Frauen – historische Perspektive und Gegenwart

Neuere Tendenzen in der Exilforschung zeigen einen Paradigmenwechsel von der ausschließlichen Befassung mit dem historischen Exil während der Ära des Nationalsozialismus bzw. des Austrofaschismus bis hin zu einer Erweiterung des Forschungsgegenstandes auf die gegenwärtigen Flucht- und Migrationsbewegungen.

Gibt es vergleichbare Aspekte zwischen dem Exil von Frauen in der Periode 1933-45 und dem Asyl von Frauen heute - und was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede? Ist der Beitrag zur Erinnerung an die Verfolgung konstitutiv für unsere Haltung gegenüber heutigen Fluchtbewegungen und führt die eigene Flüchtlingserfahrung, sei es zur Zeit der Shoa, sei es in den Jahren nach 1945, zu praktizierter Solidarität mit den heute Verfolgten? Im Arbeitskreis, der sich als Fortsetzung und Intensivierung bisheriger Seminare und Tagungen zum Thema „Frauen im Exil“ versteht, soll nun neuerlich die Frage nach geschichtlichen Kontinuitäten aufgenommen und diskutiert werden.

VORTRAG
am 21. Jänner 2020, 18.30 Uhr

Vortrag von Jill Meißner-Wolfbeisser:
Stefi Kiesler: 
Eine Bibliothekarin als „geistiger Refugee Service“

„Als sich Europa in den dreißiger Jahren immer mehr den geistigen Menschen aus Deutschland versperrte, bildete sich in New York für die, die nach Amerika kamen, ein Ein-Mann-Hilfskomitee. Es bestand aus Steffi Kiesler, die die deutsche und französische Abteilung der N.Y. Public Library leitete. Ihr Tisch in der 42. Straße wurde zu einem Dorfbrunnen, an dem sich Schriftsteller und Journalisten trafen. Sie trafen sich hier, wie früher einmal in den Kaffeehäusern.“
(Ludwig Wronkow)

Stefi Kiesler (1897–1963) hatte es bereits 1926 zusammen mit ihrem Ehemann, dem avantgardistischen Künstler und Architekten Friedrich Kiesler, von Wien über Paris nach New York verschlagen. Weil die Projekte ihres Mannes nicht zum gemeinsamen Lebenserhalt ausreichten, gab sie ihr eigenes künstlerisches Schaffen auf und nahm 1927 eine Stelle in der New York Public Library an. Dort war sie mehr als dreißig Jahre lang mit der Leitung der deutsch- und französischsprachigen Sammlungen betraut.

In den 1930er Jahren wurde mit Eintreffen der ersten politischen Flüchtlinge aus Europa die Bibliothekarin Stefi Kiesler zur wichtigen Anlaufstelle und zum »geistigen Refugee Service für die deutschen Gelehrten und Schriftsteller« (Manfred George). Sie zeigte den traumatisierten Dichtern, dass ihre in der Heimat verbrannten Werke immer noch in Bibliotheksregalen zu finden waren und bemühte sich um die Vermittlung mit Verlegern in den Vereinigten Staaten. Nebenbei arbeitete sie an Kurzgeschichten, Übersetzungen und einer (unvollendeten) Anthologie zu Traumdarstellungen in der Literatur.
Nach ihrer Pensionierung arbeitete Stefi Kiesler bei der deutsch-jüdischen Zeitschrift »Aufbau« und schrieb Theater-, Film- und Literaturkritiken. Der Vortrag stellt diese faszinierende, doch bislang von der Forschung weitgehend übersehene Persönlichkeit vor.

Mag.a Mag.a Jill Meißner-Wolfbeisser absolvierte ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Wien und an der Århus Universitet. Seit 2011 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung in Wien. In ihrem Dissertationsprojekt an der Universität Wien beschäftigte sie sich mit Stefi Kiesler und der deutschsprachigen Literatur-Community im New Yorker Exil.


Ort: 1090 Wien, Berggasse 17 (EG links)

Konzeption und Organisation:
FrauenAG der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge) und biografiA – Dokumentationsstelle Frauenforschung (IWK