Bühler Charlotte

Psychologin


Geb. Berlin/Charlottenburg, Deutsches Reich, 20.12. 1893

Gest. Stuttgart, Deutschland, 3.2. 1974


Emigrationspfad: 1923 A 1938 N 1939 GB 1940 USA 1971 D

 

Herkunft, Verwandtschaften:

Assimilierte, jüdische Familie, aufgeklärt protestantisches, großbürgerliches Milieu; Vater Hermann Malachowski, Architekt und Baumeister, plante und verwirklichte in Berlin den Bau verschiedener Regierungsgebäude und des ersten deutschen Großkaufhauses, des Hauses A. Wertheim; Mutter Rose, Hausfrau, kunstsinnig und sehr gebildet.

 

LebenspartnerInnen, Kinder:

Während ihres Studiums in Münchn lernte sie nach Külpes Tod dessen Assistenten Karl Bühler kennen, der vom Frontdienst nach München zur Vertretung des Lehrstuhl zurückbeordert wurde; April 1916 Heirat mit Karl Ludwig Bühler nach protestantischem Ritus, obwohl K. B. Katholik war (* 27.5.1879 in Meckesheim (Baden), Dr.med. et phil., Prof. of medicine, Dr. jur.h.c., im Oktober 1922 an die Universität Wien berufen);

1 Tochter, 1 Sohn (*1919).

 

Ausbildungen:

Abitur am Charlottenburger Auguste-Viktoria-Lyzeum, seit 1913 Universitätsstudien in Freiburg, Vorlesungen bei Rickert und Husserl, nebenbei medizinische Lehrveranstaltungen; zurück in Berlin Inskription der Medizin, philosophische, theologische und philologische Kurse; schließlich Entscheidung für ein Studium der Philosophie mit Schwerpunkt Psychologie und Pädagogik.;
Lehrerinnenexamen an der Universität Kiel, nebenbei Studium ihrer Fächer an der dortigen Universität. Im Herbst 1915 Beginn der Dissertation an der Universität München; 1918 Promotion zum Dr. phil. in München bei Erich Becher.

 

Laufbahn:

1920 Habilitation für Ästhetik und pädagogische Psychologie an der Technischen Hochschule Dresden als eine der ersten Frauen in Deutschland und als erste Frau in Sachsen. Ein staatlicher Forschungsauftrag, den ihr Mann an sie weitergab, brachte sie zur Jugendpsychologie.
1922 Übertragung der Venia an die Universität Wien, Assistentin am Wiener Psychologischen Institut (keine formale Universitätsstelle, ihr Gehalt wurde von der Gemeinde Wien bezahlt);
1923 Habilitation in Wien (7.3.1923).
1927-38 a.o. Univ. Prof.  am Psychologischen der Institut Universität Wien,
1924-25 und 1935 Reisestipendium der Laura Spelmans Rockefeller Memorial USA, Auseinandersetzung mit der amerikanischen Psychologie, besonders mit der Methodologie des Behaviorismus;
1929-30 Gastprofessur am Teachers College der Columbia Universität N.Y.,
erste kinderpsychologische Untersuchung mit Hilfe der systematischen Verhaltensbeobachtung;
Psychologin der Städtischen Kinderübernahmestelle in Wien,

1935 Gründung und Direktorin des Parents Institute London, ein privates kinderpsychologisches Institut im Rahmen der Parents Association, Erziehungsberatung mit Hilfe der Wiener        Entwicklungstests;
1936 Einrichtung eines solchen Instituts in Wien; Verschlechterung der Situation des Psychologischen Instituts in Wien durch Auslaufen der Unterstützung durch die Rockefeller Foundation, vergebliches Bemühen um Finanzierung; Rücknahme der Berufung an die katholische Fordham University, da ihre Kinder protestantisch erzogen waren;
1939 Professur an der Lehrerakademie in Trondheim,
1940 Professur für Psychologie in Oslo, Nachricht von der Verhaftung ihres Mannes, Organisation seiner Freilassung, kurz vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht Ausreise aus Norwegen, Emigration in die USA; kurzzeitige Sommerprofessur an der

University of California,
1940 Berufung an das St. Catherine College in St. Paul, Minnesota;
1941/42 Visiting Professor an der Clark University in Worchester, Mass.; Aufbau einer zweiten Karriere in den USA mit Psychoanalyse und klinischer Psychologie,
1942-43 Mitglied des Rorschach Institute N.Y.,
1942-45 klinische Psychologin am Minneapolis General Hospital,
1945-53 Psychologin am County Hospital in Los Angeles,
1948 Assistant Professor S.-Cardina Medical School; seit 1950 Assistant Clinical Professor of Psychiatry an der School of Medicine der University of Southern California,
1958 Emeritierung; Mitte der 50er Jahre Anschluss an die Humanistische Psychologie; Privatpraxis gemeinsam mit ihrem Gatten Karl Bühler, bis 1972 Lehre und Forschung.

