Bonaparte Marie

Psychoanalytikerin


Geb. Saint Cloud b. Paris, Frankreich , 1882

Gest. Paris, 1962

 

Herkunft, Verwandtschaften:

Tochter von Marie-Félix und Prinz Roland Bonaparte, einem Großneffen Kaiser Napoleons I. Ihre Mutter starb einen Monat nach der Geburt.

 

Laufbahn:

M. B. begann früh, sich für Literatur zu interessieren, Träume und Kurzgeschichten zu Papier zu bringen und diese auch zu veröffentlichen (Bonaparte 1939a). B. wollte ein Studium der Medizin beginnen, was sie jedoch auf Wunsch ihres Vaters unterließ. Trotzdem beschäftigte sie sich privat intensiv mit medizinischen Themen und nahm an psychiatrischen Konsultationen teil. Als ihr Vater im Jahr 1924 starb, begann sie, sich ernsthaft für die Psychoanalyse zu interessieren. Nachdem sie Freuds "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" gelesen hatte und über Eugenia Sokolnicka, eine Analysandin Freuds und Ferenczis, Kontakt zu Freud aufgenommen hatte, begann sie ab 1925 eine langjährige Analyse bei Freud und verbrachte zu diesem Zweck jedes Jahr mehrere Monate in Wien.
1926 zählte M. B. zu den Gründungsmitgliedern der Société Psychoanalytique de Paris und ermöglichte durch finanzielle Unterstützung die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift. Sie wandte die Psychoanalyse auf kulturwissenschaftliche und literarische Fragestellungen an und bezog in ihre Untersuchungen ethnologisches, folkloristisches und kulturgeschichtliches Material mit ein, z. B. in ihrer Studie "Über die Symbolik der Kopftrophäen", die 1928 im Internationalen Psychoanalytischen Verlag erschien.

M. B. unterstützte Géza Róheims ethnologische Forschungsreise von 1928 bis 1931 ideell und finanziell. 1934 erschien ihre dreibändige Studie über Edgar Allan Poe. Im gleichen Jahr setzte sie sich für die Gründung eines psychoanalytischen Lehrinstituts in Paris ein, an dem sie auch unterrichtete. Mit der Übersetzung Freud'scher Schriften ins Französische trug sie nicht unwesentlich zur Verbreitung der Psychoanalyse in Frankreich bei. Nach Hitlers Machtergreifung bemühte sich B. um die Rettung von Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland, und als die Nazis 1938 in Österreich einmarschierten, überredete sie Freud zur Flucht. Sie lieh der Familie Freud das Geld für die sogenannte "Reichsfluchtsteuer", welche die Nazis den jüdischen Emigranten abpressten, und investierte die später zurückgezahlte Summe in eine Neuedition der "Gesammelten Werke" Freuds im Londoner Exil.
Die Jahre des Zweiten Weltkrieges verbrachte M. B. in Frankreich, Griechenland und Südafrika, wo ihre Untersuchung über nationale Mythenbildung unter Kriegsbedingungen, "Mythes de guerre" (1946), entstand. B. gehörte dem Herausgeberbeirat der von Róheim herausgegebenen Reihe "Psychoanalysis and the Social Science" an. Nach dem Krieg nahm sie ihre Arbeit wieder auf und praktizierte auch als Psychoanalytikerin.

 

Werkangaben:

Auswahl:

Guerres militaires et guerres sociales. Méditationes. Paris, Flammarion 1920.

Über die Symbolik der Kopftrophäen. Eine psychoanalytische Studie. Leipzig, Wien, Zürich, Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1928.

Edgar Poe. Eine psychoanalytische Studie. Mit einem Vorwort von Sigmund Freud. Leipzig, Wien, Zürich,           Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1934.

Psychanalyse et ethnographic. In: Evans-Pritchard, E. E. / Firth, R. / Malinowski, B. / Schapera, I. (Hg.): Essays presented in C. G. Seligman. London, Kegan, Trench, Trubner 1934, S. 19-26.

Cinq cahiers écrits par une petite fille entre sept ans et demi et dix ans et leurs commentaires. Bd. 1. Paris, Jacomet 1939. (=1939a)

Topsy. Der goldhaarige Chow. Amsterdam, de Lange 1939.

Psychoanalyse und Ethnographie. In: Federn, P. / Meng, H. (Hg.): Das psychoanalytische Volksbuch. 3.             Erweiterte u. umgearbeitete Auflage. Bern, Huber 1939, S. 567-572.

Mythes de guerre. Paris, P. U. F. 1946.

Cinq cahiers écrits par une petite fille entre sept ans et demi et dix ans et leur commentaires. Bd. 2, Paris, Jacomet 1948. (Bd. 3, 1951; Bd. 4, 1951)

De la sexualité de la femme. Paris, P. U. E. 1951.

Psychanalyse et anthropologie. Paris, P. U. E. 1952.

Drivers, affects, Behavior. New York, International Univ. Press 1953.

 

Literatur:

Appignanesi, Lisa; Forrester, John, Die Frauen Sigmund Freuds., 1994, München, Verlag: List.

Barande, I. / Barande R., Psychoanalyse in Frankreich. In: Eicke, D. (Hg.): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts III: Freud und die Folgen (2), 1977, S. 1-54, Zürich, Verlag: Kindler

Bertin, C., Die letzte Bonaparte. Freuds Prinzessin. Ein Leben., 1989, Freiburg i. Br., Verlag: Kore Verlag Traute Hensch

Laible, E., Il contributo di Marie Bonaparte nell' applicazione della psicoanalisi all'antropologia. In: Accerboni, A. M. (Hg.): La donna e la psicoanalisi. Ricordo di Marie Bonaparte., 1989, Verona, Verlag: Biblioteca Cominiana.

Roazen, Paul, Sigmund Freud und sein Kreis., 1997, Gießen, Verlag: Psychosozial-Verlag.

Roudinesco, E., La bataille de cent ans. Histoire de la psychanalyse en France. Bd. 1., 1986, Paris, Verlag: Editions Ramsay / Editions du Le Seuil.