 

Spez. Wirkungsbereich:

Pionierin der modernen Entwicklungspsychologie, gilt unter Psychotherapeuten als Begründerin der Humanistischen Psychologie, der neben Behaviorismus und Psychoanalyse dritten großen Richtung der Psychologie der fünfziger und sechziger Jahre. WissenschaftsforscherInnen sehen in ihr die Begründerin einer neuen wissenschaftlichen Rolle: jener des Forschungsdirektors.
In ihrer Zeit als Leiterin des Wiener Psychologischen Instituts gemeinsam mit ihrem Mann Karl Bühler, als Organisatorin dieses zentral gelenkten Forschungsgroßbetriebes ermöglichte sie eine bisher noch nicht gekannte wissenschaftliche Produktivität.
Von Ch. Bühlers Beiträgen zur Psychologie blieb vor allem die Einsicht, dass Entwicklung ein lebenslanger Prozeß ist (Bühler, 1933) und der "Wiener Entwicklungstest" (Bühler u. Hetzer, 1932), bis in die 70er Jahre das meistverwendete Prüfverfahren zur Messung des psychischen Entwicklungsstandes von Kindern, vor kurzem neu aufgelegt am Institut für Psychologie der Universität Wien, u. a. auch Entwurf einer allgemeinen Theorie der psychischen Pubertät anhand ihrer eigenen und ihr von anderen zur Verfügung gestellten Jugendtagebücher.

Neben der Jugendforschung wurde nach Rückkehr aus der USA die Kinderpsychologie zu ihrem zentralen Forschungsthema. Entwicklung eines Inventars altersgemäßer Verhaltensweisen aus 24-Stunden-Dauerbeobachtungen an Kindern verschiedener Altersstufen als Grundlage für die Entwicklung der Wiener Kleinkindertests. Ende der Zwanziger Jahre zählte das Wiener Psychologische Institut zu den renommiertesten psychologischen Instituten der Welt mit einem hohen Anteil ausländischer, vor allem US-amerikanischer Studenten und Studentinnen und zahlreichen Einladungen ins Ausland. Charlotte Bühlers Spätwerk war der Ausarbeitung der humanistischen Psychologie gewidmet.

 

Werkangaben:

Das Märchen und die Phantasie des Kindes. Leipzig: Barth 1918.

Das Seelenleben des Jugendlichen. Versuch einer Analyse und Theorie der psychischen  Pubertät. Jena: G. Fischer 1922 (2. Auflage 1923).

Die ersten sozialen Verhaltungsweisen des Kindes. In Charlotte Bühler / Beatrix Tudor-Hart: Soziologische und Psychologische Studien über das erste Lebensjahr. Jena: G. Fischer 1927, S. 1-102.

Kindheit und Jugend. Genese des Bewußtseins. Leipzig: Hirzel 1928.

Jugendtagebuch und Lebenslauf: Jena 1932.

Gem. mit Hetzer, Hildegard, Kleinkindertests. Entwicklungstests für das erste bis sechste Lebensjahr. Leipzig: Hirzel 1932.

Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem. Leipzig: Hirzel 1933.

Psychologie im Leben unserer Zeit. 1962.

Values in Psychotherapy. New York: Free Press of Glencoe 1962.
(Selbstdarstellung). In Ludwig J. Pongratz / Werner Traxel / Ernst G. Wehner (Hg.), Psychologie in Selbstdarstellungen. Bern: Huber 1972, S. 9-42

Gem. mit Melanie Allen: Humanistische Psychologie. 1972. (Einführung in die humanist.Psychologie).

 

Literatur:

Festschrift 30 Jahre Frauenstudium in Österreich., 1927.

www.aeiou.at

Zum 90. Geburtstag von Charlotte Bühler. In: Courage Nr.12., 1983.

Bamberger, R.; Maisen-Bruck, F. (Hg.):, Österreich-Lexikon. 2 Bde., 1966, München.

Benetka, Gerhard, Charlotte Bühler. In: Keintzel, Brigitta; Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirken., 2002, Wien, Verlag: Böhlau.

Benetka, Gerhard, Psychologie in Wien. Sozial- und Theoriegeschichte des Wiener Psychologischen Instituts 1922-1938., 1995, Wien, Verlag: WUV.

Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe, Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur.

Braun, Martha Stephanie; Fürth, Ernestine; Hönig, Marianne (Hg.):, Frauenbewegung, Frauenbildung und Frauenarbeit in Österreich., 1930, Wien, Verlag: Selbstverlag des BÖFV (hg. im Auftrag des Bundes österreichischer Frauenvereine (BÖFV))

Bühring, Gerald, Charlotte Bühler: Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem. In:           Volkmann-Raue, Sibylle / Lück, Helmut E. (Hg.): Bedeutende Psychologinnen., 2002, S. 183-198, Weinheim u. Basel, Verlag: Beltz.

Klusacek, Christine, Österreichische Wissenschaftler und Künstler unter dem NS-Regime., 1966, Wien

Kowall, Margarete, Die 1938 von der Universität verwiesenen Mitglieder des Akademischen Lehrkörpers d. Philosophischen Fakultät., 1981, Wien.

Kratzer, Hertha, Die großen Österreicherinnen. 90 außergewöhnliche Frauen im Porträt., 2001, Wien, Verlag: Ueberreuter.

Kröner, Peter, Vor fünfzig Jahren. Die Emigration deutschsprachiger Wissenschaftler 1933-1939. Katalog anläßlich des 21. Symposions der Gesellschaft Wissenschaftsgeschichte, 1983., 1983.

Schenk-Danzinger, L.; Thomae, H., Festschrift für Charlotte Bühler., 1963, Göttingen.

Teichl, R., Österreicher der Gegenwart., 1951, Wien.